"Wir strecken unsere Hände langsam nach der Tiefsee aus"

Bizarr geformte Krebse, grazile Schlangensterne, nie gesehene Asselarten: Im Interview erzählt die Meeresbiologin Brigitte Ebbe über verblüffende Entdeckungen - und das neu erwachte Interesse an der Tiefsee

8000 Wissenschaftler arbeiten in dem Projekt "Census of Marine Life", der "Volkszählung der Meere". Brigitte Ebbe ist eine von ihnen. Sie begleitete im Rahmen des Teilprojekts CeDaMar (Census of Diversity of Abyssal Marine Life) eine Expedition des deutschen Forschungsschiffs "Polarstern". Im Fokus dieser Expedition standen die Meeresböden in einer Tiefe von 4500 bis 5500 Metern.

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Brigitte Ebbe ist Meeresbiologin am Deutschen Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung

GEO.de: Was haben Sie über den Lebensraum Tiefsee in Erfahrung bringen können?

Dr. Brigitte Ebbe: Die Vielfalt in der Tiefsee ist riesig - trotz der extremen Bedingungen. Wir haben inzwischen eine ganze Menge neuer Arten gefunden. Und auch in der Tiefsee gibt es ganz verschiedene ökologische Nischen, die sich die Organismen untereinander aufteilen.

Welche neuen Arten haben Sie entdeckt?

In der antarktischen Tiefsee haben wir rund fünfhundert neue Arten von Isopoden, also Tiefseeasseln, gefunden. Die Anzahl der bekannten Arten hat sich damit mehr als verdoppelt.

Können Sie die Tiere auch in ihrem Lebensraum beobachten?

Nein, Tauchboote sind teuer. Wir sammeln Proben und holen sie an Deck des Forschungsschiffes. Die Organismen der Tiefsee sind allerdings sehr empfindlich. Aus über 2000 Meter Tiefe kann man sie nicht mehr lebend heraufholen.

Wie kann man dann etwas über ihre Lebensweise herausfinden?

Wenn man über ein Lebewesen direkt etwas erfahren möchte, muss man Experimente machen. Im Prinzip lässt man ein Gerüst herunter, an dem man verschiedene Sachen befestigen kann. Zum Beispiel Sedimenttöpfchen, die besiedelt werden sollen. Man kann auch eine Kamera runterschicken, die automatisch alle zwei oder zehn Minuten ein Bild macht.

Heißt das, Sie haben ihr Forschungsgebiet noch nie aus nächster Nähe erleben können?

Doch, ich hatte das ganz große Glück, im September mit einem Tauchboot 700 Meter tief zu tauchen. Es ist ein komisches Gefühl, wenn man unten aufsetzt und merkt, dass die Erde da weitergeht. Auf dem Forschungsschiff rollt man die Leine ab und weiß, nach 5000 Metern ist das Gerät unten. Aber wie es dort wirklich aussieht, können auch wir uns nicht vorstellen. Für jemanden, der kein Tiefseeforscher ist, ist das alles noch viel weiter weg.

Woher kommt das neue Interesse für die Tiefsee?

Die Fischerei an den Küsten gerät in arge Bedrängnis. Große küstennahe Gebiete sind schon leergefischt, darum werden jetzt die Fischbestände der Tiefsee attraktiv. Auch die Gewinnung von Mangan verspricht lukrativ zu werden. Wir strecken unsere Hände langsam nach diesem Teil der Erde aus.

Auf der Versammlung der Vereinten Nationen ist das geplante Memorandum gegen die Grundschleppnetzfischerei nicht zustande gekommen. Wie schätzen Sie die Gefahr für die Tiefsee ein?

Schleppnetze hinterlassen eine ziemliche Todesspur. Ich würde mir wünschen, dass sie verboten werden. Vor allem, weil sie so groß sind. In den 80er Jahren gab es ein Experiment vor Chile. Der Meeresboden erholt sich sowieso langsam, aber wenn die Spur breit ist, kann es zehn Jahre und länger dauern, bis dort wieder eine in sich ausgewogene Lebensgemeinschaft entstanden ist.

Warum dauert es so lange?

In der Tiefsee geht alles viel langsamer. Ohne Licht, keine Pflanzen. Tiere, die da unten leben, müssen auf das warten, was von oben runterregnet. Meist wird das unterwegs schon ein oder zweimal gefressen und wieder ausgeschieden. Und jedes Mal hat es natürlich an Energie verloren. Was dann unten ankommt, ist nicht mehr so hochwertig. Das macht das Leben härter und es geht eben auch alles langsamer.

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