GEO schützt den Regenwald e.V.

Demokratische Republik Kongo Witwen-Zentrum, Virunga

Seit geraumer Zeit unterstützt „GEO schützt den Regenwald e.V.“ die Arbeit der Ranger im Nationalpark Virunga. Nun erhalten auch die Witwen verstorbener Ranger Hilfe

Über die Region

Das bereits im Jahr 1925 gegründete Schutzgebiet in Virunga, seit 1969  bekannt als Virunga-Nationalpark, ist der älteste Nationalpark in Afrika. Das riesige Parkgelände im Osten des Kongo an der Grenze zu Ruanda und Uganda, erstreckt sich über fast 8000 Quadratkilometer – es ist mehr als dreimal so groß wie das Saarland.

Der zum UNESCO-Welterbe gehörende Park zeichnet sich durch seine besonders hohe Artenvielfalt aus, denn Wälder, Savanne und Sümpfe bieten eine große Vielfalt an Lebensräumen. Im Süden bilden bis zu 3500 Meter hohe Vulkane eine imposante Kulisse. Der Nyiragongo und der Nyamuragira gehören zu den aktivsten Feuerbergen der Welt. Berühmt ist der Park als Refugium für die vom Aussterben bedrohten Berggorillas (lateinischer Name: Gorilla beringei).

Witwen-Zentrum, Virunga

Berggorillas wie dieser im Mikeno-Gebiet in Virunga stehen im Zentrum der Schutzbemühungen des Nationalparks

In Virunga leben noch 380 dieser hochgradig gefährdeten Menschenaffen, rund die Hälfte der gesamten Population. Ihr Lebensraum sind die Regenwälder im Süden des Parks. Doch ihr Rückzugsgebiet ist in Gefahr: In den vergangenen Jahrzehnten wüteten immer wieder Bürgerkrieg und bewaffnete Konflikte im Kongo und bedrohten auch die Menschen und Tiere in Virunga. Ebenso machen Wilderei und eine Holzkohle-Mafia dem Schutzgebiet zu schaffen. Die Ranger, die den Nationalpark und seine Tiere mit großer Leidenschaft verteidigen, setzen tagtäglich ihr Leben aufs Spiel. Erschütterndes Ergebnis: Mehr als 150 der Parkwächter von Virunga starben in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Ausübung ihres Dienstes; die meisten von ihnen ließen Familien mit Kindern zurück.

Witwen-Zentrum, Virunga

Das Gebiet des Nationalparks Virunga erstreckt sich über rund 300 Kilometer Länge und bis zu 150 Kilometer Breite

Hintergrund des Projekts

Seit Veröffentlichung der Reportage „Kampfzone Virunga“ von Autorin Anke Sparmann und Fotograf Brent Stirton in der GEO-Ausgabe vom Juni 2012 unterstützen zahlreiche Leser und Förderer des Vereins den lebensgefährlichen Einsatz der Ranger mit ihren Geldspenden. Anfangs finanzierten diese vor allem Nothilfemaßnahmen wie Transportkosten und Ausrüstung des Nationalparks. Ab 2014 dienten die Mittel zur Fertigstellung eines Elektrozauns um das Gorillagebiet im Süden; seit Juli 2015 bietet der Zaun Menschen und Tieren im Mikeno-Sektor des Parks besseren Schutz.

Witwen-Zentrum, Virunga

Dieser Ranger kontrolliert den Elektrozaun, der Zusammenstöße zwischen Wildtieren, darunter Büffel, und den Kleinbauern der Umgebung verhindert

„GEO schützt den Regenwald e.V." führt die Kooperation mit Virunga fort und setzt die ab Juli 2015 eingehenden Spendengelder zweckgebunden für ein Neuvorhaben ein. Dieses hier vorgestellte Projekt kommt bis zu 54 Witwen von Rangern zugute, die ihre Familien alleine ernähren müssen. Ziel ist es, den Frauen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, ihnen also dabei zu helfen, sich eine eigene Zukunft aufzubauen. In einem Werkstatt- und Trainingsgebäude, das eigens für diese Zwecke errichtet wird, lernen sie, Uniformen zu nähen, Reparaturen an Zelten, Schuhen und weiterer Ausrüstung vorzunehmen, und bekommen dafür ein Gehalt. Das macht in jeder Beziehung Sinn: Denn jährlich benötigt der Park alleine 1000 Uniformen – zwei für jeden der derzeit rund 500 Mitarbeiter. Bislang werden diese extern in Auftrag gegeben, doch künftig soll die Arbeitsbekleidung in Virunga selbst, durch Ranger-Witwen, hergestellt werden. Das Projekt wird also die ständigen Ausgaben des Nationalparks deutlich mindern. Daneben werden in dem neuen Gebäude Weiterbildungen angeboten, die den Teilnehmerinnen zu mehr Selbstständigkeit verhelfen. In diesen Kursen wird den Frauen Wissen zu gesundheitlichen Themen wie AIDS-Prävention, Verhütung und Hygiene vermittelt sowie Fortbildung hinsichtlich Verbesserungen in der landwirtschaftlichen Produktion und Basiswissen für Kleinunternehmerinnen.

Das Projekt fördert also den Natur- und Artenschutz auf vielfältige Weise: Durch Minderung des sozialen Drucks der Hinterbliebenen von Parkwächtern auf die Nationalparkleitung. Es stärkt auch die Motivation der aktuellen Ranger, die für die Bewahrung von Virunga tagtäglich ihr Leben riskieren. Zusätzlich wird das Parkbudget nachhaltig entlastet, so dass sich die Leitung des Nationalparks auf ihre eigentliche Aufgabe, den Schutz der Natur, konzentrieren kann.

Witwen-Zentrum, Virunga

Auch die Witwe Nzabonimpa Bahamisi, hier mit fünf ihrer sechs Kinder, braucht nach dem Tod ihres Mannes dringend Hilfe beim Aufbau einer eigenen Zukunft – mit Aus- und Weiterbildung, einem gesicherten Einkommen

Dauer

Juli 2015 - Juni 2018

Ziele

  • Entlastung des Park-Budgets und dauerhafte Sicherung von finanziellen Ressourcen für den Naturschutz  im Nationalpark  
  • Minderung des sozialen Drucks auf die Nationalparkverwaltung
  • Hilfen zur Selbstständigkeit und Unterstützung beim Aufbau einer eigenen Zukunft für 54 Witwen von Virunga-Rangern

Aktivitäten

  • Bau und Ausstattung eines Werkstatt- und Schulungsgebäudes auf dem Gelände des Hauptquartiers des Virunga-Nationalparks in Rumangabo
  • Einrichtung und Ausrüstung einer Nähwerkstatt
    - Finanzierung von zwölf elektrischen Nähmaschinen, Möbeln,
    - Nähmaterialien, Werkzeug-Sets für die Auszubildenden u.a.
  • Finanzierung der Angestellten des Zentrums für zwölf Monate
  • Ausbildung von verwitweten Ranger-Frauen:
    - Nähen von Haustextilien, später Uniformen und  Zelten
    - Reparatur von Schuhen, Bekleidung, Zelten
    - Herstellung von Schmuck und Souvenirartikeln
  • Durchführung von Bildungsmaßnahmen in den Bereichen:
    - Gesundheit: AIDS-Prävention, Verhütung, Hygiene
    - Best Practices in der Landwirtschaft
  • Heranführung an kleinunternehmerische Tätigkeiten: Unterricht in Buchführung, Kalkulation, Planung

Fortschritte

Witwen-Zentrum, Virunga

Anfang 2017 sind einige der Frauen bereits in der Lage, Kleidungsstücke fertigzustellen - wie diese Bluse

Juni 2017: In den vorangegangenen neun Monaten ist viel passiert: Julie Williams hat die Koordinierung des Projekts übernommen. Unter Anleitung von Théodore Kubuya haben alle Witwen – bis auf zwei – Routine im Nähen erlangt. Klar, dass der Umgang mit Nähmaschinen, das Zuschneiden von Stoffen und die präzisen Vorgaben für die Nähte nicht allen Auszubildenden gleichermaßen leicht fallen. Einige von ihnen produzieren daher weiterhin Servietten, Seifenbeutel und Haarbänder, andere stellen Einkaufstaschen, Kissenbezüge und Blusen her. Die talentiertesten Frauen haben bereits so viel technisches Können und Routine erlangt, dass sie Hemden und Hosen fertigstellen und auch Großbestellungen gelassen entgegen sehen, darunter solche für 51 Schlafanzüge und 110 Vorhänge! Seit Mai leiten diese beiden Routiniers nun die übrigen Frauen an. Im selben Monat hat Juliette Barhigenga K’Ebirhu die organisatorische Assistenz in der Werkstatt übernommen - sie aktualisiert die Produktionslisten, bestellt Materialien nach und zahlt die monatlichen Gehälter aus. Daneben übt Juliette jeden Tag eine halbe Stunden lang Lesen und Schreiben mit jenen Frauen, die es nie gelernt haben oder schlicht vergessen haben. Die Gruppe ist zusammengewachsen. Beim gemeinsamen Frühstück und Mittagessen schöpfen die Frauen Energie für ihre achtstündigen Arbeitstage im Zentrum. „In der Werkstatt herrscht eine Atmosphäre von Freude und Glück. Sowohl für ihr privates als auch für ihr berufliches Leben haben die Witwen viel Selbstvertrauen dazugewonnen“, schreibt Julie Williams im Juli. Andere Ranger-Witwen leben allerdings zu weit von Rumangabo entfernt, um täglich in das Zentrum kommen zu können. Neun von ihnen haben gelernt, Armbänder für den Verkauf an Touristen herzustellen. Und für jene Witwen, die im hohen Norden des Parks in der Umgebung von Mutsora ansässig sind, bereiten die Projektpartner derzeit ein eigenes Weiterbildungsprogramm vor.

September 2016: Als sie am Tag ihres Ausbildungsbeginns das schmucke Gebäude des Zentrums betreten, scheinen die Frauen ungläubig; Unsicherheit und Zweifel stehen ihnen ins Gesicht geschrieben. Erst im Verlauf des Tages werden die anwesenden 15 Witwen mit dem komfortablen Neubau vertrauter und beginnen zu begreifen, dass dieser Bau eigens für sie errichtet worden ist. Théodore Kubuya, ein erfahrener Schneidermeister und Ausbilder aus Goma, ist ihr erster Lehrer – acht Monate wird er die Frauen anleiten. Unterstützt wird er von der Designerin Julie Williams aus Kenia, deren Hauptaufgaben in der Leitung der Tourismusabteilung des Virunga-Nationalparks liegen. Im Raum ist Hochspannung fühlbar. Die Körper der Frauen zittern vor Aufregung, Schweißperlen stehen ihnen auf der Stirn. Kaum eine von ihnen hat je etwas genäht – erst recht nicht mit einer Nähmaschine. Die Anwesenheit von Julie ist ein Glücksfall. Auf Suaheli beruhigt sie die Frauen, geduldig erklärt sie immer wieder jeden einzelnen Arbeitsschritt, führt ihre Hände, bis schließlich die Scheu vor Maschinen, Stoff und all den Utensilien nachlässt. Die meisten üben zunächst auf  „Salala“, einer mechanischen Nähmaschine mit Fußpedalen; die rasende Schnelligkeit und die lauten Geräusche der elektrischen Maschinen erschrecken sie noch zu sehr. Am Ende des ersten Trainingstages, ein kleines Wunder: Jede der Witwen hat, mit mehr oder weniger Unterstützung von Julie und Théodore, einen bunten Stoffbeutel für ihre persönlichen Nähutensilien fertiggestellt. Trotz des anstrengenden achtstündigen Trainings hat es keine der Frauen eilig nach Hause zu kommen; erst lange nach Unterrichtsende machen sie sich gemeinsam auf den Heimweg.

Witwen-Zentrum, Virunga

Bereits am ersten Ausbildungstag stellt jede der Frauen im Witwen-Zentrum einen Stoffbeutel für ihre Nähutensilien her

7. September 2016:  Feiertag: Das Witwen-Zentrum wird offiziell eingeweiht! Unter den rund drei Dutzend vor dem Gebäude versammelten Menschen sind auch jene 18 Witwen, die hier als Erste ausgebildet werden sollen. In etlichen Reden würdigen Vertreter der Nationalparkverwaltung und Gäste die Spender und Erbauer des Witwen-Zentrums und die wichtige Arbeit der Ranger. Gemeinsam mit der Frauenkoordinatorin durchschneidet Geschäftsführerin Eva Danulat im Anschluss das Einweihungsband vor dem Gebäude. Im Inneren des Gebäudes erwartet die Gäste bereits ein Buffet mit leckeren Speisen, Kuchen und Getränken. Doch bevor er im künftigen Fortbildungsraum das Buffet eröffnet, hält der stellvertretende Parkdirektor Innocent Mburanumwe eine überaus bewegende Ansprache. Er erklärt das Bild, das die Wände ziert. Das Gemälde zeigt einen Berggorilla und weitere Vertreter der Tierwelt des Nationalparks und über ihnen einen Vulkan, der 154 grüne Sterne spuckt. Neben jedem der Sterne steht der Name eines im Dienst getöteten Rangers. Innocent kannte sie alle, jeden einzelnen. Das fertig gestellte Witwen-Zentrum sieht er heute zum ersten Mal. Sein Kommentar: „Es scheint mir, als seien Engel vom Himmel herabgestiegen, um es zu erschaffen!“

Witwen-Zentrum, Virunga

Bei der Einweihungsfeier erklärt Innocent Mburanumwe den Witwen das symbolträchtige Wandgemälde im künftigen Fortbildungsraum: Jeder der 154 grünen Sterne an den Wänden steht für ein im Dienst getöteten Virunga-Ranger

April-August 2016: Die Inbetriebnahme des Zentrums scheint zum Greifen nah, alle sind voller Vorfreude. Doch dann kommt es zu Verzögerungen beim Innenausbau und der technischen Ausstattung. Unter anderem hängen die in den Niederlanden bestellten, industriellen Nähmaschinen bis zu ihrer Zollbefreiung wochenlang an der Grenze fest. Ende August werden auch die Möblierung und Ausstattung des Witwen-Zentrums abgeschlossen.

September 2015-März 2016: Der Platz, an dem das künftige Nähwerkstatt- und Schulungsgebäude gebaut werden soll, steht fest. Der Architekt, der Bauingenieur sowie die Koordinatorin des “Witwen-Programms" Nadine Rwamakuba begehen erstmalig den Bauplatz auf dem Gelände des Hauptquartiers in Rumangabo, nahe bei dessen Eingang. Wichtige Planänderungen in letzter Minute: Die Räume werden etwas größer gebaut als ursprünglich geplant, damit das künftige Witwen-Zentrum genug Platz für den Raum für Weiterbildungsmaßnahmen, den Nähsaal mit technischer Ausrüstung, den Büro– und Lagerraum und die Toilette bieten wird.  Baubeginn ist im Oktober. Die Arbeiten schreiten, abgesehen von einer zweiwöchigen Pause um die Jahreswende, mit gutem Tempo voran. Wer hätte es gedacht?   Mitten in Afrika, im Ostkongo, wird das Werkstatt- und Schulungsgebäude, bereits im März 2016, nach nur 8-monatiger Bauphase, fertiggestellt.

Witwen-Zentrum, Virunga

März 2016: Schmuck präsentiert sich das frisch eingedeckte und gestrichene Witwen-Zentrum

August 2015: Die Belgierin Evelyne Malfliet, Assistentin von Parkdirektor Emmanuel de Merode, übernimmt die Projektkoordinierung und treibt mit großem Engagement die Aktivitäten voran.

Witwen-Zentrum, Virunga

Baustand am 23. November 2015: Die künftige Eingangstreppe ist angelegt, nun werden die Außenmauern hochgezogen

Witwen-Zentrum, Virunga

Am 18. September 2015 begehen der zuständige Architekt, der Bauingenieur sowie die Witwen-Koordinatorin Nadine Rwamakuba erstmals das Baugelände in Rumangabo

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Letzte Aktualisierung: September 2017