GEO schützt den Regenwald e.V.

Amazonien: Schweizer Hilfe für die Kulina und Kanamari

Im brasilianischen Urwald, im südwestlichen Amazonien, kämpfen Indianer vom Volk der Kulina um den Erhalt ihrer Kultur und des Regenwaldes - seit 2002 mit Unterstützung von "GEO schützt den Regenwald e.V."

Vom Fenster der Cessna aus wirkt der Wald wie ein Meer aus Brokkoli. Unten huscht der Schatten des Flugzeugs über das Grün, winzig wie ein Insekt. Krone reiht sich an Krone, endlos, bis zum Horizont im Westen, der im grauen Dunst verschwimmt. Dahinter liegen noch einmal 2500 Kilometer Brokkoli. Die ganze Welt scheint nur aus Wald zu bestehen, durch den sich wie irrende Schlangen Tausende von Flussläufen schieben.

ce5d5dd30ad5d63cc835bf64b540a9d7

15 Familien leben im Kulina-Dorf Flexeira in Pfahlbauten – insgesamt zählt das Volk der Kulina nicht mehr als tausend Häupter

In Amazonien, einem Gebiet, das von Französisch-Guayana bis Bolivien reicht, wächst der wichtigste Urwald der Erde. Auf einer Fläche, die größer ist als der australische Kontinent, leben über die Hälfte aller weltweit bekannten Arten; darunter 2,5 Millionen Insekten, 60000 Pflanzen, 2000 Fische. Die Liste ist lange nicht komplett, denn täglich entdecken Wissenschaftler neue Spezies. Tagelang war Reiner Klingholz von "GEO schützt den Regenwald e.V." mit Flugzeug und Kanus unterwegs, um an einem Nebenfluss des Juruá die Indianer vom Volk der Kulina zu erreichen, die im Südwesten der grünen Endlosigkeit siedeln. Genau wie ihr Nachbarvolk, die Kanamari, zählen die Kulina nicht viel mehr als tausend Häupter. Aber sie besiedeln ein Reservat, das ungefähr so groß ist wie ganz Niedersachsen. Hier begann "GEO schützt den Regenwald e.V." ein Projekt, das vor Ort von der "Operaçao Amazônia Nativa" (Opan) umgesetzt wird. Die brasilianische Organisation arbeitet seit Jahren erfolgreich am Erhalt der Indianerkultur und des Regenwaldes.

Opan hat beispielsweise als erste Organisation Demarkierungsarbeiten mit den Indianern durchgeführt. Dabei werden die Grenzen der staatlich festgelegten Schutzgebiete auf

Schildern und über im Wald angelegte Trassen sichtbar gemacht, damit Wilderer, Holzeinschläger oder illegale Fischer besser kontrolliert werden können. Denn auch wenn die Kulina und die Kanamari mindestens eine Wochenreise vom nächsten größeren Markt in Manaus entfernt leben, dringen die Raubtrupps immer wieder bis in die entlegenen, aber extrem fischreichen Zonen im Indianerland vor.

Ausserdem hat Opan ein medizinische Grundversorgung aufgebaut und die Einrichtung indigener Schulen vorangetrieben. Dort lernen Kinder wie Erwachsene nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch alles über die eigene Kultur - und zwar zweisprachig und von indianischen Lehrern.

Die Indianer leben in Dörfern von maximal hundert Menschen. Wenn die Gruppe wächst, teilt sich das Dorf. Die Leute fischen, jagen und betreiben Wanderfeldbau auf brandgerodeten Regenwaldflächen. Dazu fackeln sie ein paar Hektar ab und pflanzen Maniok und Bananen. Nach ein paar Jahren werden die Felder aufgegeben und wachsen zu, bevor die letzten Früchte geerntet sind. Zerstören lässt sich der Wald mit dieser Methode nicht, schon weil die Zahl der Bauern angesichts der Riesenflächen niemals ausreichen würde.

Die Arbeit von Opan beruht auf der Überzeugung, dass sich Indianerkultur und Regenwald am besten bewahren lassen, wenn die Siedlungen im Wald bestehen bleiben. Denn in Städten haben die Indianer häufig sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Die meisten Kulina und Kanamari entscheiden sich deshalb nach wie vor dafür, im Wald zu bleiben.

"Sie verstehen die Frage, warum sie in der Stadt leben sollten, überhaupt nicht", sagt Frank Tiss, ein deutscher Pastor, der die Kulina lange studiert hat. Er spricht ihre Sprache, bringt derzeit ihre Grammatik zu Papier und ist fast als einer der Ihren bei den Kulina aufgenommen. "Das ganze Leben in der Stadt widerstrebt ihnen. Den Individualismus der Weißen finden sie traurig, die Menschen stumm und einsam."

450540bdb20bd70f2893e160a2e5f249

In der Dorfschule lernen auch Erwachsene – auf Portugiesisch und in der eigenen Indianersprache

"Wir sind wie die Weißlippen-Wildschweine", sagen die Kulina stolz über sich selbst. Diese großen, schlauen und wehrhaften Tiere leben in starken Rudeln und kennen sich bestens aus im Wald. Doch ein Tier allein wäre verloren wie ein einzelner Kulina.

Das angepasste Leben im Wald funktioniert heutzutage allerdings nur, wenn gewisse Kontakte zur weißen Kultur existieren. Denn auch die Indianer brauchen Geld, um grundlegende Versorgungsgüter wie Salz, Kleidung, Töpfe, Moskitonetze, Werkzeuge oder Angelschnur in der nächsten Stadt erstehen zu können. Für solche Ausflüge sind sie einen Tag im Boot unterwegs, dem einzigen Verkehrsmittel. Opan will jetzt Handelswege erschließen, damit die Indianer Produkte absetzen können, die sie dem Wald nachhaltig abgewinnen - vor allem hochwertige Fruchtessenzen, sowie Baumöle wie Copaíba- und Andirobaöl, die in der kosmetischen Industrie begehrt sind.

Für die Nutzung soll mit kundiger Indianerhilfe zunächst der Wald kartiert werden, um die Erntemengen zu bestimmen und eine Übernutzung zu verhindern. In Workshops und auf traditionellen Treffen der indigenen Führer werden Stammesdelegierte ausgebildet. Vor allem sollen sie die Marktgesetze der Weißen kennenlernen, die nach anderen Regeln funktionieren als die traditionelle Tauschwirtschaft. Bislang werden Indianer oft hemmungslos betrogen, wenn sie ihre Produkte in größeren Orten anbieten.

0423970701653072461847607a279051

In Amazonien, dem größten zusammenhängenden Urwald der Erde, leben über die Hälfte aller weitweit bekannten Arten

Das Projekt ist auf neun Jahre geplant, denn das Ganze ist ein langwieriger Prozess. Indianer sind grundsätzlich skeptisch und probieren Neues nur vorsichtig aus. Hektik ist ein Fremdwort im Regenwald. Allein um die Nachbarstämme zu besuchen, sind oft wochenlange Kanufahrten in einem Gewirr von Flüssen vonnnöten. Doch Ruhe und Langsamkeit sind das Beste, was der Natur am Amazonas widerfahren kann.

"GEO schützt den Regenwald e.V." wird die erste Phase des Projektes finanzieren. Anschließend soll es über andere Geldgeber weiterbetrieben werden. Möglich wurde das "Förderprogramm für nachhaltige Initiativen am mittleren Juruáfluss in Amazonien" dank einer großen Spende der Schweizer Firma Katadyn, die Produkte zur Wasseraufbereitung herstellt.

Die wirksame Zusammenarbeit mit der brasilianischen Organisation OPAN lief Mitte Juli 2005 aus.