Artenvielfalt in Gefahr: Wird doch gestaut?

Der letzte Rest naturnaher Flusslandschaft an der deutschen Donau schien 2002 gerettet

Zwischen Straubing und Vilshofen in Niederbayern solle die Donau nur schonend und ohne die Errichtung von Stauwerken ausgebaut werden, entschied die Bundesregierung als Eigentümer dieser "Bundeswasserstraße". Auf der 70 Kilometer langen Strecke möge der Fluss weiterhin im angestammten Bett strömen. Die Mühlhamer Schleife, einer der wenigen verbliebenen Mäander, werde nicht gekappt. Niederbayern dagegen fordert jetzt den Ausbau mit einer Staustufe. Im März 2006 legte das Regierungspräsidium in Landshut einen entsprechenden Raumordnungsplan vor. Favorisiert wird darin Variante C/C 2,80, die vorsieht, die Mühlhamer Schleife durch einen Schleusenkanal abzuschneiden.

Zudem soll das Flussbett auf gesamter Strecke um 80 Zentimeter tiefer gelegt werden (bislang hat es etwa zwei Meter Tiefe). Der Plan setzt sich nicht nur über den Beschluss der Bundesregierung hinweg, die den Ausbau zu zwei Dritteln finanzieren soll. Er steht auch in Konflikt mit europäischem Recht, das die gesamte Region als EU-Vogelschutzgebiet sowie nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie unter Schutz stellt. Bei der Abwägung der Interessen seien in Landshut die Belange der Binnenschifffahrt maßgeblicher gewesen, sagt Jürgen Weber, Sachgebietsleiter für Raumordnung, Landes- und Regionalplanung der Regierung Niederbayern. So gehe es vor allem darum, den letzten Engpass der Donau in Deutschland zu beseitigen. Binnenschiffe mit einem Tiefgang von zweieinhalb Metern könnten so fast ganzjährig die Donau befahren. Das locke letztlich den Güterverkehr von der Straße. Georg Kestel, Landschaftsarchitekt und Berater des Bundes Naturschutz in Bayern, glaubt nicht daran: Auf der Donau würden vor allem Massen- und Schüttgüter, wie Eisenerze, Getreide oder Kies, transportiert, was heute kaum noch ein Lastwagen lade. Außerdem würden Container-Binnenschiffe leichter beladen und hätten deshalb nur einen durchschnittlichen Tiefgang von etwa zwei Metern. Für diese Schiffstypen ist nicht die Tiefe der Fahrrinne, sondern die Durchfahrtshöhe unter Brücken limitierend.

Wem also wäre eine Staustufe von Nutzen? "Vieles deutet darauf hin, dass sowohl die hiesige Baubranche als auch die Rhein-Main-Donau AG wirtschaftliches Interesse daran haben. Letztere gehört zum Energiekonzern Eon, und der erzeugt bereits an vielen Donaustandorten Strom durch Wasserkraft", betont Ludwig Wörner, umweltpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion der SPD in Bayern. Die Natur hingegen hätte den Schaden: Betroffen wären vor allem Lebensräume mit saisonal schwankendem Wasserstand, wie etwa die im Naturschutzgebiet Isarmündung bei Deggendorf noch intakten Silberweiden- und Erlenauen. Diese Biotope saugen bei Überflutung das Wasser auf wie ein Schwamm und geben es in trockenen Zeiten langsam wieder an die Umgebung ab. "Verändern sich Auwälder oder -wiesen entlang der Donau, verlieren seltene Vogelarten, wie etwa der Große Brachvogel oder das Blaukehlchen, ihre Brutgebiete", sagt Christian Stierstorfer vom Landesbund für Vogelschutz. Gefährdet würde auch die bundesweit einmalige Fischfauna. Immerhin steht von den 55 im fraglichen Donaubereich lebenden Fischarten mehr als die Hälfte auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Sieben von ihnen kommen sogar nur in der Donau vor, etwa der Donau-Kaulbarsch, Gymnocephalus baloni, der schnell fließendes Wasser braucht. Dort findet sich, an Steinen, auch noch eine besondere Rarität: Theodoxus danubialis, die Donau-Kahnschnecke.

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