Der Herr der Asseln: Christian Schmidt auf der Suche nach Studienobjekten

Erst "foppen", dann saugen. Dr. Andreas Kleeberg sucht winzige Kurzflügelkäfer

Auf den Stamm gekommen: Marco Pechmann (li.) will die Artenliste mit Bockkäfern bestücken. Ihm auf den Fersen: Fotograf Florian Möllers

Jürgen Patzer auf der Suche nach Heuschrecken im Wind

Immer am windgeschützten Waldrand entlang: Falk Ortlieb gibt die Richtung an

Tsch-Tsch: Dr. Joachim Ziegler besprüht Blätter mit Zuckerlösung, um interessante Fliegen anzulocken

Schwalbenrettungs-Aktion. Martin

Winter (li.) und Denny Bergmann "lausen" das Rauchschwalbenjunge

Bis zuletzt vernetzt. Die Fledermaus-Experten müssen unbedingt noch eine letzte Frage klären ...

Freitag, 12. Juni 2009, Klepelshagen, 15.00 Uhr

Windstärke 7, stark bewölkt und 13 Grad. Schauerböen ziehen über das Wildtierland. Der 11. GEO-Tag der Artenvielfalt beginnt, gezeichnet von Sturm und Regengüssen im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns.

Über achtzig Experten werden erwartet, um die Biodiversität dieses außergewöhnlichen Schutzgebietes am Rande der Uckermark unter die Lupe, unters Mikroskop und in ihre Alkoholröhrchen zu nehmen. Und die Gastgeber von der Deutschen Wildtier Stiftung haben wahrlich keine Ruhe vor dem Sturm. "Wir mussten den Zeltbauer noch einmal kommen lassen für unser großes Festzelt, denn es wackelt ganz schön", sagt Dörte Jürgens mit bibbernder Stimme. Besorgt schaut die Projektkoordinatorin der Stiftung auf das dreißig Meter lange Zelt, während hinter ihr die ersten Experten förmlich in das kleinere, aber noch stärker dem Wind ausgesetzte Empfangszelt geweht werden. Infomappe, GEO-Weste, Namensschild. Fertig. Das Festzelt füllt sich. Die Planen zittern, die Stangen wackeln.

Auf die Frage, ob der Wind ein Problem für seine Beobachtungen sei schmunzelt Uwe Göllnitz, angereist aus Rostock. "Nein, der Wind gar nicht", sagt er. "Ich mache hier die Schnecken." Dafür bereitet ihm der Boden Sorgen - denn beim ersten Blick um die Häuser neben den Zelten hat er nur sandigen Untergrund gesehen. Denkbar ungünstig für eine Schneckenkartierung, die möglichst viele Arten liefern soll. "Kalkhaltige Böden wären Klasse für die Schnecken-Artenvielfalt, denn die Gehäuseschnecken brauchen den Bodenkalk für ihre Häuser", erklärt Göllnitz. "Abwarten", sagt er dann. Und gießt sich einen heißen Tee ein.

Draußen vor dem Zelt hat Christian Schmidt schon angefangen, die Katzenminze in den Beeten anzuheben und akribisch den Boden abzusuchen. Schmidt ist einer von nur sechs bekannten Assel-Forschern in Deutschland und wohl der treueste Besucher des GEO-Tags. Schon beim ersten Mal, vor elf Jahren, war er dabei. Und hat seitdem erst zweimal bei der Hauptveranstaltung gefehlt. Wenn Asseln da sind, dann wird er sie finden. An den Sockeln des renovierten Backsteingebäudes, das "Botschaft der Wildtiere" heißt, und in dem das Besucherzentrum der Stiftung untergebracht ist, hat er aber zunächst keinen Erfolg.

Schmidts Blick schweift umher, bleibt an der "Langen Scheune" hinter dem Festzelt hängen. Das historische Gebäude gleicht einer Ruine und wartet auf seine Restaurierung. Asselträchtiges Gelände! Zielstrebig und großen Schrittes macht Christian Schmidt sich auf den Weg. Einige abgesplitterte Putzbrocken haben seine Neugier geweckt. Er zückt die Pinzette und stellt fest: Oniscus asellus, die Mauerassel. Woher weiß er das so schnell? "Ich schaue mir die Lungen der Asseln an, die Anzahl dieser Luftröhrchen ist ein gutes Bestimmungsmerkmal", erklärt Schmidt. Neugierig streift er um die verfallene Scheune herum.

Dort ist mittlerweile auch Uwe Göllnitz, der Schneckenexperte, bei der Arbeit. Auch er hat die Baracke entdeckt und bohrt in einem vermoderten Holzfensterrahmen ohne Glasscheibe. Und wird fündig: Cochlodina laminata, die Glatte Schließmundschnecke, die sich in den feuchten Mulm des zerfallenden Fensterrahmens zurückgezogen hat. Noch vor der offiziellen Eröffnung findet er sieben Arten an den halb verfallenen Mauern des Gebäudes. Er schmunzelt zufrieden: "Haste kalk, haste Schnecken". Das alte Haus erweist sich als wahres Schnecken- und Asselbiotop und der stürmische Wind, der um die Häuser und Zelte pfeift ist für beide Experten nur Kulisse. Fast widerwillig lassen sie sich zur Teilnahme an der offiziellen Begrüßung im großen Festzelt nötigen. Sie wollen keine Zeit verlieren.

Freitag, 12. Juni 2009, Botschaft der Wildtiere, 18.30 Uhr

Eröffnungsrede, Willkommensgrüße, Dankesworte. Die über 80 Experten für Flora und Fauna sollen wissen, dass ihr Engagement hoch geschätzt wird. Dr. Dieter Martin, Leiter der Forschungsstation im Wildtierland, erklärt den angereisten Experten die verschiedenen Biotope des Gebiets. Erlenbruch und Kienbruchwiese, Fuchsberg und Knüppelbach - was lohnt sich wo zu suchen? Und Tom Müller, Organisator des GEO-Tags der Artenvielfalt, bringt sein Team unter die Experten: stellt Fotografen und Reporter vor und ermahnt jeden Forscher, auf keinen Fall ohne einen GEO-Mitarbeiter aufzubrechen. Schließlich sollen die Ergebnisse der Expedition auch umfassend dokumentiert werden.

Rosenthal, 04.30 Uhr

Nur das Wetter will nicht besser werden. Es regnet in Schauern und der Wind weht nach wie vor mit Windstärke 7 aus West. Die Falterexperten beschließen, dass sie ihre Lichtfallen in diesem Sturm gar nicht aufzustellen brauchen.

Samstag, 13. Juni, Rosenthal, 04.30 Uhr

Noch immer Novemberwetter. Der Wind ist ungebrochen stark, die Wolken ziehen schnell am dämmrigen Himmel und die Bäume rauschen im Westwind. "Wir haben uns kurz frisch gemacht und dann ging's gleich los mit unserem Bio-Lehrer", sagt Denny Bergmann. Er und seine beiden Schulkameraden belegen den Leistungskurs bei Gerhardt Michalik. Sie haben bereits die schriftliche Abiturprüfung geschrieben. Nun sind sie mit ihrem ambitionierten Lehrer zum GEO-Tag gekommen, um Vögel zu kartieren.

Im Wald bei Rosenthal wollen sie die Artenliste bestücken. Der Lehrer eilt voraus, seine Schüler schnellen Schrittes hinterher. Immer wieder bleibt die kleine Gruppe stehen, horcht und blickt in die windgepeitschten Baumkronen. "Da! Der Buchfink macht seinen sogenannten Regenruf", erklärt Michalik das monotone Pfeifen im Hintergrund. "Kein gutes Zeichen." Er runzelt die Stirn. "Wollen wir mal hoffen, dass der Buchfink sich irrt", scherzt der Lehrer. Die Jungs notieren den Vogel für die Artenliste und ziehen weiter, Ihr Mentor zupft unentwegt Blätter ab, reicht sie den Schülern: "Riecht mal. Und? Richtig, das riecht nach Knoblauch. Das ist nämlich die Knoblauchsrauke."

Wenn die Vögel schon kaum zu hören sind unter dem Wind, darf's ersatzweise auch eine Lehrstunde in Botanik sein. Martin Winter, einer der Schüler, kommt mit einem kleinen Frosch in der Hand zu seiner Gruppe. Kurze Diskussion, dann das Ergebnis: ein Moorfrosch, Rana arvalis. "Erkennt man an der spitzen Schnauze", schärft Michalik seinen Schülern ein und treibt sie weiter durchs Gehölz. Um 8.30 Uhr wollen sie zum Frühstücken im großen Zelt sein. Noch zweieinhalb Stunden. Genug Zeit, um vielleicht doch noch ein wenig Gezwitscher aufzuschnappen.

Samstag, 13. Juni, Festzelt , 07.30 Uhr

Aufbruchstimmung im Zelt. Karten liegen ausgebreitet auf den Tischen. Hobby-Biologen, Universitätsdozenten, Journalisten reden durcheinander. In der einen Hand die Artenliste, in der anderen die Kaffeetasse. Finger schnellen auf den Gebietskarten hin und her. Der Einsberg wird hoch gehandelt unter den Experten. Es ist eines der ältesten Waldstücke im Wildtierland, durchzogen vom Knüppelbach mit einem Erlen-Eschenbestand entlang des Bachlaufes. Die Forscher wissen: Der späte Laubausschlag der Esche lässt lange die Frühjahrssonne auf den Waldboden fallen. Bedingungen, die besondere Pflanzen- und Insektenarten versprechen.

"Die Landschaft ist abwechslungsreich, das verspricht viele Spinnenarten", hofft Dr. Christoph Muster aus Dresden. Einen großen Posten für die Artenliste will er an diesem Tag beisteuern. Ganz leicht, sagt er, werde es aber nicht: "Man muss sich das mal vorstellen", sagt er: "Ich bin heute der einzige Arachnologe im Feld, zuständig für über 1000 Spinnenarten." Assel-Experte Christian Schmidt nickt verständnisvoll. Er kann sich die Verantwortung für die sechzig Assel-Arten sogar noch mit einem zweiten Kollegen teilen.

Spinnenfreund Muster will keine Zeit verlieren. Immerhin weiß er, wo er suchen muss. "Der Wind lässt nicht nach, da ziehen die Spinnen sich in die unteren Grasschichten zurück." Auch in den andere Gruppen herrscht Aufbruchstimmung. Die Entscheidung, wer in welchem Gebiet kartiert, ist gefallen. Ein letzter Schluck Kaffee, Reißverschluss zu, Käscher einpacken, Kapuze überstreifen: Die Experten schwärmen aus. Das Zelt leert sich. Einzig die Fledermausgruppe frühstückt in aller Ruhe weiter. Ihre Arbeit ist längst getan, bis zwei Uhr morgens haben sie gearbeitet, erzählt Hinrich Matthes. Ergebnis: Vier Fledermäuse für die Artenliste.

Einsberg-Wald, 08.30 Uhr

Entspannt ist auch Sebastian Olschewski. Er ist Ornithologe und hat die erste Tour schon erledigt. "Seit dreiviertel vier bin ich mit dem Fahrrad im Gebiet unterwegs. Sechzig Arten bei diesem Wetter sind eine passable Ausbeute", resümiert er. Und? Was war dabei? "Dunkler Wasserläufer, Neuntöter und Gelbspötter", sagt er fröhlich, "um mal nur die Besonderen zu nennen."

Samstag, 13. Juni, Einsberg-Wald, 08.30 Uhr

Der Knüppelbach gluckert und mäandert durch das schmale Tal. Er hat sich tief in das Gelände gegraben. Am Ufer raschelt Laub. Und irgendetwas "foppt" rhythmisch. Dumpfes Geräusch, Pause. Und wieder: Fopp, fopp, fopp. Dann eine Stimme: "Andreas, du musst mal dort hinten sieben." Dr. Andreas Kleeberg steht mit seinem Kollegen am Ufer. Er gibt Laub auf ein Sieb, unter dem ein ausladender Stoffsack hängt.

Beim Sieben entsteht das foppende Geräusch. Im Sack sammelt sich Erde, die an den Blättern klebt und in der sich die Objekte der Begierde verborgen haben müssten. "Wir suchen Staphylinidae, Kurzflügelkäfer", sagt Kleeberg und unterbricht das Sieben. "Kürzlich wurde unweit vom Wildtierland Quedius richteri, ein kleiner Kurzflügelkäfer, nachgewiesen. Es wäre toll, wenn wir beweisen könnten, dass er auch hier vorkommt." Wenn Kleeberg von einem "kleinen Käfer" spricht, dann ist das sehr sehr ernst gemeint. Er sucht nicht etwa Stecknadeln, sondern eher Stecknadelköpfe im Heuhaufen. "Seine" Käfer messen 1-4 Millimeter. Um sie zu finden, muss er das gesiebte Material - lehmige Erdkügelchen - aus dem Sack auf ein großes weißes Tuch streuen.

"Da rennt wieder einer", ruft Kleeberg und zückt einen transparenten Schlauch. Ein Ende in der Hand, das andere im Mund, peilt den Käfer an, saugt - und der Käfer verschwindet in einer Plastikflasche, die zwischen den beiden Schlauchenden liegt. "Je kleiner, desto besser", sagt Kleeberg grinsend und saugt einen weiteren Stecknadelkopf in seinen Sammelbehälter. Will sagen: Die etwas größeren Tiere findet jeder. Die Expertenehre erwirbt man sich mit den kaum sichtbaren Exemplaren.

Samstag, 13. Juni, Einsberg-Wald, 9.15 Uhr

Unweit des "foppenden" und "saugenden" Dr. Kleeberg sitz Marco Pechmann auf dem baumstarken, heruntergebrochenen Ast einer uralten Eiche. Er untersucht die Stellen unter der Rinde, unter anderem auf der Suche nach Bockkäferlarven. Der Große Eichenbock, Cerambyx cerdo, ist ein Bewohner der toten Eichenstämme in den Hartholzauen. Er ist vom Aussterben bedroht und nach EU-Richtlinien streng geschützt.

Pechmann und seine Kollegen von der Uni Greifswald sind aber auch anderen Gliederfüßer-Präziosen auf der Spur. Um die Besonderheit eines Fundes sofort einschätzen zu können, haben sie Jens Kulbe dabei, den Erfahrensten unter ihnen, den sie nur respektvoll "Käfer-Karl" nennen. "Wenn Karl sagt, ein Fund ist selten, dann ist er wirklich selten - denn Karl hat in Mitteleuropa schon so ziemlich jeden Käfer gefunden", sagt Pechmann.

Samstag, 13. Juni, Fuchsberg, 09.45 Uhr

Auf dem Weg vom Einsberg-Wald zum Fuchsberg, einem eiszeitlichen Relikt, das in die Endmoränenlandschaft eingebettet ist, hat Dr. Ulf Schiefelbein einen Holzzaun ins Visier genommen. Er zückt ein Messer und schabt einen kleinen Spreißel ab. "Ich suche Flechten, Lebensgemeinschaften aus Algen und Pilzen" erklärt Schiefelbein über den Weidezaun gebeugt. Bewaffnet mit Lupe, Messer und Pinzette analysiert er akribisch die wettergezeichneten Holzlatten. "41 Arten habe ich seit sieben Uhr früh gefunden, eine gute Quote. Und es sind auch einige in Mecklenburg-Vorpommern gefährdete dabei."

Nach knapp drei Stunden, sagt Schiefelbein, habe er das Pflichtprogramm absolviert. Alle Flechten, die auf der Artenliste nachher nicht fehlen dürfen, hat er nun beisammen. Der Experte lacht: "Und jetzt kommt die Kür", sagt er fröhlich. Und macht sich wieder über seine Zaunlatten her.

Samstag, 13. Juni, Fuchsberg, 10 Uhr

Nicht ganz so glücklich ist Jürgen Patzer. Er sucht Heuschrecken - und hat von den 43 nachweislich in Mecklenburg-Vorpommern vorkommenden Arten erst zwei gefunden. Es hüpft nicht viel an diesem Morgen. "Das sind heute die widrigsten Bedingungen, die man sich vorstellen kann. Stürmischer Wind und kalte Temperaturen machen mir einen Strich durch die Rechnung", klagt Patzer.

Nähe Peterberg, 10.45 Uhr

Trotzdem kann er sich zwischendurch an einem trächtigen Goldlaufkäferweibchen Carabus auratus erfreuen, das ihm Biologielehrer Michalik auf den Anhöhen des Fuchsberges präsentiert. Das Käferweibchen wehrt sich auf Michaliks Hand mit einer stark stinkenden Flüssigkeit. "Hmmm, ein Laufkäfer mit Aura", scherzt der Lehrer. Auch Martin Meister, Chefredakteur von GEO-International ist zu der kleinen Gruppe gestoßen und beugt sich über das Insekt. Lang verweilen mag er aber nicht: Jemand hat ihm von einem Wendehals erzählt, der ein Stück weiter nördlich gehört worden sein soll ... und das will der Journalist sich nicht entgehen lassen.

Samstag, 13. Juni, Nähe Peterberg, 10.45 Uhr

Der Wind lässt nicht nach, aber immerhin kommt die Sonne heraus. An den windgeschützten Waldrändern des Peterberges läuft Falk Ortlieb entlang, Student der Landschaftsökologie aus Greifswald. "Eine Waldeidechse, Ringelnattern und Laubfrösche habe ich bisher." Vorsichtig schleicht er durch das hohe Gras. "Es ist eine Kunst, nicht zu weit, aber auch nicht zu knapp vor den Füßen nach Reißaus nehmenden Amphibien und Reptilien Ausschau zu halten."

Ortlieb und seine Kommilitonin Fanny Mundt sind zum ersten Mal bei einem GEO-Tag der Artenvielfalt dabei. "Als kleiner Junge habe ich die Aktion mal im Fernsehen gesehen", sagt er. "Die Experten haben da mit Lebendfallen hantiert und Fledermäuse bestimmt. Da dachte ich mir: Da machst du auch mit, wenn du groß bist. Und: Hier bin ich."

Samstag, 13. Juni, beim Tal der Hirsche, 11.20 Uhr

Es zischt am Wegesrand, wenn Dr. Joachim Ziegler Fliegen sammelt. Immer wieder: Tsch-Tsch. Zwei Sprüher aus der mitgebrachten Flasche, und nach wenigen Minuten sind die Blätter der benetzten Sträucher übersät mit Fluginsekten. Eine ganz neue Variante von Insektenspray? Anti-Autan, sozusagen? Ziegler lächelt. "Nein, das ist nur Zuckerlösung", sagt er. "Die lockt Fliegen und Zweiflügler an, weil sie den natürlichen Honigtau der Blattläuse imitiert."

Und von dem ist nach einem nassen Sommertag wie gestern nicht viel übrig, der Regen hat den Honigtau von den Blättern gewaschen. Da kann der Insektensammler leicht den großzügigen Kalorienspender spielen, um möglichst viele Kostgänger auf seine Artenliste eintragen zu können: "Meine Freunde haben jetzt Hunger", lacht Dr. Ziegler.

Die Freunde von Thomas Büchner bekommen dagegen heute nichts zu essen angeboten. Büchner ist Experte für Säugetiere. Gern hätte er ihnen zwar einige Leckereien bereit gestellt - in Köderfallen. Aber auf dem nassen Grund hätten sich sofort die Schnecken über die Fruchtköder hergemacht. Und so ist Büchner jetzt nur mit Kamera und dem Zollstock unterwegs, um zumindest die Spuren zu dokumentieren, die Säugetiere in Wald und Flur von Wildtierland hinterlassen haben.

"Fährten, Suhlen, Rehbetten, Kot, Verbiss - all das lässt sich deuten, gibt Hinweise auf die Artenvielfalt der Säuger hier im Gebiet," sagt Büchel. Und der Zollstock? Der hat seine eigene Geschichte. "Ich war mal in Aserbaidschan und habe eine Bärenfährte fotografiert", sagt der Säugetierexperte. "Vor lauter Aufregung habe ich vergessen, einen Gegenstand zum Größenvergleich ins Bild zu legen. Danach musste ich schwere Überzeugungsarbeit leisten, bis mir jemand den Bären abgenommen hat. Seitdem gehe ich nicht mehr ohne Zollstock los." Übrigens: Bärenfährten hat er am GEO-Tag im Wildtierland dann doch keine gefunden.

Samstag, 13. Juni, Botschaft der Wildtiere 15.30 Uhr

Im Besucherzentrum der Deutschen Wildtier Stiftung laufen die ersten Experten ein. Heiß begehrt: Mikroskope und Binokulare. Alles, was im Feld nicht bestimmt werden konnte, liegt nun unter der Linse. Hochbetrieb, volle Konzentration. Jeder will seine Artenliste für die Ergebniskonferenz so lang wie möglich machen. Und alle ziehen an einem Strang: Käferforscher übergeben nebenbei gesammelte Fliegen an die jeweiligen Experten, Amphibienfreunde berichten den Ornithologen von zusätzlich erlauschten Vogelstimmen. Besonders hoch gehandelte Exemplare werden auf dem Parkett bestaunt. Und Sachkundige erwägen warum eine erwartete Art nicht, eine andere überraschend oft gesichtet wurde. Erste, vorläufige Arten-Zahlen sind im Umlauf. Die Spannung steigt.

Samstag, 13. Juni, Klepelshagen, Botschaft der Wildtiere, 16.00 Uhr

Eine Art geht immer noch ... und wenn's ein Parasit ist. Ein Rauchschwalbenjunges ist aus dem Nest gefallen und die Jungs von Bio-Lehrer Michalik sind sofort zur Stelle. Denny, der größte der Dreier-Gruppe, versucht das Küken zurückzusetzen. Dabei stellt er fest, dass das Jungtier voller Parasiten ist, die sich unter den Federn verbergen. Christian Schmidt, der Assel-Experte, erkennt sofort die Chance auf eine zusätzliche Art für die Liste. Er zückt ein Alkoholröhrchen, füllt acht erbsengroße, schwarzgraue Tierchen hinein, und übergibt sie einem Fliegenforscher. Der bestätigt nach kurzer Prüfung: Die hatte ich heute noch nicht. Den "Lebensraum Vogelgefieder" - den hatte an diesem Tag tatsächlich niemand systematisch bearbeitet ...

Samstag, 13. Juni, Ergebniskonferenz, 17.00 Uhr

Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt. Unruhe im gefüllten Saal der Botschaft. Jede Gruppe will nun endlich ihre Ergebnisse präsentieren: die Ausbeute des Sammelns und Auf-den-Busch-Klopfens, des Fallenstellens und Mikroskopierens, des Rinde-Abpulens und des In-die-Baumwipfel-Lauschens.

Den Anfang macht Pilzexperte Torsten Richter, der bei aller Ernsthaftigkeit in Sachen Schlauch-, Schleim- und Röhrenpilzen auch die Selbstironie nicht verloren hat: "Uns Pilzfreunden wird ja gerne vorgeworfen, dass wir nur nach großen Steinpilzen gucken und dann nicht schnell genug die Pfanne heiß kriegen können", sagt er mit einem Schmunzeln. Aber was er dann vorlegt, spricht eindeutig gegen den Müssiggang der Pilzfreunde, zumindest an diesem Tag: "Wir haben ein tolles Ergebnis: rund 170 Arten, davon 4 neue Schlauchpilzarten, zum ersten Mal überhaupt in Mecklenburg-Vorpommern gesichtet." Anerkennender Beifall. Erstfunde, das ist die härteste Währung am GEO-Tag der Artenvielfalt.

Der nächste Bitte.

Jetzt kommen die Falter. Die Problem-Tiergruppe beim diesem allzu windigen GEO-Tag 2009. Nach der offiziellen Richtlinie darf es für eine Tagfalterkartierung bei Bewölkung nicht unter 17 Grad warm sein, der Wind darf maximal in Stärke 3 blasen. Der Gruppensprecher Volker Wachlin stapelt erstmal tief: "Das Wetter heute morgen: stark bewölkt, 11 Grad, Windstärke 6. "Leicht hatten wir es nicht".

Das die Falterfreunde dennoch 26 Tagfalter auf den Sträuchern und dem Totholz des Wildtierlandes gefunden haben, spricht für Engagement und Unerschrockenheit der Teilnehmer." Und: Unter den Funden waren beileibe nicht bloß "Allerweltsarten". Wachling: "Sieben Exemplare stehen sogar auf der Roten Liste Mecklenburg-Vorpommerns." Es folgen Vögel, Spinnen,Flechten, Algen, Säuger, Schnecken, Amphibien und Kriechtiere, Asseln und sonstige Wirbellose. Der "Artencounter" auf dem Flipchart füllt sich. 400 Arten kommen allein von den Botanikern, die auch mit zwei Rote Liste Arten punkten.

Das letzte "Wort" haben die Fledermäuse höchstselbst: Es fiept und zwitschert im Saal, als Peter Allgeyer die mit dem Bat-Detector aufgenommene Zwitschergeräusche der fliegenden Säuger abspielt. Der Beamer wirft eine Sound-Kurve mit unterschiedlich geformten, hakenartigen Schallmustern an die Leinwand. "Da, das war die Zwergfledermaus, die macht eher i-Laute. Und hier: die Wasserfledermaus. Die macht eher ein Ü. Hören sie das?" Fragende Gesichter im Publikum. "Da isses wieder", Allgeyer hebt den Zeigefinger und macht mit: "iiiii. Achtung: üüüü." Das Publikum lacht. Das ist wahres Expertentum. Als Dr. Dieter Martin die Ergebniskonferenz beendet, kann er die vorläufige Gesamtzahl von rund 1800 Arten verkünden, die die 80 Forscher in 24 Stunden im Wildtierland nachgewiesen haben. "Liebe Gäste, dieser Applaus gilt ihnen!"

Samstag, 13. Juni, Botschaft der Wildtiere, 22.00 Uhr

Der Sturm hat sich gelegt, die Wolken sind längst weg und der Tag verabschiedet sich mit einem rot-orangen Streifen am Horizont. Die Teilnehmer stehen in Gruppen vor der Botschaft der Wildtiere, und lassen den Tag Revue passieren. Falk Ortlieb bringt den zur Schau gestellten Kammmolch zurück in sein angestammtes Gewässer, während Udo Binner Kartieranekdoten aus der Welt der Säuger zum Besten gibt. Im Keller brennt noch Licht, die Pilztruppe beendet ihre letzten Nachbestimmungen.

Ruhe kehrt ein im Wildtierland, als plötzlich Peter Allgeyer und sein Fledermaus-Team noch einmal anrückt und sich mit einem feinmaschigen Netz zwischen zwei Angelruten gespannt vor der Botschaft postiert. "Wir müssen auf jeden Fall noch klären, ob unter den Zwergfledermäusen auch Rauhhautfledermäuse sind", erklärt er den Zuschauern, die fast ein bisschen aus der Ruhe gerissen wirken. Schwups. Es Zappelt im Netz. Ein geübter Blick auf das Tier: Zwergfledermaus. Blitzlichtgewitter und staunende Blicke auf das Tier. Nun auch zufriedene Gesichter bei den Fledermaus-Experten, die den anderen Teilnehmern noch einmal etwas geboten haben. Wann bekommt man schon mal eine Fledermaus zum Anfassen. Wildtierland und der GEO-Tag der Artenvielfalt machen's möglich. Wildtiere erleben eben.

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