GEO schützt den Regenwald e.V.

Die Zukunft der Indianer liegt im Wald!

Ein neues Projekt von "GEO schützt den Regenwald e.V." soll zwei Völkern am Amazonas helfen, ihre Kultur zu bewahren – und gleichzeitig von der Welt der Weißen zu profitieren
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Mit Hütten auf Stelzen haben Indianer vom Stamm der Kanamari ihr Dorf Flexeira gegen die Überflutungen in der Regenzeit gerüstet

Durch Eirunepé, ein gottverlassenes Nest im Südwesten des brasilianischen Bundesstaates Amazonien, führt eine schnurgerade Hauptstraße. Im Norden endet sie nach ein paar Kilometern im Wald; im Süden geht sie in den Rio Juruá über. Wenn man dort, im „Hafen“ von Eirunepé, in ein Kanu steigt und sich vom kreischenden Außenborder eine Stunde lang flussabwärts schieben lässt, in den Rio Tarauacá einbiegt und nach zwei Stunden die Abzweigung in den Rio Itucumã sucht - spätestens dann ist man hoffungslos verloren. Es sei denn, man hat sich einem erfahrenen indianischen "piloto" anvertraut. Der kann die Flüsse lesen, die wie Schlangen durch das endlose Grün irren. Noch einmal zwei Stunden dauert die Fahrt durch den Blättertunnel, vorbei an dösenden Fransen-Schildkröten, begleitet von Ara-Schwärmen und verfolgt von Krokodilsaugen, bis wir das Dorf Flexeira erreichen. Weit oben über dem Fluss, jenseits der Uferböschung, stehen die Holzhütten von 15 Familien, auf Stelzen gebaut. Erst in der Regenzeit, wenn das Land in einer Seenplatte ertrinkt und die Fische im Wald geangelt werden, erschließt sich der Sinn dieser Bauweise.

Flexeira liegt in einem neuen Projektgebiet von "GEO schützt den Regenwald e.V." – in den Jagd- und Fischgründen der Kanamari, einem der armen, aber landreichen Indianervölker Brasiliens. Nicht viel mehr als tausend Kanamari besiedeln mit dem etwa gleich starken Nachbarvolk der Kulina ein Naturreservat, das mit zwei Millionen Hektar so groß ist wie das Bundesland Hessen.

Im Morgengrauen, wenn sich der Nebel aus dem Dorf in die Wälder verkriecht, qualmen schon die Feuer in den Pfahlbauten. Die Frauen flechten Körbe und zerstampfen gekochte Maniokwurzeln. Keiner bringt den Kindern etwas bei. Sie lernen durch Beobachten und werden später im Wald Fährten und Geräusche erkennen, die einem Weißen auf ewig verschlossen bleiben. Es ist ein Balanceakt zwischen Moderne und archaischer Vergangenheit, der das Leben der Indianer prägt. Sie jagen, wie Generationen vor ihnen, Capybaras (Wasserschweine) und Pekaris (Wildschweine) und betreiben Wanderfeldbau auf brandgerodeten Regenwaldflächen. Aber sie haben längst Kontakt zur Welt der Weißen und laufen nicht im Federschmuck, sondern in zerschlissenen Leonardo-di-Caprio-T-Shirts aus der Altkleidersammlung in Stuttgart oder Bielefeld herum.

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Wer einen Häuptling zum Vater hat, wird kein schlechter Fischer werden: Dorfchef Iode und sein Sohn auf Verpflegungstour

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Sozialisation im Spiel: Der selbst gebaute Bogen hilft Indianerjungen, schon früh das später wichtige Jagen zu üben

Über Kurzwelle halten sie Kontakt zu ihren Nachbardörfern und zum Opan-Büro in Eirunepé.

Opan steht für "Operação Amazônia Nativa". Die brasilianische Organisation arbeitet seit Jahren erfolgreich am Er-halt der Indianerkultur und des Regenwaldes und setzt das GEO-Projekt für die Kanamari und Kulina vor Ort um. Opan hat in den 1980er Jahren erstmals Demarkierungsarbeiten mit den Indianern durchgeführt. Dabei werden die Grenzen der staatlich festgelegten Schutzgebiete auf Schildern und über Trassen sichtbar gemacht, damit sich Wilderer, Holzfäller oder illegale Fischer besser kontrollieren lassen. Auch wenn das Gebiet mindestens eine Wochenreise vom nächsten größeren Markt in Manaus entfernt liegt, dringen Raubtrupps immer wieder in das fischreiche Indianerland ein.

Grundlage des Projektes ist die Erkenntnis, dass die Indianer die ihnen zugesprochenen Gebiete am besten schützen können, wenn sie vor Ort in ihren Dörfern bleiben. Und das wollen die meisten auch. "In der Stadt machen sie vorwiegend schlechte Erfahrungen. Jeder Indianer, der nicht rechnen kann und aus seinem Dorf nur die Tauschwirtschaft kennt, wird auf dem Markt betrogen", sagt Frank Tiss, ein deutscher Pastor, der seit Jahren in Amazonien lebt und die Sprache der Kulina studiert hat. "Den Individualismus der Weißen finden sie traurig, die Menschen kommen ihnen stumm und einsam vor. Wenn die Indianer in der Stadt bleiben, sind sie fast immer verloren." "Doch durch die Kontakte zur Stadt entstehen zwangsläufig Ansprüche, die es früher nicht gegeben hat", sagt Rosa Monteiro vom Opan-Büro in Eirunepé. "Deshalb haben wir in den Dörfern eine medizinische Grundversorgung aufgebaut und Schulen eingerichtet." Dort lernen Kinder wie Erwachsene nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch alles über die eigene Kultur – zweisprachig und von indianischen Lehrern.

Zur Kultur gehört vor allem die indianische Basisdemokratie. Iode, der Häuptling von Flexeira, kann nur vertreten, was zuvor im Konsens beschlossen wurde. Alle Fragen werden diskutiert, und wenn man sich nicht einigt, wird eben weiter diskutiert. Ein guter Häuptling beherrscht die Fähigkeit, Konsens zu stiften. Nach außen ist er nur das Sprachrohr seiner Leute. Frieden zu stiften, gehört dabei zu den wichtigsten Aufgaben. Weil jede Familie ein Stück Wald abbrennt, auf dem für ein paar Jahre Maniok, Bananen, Mais und Süßkartoffeln gepflanzt werden, dehnen sich um alle Dörfer die Ackerflächen aus. Und weil die Wege zu den Feldern immer länger werden, je mehr Menschen zusammenleben, kommt es zu Streitereien, wenn ein Dorf auf mehr als hundert Seelen anwächst. Auf gemeinsamen Beschluss teilt sich dann die Gemeinde. So bestimmen Umwelt und Kultur letztlich die Größe der kleinen Dörfer. Städte passen beim besten Willen nicht in das Weltbild der Amazonas-Indianer.

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Alle hören zu, alle sind zum Mitreden aufgefordert, als Häuptling Iode das GEO-Projekt erörtert. Die Dörfer der Kulina und Kanamari sind klein genug für Basisdemokratie

Natürlich sind die Kulina und die Kanamari keine geborenen Naturschützer. Auch ihre verkohlten Rodungsflächen sehen auf den ersten Blick verheerend aus. Bei der Jagd wird auf alles geschossen, was sich bewegt. Der Fährtensuchkunst und Treffsicherheit der Indianer entgeht nichts, zumal seit sie gelernt haben, mit Gewehren umzugehen. Flussschildkröten wandern in den Topf, obwohl sie zu den vom Aussterben bedrohten Arten zählen. Doch weil die Indianer nicht lange an einem Ort bleiben und sie ohnehin nur wenige sind, schädigen sie den Wald nicht nachhaltig. Dorfversammlung in Flexeira: Fast alle Erwachsenen sind zum Platz vor der Schule gekommen, dazu Kinder, Hunde, Hühner. Rosa Monteiro berichtet von dem neuen Projekt. "Wir haben gute Erfahrungen mit Opan gemacht", sagt Iode, der Häuptling, "und wir wollen weiter mit den Opan-Leuten zusammenarbeiten. Unsere Kinder sollen die Gesetze der weißen Gesellschaft begreifen. Wir müssen unsere Rechte kennen. Wir wollen wissen, wie wir mit illegalen Fischern umgehen sollen. Und wir müssen Zugang zum Markt bekommen, damit wir Geld verdienen können. Das brauchen wir für Kochtöpfe, Batterien, Angelschnur, Salz und Buschmesser." Einfache Forderungen, die es jetzt zu erfüllen gilt. Derzeit werden im Rahmen des GEO-Projektes Pläne für die nachhaltige Nutzung des Waldes erarbeitet. Denn nicht alles im Wald, was einen Erlös verspricht, lässt sich auch dauerhaft ausbeuten. Also werden die Dörfer beraten – etwa bei der Produktion und Vermarktung von Ölen des Copaíba- und Andirobabaumes, die in der kosmetischen Industrie begehrt sind.

Workshops im Rahmen des GEO-Projektes, etwa zur brasilianischen Umwelt-Gesetzgebung und ihrer Auswirkung auf die indigenen Völker oder zur Grenzsicherung, sind gut besucht. Und erst recht ganz praktische Kurse zum Warten von Funkstationen und Bootsmotoren. Einzelne Bewohner der Dörfer nehmen eine einwöchige Anreise auf sich, um an solchen Veranstaltungen teilzunehmen. Die Chancen stehen gut, dass sich der Wald mithilfe der GEO-Initiative bewahren lässt. Am besten wird das gelingen, wenn die Indianer die ihnen zugesprochenen Gebiete auch eigenständig schützen können. Aber dies ist nur möglich, wenn sie als soziale Gruppe intakt bleiben. "Wir sind wie die Weißbart-Pekaris", sagen die Kulina stolz über sich selbst. Die großen, schlauen und wehrhaften Tiere leben in starken Rotten und kennen sich bestens aus im Wald. Ein Tier allein ist hingegen ebenso verloren wie ein einzelner Kulina.