Ökologie: Rohöl statt Grauwal?

Vor der russischen Insel Sachalin im Ochotskischen Meer kämpfen Umweltschutzorganisationen für das Überleben der letzten Westpazifischen Grauwale

Weltweit existieren schätzungsweise nur noch rund 115 Exemplare der seltenen Grauwal- Unterart, darunter 23 fortpflanzungsfähige Weibchen. Während der Sommermonate halten sich die Tiere hauptsächlich an einer Stelle auf: in der Bucht von Piltun an der Ostküste der Insel Sachalin, den Nahrungsgründen für die Letzten ihrer Art. Ausgerechnet in diesem Refugium kollidieren die Interessen von Mensch und Natur. Denn unter dem Meeresboden befinden sich Erdölvorkommen von geschätzten 3,3 Milliarden Barrel sowie nicht minder riesige, erschließbare Erdgasreserven.

Konzerne wie Shell und Mitsubishi fördern seit 1998 vor Sachalin während der

Sommermonate täglich etwa 75 000 Barrel Öl, berichtet der World Wildlife Fund (WWF). Doch rund um die Insel sollen zusätzlich zu den beiden schon existierenden Konzessionsgebieten "Sachalin 1" und "2" sieben weitere erschlossen werden. Insgesamt sind zehn neue Bohrstationen geplant oder im Bau - darunter zwei innerhalb von Sachalin 2. Der Betreiber Sachalin Energy, ein Konsortium aus Shell, Mitsui und Mitsubishi, errichtet zudem 20 Kilometer südlich der Futterplätze eine Unterwasser-Pipeline, die Sachalin 2 mit dem Festland verbinden soll. Neben den Gebietsverlusten beeinträchtigt auch der Bau- und Betriebslärm die sensiblen Tiere, die per Infraschall miteinander kommunizieren. Die Piltun-Bucht im Ochotskischen Meer friert während der langen Wintermonate zwischen Dezember und Mai ganz oder teilweise zu. Würde in dieser Zeit Öl auslaufen, bliebe es unter den Eismassen unbemerkt.

Derzeit gibt es auch keine Methode, mit der das Öl dann entfernt werden könnte. Selbst an Land bereitet der Bau der weiterführenden Pipeline Probleme. So hat die russische Regierung massive Umweltverstöße bei den Arbeiten an dieser Leitung festgestellt. Vom ungesetzlichen Abholzen von Primärwäldern bis hin zur Verschmutzung zahlreicher Flüsse missachtet Shell geltende Umweltbestimmungen. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), ein Geldgeber des Projekts, überprüft daher ihre finanzielle Unterstützung des Ausbaus von Sachalin 2.

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