Taxonomie: Linnés verarmte Erben

Biologen feiern am 23. Mai den 300. Geburtstag des Naturforschers Carl von Linné. Er begründete das Ordnungssystem für Tiere und Pflanzen. Doch hierzulande steckt die taxonomische Forschung in der Krise, meint Georg Kääb, Geschäftsführer des Verbands deutscher Biologen

Was gibt es heute noch für Taxonomen zu tun?

Georg Kääb: Das romantische Bild vom Artenforscher, der mit dem Schmetterlingsnetz über die Wiese zieht, hält sich beständig - die heutige Arbeit ist aber viel umfassender. Tiere, Pflanzen und andere Arten zweifelsfrei erkennen und gegebenenfalls neue entdecken zu können, ist nicht nur im Rahmen des Klimawandels von Bedeutung, sondern auch für die Nutzung biologischer Substanzen. Jährlich werden allein in Lebewesen der Meere fast 1000 neue Naturstoffe entdeckt, die von der Krebsmedizin bis zur Entwicklung von Waschmitteln von wirtschaftlichem Interesse sind. Schon eng verwandte Arten können sehr verschiedene Substanzen produzieren - man muss also in der Lage sein, sie zu unterscheiden. Dafür brauchen wir dringend Nachwuchswissenschaftler.

Was ist das Problem? Besteht zu wenig Interesse?

Georg Kääb: Bei der Vergabe von Fördergeldern bleibt die Forschung über die Grundlagen der Artenvielfalt regelmäßig unberücksichtigt. Mittlerweile wirkt sich dies auf die biologische Ausbildung so weit aus, dass Lehrstühle dort fehlen, wo es um eine ganzheitliche Forschung und Lehre der Artenvielfalt geht. Taxonomen betrachten nämlich nicht nur einzelne Exemplare oder Bestandteile von Organismen, sondern zusätzlich die spezifische Verbreitung und Anforderung einer Art an das Ökosystem. Ohne die Verknüpfung all dieser Informationen wäre auch das Erkennen einer neuen Art unmöglich. Selbst das HIV-Virus musste ja erst einmal als ein "neuer" Organismus erkannt und beschrieben werden.

Was muss Ihrer Ansicht nach geschehen?

Georg Kääb: Wir brauchen eine nachhaltige Förderung der taxonomischen Grundlagenforschung in allen Bundesländern. Das versuchen wir in der "Nationalen Ausbildungsinitiative Taxonomie" zu erreichen. Wir schlagen unter anderem einen Wettbewerb um "Stiftungsprofessuren" vor, um das Verschwinden des Expertenwissens an den Hochschulen zu verhindern. Es kann nicht sein, dass Deutschland als Ausrichter des "Weltgipfels für Biologische Vielfalt 2008" kaum noch Forscher hat, die Arten zweifelsfrei unterscheiden können.

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