Warum New Orleans untergehen musste

Gegen einen Hurrikan wie "Katrina" hatte die Stadt nie eine Chance. Das Risiko war seit Jahren bekannt

Was die Situation für die Jazz-Metropole besonders kritisch machte, ist die exponierte wie fragile Lage der Stadt: Sie ist an drei Seiten von Wasser umgeben - dem Mississippi, dem Golf von Mexiko und dem Lake Pontchartrain, der die Stadt nach Norden abgegrenzt - und sie liegt in weiten Teilen unterhalb des Meeresspiegels. Die Dämme der Stadt sind allerdings nur auf maximale fünfeinhalb Meter hohe Überschwemmungen ausgelegt, während der amerikanische Wetterdienst und das Nationale Hurrikan-Zentrum vor mehr als acht Meter hohen Sturmfluten warnten. Die Stadt gleicht damit einer riesigen Badewanne, die schon bei schwächeren Stürmen als Katrina vollzulaufen droht - Pumpen und Abwasserkanäle hatten schon früher versagt. Entsprechend standen schon weite Teile der Stadt vor Ankunft Katrinas unter Wasser. Durch den Totalausfall der Elektrizität haben die Pumpen den Dienst eingestellt. Ohnehin ist ihre Leistung weit schwächer als das nachströmende Wasser es erfordern würde - sie sind nicht auf derartige Volumina eingestellt.

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New Orleans am 31. August 2005: Über 80 Prozent der Stadtfläche stehen unter Wasser - manche Gebiete bis zu neun Meter tief

Dazu kommen noch die ständigen Verluste an Marschen und Sumpfwäldern vor den Toren New Orleans, denen der steigende Meeresspiegel im Golf und mehr noch die ausbleibenden Sedimente aus dem Mississippi die Lebensgrundlage rauben. Durch Eindeichungen, Ausbaggerungen und Stichkanäle haben die Ingenieure des American Corps of Engineers in den letzten Jahrzehnten zunehmend die Strömungsdynamik des größten nordamerikanischen Flusses vom Oberlauf bis zur Mündung verändert, sodass er seine verringerten Sedimentfrachten nicht mehr in ausreichendem Maße in seinem Delta aufschütten kann. Zudem bilden die vertieften Gräben günstige Angriffspunkte für Stürme, die damit die Bodenverluste beschleunigen können.

Auch aus Pelzfarmen entflohene südamerikanische Nutrias - eine Nagetierart - verursachten starke Schäden am Ökosystem, denn sie fressen häufig an den Wurzeln wichtiger Marschpflanzen und bringen damit die Vegetation zum Absterben: Ohne diese Verankerung können Wind und Wasser nun den Schlick leichter erodieren, wordurch wiederum neue Bereiche der Küstenvegetation dem schädlichen Einfluss reinen Salzwassers ausgesetzt werden. Und schließlich tragen auch noch natürliche Absenkbewegungen des frischen, unbefestigten Neulandes - bei fehlendem Sedimentnachschub - ebenfalls zum Küstenabtrag bei. Auf diese Weise verlor diese natürliche Barriere der Stadt zum Meer im 20. Jahrhundert mehr als 4900 Quadratkilometer Fläche.

Dieser Schutzraum wäre aber nicht nur als natürlicher Deich dringend nötig, denn ein Hurrikan tankt eben seine gesamte Kraft aus warmem Ozeanwasser - über Land schwächt er sich rasch ab. Er zieht dann zwar noch als tropisches Tiefdruckgebiet mit ergiebigen Niederschlägen weiter, aber seine verheerenden Windböen reduzieren sich bald auf "nur" noch maximal Orkanstärke (weniger als 120 Kilometer pro Stunde). Die Regenmengen können allerdings immer noch enorm sein: 600 Millimeter in einer Stunde sind durchaus möglich - das entspricht dem Jahresniederschlag von Berlin.

Quelle: www.spektrumdirekt.de

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Zerstörte Straßen an der Bay St. Louis, Mississippi

Linktipp:

Mit Hilfe von Computersimulationen haben Wissenschaftler der Universität Louisiana den Untergang von New Orleans bereits 2002 vorhergesehen. Die menschlichen Eingriffe in das Marschland der Mississippi-Mündung würden maßgeblich dazu beitragen, dass New Orleans bei einer Sturmflut untergehen könnte. Lesen Sie den ausführlichen Artikel "Wenn New Orleans versinkt" (http://www.wissenschaft-online.de/spektrum/pdf/frei/FISCHETTI_NewOrl.pdf) bei unserem Partnerdienst www.spektrumdirekt.de

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