Unter Eisbären

Für GEO reiste der preisgekrönte Tierfotograf Thorsten Milse nach Kanada, um Eisbären mit ihren Jungen zu fotografieren. Doch nicht fürsorgliche Bären-Muttis waren die größte Gefahr. Sondern die Kälte

Seit Stunden wartet Thorsten Milse auf diesen Moment: Die Bärin stellt sich auf die Hinterbeine. Das Motiv des Tages. Doch dem Tier sind die Fotografen egal. Noch bevor Milse seine Kamera auf dem Stativ von Quer- auf Hochformat umstellen kann, trottet sie ungerührt davon. Zu kalt sind die Finger in den zwei Lagen Handschuhen. Und nach stundenlangem Warten bei minus 50 Grad sind alle Bewegungen ein bisschen langsamer. Ein schwacher Trost: Auch namhafte Kollegen, die neben Thorsten Milse auf der Lauer liegen, schaffen es nicht.

23614ae298ba1988783f934ebf14068d

100 Meter Sicherheitsabstand machen mindestens ein 600-mm-Teleobjektiv erforderlich

Dennoch gelingen Thorsten Milse am Ende atemberaubende Aufnahmen von Eisbärinnen mit ihren Jungen, meistens Zwillingen. Vier Mal hat er dazu den Wapusk-Nationalpark an der Hudson Bay bereist, jedes Mal für die Dauer von drei bis vier Wochen. Und immer im Februar/März. Denn in dieser Zeit bringen die Weibchen in selbst gegrabenen Schneehöhlen ihre Jungen zur Welt.

In the middle of nowhere

Nach der Landung auf dem winzigen Flughafen von Churchill geht es eineinhalb Stunden mit der Bahn weiter durch die Eis- und Schneewüste. "Dann steigt man im Dunkeln mitten im Nirgendwo aus", erzählt Milse. Immerhin: Park-Guides holen die Fotografen mit Schneefahrzeugen von der Station ab und bringen sie zu einer zur Lodge umfunktionierten Militärbaracke. So weit der gemütliche Teil.

Die Jagd beginnt

Morgens machen sich die Guides mit schnellen Schneemobilen, so genannten Ski-Doos, auf die Suche nach Eisbären. Sobald sie frische Spuren und neu gegrabene Höhlen entdeckt haben, geben sie die Position via Satellitentelefon an die Guides mit den Fotografen im Schlepptau durch. Dann ist Eile geboten, denn die Eisbären warten nicht, und bis zur Ankunft am Sichtungsplatz können schon mal ein bis zwei Stunden vergehen. Schließlich ist der Park so groß wie alle deutschen Nationalparke zusammen.

Safety first

Dann: "Aussteigen, Stativ aufbauen, frieren", sagt Milse trocken. Näher als 100 Meter dürfen die Fotografen nicht an die Bären heran. Auf diese Distanz sehen und riechen die Bären die Menschen zwar, fühlen sich aber nicht bedroht. Zudem würde eine Bärenmutter ihre Jungen niemals allein lassen, auch nicht für kurze Zeit. Also: Keine Gefahr für die Fotografen und die Guides.

"Passiert ist im Park bei solchen Foto-Terminen mit Eisbären noch nie etwas", sagt Thorsten Milse. Da die Höhlenöffnungen meist auf der windabgewandten Seite der Schneewehen liegen, haben die Fotografen den eiskalten Wind immer im Gesicht. Da ist es schnell mal gefühlte 50 Grad kalt. "Das unterschätzt man leicht", sagt Milse. "Wenn einem der Kollege nicht sagt, 'du, deine Maske ist verrutscht', dann kann man schnell Erfrierungen im Gesicht bekommen." Bisher ist Milse mit einem eingefrorenen Daumen davongekommen. "Nach zwei Wochen war das Taubheitsgefühl wieder weg."

Das Warten lohnt sich - manchmal

Aber dann gibt es Momente, die für all das Warten und Frieren entschädigen: "Einmal wollten wir schon zusammenpacken, die Sonne war gerade zwei Minuten untergegangen, es war nur noch ein roter Schein am Himmel. Vor uns lag eine Bärin mit zwei Jungen, die wir schon den ganzen Tag über beobachtet und fotografiert hatten. Die Guides sagten, wir müssen los. Nachts fahren ist gefährlich. Da setzte sich die Bärin hin und die beiden jungen kamen zu ihr zum Säugen an die Brust. Das machen Bären nur, wenn sie sich ganz sicher fühlen. Und dann dieses Licht ... also haben wir schnell noch einmal ausgepackt." Ein anderes Mal konnten Milse und seine Kollegen beobachten, wie die kleinen Eisbären zum ersten Mal ihre Geburtshöhle verließen, das "Licht der Welt erblickten". "So was vergisst man nicht", sagt Milse.

In der Kälte besser: Digitale Technik

Seit Thorsten Milse Eisbären fotografiert, arbeitet er mit digitalen Kameras. Das Ergebnis bei einer 16,7-Millionen-High-End-Kamera ist von der Qualität besser als ein Film, sagt Milse - besonders bei schummrigen Lichtverhältnissen. Ein weiterer Vorteil: Man muss nicht nach 36 Aufnahmen den Film wechseln. Die Hände werden nicht kalt, der Film kann nicht reißen. Und der Monitor bietet zusätzliche Sicherheit beim Belichten. Ohne Teleobjektive geht bei einem Sicherheitsabstand von mindestens 100 Metern gar nichts. Die längste Brennweite, die Thorsten Milse dabeihatte: 600 Millimeter. Um richtig nah ranzugehen, verwendete er 1,4- und 2-fach-Konverter.

Die Homepage von Thorsten Milse: www.wildlifephotography.de

GEO.de Newsletter