Umwelt: Der alte Mann im neuen Bett

Weil der begradigte Mississippi keine Sedimente mehr in sein Umland verbringt, soll der Lauf des "Old Man River" verändert werden

Der Wirbelsturm "Katrina" und die Katastrophe von New Orleans haben im amerikanischen Bundesstaat Louisiana zu einem Umdenken im Küstenschutz geführt. Unter anderem soll ein verwegener Plan die Erosion des Mississippi-Deltas stoppen: Der Unterlauf des fast 3800 Kilometer langen Flusses soll geteilt werden und dann mit zwei Auslässen statt wie bisher mit einem in den Golf von Mexiko münden. Was wie ein grober Eingriff in die Natur erscheint, wäre in Wirklichkeit eine Renaturierung des seit dem 19. Jahrhundert stark eingedeichten und begradigten Wasserlaufes. Weil der Fluss sich in seinem Mündungsgebiet nicht mehr so wie in früheren Jahrtausenden ausbreiten kann, lädt er seine Sedimente nur noch vorn an der Hauptmündung ab.

Die aber hat sich durch die Sedimente so weit in den Golf hinausgeschoben, dass ihre Spitze die Kante einer Kontinentalplatte erreicht hat. Dort verschwinden die vom Fluss jährlich mitgeführten 120 Millionen Tonnen Sedimente in den Tiefen des Meeres und können nichts mehr zum Schutz der Küste beitragen. "Dieser Verlust muss jetzt gestoppt werden!", fordert die Geologin Denise Reed von der University of New Orleans, die die Maßnahmen zusammen mit einer internationalen Expertengruppe entwickelt hat.

Um etwa 25 Prozent sind die Marschlande westlich und östlich des Mississippi-Deltas seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geschrumpft und haben die Küsten Louisianas angreifbar für Stürme und Fluten gemacht. Leitete man die Sedimente hingegen in ufernahe Flachwassergebiete um, so Denise Reed, könnten sie von Wind und Wellen in die Küste eingebracht werden. Die Ablagerungen würden pro Jahr rund 150 Quadratkilometer Fläche 1,25 Zentimeter hoch bedecken - eine Menge, die dem Landverlust Einhalt gebieten und ihn vielleicht sogar umkehren könnte. Auch schützende Inseln würden entstehen.

Reeds Vorschlag ist in der Öffentlichkeit und bei den Behörden auf überraschend einhellige Zustimmung gestoßen. Die wichtigste Frage für New Orleans, einen der größten Seehäfen der USA: wie nach dem Eingriff Schiffe die Mississippi-Mündung passieren können. Hierfür soll ein neuartiges Schleusensystem entwickelt werden.

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