GEO schützt den Regenwald e.V.

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NEUES AUS DER INTAG-REGION UND ECUADOR

OKTOBER 2017 - Carlos Zorrilla, der Direktor von DECOIN, berichtet hier über ein Referendum in Ecuador, das auch für den Umweltschutz von großer Bedeutung sein wird

Ende des Jahres oder Anfang 2018 werden Millionen Ecuadorianer an einer landesweiten Volksabstimmung teilnehmen, die zahlreiche Änderungen an Verfassung und Gesetzen mit sich bringen wird. Diese Initiative geht zurück auf den kürzlich gewählten Landespräsidenten, Lenin Moreno. Dessen Ziel: Einige der problematischsten Neuerungen, die sein Vorgänger Rafael Correa via ähnlicher Volksabstimmungen in der Verfassung und den Gesetzen Ecuadors verankert hat, wieder rückgängig zu machen.

Sieben Fragen prüft derzeit das Verfassungsgericht von Ecuador auf ihre Verfassungs- mäßigkeit. Diese Fragen wurden unter 2.739 Petitionen ausgewählt, die durch lokale Regierungen, indigene Gruppen, Gemeinden, Nichtregierungsorganisationen und andere zivile Gruppen eingereicht worden sind. Viele Menschen sind der Ansicht, dass die Vor- gängerregierung die demokratischen Institutionen geschwächt hat. Die meisten Petitionen sind darauf ausgerichtet, sie wieder zu stärken. Zahlreiche Petitionen betreffen Umweltfragen, etliche das Thema Bergbau. Die zwei Fragen, über die das Volk vermutlich abstimmen wird, beziehen sich auf die Zukunft von Yasuní und den industriellen Bergbau in den Wäldern Ecuadors.

Die beiden Umweltgesuche

Die Zivilgesellschaft präsentierte in einem Gesuch zu Yasuní die Frage, ob die Ecuadorianer einverstanden sind, dass kein weiteres Erdöl im Nationalpark Yasuní gewonnen wird. Diese Frage bezieht sich auf die „Yasuní Initiative“, die vor einigen Jahren das gleiche Ziel verfolgte. Die damalige Regierung unterstützte diese Initiative zunächst; doch dann machte Präsident Correa eine 180 Grad-Kehrtwendung und öffnete ein riesiges Gebiet des Nationalparks für die Erdölgewinnung. Yasunidos, die zivile Organisation, die diese Frage nun dem neuen Präsidenten Moreno überstellt hat, sammelte 2014 weit mehr als 700.000 Unterschriften, um eine Voksabstimmung in die Wege zu leiten. Doch mithilfe undurchsichtiger Manöver ließ die Regierung Correa die meisten der Unterschriften für ungültig erklären, das Referendum kam nicht zustande.

Am Ende entschied Moreno, über folgende Teilfragen im kommenden Referendum entscheiden zu lassen: Soll der ökologische Fußabdruck der Ölförderung um ein Drittel gemindert werden? Und soll die „No-Go-Zone“ um mindestens 50.000 Hektar vergrößert werden? Dieses Gebiet sollte unberührt bleiben, um Auswirkungen auf die ethnischen Gruppen abzuwenden, die auf Nationalparkgebiet in freiwilliger Isolation leben. Diese wird als sehr positive Maßnahme gewertet.

Mit Blick auf den Bergbau

Eine der wichtigsten Fragen, die die Regierung am 26. September erreicht hat, betrifft  industrielle Bergbauvorhaben. Dahinter verbirgt sich die Absicht, eine in der Verfassung verankerte Zusicherung Wirklichkeit werden zu lassen: Dass das Wasser geschützt ist. Dafür sollen alle Bergbau-Großvorhaben in den fragilen Ökosystemen des Landes verboten werden, also in offiziellen Schutzgebieten, Bergnebelwäldern, Páramo-Flächen, Mangroven, Schutzwälder[1], sowie Quellgebiete.

Mithilfe der durch die Regierung gewählten Frage, soll eine wichtige Gesetzeslücke geschlossen werden. Denn aus der Verfassung würde ein Schlupfloch verschwinden, das es der Regierung unter bestimmten Umständen selbst in Nationalparks ermöglicht, Erze zu schürfen oder Erdöl zu fördern (wie im Fall Yasuní). 

Zwischen April 2016 und Februar 2017 wurden für Millionen von Hektar Primärwald, in denen hunderte bedrohte Arten leben und die auch Wassereinzugsgebiete schützen, Schürflizenzen an transnationale Bergbauunternehmen vergeben. Diese können die Artenvielfalt und Wasserversorgung des Landes irreversibel beeinträchtigen und auch den Lebensraum indigener Gruppen schwer schädigen. Die Bergbaulizenzen würden es dem Land schwer machen – wenn nicht, gar unmöglich –, internationale Artenschutz-Abkommen zu erfüllen. Selbst wenn das Referendum einige positive Veränderungen für die Umwelt bringen wird, sind viele Umweltschützer In Ecuador der Meinung, dass noch viel mehr getan werden müsste. Mit anderen Worten: Der Kampf um den Erhalt der „biologischen Edelsteine“ ist längst noch nicht vorbei.

 [1]Schutzwälder oder Bosques Protectores, sind zweitrangige Schutzgebiete, denen die Regierung gesetzlichen Schutz bietet. Ihre Bedeutung für den Erhalt der Artenvielfalt ist sehr groß, besonders dort, wo es wenige oder keine Nationalparks bzw. unberührte Wildflächen gibt.

 

SEPTEMBER 2017 - Hier berichtet DECOIN-Direktor Carlos Zorrilla von den Wasserkraft-Projekten in der Intag-Region

Regelmäßige Leser meiner Berichte wissen, dass die Intag-Region trotz ihrer enormen Artenvielfalt Schauplatz eines zerstörerischen Bergbauvorhabens ist, das die Gemeinden und Umweltschutzorganisationen seit 1995 erfolgreich blockiert haben. Um diese Bedrohung dauerhaft abzuwenden, müssen wirtschaftliche Alternativen zum Bergbau entwickelt werden, etwa Kaffeevermarktung und gemeindebasierter Ökotourismus. Daneben verfolgt Corporación Toisan[1] den ehrgeizigen Plan, mithilfe von Wasserkraftwerken in der Region Elektrizität zu erzeugen. Dahinter steht das Ziel der lokalen Bevölkerung, die furchtbaren sozialen und ökologischen Auswirkungen von Bergbau zu verhindern.

HIDROINTAG
HidroIntag ist der Name der Initiative, die saubere Energie mittels der Intag-Flüsse erzeugen möchte. Insgesamt sollen unter der Beteiligung und Führung lokaler Organisationen und Gemeinden am Ende 100 Megawatt Elektrizität produziert werden, ohne dass hierfür Staudämme gebaut werden müssen. Das Projekt wird sowohl durch die Provinz Imbabura als auch die Regionalbehörden in Cotacachi unterstützt; letztere sind für die 1.500 Quadratkilometer und 15.000 Bewohner der Intag-Region zuständig. Läuft alles nach Plan, werden die zehn geplanten Wasserkraftwerke zusammen 120.000 Haushalte mit sauberer Energie versorgen können, Arbeitsplätze schaffen und für Gemeinden und lokale Regierungen Einkommen generieren.

Warum Wasserkraft?
Es gibt viele Faktoren, die für dieses Vorhaben sprechen. Einer der wichtigsten Punkte ist sicher, dass es zum Ziel hat, so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen und die Auswirkungen auf die Umwelt so gering wie möglich zu halten. Das wird in erster Linie durch den Verzicht auf den Bau von Staudämmen erreicht – die größte Umweltsünde bei Wasserkraft-Projekten. Nach mehrjährigen Untersuchungen durch kubanische, ecuadorianische und französische Experten, die etwa das Wasservolumen, die Fließgeschwindigkeit und die damit verbundene Kapazität zur Energieproduktion ermittelten, setzt HidroIntag nun auf ein System, welches das Wasser über Fallleitungen transportiert, die das steile Gefälle des bergigen Geländes nutzen.

Die Kernpunkte – Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung
Ein weiterer wichtiger Aspekt, der für dieses Projekt spricht ist, dass es Einkommen für lokale wirtschaftliche Initiativen und soziale Projekte schafft. Außerdem hat das Vorhaben zum Ziel, insgesamt 440 Quadratkilometer Wald und landwirtschaftliche Brachflächen dauerhaft zu schützen; das entspricht der Gesamtfläche der Wassereinzugsgebiete, die das Wasser für die zehn Kraftwerke liefern sollen. Glücklicherweise ist ein beachtlicher Teil der Fläche bereits unter Schutz gestellt: Die Unterstützung durch das LichtBlick-Projekt ermöglichte DECOIN in den vergangenen zwölf Jahren, 41 Gemeinde-Waldschutzgebiete ins Leben zu rufen. Und tatsächlich war für etliche Investoren die Umweltschutzarbeit von DECOIN ausschlaggebend, sich in dem Vorhaben zu engagieren.

Aufgabenverteilung – wer macht was?
Die Gelder werden durch eine rechtmäßige Treuhandgesellschaft verwaltet, bestehend aus den Vertretern von vier Gemeinden, vier im Wassereinzugsgebiet aktiven Organisationen sowie drei Kommunalverwaltungen. Bei Abstimmungen sind alle Mitglieder gleichberechtigt: Je Mitglied eine Stimme. In den Wassereinzugsgebieten ist jeweils eine eigene Ratsversammlung für die Planung von Bauarbeiten und Umweltschutz zuständig. Diese Räte werden sich aus Vertretern des jeweiligen „Gemeinde-Wasserrats und Repräsentanten der zuständigen Behörden auf Bezirksebene zusammensetzen.

Das Vorhaben befindet sich jetzt im finalen Prozess zur Finanzierung der ersten drei Anlagen, die nach Fertigstellung 14 Megawatt Leistung erbringen sollen. Die Bauarbeiten des ersten Wasserkraftwerks, „Hidronangulví“, sollen 2018 beginnen. In der Zwischenzeit treibt HidroIntag den Plan voran, rund 100 Intag-Bewohner technisch aus- und weiterzubilden. Denn während und nach dem Bau der Anlagen werden zum Beispiel Elektriker benötigt, Motorrad- Mechaniker sowie Menschen, die den Umgang mit GPS und Programmen zur Flächenplanung beherrschen.

[1] Die „Corporación Toisan“ ist ein Kollektiv bestehend aus neun lokalen sozialen, wirtschaftlichen und Umweltschutz-Organisationen der Intag-Region

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August 2017 - Die Geschäftsführerin unserer Partnerorganisation „GEO schützt den Regenwald“ berichtet hier von ihrem diesjährigen Projektbesuch in der Intag-Region:

Wäre alles wie immer, würde mich von Otavalo aus ein überfüllter Bus in das Intag-Tal bringen. DECOIN-Mitarbeiter Milton Arcos schlägt mir allerdings eine alternative Route vor, denn in diesem Jahr möchte er mir endlich den „Páramo“ zeigen. Der Páramo ist eine Vegetationsform in den Hoch-Anden und liegt jenseits der Baumgrenze; sein Erhalt ist ähnlich stark gefährdet wie der des Bergnebelwaldes. Obwohl ich nicht weiß, ob ich höhenkrank werde, willige ich ein. Der Plan: Von der Andengemeinde Piñán aus gut 30 Kilometer zu Pferd und zu Fuß durch den Páramo und das Waldschutzgebiet von Cuellaje bis nach El Rosario, Intag!

Auf 3100 Meter ü.d.M., vor unserer Herberge in Piñán, besteigen am nächsten Morgen Milton, unser Guide Ivan und ich die Pferde. Auf unsichtbaren Pfaden, zwei Hufe breit,  bewegen wir uns im Schritttempo immer weiter hinauf in die Berge, lassen den Morgennebel hinter uns. Nach zwei Stunden haben wir 3.600 Meter erreicht, den höchsten Punkt unseres Trecks. Zum Glück bereitet mir die dünne Höhenluft keine Probleme. Ich genieße die Berge aus der Vogelperspektive. Was für ein Privileg hier zu sein! In der Landschaft um uns herum hat der Mensch noch keine Spuren hinterlassen. In einem Hochtal leuchten zwei Lagunen. Soweit das Auge reicht, sind die Hänge und Täler ansonsten mit riesenhaften Horstgräsern bedeckt. Im Wechselspiel von Wolken und Licht erscheint die karge Páramo-Vegetation, mal strohgelb, mal blassgrün und fast unwirklich.  Nur in Spalten oder Mulden zeigt sich Dunkelgrün; ein spezielles Mikroklima ermöglicht Büschen oder baumartigen Gewächsen dort das Überleben. Beim genauen Hinschauen entdecke ich auch zahlreiche Moosarten und die kleinen Farbtupfer von Blüten zwischen den Grashalmen. Die Artenvielfalt ist größer als es auf den ersten Blick schein. Der Brillenbär, der zwischen Páramo und angrenzendem Wald hin und her streift, zählt ebenso zur Fauna wie der Condor.  

Wie ein Schwamm speichert der Páramo die Niederschläge und gibt sie in Trockenphasen wieder ab. Für die Trinkwasserversorgung in den Tälern ist er genauso wichtig wie der Nebelwald, sagt Milton, auch wenn seine ökologische Bedeutung viel weniger bekannt ist. Langsam schlängeln wir uns bergab, Richtung Baumgrenze. Der Wechsel von der Graslandschaft zum Bergwald erfolgt nicht allmählich, sondern auf einen Schlag: Innerhalb weniger Meter sind wir von der ungeheuren Artenvielfalt des Nebelwaldes umgeben. Wir haben das Waldschutzgebiet Cuellaje erreicht, das in den vergangenen zwölf Jahren dank des LichtBlick-Projekts entstanden ist. Vögel zwitschern in den Bäumen, unzählige Insekten schwirren durch die Luft. Der frische, makellose Abdruck seiner Tatze im Lehmboden erinnert mich daran, dass hier auch der Puma zuhause ist. Uns trennen noch 1000 Höhenmeter und rund 15 Kilometer vom Ziel. Vor uns ein schier endloser, angsteinflößender Steilhang: Der von den ausgiebigen Regenfällen der vergangenen Tage aufgeweichte Boden ist von Wurzeln und Löchern übersät und extrem rutschig. Den Stock fest im Griff, setze ich einen Fuß vor den anderen, den Blick immer auf den Boden gerichtet. Selbst ein verstauchtes Fußgelenk könnte uns hier große Probleme bringen. Doch alles geht gut, und nach einigen Stunden erreichen wir das Gebiet, wo „GEO schützt den Regenwald“ und DECOIN begonnen haben, eine Lücke im Schutzwalds aufzuforsten.  Die üppigen Niederschläge haben den  Pflanzungen gut getan. Seit meinem Vorjahresbesuch sind besonders die Drachenblutbäume stark gewachsen; teils mannshoch, überragen sie das Gras der früheren Weide.  Nach einer kurzen Picknickpause reiten wir weiter, talwärts am Wald entlang. Immer wieder queren Bachläufe unseren Weg, und alle führen viel mehr Wasser als sonst, Ende Juni. Die Spannung steigt, wir wissen, dass wir noch eine letzte Hürde überwinden müssen:  den Fluss Cristopamba, nach dem das Wassereinzugsgebiet benannt ist.  Die „Weihnachtsspende 2016“ von LichtBlick finanziert dort den Bau einer Hängebrücke, die eigentlich bereits fertig sein sollte – wenn es nur so wäre! Wegen des Regens und des Zustands der Wege war es allerdings bisher nicht möglich, auch nur die Baumaterialien zum Fluss zu transportieren. Beim Anblick der Wassermassen, die selbst die Felsen in der Flussmitte überspülen, scheuen die Pferde. Erst nach einigen Versuchen kann ich mein Pferd dazu bringen, sich einen Weg über die glitschigen Steine im Flussbett zu suchen. Und irgendwann sind auch die letzten Kilometer geschafft. Neun spannende Stunden nachdem wir aufgebrochen sind, kommen wir heil in El Rosario an.  Dieser Tag, an dem ich den Páramo kennenlernen und den Regenwald durchqueren durfte, wird mir ewig in Erinnerung bleiben.

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Juli 2017 - In diesem Bericht erzählt Carlos Zorrilla von DECOIN, wo und wie in der Intag-Region Arabica-Kaffee geerntet wird:

Wenn meine 5-jährige Tochter mich zum Kaffeepflücken begleitet, endet das immer damit, dass sie sich den Mund mit süßen, schleimigen Früchten vollstopft und die Kaffeesamen überall verteilt. Der „Schleim“ ist ein süßer Glibber, der die beiden Samen (Kaffeebohnen) in der tiefroten Kaffeekirsche umhüllt. Unnötig zu erwähnen, dass meine Tochter nicht die effektivste Kaffeepflückerin der Familie ist, aber ihr macht es Spaß.

Meistens fällt die Ernte unseres Kaffees, der in Höhenlagen um 1850 Meter ü.d.M. wächst, in den Juli und August – je nach Wetter. Zu dieser Zeit pflücken in Intag hunderte von Familienmitgliedern ihren Kaffee; in tiefer gelegenen Gebieten um 1000 Meter ü.d.M. sind die Früchte allerdings bereits Ende Juni reif.

Beim Ernten wird eine Kirsche nach der anderen von der Pflanze gepflückt, die viele Hundert Früchte tragen kann. In einem guten Jahr kann eine Pflanze rund ein Kilo getrocknete Arabica-Kaffeebohnen produzieren. Unsere Pflanzen produzieren aber nur 100 bis 200 Gramm getrocknete Kaffeebohnen. Gründe für die geringeren Erträge sind vor allem die geografische Lage und das Wetter: Je höher das Anbaugebiet liegt, desto geringer ist der Ertrag, da es dann meist wolkiger und regnerischer ist. Ungünstige Bedingungen, die sich zusätzlich negativ auf den Ertrag auswirken sind Plagen, wie etwa Pilzbefall.

In der Intag-Region wird hauptsächlich Arabica-Kaffee der Varietät Typica angebaut. Typica-Pflanzen erreichen eine Höhe von bis zu vier Metern, weshalb mein Nachbar Roberto zuweilen eine Leiter für die Ernte benutzen muss. In einem guten Jahr pflückt er 38 Kilo der roten Kaffeekirschen, was ungefähr siebeneinhalb Kilo getrockneten grünen Bohnen entspricht oder sechs Kilogramm gerösteten Bohnen.

Obwohl „meine“ Pflanzen bereits ihr ertragreichstes Alter von sechs Jahren überschritten haben, produzieren sie genug, um meinen Bedarf und den der Ökotouristen, die meine Finca besuchen, zu decken. In den letzten 39 Jahren musste ich lediglich einmal „fremden“ Kaffee dazukaufen, obwohl ich wirklich viel Kaffee trinke!

Der lange Weg von der Bohne zur Tasse Kaffee
Bis zum Genuss wirklich guten Cappuccinos oder Espressos ist es ein langer, arbeitsreicher Weg. Am Anfang steht die Ernte roter, reifer Kaffeekirschen. Da nicht alle Kirschen zur gleichen Zeit reif sind, muss während der Saison bis zu sechs Mal gepflückt werden. Danach wird das Fruchtfleisch, das die beiden Samen umhüllt, entfernt. Dafür benutzen wir eine handbetriebene Maschine, die die Kirsche vorsichtig zerdrückt. Um das süße „Gelee“ von den Kaffeebohnen zu trennen, fermentieren wir die Bohnen ein bis zwei Tage. Anschließend werden die Bohnen gewaschen und für eine bis vier Wochen zum Trocknen ausgebreitet.

Das Produkt, das an die Kooperativen verkauft wird, nennen die Kaffeebauern „Pergament-Kaffee“. Hierfür bekommt ein Kaffeebauer in Intag vier Dollar pro Kilo. Das ist zwar mehr als die meisten Produzenten in anderen Teilen der Welt bekommen, aber nicht genug, um davon leben zu können. Dieser Kaffee hat, wie der Name schon vermuten lässt, ein Häutchen um jede Bohne – es muss entfernt werden, bevor er als Grüner Kaffee vermarktet werden kann. Zuhause entfernen wir das Pergamenthäutchen mithilfe einer einfachen Handmühle, rösten die Bohnen in kleinen Mengen in einer Popcorn-Maschine über einem Feuer. Wenn der Kaffee dann endlich fertig ist, gibt es nichts Besseres!

Ein Kilo Pergament-Kaffee ergibt 0,8 Kilo gerösteten Kaffee. Wenn man bedenkt, dass man aus einem Kilo geröstetem Kaffee 120 Espressos machen kann, so bekommt der Kaffeebauer rund 3,3 Cent für eine Tasse Espresso, die im Café rund 1,5 Dollar kostet oder eine Tasse Cappuccino für 3,00 Dollar. Sollten Sie ein Kaffeekonsument mit Gewissen sein, so unterstützen Sie die Erhöhung der Kaffeepreise und kaufen nur Fairtrade-Kaffee.

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Stationen des Kaffee

Juni 2017 - Carlos Zorrilla, der Direktor von DECOIN, berichtet hier vom Ergebnis der Nationalwahlen in Ecuador

Kopf-an-Kopf-Rennen um die Macht
Laut Verfassung durfte der ecuadorianische Staatschef Rafael Correa nach zwei Legislaturperioden nicht ein weiteres Mal kandidieren. So ging der konservative Kandidat und Ex-Banker Guillermo Lasso gegen Lenín Moreno von “Alianza País” – der seit 2007 an der Macht befindlichen linken Parteienkoalition Correas – ins Rennen. Da beim ersten Wahlgang kein eindeutiger Sieger ermittelt wurde, musste die Entscheidung in einer zweiten Wahlrunde fallen. In dieser Stichwahl vom 2. April errang Moreno den Sieg über Lasso, mit nur 2,3 Prozent Vorsprung. Lasso legte offiziellen Protest wegen Wahlbetrugs ein. Erst nachdem die Nationale Wahlkommission einen Teil der Wählerstimmen ein zweites Mal ausgezählt hatte, kühlten die Gemüter ab: Es blieb dabei – Moreno ist der neue Präsident. Nach diesem Sieg ist das Land ebenso gespalten wie vorher. Bis heute gibt es noch immer eine Menge Ecuadorianer, die davon überzeugt sind, dass die Wahlkommission das Ergebnis manipuliert hat, um der “Alianza País” weiterhin die Macht zu sichern. Zum Teil begründen sich die Zweifel darin, dass die meisten Wählerbefragungen Lasso den Sieg vorhergesagt hatten.

Strafe für Meinungsforscher
Die Macht der amtierenden Regierung ging so weit, dass sie Strafen gegen vier Fernsehkanäle verhängte, weil diese die Ergebnisse der Befragungen veröffentlicht hatten. Und sie zieht gegen einen Meinungsforscher vor Gericht, der die angeblichen Falschinformationen veröffentlicht hat. Dies illustriert ein zentrales Thema, das die Nation polarisiert: Die Bedrängung der unabhängigen Presse und Medien durch die Regierung. Nicht nur die UN, Human Rights Watch und andere Organisationen kritisieren dies scharf. Diese Handlungsweise der Regierung heizt auch die Opposition der meisten indigenen Gruppen, Gewerkschaften, Naturschützer, Journalisten und sozialen Verbände Ecuadors an.

Wenn die Rechte links ist und die Linke rechts
Zu den merkwürdigsten Aspekten dieser Wahl gehörten die Standpunkte der Kandidaten hinsichtlich sozialer, ökologischer und finanzpolitischer Themen. Der Kandidat der „Konservativen“ setzte sich für die Rechte der Gemeinden und gegen Bergbau- und Erdöl-Unternehmen ein (was die Regierung Correa von Anfang an abgelehnt hat). Und versprach darüber hinaus, Bergbau in Höhenlagen über 2.800 Meter über dem Meeresspiegel zu verbieten, sowie in Regionen außergewöhnlicher Artenvielfalt und in solchen, die reich an Wasserressourcen sind. All diese Aspekte werden üblicherweise mit der Linken assoziiert. Lasso betonte auch das Recht auf freie Meinungsäußerung und kündigte an, dass er die Staatsausgaben und –schulden mindern würde, die in den vergangenen zehn Jahren exponentiell angestiegen sind. Dagegen vermied es Moreno, der Kandidat der linken „Alianza País“, eine Position gegenüber dem sehr kritischen Thema Bergbau einzunehmen. Ecuador ist die einzige Andennation, in der noch keine großen Erzabbau-Vorhaben realisiert werden. Niemand jedoch erwartet, dass Moreno wesentlich von Correas aggressiven Öl- und Bergbau-Entwicklungsplänen abweichen wird. Moreno versprach, den autoritären Kurs von Correa zu verlassen, sagte auch zu, die freie Presse zu respektieren und offen zu sein für die Vielfalt an Meinungsäußerungen.

Ein Sklave von Schulden
Die Angebote von Lasso machten Mut hinsichtlich der umweltpolitischen Zukunft von Ecuador, speziell von Intag. Ich bin mir allerdings darüber im Klaren, wie schwierig es geworden wäre, die meisten der großen Bergbaupläne zu beschneiden. Was nun Moreno genau umsetzen wird, ist noch offen. Klar ist jedoch: Die Regierung hat große Schulden aufgenommen, um für soziale Dienstleistungen zu bezahlen und Löcher im Staatshaushalt zu stopfen. Mit anderen Worten: um an der Macht zu bleiben. Es ist hilfreich sich zu vergegenwärtigen, dass China der Hauptgeldgeber Ecuadors ist – der größte Kupfer-Verbraucher weltweit. Und während der vergangenen Monate hat die Regierung die Bergbauindustrie drastisch dereguliert; es ist deutlich einfacher und kostengünstiger geworden Erze abzubauen. Höchst freizügig hat die Regierung Millionen von Hektar Land neu als Bergbau-Konzessionsgebiete ausgewiesen. Nach heutigem Stand sind hierfür 12 Prozent der Landesfläche vorgesehen – vier Mal mehr als noch vor einem Jahr. Die Intag-Region ist davon sehr stark betroffen: 85 Prozent der Wälder, Flüsse und Gemeinden liegen jetzt in Konzessionsgebieten. Völlig unklar bleibt jedoch, ob es auch nur in einer dieser Konzessionen Bergbau geben wird.

Fazit: Um die phantastische Artenvielfalt und die Flüsse und Bäche von Intag zu bewahren, werden die Gemeinden weiterhin auf ihre eigenen Anstrengungen vertrauen müssen und auf die wertvolle Unterstützung durch den Rest der Welt. So wie wir es in den vergangenen 22 ½ Jahren getan haben.

Mai 2017 - In diesem Bericht erzählt Carlos Zorrilla von DECOIN, wie sich das Kaffeeprojekt in Intag über die Jahre weiterentwickelt hat

Im vergangenen Monat habe ich berichtet, dass DECOIN 1998 mit dem Kaffeeverkauf begonnen hat, um Einkommen für die Bewohner der Intag-Region zu erwirtschaften. Wie sich herausstellte, war das jedoch schwierig: Der zeitliche Aufwand war groß, wir mussten also unsere übrige Arbeit in der Organisation vernachlässigen. Zudem war der Kaffee ungleichmäßig geröstet, weil wir keine professionelle Röstmaschine hatten. Dennoch glaubten wir weiterhin an den Erfolg des Produkts. Denn die Bedingungen für die Kaffeeproduktion in unserer Region – Höhenlage, Temperatur und Niederschläge – sind ideal. Und so entschlossen wir uns, die spanische Nichtregierungsorganisation „Ayuda en Acción“ um Hilfe zu bitten. Und wir gründeten eine neue Organisation, AACRI (Asociación Agroartesanal de Caficultores Río Intag), die sich um sämtliche Kaffeebelange kümmern sollte. Zum ersten Treffen kamen gerade mal ein halbes Dutzend Kaffeebauern aus Apuela sowie etliche Mitglieder von DECOIN und von Ayuda en Acción.

Grüner Kaffee
Gleich bei unserem ersten Treffen beschlossen wir, den Namen “Café Río Intag” beizubehalten. Außerdem sollte AACRI sich für Umweltbelange engagieren. Natürlich bedeutete das auch, dass der Kaffee unter großen Schattenbäumen wachsen musste, dass er soweit wie möglich nach Bio- und Fair-Trade-Maßstäben produziert werden sollte. Die Mitglieder der Organisation durften außerdem keine Bergbauvorhaben unterstützen.

Halleluja - Schluss mit verbranntem Kaffee!
Dank finanzieller Unterstützung der spanischen Hilfsorganisation konnten wir endlich eine professionelle Röstmaschine anschaffen, Räumlichkeiten mieten und die Kaffeeproduktion langsam steigern. Zu Beginn produzierten die wenigen Kaffeebäume hinter den Häusern der Mitglieder nur ein paar Dutzend 100-Pfund-Säcke; heute beträgt die Gesamtproduktion der 162 Socios von AACRI rund 1.400 Säcke!

Als Erstes begann die Assoziation mit der intensiven Weiterbildung der Bauern. Sie lernten, wie die Produktion nachhaltig gesteigert werden konnte und begannen, mit anderen Kaffee- varietäten zu experimentieren, die resistenter gegen Krankheiten sind. 1998 wurde in Intag fast nur die Sorte “Typica” angebaut – eine große Pflanze, die gut an das feuchte Klima angepasst ist. Die Sorte Typica hat zwar vergleichsweise geringe Erträge, und sie ist auch nicht so resistent gegen Krankheiten wie etwa „Caturra“. Andererseits schmeckt Typica vorzüglich; viele Kaffeekenner mögen diese Sorte am liebsten. Sie ist auch mein Favorit und die Varietät, die auf meiner Finca am häufigsten verbreitet ist.

Dann kamen die Japaner
Die Gründung von DECOIN, genauso wie die von AACRI, erfolgte als Antwort auf das Kupferbergbau-Vorhaben, das die Region ab Mitte der 1990er Jahre bedrohte. Damals finanzierte die japanische Regierung dieses Projekt. Und bei den Probebohrungen wurde leider festgestellt, dass sich ein großes Kupfervorkommen hunderte Meter tief unter ursprünglichem Bergnebelwald erstreckte, in dem Dutzende vom Aussterben bedrohte Tierarten leben.

Die Bedrohung unserer Gemeinden, Nebelwälder, Flüsse und Bäche hält bis heute an. Und das, obwohl zuerst die Japaner, später dann das kanadische Bergbauunternehmen Ascendant Copper, ihre Vorhaben aufgeben mussten. Heutzutage sind es zwei staatliche Bergbauunternehmen, Codelco aus Chile und Enami aus Ecuador, die die Exploration im Regenwald weiterführen.

Der japanische Importeur „Organic Coffee“ erfuhr von dem Bergbauprojekt seines Heimatlandes und von unserer Kaffeeinitiative und beschloss, die Intag-Kaffeebauern zu unterstützen. Organic Coffee war 1998 der erste Kaffeekäufer aus Übersee und bezahlte Fair-Trade Preise für den Café Río Intag von AACRI, obwohl die Assoziation nicht offiziell zertifiziert war. Der Besitzer, Herr Nakamura, hat AACRI auch dazu ermuntert, den Kaffeeanbau auf organische Produktion umzustellen. Zweifellos war die bis heute andauernde Kooperation mit Organic Coffee immens wichtig, um einer kleinen Produzentenorganisation wie AACRI weitere internationale Märkte zu erschließen und unser Ziel zu erreichen, einen der besten Kaffees von Ecuador, und der Welt, zu produzieren. 

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Die Goldtangare ist eine in Südamerika beheimatete Vogelart aus der Familie der Tangaren. Sie lebt in tropischen und subtropischen Regenwäldern

April 2017 - Carlos Zorrilla von DECOIN berichtet heute vom Beginn der Geschichte des berühmtesten Exportprodukts aus der Intag-Region:

„Café Río Intag” ist der Markenname von Arabica -Kaffee, den Kleinbauern im Intag-Tal von Ecuador  produzieren. Die Vermarktung übernimmt seit 1998 eine Organisation namens AACRI , so ihr spanischer Kurzname. Die Ernte 2017 wird auf 65 Tonnen geschätzt. Bedeutende Mengen dieses Kaffees werden in Ecuador vermarktet, doch ein Großteil wird auch nach Frankreich, Kanada  und Japan, sowie in die USA exportiert. Der Export-Kaffee ist größtenteils mit dem BIO-Siegel der deutschen Organisation Öko Garantie BCS ausgezeichnet. Zusätzlich bemüht sich AACRI, das Fair Trade-Siegel zu erhalten.
 
Ein Kaffee mit Geschichte
Café Río Intag und die AACRI sind beide eng verknüpft mit der Umweltschutzorganisation DECOIN und mit dem 22 Jahre andauernden Kampf der Intag-Bewohner gegen die Genehmigung eines großen Kupfer-Bergbauvorhabens. Und doch findet dieser interessante Aspekt der Entstehungsgeschichte von AACRI bei der Vermarktung des Kaffees keinerlei Erwähnung. Hier der erste von zwei Berichten über den Kaffee aus Intag. Übrigens: Ich bin einer der Begründer des Kaffee-Projekts und sein Mentor.

1996: Ein schwieriges Jahr
Anfangs war das Kaffeeprojekt Teil jener Aktionen, die eine Tochtergesellschaft des japanischen Unternehmens Mitsubishi daran hindern sollten, im Toisan-Gebirge von Intag Kupferabbau zu betreiben, denn dieses Gebirge ist für seine bedeutende biologische Vielfalt bekannt. 1996 war das zweite Jahr des Widerstands gegen das Bergbauvorhaben. Mit DECOIN suchte ich nach Mitteln und Wegen, Kosten zu decken, die den Gemeinden durch ihre Widerstandsaktionen entstanden. Kaffee schien eine gute Option zu sein. Viele Menschen in der Region bauten auf ihrem Land Kaffee an, verfügten bereits über Erfahrungen mit der Kultur. Zudem ernten die Intag-Bewohner auch nur die reifen, roten Kaffeekirschen– das ist sehr wichtig, denn nur die Verwendung reifer Kirschen garantiert optimale Kaffeequalität. In vielen Kaffee produzierenden Regionen werden dagegen alle Kaffeekirschen der Pflanze, ob reif oder nicht, geerntet, ganz einfach, weil das die Arbeit erleichtert! Außerdem liegt Intag größtenteils auf mehr als 1200 Meter ü.d.M. – die perfekte Höhe für eine gute Arabica-Kaffeekultur. Zudem wird fast der gesamte Kaffee der Region im Schatten von Baumkronen Bäume kultiviert, was im Einklang mit dem Zielen von DECOIN steht, die biologische Artenvielfalt zu schützen. Zu guter Letzt war auch wichtig, dass ich selbst schon damals Kaffee produzierte und meine Freunde bei ihren Besuchen immer feststellten, dass mein Kaffee wunderbar schmeckte.

Erste Verkäufe
Mit dem Verkauf von Intag-Kaffee begann DECOIN 1997; Bekannte und zwei Restaurants in Otavalo waren die ersten Abnehmer. Anfangs kauften wir nur den Kaffee einiger Freunde in Apuela. Die Frauen übernahmen die Aufgabe, die Kaffeebohnen zu rösten. Doch es war knifflig, in den großen Lehmschüsseln („tiestos“) über offenem Feuer eine gleichmäßige Röstung hinzukriegen. Oft wurden die Bohnen überröstet. Und es war nicht einfach, den Kaffee zu verkaufen.
Schon damals wurde uns klar, dass wir einen Markennamen brauchten, um unser Produkt von den übrigen zu unterscheiden. Und so wurde die Idee von Café Río Intag geboren. Auf dessen Logo: der Blattschnabel-Blautukan. Diese Tukan-Art kommt nur im Südwesten Kolumbiens und im Nordwesten Ecuadors vor. Auf diese Weise betonen wir die Bedrohung der Artenvielfalt durch Kupfer-Bergbau. Als Verpackung nutzen wir handgewebte Säckchen aus Sisal, die eine Frauengruppe aus Intag herstellte. Die Naturfaser Sisal wächst in der Region. Auch 20 Jahre später wird Café Río Intag in Ecuador noch in der schönen Verpackung angeboten.

Die Geburt der Kaffee-Vereinigung
Und so ging es bei DECOIN weiter bis der Kaffeeverkauf für uns zu zeitraubend wurde. Außerdem wollten wir das Kaffeegeschäft weiter ausbauen – als wirtschaftliche Alternative zum Bergbau. Zum Zweck der Vermarktung wurde 1998 also eine Organisation namens AACRI , so ihr spanischer Kurzname, ins Leben gerufen. Die AACRI hat heute 162 Mitglieder und insgesamt profitieren vom Kaffeeanbau und –verkauf rund 400 Familien.

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Auch 20 Jahre später wird Café Río Intag in Ecuador noch in der schönen Verpackung mit dem Blattschnabel-Blautukan angeboten

März 2017 - Projektpartner Carlos Zorrilla schreibt über den Weltwassertag und die Reaktion der Intag-Bewohner auf die Wasserkrise

Vor fast 40 Jahren, 1978, als ich mich in Intag niederließ, erhielten die rund 16.000 Bewohner der Region ihr Wasser aus ungeschützten Flüssen und Bächen. Das Wasser wurde nicht mit Chlor desinfiziert. Tausende tranken also Wasser, das über Viehweiden oder Ackerflächen geflossen war, verschmutzt war mit Tierexkrementen oder Pestiziden aus der Landwirtschaft. Der Großteil der Bevölkerung war geradezu haarsträubend desinteressiert, wo ihr Wasser herkam, selbst die lokalen Regierungen hatten kein echtes Interesse, die Bewohner mit sauberem Trinkwasser zu versorgen.

Möchte jemand Wasser mit Schaum?

Einmal sagte mir jemand, das Wasser aus dem Hahn in Apuela sei schaumig, weil der Besitzer des Landes, wo das Wasser seinen Ursprung nimmt, gerade Sisalfasern waschen würde. Die Sisalpflanze enthält Saponine, natürliche Giftstoffe! Für mich war es unglaublich, dass niemand den Landbesitzer zur Rechenschaft zog. „Es ist sein Land, was können wir schon dagegen machen!” kommentierten die meisten meiner Mitmenschen, als ich meiner Wut Ausdruck verlieh. Ich erinnere mich auch noch genau an den Du-musst-verrückt-sein-Gesichtsausdruck als ich zum ersten Mal fragte, ob ich das Leitungswasser problemlos trinken könne. „Aber nein, du musst das Wasser vorher 15 Minuten lang kochen!”, war die Antwort – das war damals die Standardempfehlung der Gesundheitsberater an die Gemeinden. Genug Menschen sind dem Rat nicht immer gefolgt, oder sie hatten nicht immer genug Zeit, um es zu tun. Die Folge: Parasitenbefall war bei Kindern aus Intag die häufigste Krankheitsursache. Ein Problem, das auch viele andere Länder, im “unterentwickelten” Teil der Welt haben.

Doch verschmutztes Trinkwasser war nicht das einzige Wasserproblem in Intag. Schon damals litten viele Gemeinden jedes Jahr unter Wasserknappheit, während der drei bis vier Monate andauernden Trockenzeit. Das lag überwiegend am Bevölkerungswachstum, das den Druck auf die Wasserquellen erhöhte, vor allem aber an dem fehlenden Wissen über die Verbindung zwischen Abholzung und Wasserversorgung. Kurz gesagt: Die Menschen beschwerten sich über den Wassermangel in der Trockenzeit, während sie in den Wassereinzugsgebieten ihrer Gemeinde selbst zur Abholzung beitrugen.  

Die Vereinten Nationen mischen sich ein

Es war 1993 als die Vereinten Nationen den 22. März zum “Weltwassertag” erklärten, um die Aufmerksamkeit der Welt auf jene Probleme zu lenken, mit denen Intag und die meisten Länder der Welt zu kämpfen hatte. Obwohl seither tatsächlich bedeutende Fortschritte gemacht worden sind, sterben jeden Tag 1800 Kinder unter fünf Jahren an Durchfallerkrankungen, die auf verschmutztes Wasser zurückgehen1. Das entspricht ungefähr 50 Busse voll mit Kindern! Schmutziges Trinkwasser, zu wenig Wasser, schlechte Hygiene und fehlende Toiletten sind die Hauptschuldigen für dieses nicht zu entschuldigende Verbrechen.

Intag’s Antwort

Im Jahr 1995 half ich mit, DECOIN zu gründen, die Bürgerinitiative, die hier in Intag aktiv ist, um die bedrängten Wälder und deren bedrohte Bewohner zu schützen. Und obwohl unser wichtigster Feind der Kupfer-Bergbau war – eine Gefahr, die bis heute Intag zu entwalden droht und die Flüsse und Bäche mit Schwermetallen verseuchen würde – haben wir uns auch um die Wasserversorgung gekümmert.  Wohl wissend, dass wir ohne die Bewahrung der Wälder im Intag, auch für die Sicherung des Trinkwassers keine dauerhafte Lösung finden würden.  Im Jahr 1997 begann endlich das Projekt zur Schaffung von Gemeindewäldern und den Schutz der Wassereinzugsgebiete. Dank dieser Initiative haben nun die meisten Intag-Bewohner sicheres Trinkwasser zur Verfügung, zudem besitzen und schützen 41 Gemeinden 12.000 Hektar Wald und Wassereinzugsgebiete, aus denen das jetzt sichere Wasser stammt. Gleichzeitig sind diese Gebiete Rückzugsgebiet für die dutzenden von Pflanzen- und Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind. Die beiden Initiativen sind eng miteinander verquickt. Und dank unserer Umweltbildungsprogramme verstehen die meisten Menschen in Intag inzwischen den Zusammenhang zwischen Wald- und Wasserschutz.

Intag’s Antwort auf die Wasserkrise geht weit über die Versorgung mit sicherem Trinkwasser und den Schutz bedrohter Arten hinaus. Vielleicht der wichtigste Aspekt der Zusammenarbeit mit Projektpartnern wie LichtBlick und “GEO schützt den Regenwald” ist, dass wir zum Modell für andere Teile der Welt geworden sind, wo ähnliche Probleme herrschen. An diesem 22. März wünschen wir uns nichts sehnlicher, als dass weitere Gemeinden weltweit unserem Beispiel folgen – um das Leben von Kindern zu retten.

INTAG-Berichte

Februar 2017 - Carlos Zorrilla, Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, berichtet hier über die Bergbaupolitik in Ecuador und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit:

In jüngster Zeit erregte das Vorgehen der Regierung von Ecuador gegen Nichtregierungs-Organisationen, die die Landespolitik kritisieren, weltweit Aufmerksamkeit – auch bei fünf Menschenrechtsexperten der Vereinten Nationen, die im Januar 2017 die folgende Stellungnahme veröffentlichten:

“Wie es scheint, löst die Regierung Ecuadors systematisch Organisationen auf, sobald sich diese zu deutlich äußern oder durch Infragestellung der offiziellen Landespolitik auffallen. Diese Strategie die Zivilgesellschaft zu ersticken, wurde mithilfe zweier Erlässe umgesetzt – Nr. 16 und 739 – die es den Machtinhabern ermöglichen, jede Art von Organisation aufzulösen.”

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte

Diese ungewöhnlich scharfe Kritik durch die Vereinten Nationen folgte auf den Versuch der Regierung, die älteste Umweltorganisation des Landes, „Acción Ecológica“, aufzulösen. Die Organisation wurde falsch beschuldigt, soziale Medien benutzt zu haben, um die Gewaltbereitschaft beim Aufstand der Shuar-Indianer gegen ein großräumiges Kupferbergbau-Vorhaben im Süden des Landes zu schüren. Der Aufstand erfolgte im Dezember 2016 und hatte den Tod eines Polizisten zufolge. Ein Verbrechen, das noch nicht aufgeklärt worden ist. Die Shuar versuchten, einen Teil ihres angestammten Landes von einer chinesischen Bergbaufirma zurückzufordern, nachdem die Regierung die Bewohner gewaltsam aus ihren Häusern vertrieben hatte, um Platz für die chinesische Infrastruktur zu machen.

Das Vorgehen der Regierung

Die Regierung antwortete mit der vorübergehenden Außerkraftsetzung sämtlicher Bürgerrechte in der ganzen Provinz Zamora Chimchipe, in der sich die Konfrontation abspielte, und schickte tausende Elitepolizisten und Militärs in die Region. Mehrere Häuser wurden durchsucht, und etwa ein Dutzend Führungspersönlichkeiten der Shuar und Kleinbauern wurden ohne Haftbefehl verhaftet, und ein kompletter Nachrichtenstopp verhängt. Aufgrund in- und ausländischer Proteste gegen das Vorgehen der Regierung und Unterstützung für Acción Ecológica, stoppte die Regierung Anfang Januar schließlich die Auflösung der Organisation. Doch selbst Ende Januar herrschen in der Provinz noch immer besatzungsähnliche Bedingungen.

Acción Ecológica ist nicht die einzige Umweltorganisation, die die Regierung im Visier hat, weil sie gegen die Bergbaupolitik Widerstand leistet. Im Dezember 2013 wurde die Stiftung Pachamama geschlossen, da diese den Widerstand indianischer Volksgruppen gegen die Öffnung neuer Ölförderungsgebiete in der Amazonas-Region unterstützte. Gegen Acción Ecológica und Pachamama kamen die gleichen Regierungserlässe zum Einsatz3. Was diese NROs gemeinsam haben ist, dass sie die Rechte von Gemeinden und Urvölkern unterstützen, um friedlich gegen das aggressive Vorantreiben von Öl- und Bergbauvorhaben auf dem Land der Urbevölkerung, Widerstand zu leisten.

Im Intag - eine andere Taktik

DECOIN ist eine weitere Organisation im Visier der Regierung aufgrund ihres Widerstands gegen die Umsetzung von Bergbauvorhaben. Während der vergangenen 22 Jahre hat DECOIN mit sieben Bezirksregierungen und 36 Gemeinden zusammengearbeitet, um 12.000 Hektar Nebelwald im Intag, dessen Artenvielfalt sowie die Trinkwasserversorgung tausender Bewohner zu bewahren. Obwohl die in der Veröffentlichung der Vereinten Nationen genannten Erlässe nicht gegen uns gerichtet worden sind, haben wir den Unmut der Regierung auf andere Weise erfahren. Bislang bestand die Taktik der Landesregierung darin, die Mitglieder des Führungsgremiums von DECOIN öffentlich zu verleumden. Denn im Intag möchte die Regierung großräumige Bergbauvorhaben vorantreiben, koste es was es wolle.

Aufgrund der bekannten Auswirkungen auf die Umwelt in dem fragilen Ökosystem des Nebelwalds mit hoher Artenvielfalt, ist unser Widerstand gegen Bergbau selbstverständlich. Unseren Widerstand vertreten wir offen und wir unterstützen das Recht der Gemeinden, gegen diese Form der “Entwicklung“ aufzustehen. Zurzeit sind dutzende neue Bergbaukonzessionen durch Firmen beantragt, die die meisten Wälder, Flüsse und Gemeinden in der Intag-Region betreffen – auch viele Schutzwälder.

Obwohl nur wenige Bergbaupläne je in Abbau münden und es unsicher ist, ob die Konzessionen bewilligt werden, müssen wir wachsam bleiben und unsere Arbeit weiterführen. Gerade jetzt stehen wir in Verhandlung mit den Besitzern von 1300 Hektar Wald und Wassereinzugsgebieten, die wir für Gemeinden und Lokalregierungen käuflich erwerben möchten.

Am 19. Februar wird in Ecuador ein neuer Präsident gewählt. Zwei der führenden Gegenkandidaten zur derzeitigen politischen Führung haben ihre Bereitschaft erklärt, die jetzige Bergbaupolitik zu überprüfen, und sie haben versichert, dass sie den Willen von Gemeinden hinsichtlich Erzabbau und Ölförderung zu respektieren. Wir können nur hoffen, dass sie die verfassungsmäßigen Rechte wahren werden - wie Menschenrechte, Gemeindekonsultation, die Rechte der Natur sowie Meinungsfreiheit – und eine nachhaltige Entwicklung tatsächlich unterstützen werden.

Das Ergebnis der Wahl wird für uns ungeheuer wichtig.

INTAG-Berichte

Demonstration in Quito gegen die Bergbauvorhaben im Intag (Februar 2017)

Januar 2017 - Zu Beginn des neuen Jahres berichtet Carlos Zorrilla, der Projektpartner von LichtBlick und „GEO schützt den Regenwald“, von seinen wilden Nachbarn:

Zu jeder Morgendämmerung in dieser Zeit des Jahres, wache ich zum Gesang des Gelbbauch-Kernknackers auf - ein leuchtend gelber Vogel mit schwarzen Flügeln und einem Lied, dass mir das Herz erwärmt und dabei hilft, schnell aus dem Bett zu kommen. Wenige Minuten bevor der Gelbbauch-Kernknacker sein Konzert beginnt und die übrigen Vögel in sein Lied einstimmen, um den Tag einzuläuten, höre ich manchmal von meiner Terrasse aus noch den melancholischen Gesang des nachtaktiven Urutau-Tagschläfers. Dieser Vogel begrüßt den beginnenden Tag von seinem Nachtplatz aus. Oft bin ich wach und höre bei einem Kaffee die letzten Töne seines Liedes, bevor er dann zu seinem Tagessitz in wenigen Metern Entfernung von meinem Haus fliegt. Er ist so perfekt an seine Umgebung angepasst, dass er wie die Verlängerung eines abgebrochenen Aststücks aussieht.

Um diese Jahreszeit sind die Zugvögel aus den USA bei uns zu Gast. Ihre Ankunft fällt in die Zeit, in der die Früchte einiger Baumarten zu reifen beginnen. Die Bäume habe ich gepflanzt, um Vögel anzulocken - inzwischen wohne ich in einem Paradies für Vogelbeobachter. Arten wie der knallrote Sommertangar, der Rosenbrust-Kernknacker und die Zwergdrossel konkurrieren mit zwanzig heimischen Tangar-Arten um die unwiderstehlichen Früchte von Ameisenbaum, Trompetenbaum oder Guarumbo (ein Nachtschattengewächs) und Bananenstauden. Gleichzeitig öffnen sich einige Blüten der Passionsblumen, die verschiedene Kolibri-Arten anlocken. Wenn die Früchte reifen, spricht sich das unter den Vögeln herum und immer mehr Arten erscheinen, um das Festessen nicht zu verpassen. Vor ein paar Tagen habe ich auf dem Guarumbo innerhalb einer einzigen Stunde dreißig Vogelarten gezählt! Schließlich kam ein Blutbürzel-Arassari angeflogen, und alle übrigen machten sich fluchtartig auf und davon. Dafür gibt es einen guten Grund, denn dem leuchtend grünen Tukan mit dem roten Fleck an seinem unteren Rücken sagt man nach, dass er kleine Vögel frisst.

Es ist Vorteil des Ortes, an dem ich lebe und vor allem von meiner Freiluftterrasse, dass ich meine Kamera auf ein Stativ montieren kann und während des Kaffeetrinkens Vögel fotografieren kann.

Natürlich habe ich auch wilde Nachbarn, die keine Vögel sind. Bei Neumond ist es mir praktisch unmöglich, mein Haus von Nachtfaltern frei zu halten. Angezogen vom Licht scheinen sie sogar Öffnungen in mein Wohnzimmer zu finden, von denen ich nicht einmal ahnte, dass es sie gibt! Sitzen die Falter erst einmal auf der Wand, sind sie atemberaubend schön. Vor zwei Nächten besuchte mich im Haus eine Kröte mit einem auffallenden, goldenen Strich auf dem Rücken. Da ich sie nie zuvor gesehen hatte, steckte ich sie in einen Behälter, um sie am nächsten Tag zu fotografieren; sie scheint der großen Gruppe der Regenkröten anzugehören (Gattung Pristimantis). Und vergangene Woche entdeckte ich beim Abwasch, gleich neben der Geschirrablage, eine trockene Haut, die eine ziemlich große Schlange hinterlassen haben muss!

Säugetiere sind im Bergnebelwald weitaus seltener als im Tieflandregenwald, dennoch gibt es welche. Am häufigsten sehe ich Eichhörnchen. Die verspeisen wahrscheinlich mehr von meinen Avocados als ich selbst, und sie lieben auch meinen Bananen. Meine Maniok-Ernte teile ich mit den Agutis. Der Aguti ist ein Nagetier, das einem überdimensionalen, merkwürdig aussehenden Hamster ähnelt.  

In der vergangenen Woche erschrak eine Frau, die unterwegs nach Santa Rosa war, als plötzlich ein ausgewachsener Puma vor ihr auf den Weg sprang. Ich hatte auch mal das Glück, einem dieser großartigen Tiere im Wald zu begegnen. Ein Nachbar traf letztes Jahr ein Brillenbär-Weibchen mit ihrem Nachwuchs an der gleichen Stelle, an der ich selbst einem kleinen roten Mazama, einem Zwerghirsch, begegnet bin - zwei der Arten, die auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion stehen.

Das sind nur einige meiner wilden Nachbarn. Menschliche Nachbarn habe ich auch, nur sind die nicht ganz so wild.

INTAG-Berichte

[1] Eine Hörprobe des Gelbbauch-Kernknackers gibt es hier: http://bit.ly/2iaTkki

[2] Hörprobe des Urutau-Tagschläfers: http://bit.ly/2hrFTIr