Vogel im Fadenkreuz

Im Juni 2005 machen Spaziergänger im Naturschutzgebiet "Anklamer Stadtbruch" eine grausige Entdeckung: Überall liegen tote Kormorane am Boden, hängen in den Bäumen aus den Nestern

Der Naturschutzbund (NABU) Mecklenburg-Vorpommern findet schnell heraus: Die Kormorane in dem Schutzgebiet am Stettiner Haff sind im Auftrag der Fischereigenossenschaft Haffküste in Ueckermünde "zur Abwendung erheblicher fischereiwirtschaftlicher Schäden" abgeschossen worden. Mit Ausnahmegenehmigung des zuständigen Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie in Güstrow - erteilt für fast 7000 Exemplare. Allerdings haben die Schützen nicht - wie vorgeschrieben - nur "Ästlinge" (noch flugunfähige Jungvögel) erlegt, sondern auch etliche Alttiere - weshalb deren Junge im Nest verhungert sind.

Rund 12000 Brutpaare des Fisch fressenden Vogels gibt es jetzt noch in Mecklenburg- Vorpommern, die Hälfte des Bestands in Deutschland. Dietrich Radloff, Vorsitzender der Ueckermünder Fischereigenossenschaft, hält es für richtig, Kormorane zu dezimieren. Schließlich würde auch Wild abgeschossen, wenn es sich zu stark vermehrt. Doch der Kormoran wird im bundesdeutschen Jagdrecht nicht als jagdbare Art geführt. Zudem folgt eine geregelte Jagd auch immer dem Grundsatz der Hege, wahllose Massenabschüsse gelten nicht als waidgerecht. Grundsätzlich sind Kormorane ohnehin wie jede andere Vogelart Europas durch die EUVogelschutzrichtlinie von der Verfolgung ausgenommen; in Deutschland regelt dies das Bundesnaturschutzgesetz. Es stuft den Kormoran als "besonders geschützte Art" ein.

"Richtet eine Art jedoch volkswirtschaftlichen Schaden an, dürfen die Bundesländer Ausnahmeregelungen verfügen", sagt Christian Seyfert vom Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume in Schleswig-Holstein. Unter Berufung auf diese Klausel ist es seit 2006 auch hier zulässig, die Vögel von August bis März nahe fischereiwirtschaftlich genutzten Teichen oder Seen (jedoch nicht in Schutzgebieten) zu schießen. Begründung: Die etwa 3000 Kormorane des Landes fräßen jährlich bis zu 400 Tonnen Fisch. Dies bereite den Berufsfischern jährliche Umsatzeinbußen zwischen 16 und 69 Prozent. Ingo Ludwichowski vom NABU Schleswig-Holstein widerspricht: Nachberechnungen hätten nur zwei Prozent Umsatzverlust ergeben. Kormorane fingen nämlich überwiegend so genannte Weißfische, wie Barsch, Plötze oder Schlei.

Die aber eignen sich für den Verkauf größtenteils nicht, weil sie viel zu klein sind (erbeutete Barsche wiegen z. B. meist um 200 Gramm). Dennoch fließen alle Fischarten in die offiziellen Modellrechnungen ein, und zwar mit maximalen Verkaufspreisen. Außerdem spielt der Energiegehalt der Nahrung eine Rolle: 180 Gramm fetter Aal reichen einem Kormoran für den Tag. Da er meist nur kleine Fische frisst, die sich von tierischem Plankton ernähren, ist der Kormoran sogar ein "Nutzvogel". Überlebe mehr von diesem Zooplankton, so Ludwichowski, könne es vermehrt Mikroalgen vertilgen: "Der Kormoran hilft mit bei der Gewässerreinhaltung."

Doch es nützt nichts: Ähnliche Regelungen wie in Schleswig-Holstein gelten auch in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen oder Bayern. In Mecklenburg-Vorpommern wurden sie nach dem Massenabschuss von Anklam außer Kraft gesetzt.

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GEO Nr. 05/97
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