Verhalten: Akustische Anmache

Wenn der Keulenpipra auf Brautschau geht, spielt er den Vogeldamen ein Lied - mit dem Gefieder

"Tick-Tick-Ting" - "Tick-Tick-Ting", schallt es durch die Regenwälder Ecuadors und Kolumbiens, wenn der Keulenpipra Machaeropterus deliciosus auf Balz ist: Zwei kurze Klicklaute und ein langgezogenes "Ting", wie von einer Violinsaite. Der zu den Schnurrvögeln zählende Exot hält dabei freilich seinen Schnabel. Er benutzt die Federn der Armschwingen als Musikinstrument. Schon Charles Darwin berichtete 1871 von diesem ungewöhnlichen Verhalten. Doch Kimberly Bostwick, Biologin an der Cornell University in Ithaca (US-Bundesstaat New York) und ihr Kollege Richard Prum vom Museum of Natural History der Yale University wollten es genauer wissen und zeichneten das eigenwillige Balzkonzert des Keulenpipras mit einer Hochgeschwindigkeits-Videokamera auf.

Um ihre Federn zum Klingen zu bringen, so zeigte sich, schlagen die Männchen deren Spitzen hinter ihrem Rücken zusammen - 107-mal pro Sekunde (107 Hertz). Bei keinem anderen Wirbeltier wurden bisher derart schnelle Bewegungen von Gliedmaßen beobachtet. Zum Vergleich: Klap-perschlangen bringen es mit ihrem rasselnden Schwanz auf 90 Hertz, der Flügelschlag von Kolibris erreicht maximal 80 Hertz.

Die ungewöhnlichen Töne sind auf den Aufbau der Flügelfedern zurückzuführen. Die Schäfte der Armschwingenfedern sind an den Enden keulenförmig verdickt. Die der sechsten und siebenten sind dazu noch vergrößert, entlang ihrer Längsachse stark verdreht und innen hohl, bilden beim schnellen Gegeneinanderschlagen also gute Resonanzkörper. Das erklärt aber noch nicht die höhere Frequenz der Schnurrlaute, die Bostwick und Prum mit rund 1,5 Kilohertz angeben. Dafür sorgt vermutlich die gerippte Oberfläche des sechsten Federschaft-Endes, auf der die ausgezogene Spitze der fünften Feder aufliegt: Beim Aneinanderreiben der Federn während des Balzens bewirkt diese Struktur, dass die Frequenz um das 14fache erhöht wird.

Ähnliche Methoden der Klangerzeugung sind sonst nur bei Insekten bekannt, etwa bei Grillen. Dass Pipras diesen für Wirbeltiere einzigartigen Aufwand bei der Balz treiben, deutet für die Biologen auf einen besonders hohen evolutionären Druck hin. Kein Wunder: Die Pipra-Männchen sind polygam und ständig auf Brautschau. Eine extravagante klangliche Vorstellung sichert dabei die besten Chancen auf zahlreichen Nachwuchs.

Alle GEOskope aus dem Magazin Nr. 10/05

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