Ökologie: Kein Idyll ohne Müll

Der Bestand an Silbermöwen im Binnenland ist stark zurückgegangen. Ursache ist der Schwund an Deponien

Wohl nirgendwo sonst ließ es sich für die Vögel so gut leben wie auf den Müllkippen. Silbermöwen fanden auf den Deponien in Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet, wo viel Hausmüll anfällt, derart gute Lebensbedingungen vor, dass sie im Winter ihre Küstenreviere aufgaben und ins Binnenland nördlich der Mittelgebirge zogen. Nur zum Brüten kehrten sie an die See zurück, wo sie von März bis September ihre Jungen aufziehen.

Doch seit Juni 2005 hat sich diese Lebensweise geändert: "Bei Zählungen im Winter 2005/06 beobachteten wir bei Silbermöwen einen bundesweiten Rückgang der Bestände im Binnenland auf 30000 Tiere – im Vergleich zum Winter 2004/05 sind das 60 Prozent weniger. Wo früher Tausende der Vögel überwinterten, tun es heute bestenfalls noch wenige hundert", bilanziert Johannes Wahl vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA).

Der Grund: Mitte 2005 wurde die Ablagerung von unbehandeltem organischem Abfall verboten, 200 Müllkippen geschlossen; die Deponie-Möwen verloren ihre wichtigste Nahrungsquelle. "In thermisch vorbehandeltem Müll finden die Möwen keine Nahrung mehr", sagt Wahl. "Früher wurde er offen abgekippt. In diesem Müll befanden sich häufig Speiseabfälle, wie halbe Koteletts, Brot oder Wurstreste." Für die Vögel ein idealer Futterplatz – und ein optimaler Lebensraum: Denn auch sichere Schlafplätze wie große, stehende Gewässer gab es in bequem erreichbarer Umgebung fast jeder Deponie. Lediglich die kleine Lachmöwe besiedelt das Binnenland weiterhin in großer Zahl, im vergangenen Winter waren es rund 150000 Tiere dieser in Deutschland mit Abstand häufigsten Möwenart. "Sie ist eine typische Binnenland-Möwe und hat im Winter immer schon die Nähe des Menschen gesucht", erklärt Johannes Wahl. "Lachmöwen sind bei der Nahrungssuche sehr flexibel und fressen in der Not auch Regenwürmer."

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