GEO schützt den Regenwald e.V.

INTAG-Berichte

NEUES AUS DER INTAG-REGION UND ECUADOR

November 2016 - Carlos Zorrilla berichtet hier von der Frauenkooperative der kleinen Intag-Gemeinde El Rosal

Seit einigen Jahren hat LichtBlick an Weihnachten jeweils Vorhaben von Organisationen der Intag-Region mit einer speziellen Spende bedacht. Die Weihnachtsspende 2015 wurde geteilt zwischen zwei Organisationen, die beide im Intag-Tal wichtige Arbeit leisten, zwischen der Casa Palabra y Pueblo (über sie wurde bereits in einem vorangehenden Newsletter berichtet) und der Frauengruppe von El Rosal. Die Entscheidungsfindung, welche Anschaffungen mit der Spende finanziert werden sollen, hat einige Zeit in Anspruch genommen, doch seit einigen Monaten ist die neue Ausrüstung in Betrieb nehmen.

Erfolgreiche Kleinunternehmerinnen

In Intag – wie in praktisch allen ländlichen Gebieten von Entwicklungsländern – haben es Frauen besonders schwer, eine bezahlte Arbeit zu finden. Um 2004 kamen einige Frauen der kleinen Ortschaft El Rosal auf die Idee, ihre Familien durch den Verkauf handgemachter Seifenstücke, Cremes und Shampoos zu unterstützen. Der Name, unter dem die Kooperative heute registriert ist, lautet übersetzt „Handwerkliche Vereinigung der Landfrauen von El Rosal. Laut Gründungsmitglied Carmen Ruiz sind sechs Frauen ständig mit von der Partie; wenn viel zu tun ist, sind es sogar zehn. Ihrer Produktreihe gaben sie den Namen “Naturaloe”. Die namensgebende Aloe vera-Pflanze wächst in den Gärten der Gemeinde, gleich vor der Haustür. Die Produkte werden selbst in Übersee, in den USA und in Spanien geschätzt, doch der Großteil der Produktion wird in Ecuador vermarktet.

Produkte für den Fair Trade-Markt

Die Großabnehmer sind allesamt Fair Trade-Organisationen, so in Spanien „Xarxa Consum Solidari“, die die Produkte von El Rosal in ganz Katalonien verkauft; der „Kassenschlager“ ist dort das Aloe Vera-Seifenstück. Zuhause in Ecuador hat die Vereinigung El Rosal dutzende Abnehmer, darunter die “Casa de Intag” in Otavalo, die speziell Handgefertigtes aus dem Intag verkauft und FEPP in Quito. Vor mehr als vier Jahrzehnten wurde FEPP durch katholische Priester gegründet. Deren Absicht: das Leben der Armen zu verbessern, auf eine solidarische Entwicklung der Menschheit hinzuarbeiten. Camari, einer der Partner von FEPP, hilft der Kooperative beim Export ihrer Produkte und verkauft sie in drei eigenen Läden mit einem Umsatz von fast 20.000 Dollar im Jahr 2015.

Riesentöpfe bringen große Erleichterung

Die Frauen investierten die Spendensumme in zwei 115 Liter-Stahltöpfe, die sie dringend benötigen, um ihre Produktion an Seife zu erhöhen. Die durch die Lichtblick-Spende ermöglichten Anschaffungen erleichtern die Arbeit der Frauen deutlich - bei jeder Seifenproduktion macht sie sich aufs Neue bezahlt. Denn die Kleinunternehmerinnen können in den Riesentöpfen viel mehr Seife auf einmal kochen, können größere Bestellungen viel schneller abarbeiten als bisher. Die stählernen Töpfe sind zudem viel leichter zu reinigen. Und auch über einen ganz anderen Aspekt freuen sich die Nutzerinnen: Als sie die Seife mit den alten Aluminium-Töpfen kochten, füllte fast unerträglicher Rauch den Raum – das ist jetzt zum Glück vorbei.

Vorbild für die Jugend

Die Frauen möchten in ihrer Arbeit und der Kooperative ein konkretes Angebot für die junge Generation in der Gemeinde sehen, denn viele verlassen die Gemeinde nach Abschluss der Schule, in der Hoffnung einen besser bezahlten Job in der Stadt zu finden. Natürlich stärken die Mitglieder der Kooperative mit ihren Aktivitäten auch die finanzielle Situation der Familien. Und sie spüren, dass sie durch ihr selbst erwirtschaftetes Einkommen eine bessere Kontrolle über ihr Leben haben – unabhängiger sind von den Launen ihrer Ehemänner.

Pläne, Wünsche und Träume

Natürlich würden sie sich über wirtschaftlichen wachsenden Erfolg ihrer Produkte freuen. Doch in erster Linie wünschen sie sich, dass die Intag-Region dauerhaft von Bergbau verschont bleibt. Sie haben Pläne, ein kleines Orchidarium in Ihrer Gemeinde zu errichten, um mehr Touristen in ihre Gemeinde zu locken. Sie spielen auch mit dem Gedanken, einen Laden oder Café in der Bezirksstadt García Moreno zu eröffnen, um dort die eigenen Produkte und die anderer Organisationen der Region anzubieten. Und sie möchten alleinerziehende Mütter einstellen, um deren Leben zu erleichtern.

Freiwillige willkommen

El Rosal bietet Freiwilligen aus aller Welt die Möglichkeit, den Alltag in ihren Familien mitzuerleben, bei ihrer Arbeit mitzuwirken. Etliche Freiwillige hatten bereits das Glück, Zeit mit den Frauen und ihren Angehörigen zu verbringen, sie bei der Herstellung von Seife und anderen Produkten zu unterstützen. Viele der Freiwilligen kommen aus Deutschland. Es ist ein Gewinn für beide Seiten. Und es spiegelt ihre Lebensphilosophie der Frauen von El Rosal wider.

germania_haro_aloe_vera-ed

Germania Haro, Gründungsmitglied von El Rosal, mit Aloe Vera

Oktober 2016 - Der Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, Carlos Zorrilla, berichtet hier über die aktuellen Herausforderungen und Erfolge beim Waldschutz

Schutzwald wächst weiter

In den vergangenen neun Monaten gab es reichlich Frustration und harte Arbeit, aber auch Triumpfe für den Naturschutz in der Intag-Region. Dank der Kooperation mit LichtBlick und “GEO schützt den Regenwald” konnte DECOIN allen bürokratischen Hürden zum Trotz zwei weitere Waldkäufe für Gemeindeschutzgebiete abwickeln. Seit Beginn des LichtBlick-Projekts im Jahr 2005 konnten bislang mehr als 6.500 Hektar als Gemeindewald dauerhaft unter Schutz gestellt werden – Wald, der zu den artenreichsten und am meisten bedrohten der tropischen Welt gehört und der nun durch Gemeinden und lokale Regierungen geschützt wird.

Privileg der Intag-Bewohner

Wirklich bemerkenswert ist, dass dank Lichtblick, “GEO schützt den Regenwald” und Partnern aus anderen Projekten die Intag-Bewohner pro Kopf über mehr geschützte Waldfläche verfügen als die irgendeiner anderen Region, die mir bekannt ist. Insgesamt schützen 47 Gemeinden und Lokalregierungen fast 13.000 Hektar Wald und Wassereinzugsgebiete in Intag. Für bedrohte Tier- und Pflanzenarten ist dieser Schutz des Lebensraumes von allergrößter Bedeutung. Die Gemeindemitglieder selbst profitieren durch die Versorgung mit sauberem, kostenlosem Trinkwasser sowie durch Gebiete, die einerseits für Ökotourismusaktivitäten genutzt werden können und andererseits eine natürliche Samenbank für heimische Arten darstellen.

Landkäufe mit Hürden

Für die über 6.500 Hektar Wald, die bislang im LichtBlick-Projekt verhandelt und gekauft worden sind, mussten 44 separate Landkaufprozesse abgewickelt werden. Diese Prozesse sind mit den Jahren immer komplizierter und langwieriger geworden. Während früher bei Kauf und Legalisierung der Flächen nur ein oder zwei Schritte durchlaufen werden mussten, sind es inzwischen neun bis zehn! Vieles hängt davon ab, ob die in der Urkunde des Verkäufers genannte Flächengröße der tatsächlichen Größe des Waldgebiets entspricht. Doch in Intag gibt es zwischen den beurkundeten und den realen Flächengrößen so gut wie immer Diskrepanzen! Zudem muss unser Team häufig Grenzkonflikte zwischen Nachbarn lösen und sicherstellen, dass die Verkaufsurkunde zu 100 Prozent legitim ist, bevor dann der lange Legalisierungsprozess begonnen wird, der Monate in Anspruch nehmen kann.

Wichtige Umweltbildung

Doch nicht nur Waldkäufe werden durch das Projekt finanziert. Seit Beginn unserer Arbeit haben wir Naturschutz ohne Umweltbildung für eine Verschwendung von Zeit, Energie und Geld gehalten. Die Menschen müssen die Gründe kennen, weshalb das Land unter Schutz gestellt werden muss. Auch in diesem Jahr unterstützt LichtBlick unsere Bildungsaktivitäten. Diesmal fördert das Projekt Aktivitäten in der Oberstufe: Die Schüler machen Feldbesuche in Schutzwälder, sie lernen und diskutieren über die biologische Bedeutung des großartigen Nebelwaldes in der Region und die Bedrohungen, denen er ausgesetzt ist. Außerdem haben wir in Sendezeit bei dem lokalen Sender „Radio Intag“ investiert und nutzen diese, um die Bewohner über verschiedene kritische Themen zu informieren. In diesen Radiobeiträgen geht es etwa darum, die Folgen von Bergbau zu schildern oder vor der schädlichen Praxis des Abbrennens von Feldern zu warnen. Einer der Erfolge ist, dass Bauern in diesem Jahr deutlich weniger Flächen abgebrannt haben als in früheren Jahren.

bergnebelwald

Der Blick auf die nebelverhangenen Wälder ist einzigartig

September 2016 - Carlos Zorrilla, der Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, berichtet hier von den Entwicklungen rund um das Erdöl im Nationalpark Yasuní

Im August 2013, vor drei Jahren, erklärte der ecuadorianische Präsident Rafael Correa die “Yasuní Initiative” für gescheitert. Er gab so den Weg frei für die Gewinnung von Erdöl im 9.800 Quadratkilometer großen Nationalpark Yasuní in Amazonien, in einer der artenreichsten Regionen der Erde. Im Verlauf mehrerer Jahre waren Millionen Dollar dafür ausgegeben worden, um für diese Initiative Werbung zu machen – als idealer Weg zur Überwindung der Klima-Krise.

Der ursprüngliche Plan: Der Urwald bleibt intakt

Laut der Yasuní-Initiative sollten 842 Millionen Barrel Rohöl unter der Erde des Nationalparks bleiben. Im Gegenzug sollte die Weltgemeinschaft 50 Prozent des geschätzten Gewinns aus dem (verhinderten) Ölverkauf an Ecuador bezahlen – insgesamt 3,6 Milliarden Dollar. Die Projektidee wurde als herausragende Umweltinitiative gepriesen. Das Vorhaben würde verhindern, dass 400 Millionen Tonnen schädliches Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangten; die Zahlungen der internationalen Gemeinschaft sollten nachhaltige Einkommensquellen fördern. Zudem würden zwei, in freiwilliger Isolation lebende ethnische Gruppen geschützt, und die unvergleichliche Artenvielfalt der Region Yasuní bliebe erhalten.

Nach Ende der Yasuní-Initiative: Landesweite Proteste

Mit dem Scheitern der Initiative begann eine Zeit polemischer Debatten. Eine davon rankte sich um den  „ökologischen Pfad“, den die Regierung geschaffen hat, um Arbeiter und schweres Gerät zu den abgelegenen Bohrplätzen im Urwald zu transportieren. Wie sich herausstellte, war der “Pfad” bis zu 26 Meter breit. Straßenbau durch unberührte Regionen bringt zwangsweise Entwaldung und Umweltschäden mit sich; er hat außerdem drastische Auswirkungen auf jene Waldbewohner, die bislang kaum Kontakt zur Außenwelt hatten. Dann wurde um den Aufwand gestritten, den eine Volksabstimmung mit sich bringen würde, die endgültig über das Schicksal von Yasuní entscheiden sollte. Yasunidos, die wichtigste Bürgerbewegung gegen die Ölbohrungen, sammelte Unterschriften für ein solches Referendum, sogar 25 Prozent mehr Unterschriften als nötig. Doch die Nationale Wahlkommission erklärte die Hälfte dieser Stimmen für ungültig. Somit hatte sich das Thema Volksabstimmung erledigt – obwohl zuvor nationale Umfragen gezeigt hatten, dass 76 Prozent der Ecuadorianer für ein Referendum waren! Diese Entscheidung führte zu großen, teilweise gewalttätigen, Protesten im ganzen Land. Im Anschluss gingen mehr und mehr Bürger auf die Straße, um auch gegen andere Regierungsvorhaben zu protestieren. Und oft waren es indigene Gruppen, die die Demonstrationen organisierten, da sie ihre Rechte in Gefahr sahen.

Ölgewinnung in Yasuní: Zu hohe Kosten?

Inzwischen sind die Ölbohrtürme installiert. Noch im August hat das erste Barrel Öl aus Yasuní Amazonien verlassen. Yasunidos ist zu einer bedeutenden Oppositionsbewegung gegen die Regierung von Correa geworden. Zudem durchlebt das Land eine schwere Wirtschaftskrise. Denn ein großer Teil seiner Einkünfte basiert auf Erdöl. Der Preis für Rohöl ist auf einem Niedrigstand. So lag der Ölpreis pro Barrel im Jahr 2013, als Correa die Yasuní-Initiative aufkündigte, noch bei 100 Dollar, heute jedoch erreicht er nur 40 bis 50 Dollar. Viele Experten zweifeln, ob die Ölgewinnung in Yasuní – selbst aus rein finanzieller Sicht – sinnvoll ist. Denn in einer so abgelegenen Region wie Yasuní Schweröl zu gewinnen, dieses über weite Strecken zu transportieren und dann zu verarbeiten, bringt sehr hohe Extrakosten mit sich. Unverdrossen gibt Correa im Juli 2016 bekannt, dass die Yasuní-Ölvorkommen 40 Prozent größer seien als ursprünglich geschätzt und lässt weiter nach dem Öl bohren.

Trotz Protest: Die Regierung bleibt bei ihrem Kurs

Jedenfalls war die Regierung Correa noch nie so unpopulär wie heute. Die Öffnung des Urwalds für die Ölgewinnung im Südosten des Landes und hunderte von Anträgen für neue Bergbaukonzessionen in Ecuador zeigen eines sehr deutlich: Correa beabsichtigt weiter auf dem Kurs der Ausbeutung von Bodenschätzen zu bleiben. Traurig nur, dass Ecuador vor dem Ende der Yasuní-Initiative auf gutem Weg war, sich ein neues Entwicklungsmodell zu eigen zu machen, eines das teilweise auf seiner biologischen und kulturellen Vielfalt basiert. Mit jedem Tag wird diese Hoffnung kleiner.

cuyabeno_21_woolly_monkey-wollaffe_familie_der_kammerschwanzaffen

Der Nationalpark Yasuní gilt als einer der Orte mit der größten Artenvielfalt weltweit

August 2016 - Eva Danulat, Geschäftsführerin von „GEO schützt den Regenwald“ lernt wie Panela, der köstliche Rohrzucker, produziert wird

Gesunde Süße in Lateinamerika

Wenn ich auf meinen Besuchen bei DECOIN-Direktor Carlos Zorrilla frühstücke, begeistern mich immer wieder aufs Neue die Pfannkuchen mit „Panela“. Der karamellfarbene Rohrzucker ist typisch für unsere Projektregion, duftet ebenso intensiv wie er schmeckt – ich mag wirklich alles daran! Umso größer meine Freude als Keith und Marisol Bunds, die Nachbarn von Carlos, uns einladen, bei der Produktion von Panela dabei zu sein. 

Auf dem 20-minütigen Fußweg füttert mich Carlos mit Fakten. Panela ist ein nicht-raffinierter Zucker, der vor allem im nördlichen Lateinamerika und in Indien hergestellt und gegessen wird. Im Vergleich zu dem Europa  ganz überwiegend konsumierten weißen Kristallzucker, ist Panela viel gesünder; denn dessen mineralischer Anteil, bestehend aus Eisen, Kalium, Phosphor, Calcium, Magnesium und Selen, ist 50 Mal größer als bei weißem Zucker; auch viele Vitamine bleiben erhalten.

Meist sind es Kleinbauern, die Panela produzieren und  sich so ein Einkommen erwirtschaften. Schätzungsweise 50.000 kleine Panela-Manufakturen  halten in Lateinamerika die Wirtschaft im ländlichen Raum in Schwung und geben mehr als einer Million Menschen Arbeit. Allein in Kolumbien, nach Indien der zweitgrößte Produzent weltweit, sind 350.000 Menschen in der Panela-Produktion beschäftigt. Die Herstellung ist ohne großen technischen Aufwand möglich: Zuckerrohrsaft wird so lange eingekocht  bis sich der Zucker herauskristallisiert. Das Aroma der süßen Köstlichkeit stammt von der Melasse, die in Panela erhalten bleibt.

Vom  Zuckerrohr zur Panela

Als wir auf der Finca von Keith und Marisol eintreffen, erleben wir ein Kollektiv von zehn jungen Leuten unter einem Wellblechdach, das trotz schwerer körperlicher Arbeit und Gluthitze Spaß zu haben scheint. Zwei, drei Helfer stecken die auf der Finca geernteten Zuckerrohrstangen nacheinander in eine einfache, motorbetriebene Presse. Der süße, farblose  Saft des Zuckerrohrs fließt unter den wachsamen Augen einer amerikanischen Freiwilligen über eine Holzrinne in einen riesigen Kessel unter dem ein mächtiges Feuer lodert. Dorthin müssen die getrockneten Überreste des Zuckerrohrs  gebracht werden, die als Brennstoff dienen. Der Dampf aus den Kesseln treibt die Mittagstemperatur in schwindelerregende Höhen; gefühlt sind es 50 °C. Nach nur wenigen Minuten Aufenthalt sind auch wir Zuschauer in Schweiß gebadet.

Immer weiter wird der Zuckerrohrsaft eingekocht  bis er sich in sirup-ähnliche, zähe  Melasse, verwandelt hat. Die Melasse wird in hölzerne Wannen gegossen, die meist aus alten, ausgehöhlten Baumstämmen bestehen. Kurz vor der Kristallisation, wird der Zuckerrohrdicksaft dann in Gießformen aus Holz gefüllt. Panela wird sehr hart, wenn es auskristallisiert und wechselt seine Farbe in ein intensives Braun. Nach dem Erkalten lösen sich Panela-Blöcke  etwa von der Größe von Seifenstücken aus den Formen. In seiner natürlichen, harten Form, wird es von Bauern in Lateinamerika als schnelle Energiequelle geschätzt. Das sehr beliebte, streufähige Panela-Granulat ist aufwendiger in der Herstellung: Damit die Panela später gelöffelt werden kann, wird die zähe Rohzuckermasse zunächst in flache Holztröge gegossen. Während des Abkühlungsprozesses müssen starke Arme die Masse unablässig mit Schiebern in Bewegung halten, damit das Produkt am Ende schön krümelig ist.

Immerhin zwanzig Tonnen der süßen Köstlichkeit produziert das Team um Keith und Marisol in einem guten Jahr. Ich darf die eben abgekühlte Panela probieren – der Geschmack ist einfach großartig. Fünf  Pfund davon schleppe ich in meinem Rucksack nach Hause. Und jedes Mal, wenn ich davon koste, denke ich daran, wie toll es war, bei der  Herstellung zuzusehen.

p1010899

Der Aufwand für das streufähige Panela-Granulat ist groß: Die zähe Rohzuckermasse wird zunächst in flache Holztröge gegossen. Während des Abkühlungsprozesses müssen starke Arme die Masse unablässig mit Schiebern in Bewegung halten, damit das Produkt am Ende schön krümelig ist

Juli 2016 - Eva Danulat, die Geschäftsführerin von „GEO schützt den Regenwald e.V.“, berichtet von ihrem spannenden diesjährigen Projektbesuch in der Intag-Region:

Wie im Flug vergehen die 75 Minuten im Bus von Otavalo nach Santa Rosa. Früher dauerte die Fahrt oft drei Stunden, erst seit ein paar Monaten ist die ganze Strecke perfekt ausgebaut und asphaltiert. Die schlechte Nachricht: Auf der neuen Straße gab es schon jede Menge Unfälle. Einen davon hatte Projekt-Mitarbeiter Milton Arcos - auf dem Motorrad - wie ich bei unserem ersten Team-Treffen erfahre;  zum Glück sind seine Verletzungen fast verheilt und er kann mich auf einigen der Feldbesuche begleiten. Schnell wird klar: Die Lage im Land ist angespannt, Ecuador durchläuft eine schwere wirtschaftliche Krise, die Regierung steht unter hohem Druck.  Nur aus unserem Projekt gibt es gute Neuigkeiten. Eine spannende Woche liegt vor mir!

Zu Pferd ins Aufforstungsgebiet von Cuellaje

Als die Präsidentin von DECOIN, Silvia Quilumbango, und ich in Cuellaje ankommen, haben ratlose, wütende Eltern gerade das Colegio besetzt. Der Grund: Obwohl das Schuljahr schon vor Wochen begonnen hat, fehlen noch immer zwei Drittel des Lehrpersonals. Sirenen der Polizeiwagen aus Ibarra, stören den örtlichen Frieden, fachen die Wut der Eltern weiter an. Unser Gesprächspartner José Garzón, der Präsident der Bezirksregierung, wird als Vermittler gebraucht und gerufen. Wir müssen unser Planungstreffen später fortsetzen, ziehen den Besuch der kleinen Baumschule im Ort vor. Dort ziehen drei engagierte junge Leute seit dem vergangenen Jahr heimische und bedrohte Baumarten - im Auftrag des neuen Aufforstungsprojekts von „GEO schützt den Regenwald“ und DECOIN. Einige der Flächen im  knapp 3500 Hektar großen Gemeindeschutzwald von Cuellaje, der mithilfe von  LichtBlick-Spenden finanziert werden konnte, wurden Ende 2015  bereits aufgeforstet.

Am nächsten Tag steigen Milton, ein Bezirksvertreter und ich am Ende der Straße, in El Rosario, vom  Auto um auf Pferd. Zwei Stunden reiten wir über steile, teils feuchte und rutschige Pfade die Berge hoch und überqueren mehrere kleine Bachläufe. Dann die Herausforderung: Wir müssen auch den Fluss Cristopamba überqueren. Es klappt! Ich bin heilfroh als mich mein Pferd am anderen Ufer abliefert. Wir satteln ab, gehen zu Fuß weiter. Bis hierher auf 2700 Meter Höhe ü.d.M. haben Maultiere die Pflanzen aus Cuellaje gebracht. Die Baumschulengruppe hat auf drei Flächen fast 3.500 runde  Pflanzlöcher von etwa einem Meter Durchschnitt gegraben und von Hartgräsern befreit - ohne diese Maßnahme haben Bäume hier keine Chance zu überleben. Ich bewundere die Bäumchen, die seit Ende 2015 auf einer ehemaligen Viehweide im Wald gedeihen – noch klein, aber saftig grün und in perfektem Zustand stehen sie in den Pflanzlöchern.  Guarrumbos, Wachspalmen, Cedros, Guanderas und Drachenblutbäume sollen hier die Wunden im Wald bald wieder schließen. Nicht zu vergessen Aguacatillo, dessen Früchte die bevorzugte Nahrung der hier häufig gesehenen Brillenbären sind!

Neuer Schutzwald für Cachayacu Alto

Auf diesem Besuch lerne ich endlich auch die kleine Ortschaft Cachayacu Alto im Intag-Bezirk García Moreno kennen. Sie liegt am Ende einer staubigen, holprigen Straße, die sich die Berge hochschraubt, etwa eine Autostunde entfernt von Apuela. Hier gibt es noch viel Wald. Vor zwei Jahrzehnten hatte die kanadische Minengesellschaft Ascendant Copper Corp. – außerhalb des Kupfer-Konzessionsgebiets - mehrere dutzend Waldflächen gekauft. Nachdem das Unternehmen 2008 die Konzessionen für Kupfer-Bergbau verloren hatte, begann es, die Wälder wieder zu verkaufen. 2015 wandte sich die Gemeinde an DECOIN, bat um Unterstützung des LichtBlick-Projekts beim Rückkauf einer dieser Waldflächen. Der Kaufprozess zog sich über viele Monate hin; im Juli kann er endlich abgeschlossen werden. Zwei Mitglieder der Gemeinde begleiten Armando und mich zur Besichtigung des Geländes. Noch ist es sonnig und klar, doch zu Fuß hätten wir kaum eine Chance das Gebiet zu erreichen, bevor Nebel oder Regenwolken es verhüllen werden. „Lass uns mit dem Motorrad hinauffahren, so weit wie wir kommen!“  Ich steige also hinter Victor Hugo Ramírez (der mir versichert, bislang nur wenige Male gestürzt zu sein) auf ein Geländemotorrad.  Konzentriert und vorsichtig steuert er es über den steilen, kurvigen Weg. Die letzten Kilometer steigen wir zu Fuß durch ein Waldgebiet hinauf zu einem Aussichtspunkt, von dem aus wir freie Sicht genießen. Ich bin begeistert: Dichter Nebelwald überzieht die Hänge gegenüber, unzählige Grüntöne zeigen die Vielfalt der Baumarten an. Und: Der neue Wald grenzt an das Schutzgebiet „El Chontal“, das durch den Kauf  erweitert wird. Nach unserer Rückkehr,  beim gemeinsamen Mittagessen, versichern mir Bolivio Pérez und Marcia Ramírez  - beide Bergbaugegner, wie die meisten im Ort - wie wichtig die Projektinitiative für die Gemeinde ist "Wir sind so froh und dankbar, dass dieser Wald zurückgekauft werden konnte; er schützt unser Trinkwasser und wir schützen ihn!".

Ein weiteres Highlight meines diesjährigen Intag-Aufenthaltes: DECOIN-Direktor Carlos Zorrilla besucht mit mir eine benachbarte Finca am Waldrand, wo im Familienbetrieb köstlicher Rohzucker, lokal unter dem Namen "Panela" bekannt, produziert wird - davon mehr im nächsten Bericht.

eva_danulat_zu_pferd-2

Eva Danulat zu Pferd im Projektgebiet unterwegs

Juni 2016 - Carlos Zorrilla, der Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, schreibt über die Bedeutung der Gemeindeschutzwälder in der Intag-Region aus der Sicht eines Begünstigten

Im Laufe der Jahre habe ich viel über die Naturschutzinitiative der Gemeinden berichtet, die ohne Unterstützung der LichtBlick-Kunden nicht möglich wäre. In diesen Berichten ging es vorwiegend um Erfolge, aber auch um organisatorische Hürden bei der Umsetzung der Aktivitäten. Diesmal möchte ich das Projekt aus der Perspektive eines Begünstigten beleuchten, den ich dazu befragt habe.

Vicente Quiguango lebt in einem kleinen Dorf namens Villaflora. Er ist Vorsitzender des Wasserkomitees der Gemeinde und stellt sicher, dass alle Bewohner mit sauberem Trinkwasser versorgt werden. Auf sechs Hektar Land bauen Vicente und seine Frau Teresa Kaffee, Mais, Bohnen, Maniok, Baumtomaten und andere Feldfrüchte an. Sie halten ein wenig Vieh, sowie Hühner für Fleisch und frische Eier.

Wie bei vielen Gemeinden in der Intag-Region, gehören das Land, die Quellen, die Flüsse, aus denen sie ihr Wasser beziehen, nicht ihnen. Als Vicente vor einigen Jahren von dem Projekt von DECOIN zum Schutz der Wassereinzugsgebiete hörte, bat er darum, seiner Gemeinde zu helfen, das Land zu kaufen, aus dem ihr Trinkwasser kommt. Das war der Beginn der langjährigen, guten Beziehung mit der Gemeinde Villaflora, die heute 408 Hektar Wald besitzt. Weitere 827 Hektar Wald, die daran angrenzen, aber zum Bezirk Peñaherrera gehören, dürfen von Villaflora für nachhaltige Tourismusaktivitäten genutzt werden. Die gesamte Waldfläche, mit Ausnahme von 4,5 Hektar, konnte mithilfe der Spenden von LichtBlick gekauft werden.

„Wir sind einfach dankbar. Das Projekt ist eine echte Hilfe, wir beziehen aus dem Wald schließlich unser Trinkwasser. Und der Wald kostete die Gemeinde nichts!“, sagt Vicente. Er ist sich der Bedeutung des Waldes bewusst: „Wälder helfen, das Klima zu regulieren, sie ziehen Regen an und helfen, die Wasserressourcen zu schützen.“

Darüber hinaus weiß Vicente, dass Trinkwasserressourcen in den bewaldeten Schutzgebieten auch in Zukunft wichtig bleiben, besonders, wenn die Gemeinden wachsen und Wasserreserven knapp werden. Eine Beobachtung ist unmissverständlich: Während der Trockenzeit leiden schon heute einige Gemeinden der Region unter Mangel an Trinkwasser.

Auf die Frage, wie es denn der Gemeinde gelingt, das Schutzgebiet zu bewahren, antwortet Vicente „Es ist wichtig, die Grenzen klar abzustecken und das Gebiet durch Patrouillen zu kontrollieren.“.

Was die Zukunft des Schutzgebiets anbelangt, träumt Vicente von einer neuen Einkommensquelle: “Wir möchten hier gerne umweltverträgliche Tourismusaktivitäten aufbauen.“ Was könnten DECOIN und die Spender tun, um die Initiative weiter zu verbessern? “Das Projekt soll weitergehen, und außerdem wäre es toll, wenn ihr uns helfen könntet, den Tourismus bei uns in Gang zu bringen.“

Ich meine: Mit Partnern wie der Gemeinde von Vicente kann die Initiative für den Gemeindeschutzwald nur erfolgreich sein.

89d5f4db412978b08b40489737bc85d6

Vicente Quiguango, ein Projekt-Begünstigter der ersten Stunde

Mai 2016 - Carlos Zorrilla, der Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, schreibt über ein in der Intag-Region heimisches Gewächs namens Cabuya und dessen Nutzen:

Wenn man die Frauen, die in zwei Gruppen Sisalfaser verarbeiten, fragt, was sie am meisten an ihrer Arbeit schätzen, so kommt sicher sofort als Antwort: die Möglichkeit, einen Beitrag zum Familieneinkommen zu leisten. Doch gräbt man ein wenig tiefer, wird klar, dass ihnen die Gesellschaft der anderen Frauen und der Gemeinschaftsgeist der Gruppe mindestens genauso wichtig sind.

Der Beginn einer starken Frauengruppe

Wie in den meisten ländlichen Gegenden weltweit, ist es für Frauen schwierig, zum Unterhalt der Familie beizutragen. Normalerweise sind es die Männer, die mit ihrer Arbeit (Vieh hüten, Acker bestellen, Ernte einbringen) das Einkommen erwirtschaften. In vielen Kulturen sind Frauen dagegen „nur“ für Kindererziehung, Kochen, Waschen und Haushalt zuständig. Wenn sie Zeit dafür finden, helfen die Frauen den Männern auch noch bei der Feldarbeit. Allerdings erhalten die Männer die Einnahmen für die verkauften Produkte. Und meist haben die Frauen nicht einmal ein Mitspracherecht, wofür das Geld verwendet wird. Auch in der Intag-Region ist kaum bezahlte Arbeit für Frauen zu finden. Bis die Amerikanerin Sandra Statz in den 1990er Jahren die Idee hatte, aus einer festen, vielseitigen Faser, vor Ort bekannt als „Cabuya“ oder „Fique“, Kunsthandwerksartikel für den Verkauf herzustellen – der Beginn der ersten Frauengruppe.

Eine Pflanzenfaser mit jahrhundertelanger Tradition

Die raue, robuste Faser der Cabuya wird aus der Sisalagave (Furcraea andina) gewonnen. Die Pflanze gehört zu einer Gattung der Agavengewächse und ist in der Karibik sowie dem nördlichen Südamerika heimisch. Lange bevor Plastik und Kunststoffe in unser Leben einzogen, wurde die Faser zur Herstellung von Hängematten, Leinensäcken, Schnüren und Seilen verwendet; bis heute werden Seile und Teppiche aus Sisal hergestellt. Und weil das Material so robust und dabei luftdurchlässig ist, werden aus ihm auch die Kaffeesäcke für den Export hergestellt.

Von der Pflanze zum Häkelgarn

Zur Herstellung von Cabuya-Garn werden die drei bis sieben Pfund schweren Blätter mit einem scharfen Messer von der Pflanze abgetrennt und von den Dornen an den Rändern befreit. Mit Hilfe einer einfachen Maschine werden die Blätter anschließend einzeln zerquetscht – zurück bleiben nur die Rohfasern. Diese werden dann gewaschen und an der Sonne getrocknet. Das Rohmaterial wird im Anschluss gefärbt und zu dem Faden verzwirbelt, aus dem schließlich Handarbeiten entstehen. Sandra zeigte den Frauen, wie sie mit Sisalfaser häkeln und schöne Produkte anfertigen, die sie an Touristen des „Intag Cloud Forest Reserve“ verkauften. Für das Färben der Faser verwenden die Frauen ausschließlich Pflanzen aus dem Wald, darunter die Pigmente vom Drachenblutbaum . Das macht die Produkte für die Käufer so attraktiv.

Zusammenhalt macht stark

Wenige Jahre nach Gründung der ersten Frauengruppe, als der Kampf gegen den geplanten Kupferbergbau in der Intag-Gemeinde Junín begann, gab sich die Gruppe den Namen „Mujer y Medio Ambiente“ („Frau und Umwelt“). Sie bekundeten so ihre Solidarität gegen das Bergbauprojekt. Aus privaten Treffen wurde schnell eine 30-köpfige Gruppe von Frauen aus drei verschiedenen Gemeinden. Anfänglich verkauften sie ihre Produkte nur regional, inzwischen exportieren die Frauen ihre Waren sogar nach Japan. Ein weiteres Ergebnis, das neben vielen anderen, positiven Aspekten hervorsticht ist, dass es nun mehr Gleichberechtigung innerhalb der Familien gibt. Sicher liegt das auch an den vielen lokalen Veranstaltungen zum Thema Frauenrechte und Gewalt in Familien. Die Frauen fühlen sich stärker, haben größere Entscheidungsbefugnis. Die Cabuya hat Nachbarinnen zusammen gebracht, die bis dahin kein gemeinsames Ziel, keinen gemeinsamen Traum, verfolgten. Manche von ihnen laufen zwei Stunden zu Fuß zu den Gruppentreffen, die immer noch in der Intag Cloud Forest Reserve gehalten werden, wo die Initiative einst begann.

Zwanzig Jahre ist das jetzt her und die Fraueninitiative ist stärker denn je. Besucher kaufen weiterhin ihre Hüte, Gürtel, Taschen, Netze, Teppiche und andere Produkte – ein Fair-Trade-System, in dem der Erlös direkt die Produzentinnen erreicht. All das, weil eine unscheinbare Pflanzenfaser das Leben der Frauen in den grünen Tälern und Bergen der Intag-Region verknüpft.

2a1e6e454b98e3ab8e5255956e6f2091

Carlos Zorrilla neben einer Cabuya

April 2016 - Carlos Zorrilla, Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, schreibt über ein Honigbienen-Projekt in Intag – eine geplante Katastrophe oder eine süße Gelegenheit?

Fremde Bienen für die Intag-Region

Bienenstöcke – vermeintlich von der Europäischen Honigbiene – sind Teil eines kleinen Entwicklungsprojekts, das hiesigen Kleinbauern helfen soll, ihren Lebensstandard zu verbessern und durch den Verkauf von Honig ein zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften. Ursprünglich sollten 100 Familien je fünf Bienenstöcke nach entsprechenden Schulungen über Bienenhaltung und einer Eigeninvestition von 230 Dollar pro Familie für Materialkosten erhalten. Nun sind es nur noch 30-40 Familien, die 500 Bienenstöcke bewirtschaften sollen. Zudem verpflichten sich die Kleinbauern, je 300 Baumsetzlinge, darunter Erle, Zeder und Guaba, auf ihrem Land zu pflanzen. Befürworter des Projekts betonen, dass sich die Imker in anderen Regionen von Amerika mit der neuen Bienenrasse erfolgreich arrangiert hätten. Doch diese Bienen sind in der Intag-Region nicht heimisch. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen immer wieder, dass Tiere oder Pflanzen, die eingeführt werden, nicht nur Vorteile bringen. Sie verdrängen heimische Arten, verändern das Ökosystem und können mitunter mehr Probleme verursachen als mit ihnen eigentlich gelöst werden sollten. Ein Blick hinter die Kulissen lohnt sich.

Wie kam die Honigbiene nach Amerika?

Vor der Ankunft der Europäer war die Honigbiene weder in Nord- noch Mittel- oder Südamerika heimisch. Dennoch gewannen bereits die Ureinwohner, darunter die Maya, Honig; dieser stammte von den mit den Honigbienen verwandten Stachellosen Bienen (Meliponini). Im Zuge der Kolonisierung führte man dann Europäische Honigbienen (EHB), meist deutsche oder italienische Rassen, ein. Im tropischen Klima erwiesen sich diese Bienen aber als nicht besonders leistungsfähig. Deshalb versuchte man durch die Einkreuzung Afrikanischer Bienen die Leistung der Honigbienen zu erhöhen .

Rapide Ausbreitung der afrikanisierten Bienen

Basierend auf Informationen der Projektbetreiber, erhalten die neuen Imker die Bienenvölker in der Annahme, diese seien harmlos – nur bei unkontrollierten, schnellen Bewegungen oder Missgeschicken wie das Umwerfen einer Kolonie, griffen diese an. Und hunderte Stiche seien nötig, um dem Menschen gefährlich zu werden. Die Projektinitiatoren verbreiten auch das Gerücht, dass Honigbienen 80 Prozent unserer Nahrung bestäuben, eine Behauptung, die schlichtweg falsch ist. Sollten morgen alle Honigbienen sterben, würde man den Effekt kaum spüren, da es schätzungsweise 20.000 andere Bestäuber gibt, darunter Wildbienen und Hummeln. Außerdem sind die meisten Kulturpflanzen – Weizen, Reis, Mais, Hafer, Roggen, Hirse, Tomaten, Kartoffeln, Bohnen, Erbsen und Soja – gar nicht auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Was mich zusätzlich an der Vertrauenswürdigkeit der Projektverantwortlichen zweifeln lässt, ist die schon fast absurde Annahme, dass die Überlebensrate der im Projekt gepflanzten Bäume 98 Prozent betragen werde. Meine jahrzehntelange Erfahrung mit DECOIN zeigt, dass langfristig eine Überlebensrate von 70-90 Prozent je nach Baumart realistisch ist.

Die Fehlinformationen sind besorgniserregend. Selbst wenn alle neuen Bienen europäischer Herkunft friedlich sind, werden sie sich bald mit bereits im Intag entdeckten afrikanisierten Bienen fortpflanzen und mehr und mehr deren Eigenschaften übernehmen. Auffällig bei der afrikanisierten Biene ist die im Vergleich zur Europäischen Honigbiene schnellere Vermehrung und ihre Fähigkeit, sich sehr effektiv mit anderen Bienen zu kreuzen. Da sie viel häufiger ausschwärmen als die EHB bedeutet das, dass aus den ursprünglich 500 Kolonien voraussichtlich tausende unkontrollierte verwilderte Kolonien entstehen. Das ist keine Übertreibung oder Vermutung – man nennt dies aus Erfahrung lernen.

Was uns die Geschichte lehrt

Vor 1957 gab es in Amerika keine einzige Kolonie afrikanisierter Bienen. In diesem Jahr entkamen 26 Schwärme mit afrikanischen Königinnen aus einer Versuchsstation in Brasilien. Sie haben sich seither in ganz Südamerika verbreitet. Pro Jahr legen sie bis zu 300 Kilometer zurück, dringen auf diese Weise immer weiter in die südlichen Bundesstaaten der USA vor. Mit anderen Worten: Die afrikanisierte Biene besitzt die Fähigkeit, sich extrem schnell und erfolgreich auszubreiten. Neben der Konkurrenz um Nahrung mit heimischen Bestäubern (die sie verdrängen können), besetzen sie die Nistplätze vom Aussterben bedrohter Tiere wie etwa der Schleiereule, töten sie sogar. Außerdem übertragen sie einige der 24 Virusarten, die Honigbienen befallen können. Da sie genetisch eine Veranlagung für aggressiveres Verhalten aufweisen und sie ihren Bienenstock viel stärker verteidigen als die Europäische Honigbiene, kommt es häufiger zu tödlichen Angriffen auf Tiere und Menschen. So vor kurzem geschehen bei einem Nachbarn von mir, der durch nur drei Stiche fast an einem anaphylaktischen Schock (eine schlimme allergische Reaktion) starb.

Für und Wider

Ist ein solches Vorhaben überhaupt wirtschaftlich? Wie entwickelt sich der Lebensstandard der Familien durch die Bienenstöcke? Berücksichtigt man, dass der größte Teil der Intag-Region mit Nebelwald bedeckt ist und, dass es pro Jahr mehr als 2000 Millimeter Niederschlag gibt, so können wolkige und kühle Regentage die Honigproduktion mindern und die Imker zwingen, ihren Bienen Zucker zuzufüttern –was das Einkommen schmälert. Niemand weiß, ob die eingeführten Bienen auf Virusinfektionen überprüft werden, bevor sie in die Intag-Region kommen.

Was ist falsch daran, einige hundert Bienenkolonien in die Intag-Region zu schaffen, wenn es dort bereits afrikanisierte Bienen gibt und Imker anderenorts gelernt haben, mit ihnen umzugehen? Für mich lautet die bessere Frage: Ist es angesichts des fraglichen wirtschaftlichen Nutzens klug, hunderte neuer Bienenkolonien einzuführen, die schon bald ein Risiko für heimische Bestäuber, Mensch und Tier darstellen, in einem Gebiet, das eine reiche, schützenswerte Flora und Fauna besitzt?

Selbst wenn Projekte dieser Art gut gemeint sind: Wenn vorab die Sachlage nicht gründlich geprüft wird, können sie großen Schaden in der Natur und beim Menschen anrichten.

af3969184e2d2e4999ccd80ab80d6177

Eine afrikanisierte Biene auf einer Kaffeeblüte

März 2016 - Carlos Zorrilla, Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, schreibt über die LichtBlick- Aktivitäten in der Intag-Region

Es ist mal wieder an der Zeit, Neues aus der gemeinsamen Projektarbeit von LichtBlick, „GEO schützt den Regenwald“ und DECOIN hier im Intag zu berichten. Eine Nachricht vorweg: Zum Glück sind in unserer Region die Auswirkungen des gefürchteten Wetterphänomens El Niño , das seit Wochen in anderen Teilen des Landes zu Verheerungen führt, bislang kaum zu spüren. Starkregenfluten scheinen diesmal nur die Küste Ecuadors und Ausläufer der Anden heimzusuchen und uns von ihrer zerstörerischen Kraft zu verschonen.

Umweltschutz im Intag

Trotz aller bürokratischer Hürden von Seiten der Gemeinde- und Zentralregierungen, geht unsere Arbeit mit voller Kraft voran. Im vergangenen Jahr konnte das DECOIN-Team 426 Hektar Wald kaufen und als Gemeindewald schützen. Der Kauf von zwei weiteren kleinen Waldflächen hat sich so sehr in die Länge gezogen, dass er nicht vollständig abgeschlossen werden konnte. Diese Waldkäufe werden nun in diesen Wochen abgeschlossen. Das Interesse, die kostbaren Nebelwaldflächen durch Kauf zu schützen ist Dank der Zahl der LichtBlick-Kunden einerseits sowie der lokalen Regierungen andererseits ungebrochen. Den erwähnten Herausforderungen zum Trotz, sind die Aussichten, unsere Ziele zu erreichen, also weiterhin sehr gut und wir hoffen bis Ende 2016 das Vorjahresergebnis deutlich übertreffen zu können.

Im Fokus: das Wassereinzugsgebiet Nangulví

Ein interessantes Waldgebiet für Schutzflächen ist das zur Gemeinde Peñaherrera gehörende Wassereinzugsgebiet von Nangulví. Hier wird eines von mehreren Kleinwasserkraftwerken gebaut. Das Bauvorhaben ist ein Gemeinschaftsprojekt von HidroIntag; unter diesem Namen arbeiten verschiedene Organisationen und lokale Regierungsstellen zusammen; der Kanton Cotacachi, die Provinzregierung von Imbabura und Consorcio Toisán, ein Zusammenschluss verschiedener Gemeindeinitiativen, zu denen auch DECOIN gehört. Damit Wasserkraftprojekte umweltverträglich sind, müssen die Wassereinzugsgebiete intakt sein. Unser Kooperationsprojekt mit LichtBlick und „GEO schützt den Regenwald“ bewirkt, dass das Gebiet dauerhaft bewaldet bleibt und so Beeinträchtigungen – darunter die Erosion von Landflächen – möglichst vermieden werden. Wir hoffen, in den nächsten Jahren eng mit den lokalen Regierungen, Gemeinden und Organisationen arbeiten zu können, um die Umweltverträglichkeit des Nangulví-Wasserkraftwerks sichern zu können.

Die nächste Generation der Waldschützer

Waldkäufe für die Gemeinde- und Bezirksregierungen abzuwickeln ist bei weitem nicht alles, was DECOIN macht. Unsere Organisation engagiert sich auch stark für die Umweltbildung in der Region. Im vergangenen Schuljahr erreichte der Unterricht unserer „Umweltlehrer“ Freddy Villalba, Susana Navarrete und Milton Arcos hunderte Kinder. Zur Arbeit dieser Team-Mitglieder gehört es, die Schüler auf Ausflügen in einen der Gemeindeschutzwälder zu begleiten - und auch diese Aktivität wird durch das LichtBlick-Projekt finanziert. DECOIN kaufte im vergangenen Jahr zudem Sendezeit bei Radio Intag, um Radio-Spots auszustrahlen, die sich mit dem Artenreichtum der Region und dessen Bedrohungen beschäftigen.

Weihnachtsspende 2015

Seit 2010 spendet LichtBlick jährlich an Weihnachten einen zusätzlichen Betrag für Organisationen in der Intag-Region. 2015 wurde die Spendensumme aufgeteilt – je 50 Prozent gingen an die Frauenkooperative von El Rosal und an das Gemeindezentrum Casa Palabra y Pueblo (CPP). Als Carolina Carrión, die Leiterin des Gemeindezentrums, von dem unerwarteten Weihnachtsgeschenk erfuhr, war sie außer sich vor Freude. „Ich werde diese tolle Nachricht sofort an das Team weitergeben, wir machen uns gleich an die Arbeit. Es ist wirklich eine phantastische Neuigkeit, weil wir dank des Spendengeldes so viele Dinge dokumentieren und über Radio Intag verbreiten können!“. Das im Jahr 2010 gegründete Gemeindezentrum hat sich zur Aufgabe gemacht, ein Bürgertreffpunkt zu sein, wo sich die Intag-Bewohner informieren und miteinander austauschen können. In dem kleinen Gebäude der CPP in der Bezirksstadt Apuela befinden sich eine öffentliche Bibliothek, Archive über die Geschichte der Intag-Region und das Studio von Radio Intag. Daneben hält das Zentrum einen großen Spielraum für Kleinkinder bereit, bietet Schülern Internetzugang und druckt eine Buchserie mit den ungewöhnlichen Lebensgeschichten einiger Bewohner der Region. All dies auf Dauer zu finanzieren ist natürlich eine große Herausforderung. Ohne die Unterstützung vieler ehrenamtlicher Helfer, und ohne externe Spenden, hätte das Gemeindezentrum längst geschlossen werden müssen. Oft erhält die CPP Unterstützung durch Freiwillige aus Deutschland, die hier ein „Soziales Jahr“ verbringen – Interessierte können sich gerne mit CPP in Verbindung setzen (periodico.intag@gmail.com; http://casapalabrapueblo.blogspot.de/). Zweimal pro Woche berichtet Radio Intag für 10 bis 15 Minuten über aktuelle Geschehnisse und Veranstaltungen in Intag (http://www.radiointag.com/). Aufgrund der bergigen Landschaft und geografischen Lage wird das Intag-Gebiet kaum von den Radiosignalen anderer Sender erreicht. Daher ist Radio Intag nicht nur zur Unterhaltung der Menschen wichtig, sondern auch zu ihrer Information. Der kleine Sender berichtet über Themen, die sie bewegen – lokale Ereignisse und auch Umweltschutzthemen. Die Weihnachtsspende von LichtBlick ermöglicht dem Gemeindezentrum, zehn neue Radioprogramme zu produzieren, Sendezeit zu kaufen und Mitarbeiter für weitere Produktionen zu bezahlen.

Die zweite Gruppe, die am Jahresende 2015 besonderen Grund zur Freude hatte, ist die Frauenko-operative von El Rosal. Die Frauen stellen Seifen, Shampoos und andere Körperpflegeprodukte in Handarbeit her – in einem meiner nächsten Berichte erfahren Sie mehr darüber.

d4744b1fd05f7327974f37bf53e776aa

Patricia Varela bei einer Produktion von Radio Intag

Februar 2016 – Carlos Zorrilla, der Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, schreibt über unlautere Methoden, die auch Ecuador nutzt, um die Armut zu bekämpfen:

Im Namen der Armutsbekämpfung

Trotz der schlechten Erfahrungen in Lateinamerika und Afrika: Bei vielen der sich selbst als „fortschrittlich“ bezeichnenden Regierungen – zum Beispiel in Ecuador und Bolivien – ist der Abbau von Bodenschätzen nach wie vor die Methode der Wahl, um der Armut eine Ende zu bereiten. Die Ausbeutung von Bodenschätzen ist förmlich zur magischen Formel dafür geworden, wie man die Armut ausrottet, und jegliche Mittel, dieses Ziel zu erreichen, sind erlaubt. Was die Bodenschatzgewinnung in Wirklichkeit so attraktiv macht, ist das schnelle Geld, das den wackelnden und/oder korrupten Regierungen winkt. Und in den meisten Ländern sind Korruption und großflächige Ausbeutung von Bodenschätzen eng miteinander verbunden. In Ecuador wurde Ende 2014 der so genannte ITT-Block im Yasuní Nationalpark, eines der weltweit herausragenden Schutzgebiete, für die Förderung von Erdöl geöffnet. Dies war der Beginn der Verhärtung der Fronten in der „Ausbeutung von natürlichen Ressourcen“. Erzabbau im großen Maßstab ist ein Teil dieses Kuchens, obgleich er längst noch nicht das Ausmaß der Erdölindustrie erreicht hat. Denn im Vergleich zu Nachbarstaaten sind die Kosten für den Abbau von Erzen in Ecuador ziemlich hoch. Großangelegte Proteste der Bevölkerung gegen Bergbauvorhaben und hohe Steuern sind Gründe für die verlangsamte Entwicklung vieler Minenprojekte.

Maßgeschneiderte Gesetze für die Bergbauunternehmen

Doch besonders in korrupten und rohstoffabhängigen Ländern, zu denen auch Ecuador gehört, sind die Bergbaukonzerne gut darin, Überzeugungsarbeit bei den Regierungen zu leisten. Und dies tun sie so lange, bis schließlich ihre Pläne durchgesetzt sind. Seit dem neuen Bergbaugesetz, das 2009 von der Regierung von Rafael Correa erlassen worden ist, sind zahlreiche Gesetzesänderungen vorgenommen worden, die es für Bergbauunternehmen einfacher und billiger machen, Rohstoffe zu „plündern“. Die Gesetze brachten ihnen etwa die Befreiung von der Mehrwertsteuer, eine Steuer, die alle Bürger und alle normalen Firmen im Land zahlen müssen. Durch eine weitere Gesetzesänderung fiel die Zufallsgewinnsteuer weg, die während der Hochkonjunktur der Bodenschatzgewinnung erhoben worden war. Die ecuadorianische Regierung schaffte zudem viele Regularien und Genehmigungen ab, die die Unternehmen einhalten bzw. einholen mussten. Die Folgen dieser Regierungsentscheidungen sind enorm. Sie sind noch Jahrzehnte später zu spüren, schaden Hunderttausenden Menschen, beeinträchtigen die Bürger- und Menschenrechte und verursachen albtraumhafte Umweltschäden, die Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte lang andauern können. Das passiert, wenn diese Form der „wirtschaftlichen Nutzung“ rücksichtslos durchgesetzt wird. Dann nämlich wird es plötzlich akzeptabel, Menschenrechtsverletzungen zu begehen, lokale Regierungen zu untergraben, Bürgerrechte zu missachten und Proteste von Menschen – die spüren, dass das Gemeinwohl, ihre Rechte und ihre Lebensgrundlage in Gefahr sind – zu kriminalisieren.

Probebohrungen in Junín mit spürbaren Folgen

Fast ein Jahr lang hat in unberührten Nebelwäldern der Intag-Region der chilenische Konzern CODELCO, der größte Kupferproduzent der Welt, für das Kupfertagebauprojekt von Junín Aufschlussbohrungen durchgeführt, mit voller Unterstützung der nationalen Regierung. Während der Untersuchungsphase werden Bohrungen mit einem Durchmesser von zehn Zentimetern bis in hunderte Meter Tiefe durchgeführt. Nur, um festzustellen, ob sich der Kupferabbau auch lohnt – gerade angesichts der derzeit sinkenden Kupferpreise ist dies eine wichtige Frage.

Obwohl bislang nur die erste von drei Untersuchungsphasen abgeschlossen wurde, sind schon jetzt die Folgen spürbar. Uralte Bäume in unberührten Wäldern wurden gefällt, um Zufahrtswege für die Bohrungen zu erschließen. Geschützte Waldgebiete wurden nach Belieben benutzt, Wanderwege des Gemeinde-Tourismusprojekts zerstört. Das aus den Bohrungen aufsteigende Wasser verunreinigt die Flüsse und Bäche. Und, wie in allen Bergbauprojekten, waren die sozialen Auswirkungen lange vor den Umweltproblemen spürbar. Zum Beispiel die groben Verletzungen der Menschenrechte, vielfach durch Menschenrechtsorganisationen dokumentiert. Etliche Bewohner von und den umliegenden Gemeinden fielen auf das beim Bergbau relativ schnell zu machende Geld rein; dies hatte die Spaltung von Familien und Freundeskreisen zur Folge. Trotzdem, und das bezeugt die Kraft der Gemeinden und Menschen in der Intag-Region, geht der Widerstand gegen dieses verheerende Projekt weiter. Junín liegt etwa eine Stunde Fahrzeit von den Regenwaldschutzgebieten von LichtBlick entfernt.

Fazit

Ohne Frage: Wirtschaftliche Armut ist furchtbar. Doch selbst wenn der Wunsch, diese auszurotten, gut gemeint ist, riskiert man eine noch schlimmere und nachhaltigere Armut. Dann nämlich, wenn die angewendeten Methoden rechtswidrig sind, wenn Menschenrechte verletzt und Bürger bedroht werden, wenn biologischen Juwelen geschadet wird und Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind. Diese neue Armut wird die künftigen Generationen heimsuchen.

4bda43c15f40b551638fe94cb6beb871

Verseuchte Umwelt durch das ehemaligen Erdöllager Lago Agrio in Ecuador

Januar 2016 - Carlos Zorrilla, der Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, berichtet über das REDD+ - Programm für den Waldschutz in den Tropen

Wofür steht REDD+?

Die Klimarahmenkonferenz der UNO hat 2008 als Teil des REDD- Programms den so genannten REDD+-Mechanismus verabschiedet. Auf Deutsch steht die Abkürzung für „Verringerung von Emissionen aus Entwaldung und Waldschädigung sowie die Rolle des Waldschutzes, der nachhaltigen Waldbewirtschaftung und des Ausbaus des Kohlenstoff- speichers Wald in Entwicklungsländern“. Abholzung und Waldschädigung aufgrund der Ausweitung von Agrarflächen, Umwandlung in Weideland, Infrastrukturmaßnahmen und Feuer tragen fast 20 Prozent der jährlichen Treibhausgasemissionen bei – mehr als der Verkehrssektor weltweit!

Was soll REDD+ bewirken?

REDD+ bietet Menschen und Regierungen – speziell in den Tropen – die Möglichkeit, sie mit Geld dafür zu entschädigen, dass sie Wälder erhalten anstatt sie abzuholzen. Die Höhe der zu leistenden Entschädigung richtet sich dabei nach der Menge an Kohlenstoff, die in den betreffenden Wäldern gespeichert ist. REDD+ bietet also, kurz gesagt, einen Anreiz, durch Walderhalt zur Verringerung der weltweiten Kohlenstoffemissionen beizutragen. Gleichzeitig dienen die finanziellen Anreize auch dazu, die Artenvielfalt zu bewahren, und gleiches gilt auch für andere „Ökosystemdienste“ oder Leistungen, die wir der Existenz des Waldes verdanken, wie etwa den Schutz von Wasser- einzugsgebieten. Zudem stellt REDD+ auch finanzielle Unterstützung zur Förderung der lokalen Entwicklung und der Verbesserung des Lebensstandards in Entwicklungsländern bereit.

Welche Chancen und Tücken birgt das Programm?

Auf dem Papier ist REDD+ großartig. Bei richtiger Anwendung bringt das Programm enorme Vorteile für mehr als eine Milliarde Menschen mit sich, die am oder im Wald leben. Dagegen kann es bei falscher Anwendung zu Korruption im großen Stil führen oder zur Missachtung von Menschenrechten – etwa für den Fall, dass Ureinwohnern der Zugang zu ihren Waldressourcen verwehrt werden würde. Und es birgt auch zahlreiche technische Probleme, darunter nicht zuletzt die Schwierig- keit, die Menge Kohlendioxid zu messen, die die verschiedenen Waldtypen speichern.

Wie viel Kohlendioxid speichert ein Wald pro Jahr?

Die korrekte Ermittlung des gespeicherten Kohlendioxids ist Voraussetzung für die Anwendung von REDD+. Doch hinsichtlich der Faktoren, die die Speicherung von Kohlendioxid beeinflussen, gibt es noch große Wissenslücken. Wird zum Beispiel der Kohlenstoffkreislauf eines Waldes während einer Dürreperiode stark gestört, so kann er mehr Kohlenstoff in die Atmosphäre abgeben als er speichert! Durch Feuer werden unter Umständen Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen. Darüber hinaus können Feuer dazu führen, dass die Fähigkeit eines Waldes, Kohlendioxid zu speichern, über viele weitere Jahre gestört bleibt.

Natürlich muss überprüft werden, ob die Bedingungen für die finanziellen Anreize erfüllt werden und das setzt voraus, dass die jährlich gespeicherte Menge an Kohlenstoff gemessen wird. Viele Menschen bemühen sich darum, effiziente und transparente Systeme zu entwickeln, mit denen die Kohlenstoffspeicherung korrekt gemessen werden kann, doch trotz der guten Aussichten gibt es hierbei noch zahlreiche Hürden. Zudem fordern manche Regierungen, dass die Messung auf Institutionen der betroffenen Länder übertragen wird, während andere für die Einrichtung einer unabhängigen Institution plädieren, die eigens zu diesem Zweck geschaffen werden soll. Neu entwickelte Satelliten-basierte Messsysteme sollen objektive, überprüfbare Informationen liefern.

Wie viel ist ein Ökosystem wert?

Eine der grundsätzlicheren Fragen zu REDD+ ist die, ob es ethisch vertretbar ist, den Diensten eines Ökosystems Kosten zuzuordnen. Viele indigene Gruppen lehnen es ab, die Dienste der Natur wie Waren zu handeln. Ein weitere Hürde: Wer genau soll dafür zahlen, dass die Wälder erhalten bleiben, und wer genau soll finanziell davon profitieren? Das Misstrauen ist groß, inwieweit die nationalen Regierungen erhaltene Gelder an jene weitergeben werden, die den Wald besitzen oder ihn aktiv schützen. Rund um das Geld gibt es auch andere Fragen: Sollen Regierungen von Ländern mit hohen Kohlendioxidemissionen dafür Ausgleichszahlungen leisten dürfen an andere Länder, die niedrige Emissionen haben, aber großen Waldbestand? Was wäre ein gerechter Preis dafür, dass ärmere Länder darauf verzichten, ihre Wälder abzuholzen, um so die Wirtschaft anzukurbeln und Arbeitsstellen zu schaffen? Wie viel Geld soll pro Tonne gespeichertes Kohlendioxid gezahlt werden?

Wenig Aufsehen erregt die illegale Landaneignung durch skrupellose Landhändler, die auf schnelles Geld aus sind. Dieses Problem betrifft auch einige bewaldete Gebiete in Ecuador und bedroht die Kultur und die Lebensgrundlage indianischer Volksgruppen. Schließlich haben auch die Geldgeber Zweifel, wie sicherzustellen ist, dass die Wälder erhalten bleiben und nicht etwa in Weideland umgewandelt werden. Daher haben die meisten REDD+-Projekte bislang eher vorbereitenden Charakter.

Fazit

Ohne massive Einsparungen bei den Kohlendioxidemissionen von fossilen Brennstoffen ist das Klima nicht zu retten, auch nicht durch REDD+. Immerhin hat dieser Mechanismus großes Potential, beim Klimaschutz zu helfen. Alles hängt von transparenten Verhandlungen ab, und davon, ob die Menschen in den Projektländern tatsächlich von den finanziellen Anreizen für den Walderhalt profitieren werden. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass die Rechte indigener Volksgruppen und der ländlichen Bevölkerung nicht geschwächt werden.

145630440475b93dbba53b03b99ccd3d

Orchidee im Bergnebelwald der Intag-Region, Ecuador

Links zur weiteren Chronologie der Ereignisse im Intag