Artenvielfalt: Prüfung im Eilverfahren

Es ist ein Fünf-Milliarden-Euro-Projekt. Quer durch die Ostsee wird künftig eine Pipeline verlaufen, die sibirisches Erdgas nach Deutschland und weiter in andere Länder Europas leitet. Mit dem Großvorhaben soll etwa ein Zehntel des europäischen Erdgasbedarfs gedeckt werden - auf Kosten des Naturschutzes?

Im Verlauf des 1200 Kilometer langen Weges von der Hafenstadt Wyborg an der russischen Ostseeküste bis nach Greifswald wird die Pipeline allein auf deutschem Boden die Vogelschutzgebiete "Greifswalder Bodden" und "Pommersche Bucht" kreuzen (diese ist zugleich Naturschutzgebiet). Ob der Betreiber beim Bau die Anforderungen des Naturschutzes einhält, ist laut Jochen Lamp von der Umweltstiftung WWF fraglich. "Der Zeitrahmen für ein seriöses Umweltgutachten ist zu kurz." Der Terminplan der Firma Nord Stream, eines Konsortiums aus dem russischen Unternehmen Gazprom, Wintershall und der E.ON Ruhrgas AG, ist in der Tat eng kalkuliert: Schon im Herbst 2007 soll ein umfassender Umweltbericht in den beteiligten Ländern vorliegen.

Das wäre nur ein halbes Jahr, nachdem das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg die Richtlinien für eine so genannte Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) nach europäischem Naturschutzrecht festgelegt hat. Denn während zum Beispiel für Off-Shore-Windparks in deutschen Gewässern bereits UVP-Standards gelten, gibt es für eine Pipeline derzeit noch keine solchen Bestimmungen. Jens Müller, Pressesprecher von Nord Stream, ist zuversichtlich: Laufe alles nach Plan, könne Nord Stream bereits im Jahr 2008 mit dem Bau beginnen. Kritisch werden könnte es dann vor allem für die sensiblen Flachwasserzonen im und um den Greifswalder Bodden: Wird das Biotop zerstört, hätte dies ernste Auswirkungen auf die Heringsbestände in der Ostsee: Die Boddenlandschaft gilt als deren zentrales Laichgebiet in deutschen Gewässern.

Betroffen wären auch Seegraswiesen in diesem Bereich des Trassenverlaufs, denn sie brauchen gewachsene Böden im Brackwasser. Für die Pipeline muss jedoch eine bis zu 19 Meter breite und etwa zweieinhalb Meter tiefe Rinne ausgehoben werden. Verändern könnten sich durch die Baggerarbeiten auch die Strömungsverhältnisse des Wassers, sodass der Austausch von Süß- und Salzwasser und damit die Zusammensetzung der Arten durcheinander gerieten. Nicht zuletzt ist das Schutzgebiet eine wichtige Überwinterungszone für viele Wasservogelarten, darunter Eis- und Trauerenten, Sägeroder Taucherarten - sie könnten, vor allem im Lauf der Bauarbeiten, empfindlich gestört werden.

Gefahr droht aber auch aus der Tiefe. Über 120000 Seeminen und 1000 Schiffe, voll mit Granaten, Öl und Giftfässern, sind während beider Weltkriege in der Ostsee versenkt worden, an oftmals unbekannter Stelle. Im Gebiet um Gotland und Bornholm verklappten die Alliierten bis 1948 die ungeheure Masse von mehr als 60000 Tonnen Chemiewaffen - hochgiftiges Arsen, Senfgas, das Nervengas Tabun sowie Zyklon B. Weit mehr ging offenbar von Schiffen der UdSSR über Bord. Einige löchrig gewordene Behälter entlassen ihren giftigen Inhalt langsam ins Meer. Ursache für Unfälle bei Strandspaziergängern: Sie halten angeschwemmte Brocken Weißen Phosphors, eines Gifts, das sich im Meerwasser nicht auflöst, für Bernstein und erleiden schwere Verbrennungen.

Risikozonen, in denen große Giftmüll-Felder bekannt sind, will Nord Stream beim Trassenverlauf umgehen. Zudem soll der Meeresboden auf einer Breite von zwei Kilometern im gesamten Streckenverlauf mit Radar und Magnetometern abgesucht werden. Letzte Sicherheit gewährt aber auch das nicht.

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