Biodiversität: Die Natur als Wirtschaftsfaktor

Wer versucht, Dienstleistungen der Natur in Euro und Dollar zu beziffern, jongliert mit hohen Summen. Und begreift, welche Schätze der Mensch bisher unbesonnen verschleudert.
In diesem Artikel
Der Wert der Biodiversität
Die Vielfalt nimmt ständig ab
Chronische Unterbewertung der Natur
Die Verramschung der Urwälder

Der Wert der Biodiversität

Damals, im Jahre 1983, als der brasilianische Amazonaswald noch ein Zehntel mehr Ausdehnung hatte als heute, als "Öko" ein Trendbegriff war und die "Biodiversitäts-Konvention" ein Fremdwort aus der Zukunft, schockte ein Querdenker aus Deutschland Naturfreunde wie Ökonomen mit einer kühlen Rechnung. In seinem Buch "Der Wert eines Vogels" kalkulierte der Systemtheoretiker Frederic Vester den wirtschaftlichen Nutzen des Blaukehlchens, eines raren heimischen Sängers, auf genau 301 Mark und 38 Pfennige pro Jahr. Vester veranschlagte drei Pfennige als "Materialwert" für Knochen, Fleisch, Blut und Federn. Mit zehn Pfennigen schlug für ihn - angelehnt an Therapiekosten für Erholungsbedürftige - der Gegenwert einer Valiumtablette zu Buch, beschrieben als "Ohrenschmaus und Augenweide durch Farben-, Formen- und Gesangsvielfalt und durch die Eleganz des Fluges". Größere Beträge kalkulierte der Kybernetiker für die Rolle des Sängers beim Vertilgen von Schädlingen und Ausstreuen von Samen ein.

Wirtschaftsbilanz für Tiere und Pflanzen

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Der Job klingt nach Akkordarbeit: Für ihr Projekt Wintervorrat pflücken sich Eichelhäher im Herbst die besten Eicheln von den Bäumen. Jeder Vogel versteckt auf diese Weise bis zu 7000 Eicheln, mindestens doppelt so viele, wie er im Winter tatsächlich frisst. Der Rest wächst häufig an

301,38 Mark? 154 Euro? Viele schauten ungläubig auf diese Rechnung, und Naturfreunde verbitterte sie. Welche Anmaßung! Wie konnte ein Mensch es wagen, ein einzelnes Wesen aus dem großen und kaum verstandenen Zusammenhang der lebendigen Natur herauszugreifen und bewerten zu wollen? Ökonomen war Vesters Kalkül von Augenweide und Insektenverzehr ebenfalls suspekt. Nicht nur, weil es aus vielerlei Richtung angreifbar war. Sondern weil wilde Tiere und Pflanzen, so die Meinung orthodoxer Ökonomen, nichts in Wirtschaftsbilanzen verloren haben.

Der Wert der Biodiversität

Ein Vierteljahrhundert nach Frederic Vesters Denkanstoß, viele Tausend Artentode und einige Milliarden menschliche Geburten später, arbeiten Dutzende Teams sogenannter ökologischer Ökonomen inzwischen intensiv daran, der Biodiversität einen Wert zu verleihen - und zwar auf Euro und Dollar genau. In der Hoffnung, so möglichst viele Arten zu retten. Ihre Auftraggeber sitzen mittlerweile sogar in den Regierungen: Anlässlich der 9. UN-Konferenz zur Konvention über die Biologische Vielfalt, die am 19. Mai in Bonn beginnt, sollen Experten erste Richtwerte vorstellen, welche Schäden durch die ungebremste Vernichtung wild lebender Arten und ihrer Lebensräume auf die globale Wirtschaft zukommen könnten.

Die ehrgeizige Bilanz haben die Umweltminister der G8+5-Staaten in Auftrag gegeben, koordiniert wird sie von Sigmar Gabriels Ministerium. Die Studie soll, ähnlich wie es die Arbeit des früheren britischen Weltbank-Ökonomen Sir Nicholas Stern 2006 für den Klimawandel gezeigt hat, die wirtschaftlichen Folgen der schwindenden biologischen Vielfalt abschätzen. Aufgerüttelt durch den rapiden Verlust von Tier- und Pflanzenarten, beginnen jetzt immer mehr Fachleute, die Konsequenzen des längst Gewussten anzuerkennen. "Jeder Mensch hängt vollständig von den Ökosystemen der Erde ab sowie von den Leistungen und Gütern, den 'Ökosystemdienstleistungen', die sie bereitstellen", heißt es im 2005 erschienenen "Millennium Ecosystem Assessment", einer von der UN in Auftrag gegebenen Studie zur Zukunft der Natur, an der weltweit Hunderte Wissenschaftler gearbeitet haben. "Natur ist die Wirtschaft", fasst Robert Costanza die Revolution im Denken zusammen. Costanza leitet im US-Bundesstaat Vermont das Gund-Institut für ökologische Ökonomie.

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Die Vielfalt nimmt ständig ab

Den alternativen Forschern geht es dabei nicht um die Abschaffung der Ökonomie, sondern im Gegenteil: um deren Erweiterung auf alle lebenden Organismen der Welt. Der Markt, so ihre Überzeugung, ist in Wahrheit Unterabteilung einer viel gewaltigeren Ökonomie: dem Haushalt der Biosphäre. Die neuen Bilanzen machen sichtbar: Wäre die Erde ein Industriebetrieb, so würde die bisherige Praxis beim Umgang mit dem Naturvermögen jeden Vorstandsvorsitzenden zum Rücktritt zwingen. Fast zwei Drittel aller Ökosystemdienstleistungen sind bereits beschädigt oder nicht nachhaltig genutzt, haben die Autoren der Millenniumsstudie ermittelt. Wir Teilhaber der Firma Erde profitieren bislang nicht durch den vernünftigen Gebrauch der uns kostenfrei überlassenen Anlagegüter, sondern davon, dass wir gewissermaßen die Werkhallen, Maschinen und Bürogebäude ausschlachten und immer schneller verhökern.

Die Vielfalt nimmt ständig ab

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Die Inhaltsstoffe des Madagaskar-Immergrüns entfalten segensreiche Wirkung bei der Leukämie-Therapie

Gleichwohl existieren ebenso vage wie aufschlussreiche Bemühungen, eine Vorstellung von der Größenordnung der geldwerten Leistungen aller Wildnis zu gewinnen. Den unfassbaren Betrag von 33 Billionen Dollar hatten bereits 1997 Berechnungen einer Forschergruppe um Robert Costanza ergeben, die den jährlichen finanziellen Nutzen aller Biodiversitätsleistungen auf der Erde summierten. Das Ergebnis, damals etwa 1,8-mal höher als das globale Bruttosozialprodukt, führte zu lebhaften Diskussionen. Unter anderem, weil es einen irritierenden Nebeneffekt hat, wie zehn Jahre später der Ökonom Joshua Farley anmerkte: "Heute müssten wir den verbleibenden Wert noch viel höher ansetzen.

Der Betrag schießt empor, weil sich die Vielfalt ständig verknappt, das ist das eigentlich Erschreckende." Nach einer Schätzung des Bundesamtes für Naturschutz beträgt der jährliche Wertverlust dadurch, dass wir Brachland betonieren, Bäche ausbaggern, Wiesen überdüngen, Feldraine umsicheln, Maisäcker mit Chemie duschen, in Deutschland 28,5 Milliarden Euro - 1,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Dass ihre Zahlen spekulativ sind, geben die ökologischen Ökonomen bereitwillig zu. Allerdings stehen die Öko-Ökonomen vor zwei gleichermaßen gigantischen Problemen: zunächst ein Maß für die Biodiversität zu finden; und dann eine ökonomische Bewertung zu entwickeln.

Das höchste Kapital liegt in den Mangroven

Generell beobachten Forscher zwar, dass die Produktivität eines Ökosystems - und damit der jährliche Beitrag der von ihm bereitgestellten Güter, Funktionen und Leistungen - meist mit seiner Vielfalt steigt. Im Vergleich zu durchschnittlichen Arealen halten Arten-Brennpunkte wie die indonesischen Inseln oder die Karibik mehr als das Doppelte an Öko-Dienstleistungen vor. Das höchste Kapital findet sich in Mangroven und Flussniederungen. Die vage Faustregel lautet daher: Das vielfältigere von zwei Ökosystemen erbringt mehr geldwerte Leistungen. Aber "welchen Beitrag ein einzelnes Element im Ökosystem leistet, ist unbekannt", konzedieren der norwegische Agrarökonom Arild Vatn und der US-Wirtschaftswissenschaftler Daniel Bromley, und "wahrscheinlich unerkennbar - bis dieses Element seine Funktion einstellt".

Chronische Unterbewertung der Natur

Eine solche ganzheitliche Betrachtungsweise ist um Größenordnungen komplexer als das traditionelle Denken der Ökonomen. Denn die Stoffflüsse in einer lebenden Landschaft laufen nicht zielstrebig wie in einer Fabrik. Vielmehr sind alle Mitspieler auf komplizierte und verworrene Weise miteinander verkettet, kooperieren mit der einen Spezies in Symbiose, stehen zu einer anderen in Konkurrenz, profitieren von einer dritten als Parasit, werden von einer weiteren gejagt, ernähren Pilze und Bakterien, die ihrerseits anderen zur Nahrung dienen. Das sind zunächst schlechte Nachrichten für die ökologischen Ökonomen. Sie haben ja längst erkannt, dass die Natur chronisch und dramatisch unterbewertet wird - und dass darunter beide leiden: die Natur, weil sie stirbt, und die Wirtschaft, weil sie nicht effizient arbeitet.

Öko-Schäden werden als Gewinn verbucht

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Als Baumeister fällen Biber Sträucher und Bäume am Ufersaum, um Gewässer für ihre Burgen aufzustauen und umzugestalten. Wo vorher Wasser durch begradigte, verbaute Bäche floss, entstehen nun von Neuem Auenlandschaften mit Tümpeln und verzweigten Rinnsalen - gut für Biodiversität und Wassergüte

Schlimmer noch: Die Öko-Schäden werden mitunter sogar als Gewinn verbucht. Nach traditioneller Rechenart verschönern auch Katastrophen die nationalen Wirtschaftsbilanzen, anstatt sie zu ruinieren. Und alles nur, weil Natur keinen Preis hat. Um sich in der Not zu behelfen und dennoch zu Preisen zu kommen, greifen die Forscher zu verschiedenen Tricks. Der Natur-Wirtschaftler Robert Costanza stützte seine 33 Billionen-Hochrechnung unter anderem auf die "fiktive Zahlungsbereitschaft" von Konsumenten. Die Befragten gaben an, welchen Geldbetrag sie für den Erhalt einer Art oder eines Lebensraumes in ihrer Nähe zu zahlen bereit wären, oder schlicht dafür, dass ein Wesen weiter auf Erden existiert. In Deutschland würde jeder Haushalt im Mittel mehr als 100 Euro pro Jahr zahlen, ließe sich so der Artenschwund hierzulande aufhalten.

So angreifbar diese Methode ist, so sehr passt sie in die wirtschaftliche Logik: Ökonomen betrachten jede Kaufentscheidung als Ausdruck einer Wertschätzung. Der Preis gibt an, wie viel eine Sache dem Käufer (geld-)wert ist. Allerdings weiß man aus Experimenten, dass die Umfragemethode systematisch zu hohe Zahlungsbereitschaft erbringt: Im Ernstfall bliebe nicht viel von ihr übrig. Daher bescheiden sich viele ökologische Ökonomen mit kleinräumigen Untersuchungen, bei denen sie exaktere Preise ermitteln können, zum Beispiel indem sie Nährstoffzyklen berechnen oder den Wasseraustausch. Auch diese Methode lässt viele Fragen offen, aber versucht sich zumindest von individuellen Vorlieben freizumachen. Stattdessen konzentrieren sich die Forscher darauf, wie ökonomisch die Produktivität der Natur ist. In vielen Fällen schlägt sie den Menschen um Längen, wie etliche Studien gezeigt haben.

- Die jährliche Wirtschaftsleistung intakter Mangrovenwälder in Thailand zum Beispiel beträgt 2100 Euro pro Hektar. Eingerechnet ist, dass Mangrovenwälder Fisch-Aufzuchtgebiete sind, gleichzeitig Flutschutz ersetzen, Erträge für die lokale Fischerei erbringen, vielleicht auch Einnahmen durch einen maßvollen Tourismus. Werden die Gezeitenwälder jedoch gerodet und in Shrimps-Farmen verwandelt, so sinkt der Gewinn inklusive der Erlöse aus dem Aquafarming auf rund ein Drittel.

- Ein Hektar naturbelassener tropischer Regenwald in Kambodscha hat einen wirtschaftlichen Nutzen von 1300 Euro, der sich unter anderem aus seinem Beitrag für den Klimaschutz, seiner Rolle im Wasserhaushalt und als Nahrungs- und Brennholzquelle für lokale Siedler, seinem Charakter als Reservoir von bisher unentdeckten Medizinalpflanzen sowie der Pufferfunktion in den Stoffströmen zusammensetzt.

Die Verramschung der Urwälder

Der Ertrag aus Holzeinschlag erreicht nicht einmal ein Zehntel dieser Summe. Dort, wo er geschieht, werden Urwälder also zu einem Bruchteil ihres wahren Wertes verramscht. Welche finanzielle Bedeutung bereits eine einzelne wild lebende Art haben kann, zeigt der Fall einer Viruskrankheit, die in den 1970er Jahren in mehreren Wellen jeweils bis zu einem Viertel der asiatischen Reisernte vernichtete. Schon damals pflanzten Bauern nur eine Handvoll Hochleistungs-Sorten an, die allesamt extrem anfällig waren. Bei der Suche nach einem resistenten Stamm entdeckten Züchter schließ­lich eine Linie, die Immunität besaß, und kreuzten sie in die großen kommerziellen Bestände ein. Die wilde Reisvarietät, die half, das Virus zu bekämpfen, kam nur in einem einzigen indischen Tal vor. Es wurde kurz darauf für ein Wasserkraftwerk geflutet.

Dies zeigt: Natürliche Lebensräume verändern sich nicht mit gleichbleibender Geschwindigkeit, sondern oft in Sprüngen. Der Stanford-Ökologe Paul Ehrlich glaubt gar: Die bisherige Fehlbewertung des Naturkapitals und deren katastrophale Folgen werden die Ökonomie des 21. Jahrhunderts dominieren. Und zwar in dem Sinne, dass sich bald kaum noch ein Wirtschaftswissenschaftler wie bisher mit der Analyse von Geschäftszyklen, Handelspolitik und Wachstumsanreizen beschäftigen könne. Dass sich Naturschutz allerdings selbst im Rahmen dieser beschränkten Ökonomie lohnt, steht inzwischen außer Frage. Die Forschergruppe um den britischen Zoologen Andrew Balmford nimmt an, dass das Verhältnis von Naturschutzkosten und -nutzen 1 : 100 beträgt. Mit anderen Worten: Für einen Euro, den wir heute in einen neuen Nationalpark oder in die "Wiedervernässung" von Flussauen investieren, "zahlt" die Natur 100 Euro zurück. Eine solche Rendite auszuschlagen wäre absurd. Zumal bei der bestehenden einzigen Alternative: Investierten wir nicht, würde sich unser Konto irgendwann bis auf null leeren.

Stiftungen für die grünen Gemeingüter

Den Wissenschaftlern schwebt vor, die grünen Gemeingüter eigenen "Trusts" anzuvertrauen - wie Stiftungen organisierten Sachwaltern. Der amerikanische Unternehmer und Autor Peter Barnes, Costanza und andere haben ihre Idee im Februar 2008 im Fachblatt "Science" vorgestellt und einen "Atmosphären-Trust" vorgeschlagen. Es geht ihnen zunächst um Klima-, nicht um Biodiversitätsschutz - aber das Prinzip bliebe dasselbe. Im Modell des "Atmosphären-Trusts" kämen global bis zu 2,5 Billionen Euro pro Jahr zusammen, von denen 50 Prozent für Klimaschutzprojekte wie die Wiederaufforstung naturnaher Wälder genutzt werden könnten. Die andere Hälfte würde nach dem Modell der Initiatoren an alle Bewohner der Erde ausgeschüttet – mit bis zu 200 Euro pro Kopf gerade für die Ärmsten eine substanzielle Hilfe.

Utopie? Das Parlament des US-Staates Vermont entscheidet in diesen Tagen über einen Gesetzesantrag, erstmals eine solche Institution, den "Vermont Common Assetts Trust", tatsächlich einzurichten. Für Barnes ist die von Robert Costanza gefundene Zahl – 33 Billionen Dollar als Gegenwert aller Dienstleistungen der Biosphäre – noch um ein Vielfaches zu niedrig. Der Ökonom empfiehlt, einen "Unwiederbringlichkeits-Bonus in unbestimmter Höhe" aufzuschlagen. Eine ungekannte Summe X, um die sich jedes Lebewesen verteuert, selbst wenn man alle Dienste nach bisherigem Kenntnisstand summiert hätte. Womit selbst aus rein ökonomischer Sicht ein Grund gefunden wäre, weshalb ein Blaukehlchen mit seinem Morgengesang auf schwankendem Halm eigentlich unschätzbar ist.

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