Artenvielfalt in Gefahr: Ausgekohlte Natur

Bald schon könnte sich die idyllische Teichlandschaft bei Lakoma im Herzen der brandenburgischen Lausitz in eine Wüste verwandeln

Unter dem Gewässersystem nördlich von Cottbus lagern etwa 40 Millionen Tonnen Braunkohle. Diese beabsichtigt der Energiekonzern Vattenfall Europe Mining AG im nahe gelegenen Kraftwerk Jänschwalde in Strom umzuwandeln. Wofür das etwa 300 Hektar große Teichgebiet weichen müsste. Bis auf 165 Meter haben sich die Braunkohlebagger an das Biotop herangefressen. Noch im Herbst 2007 wolle man den vorgeschriebenen Mindestabstand von 50 Metern zwischen Tagebau und den Teichen erreichen, sagt Markus Füller, Leiter der Kommunikation der Vattenfall Europe Mining. "Schreiten die Baggerarbeiten planmäßig voran, wird der gesamte Tagebau Cottbus-Nord bis 2015 ausgekohlt sein."

Seit 20 Jahren versuchen Anwohner und Verbände, die Teiche zu retten. Anfang der 1990er Jahre erklärte sich auch Matthias Platzeck, Gründungsmitglied der Grünen Liga und ehemals Umweltminister in Brandenburg, zum Gegner des Raubbaus. Heute, als Ministerpräsident des Bundeslandes, setzt er jedoch weiter auf die Braunkohle. Für Axel Kruschat, Leiter des BUND Brandenburg, ist klar: Vattenfall spielt die Arbeitsplatz-Karte.

Im Dezember 2006 hat nun das Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR) Brandenburg in Cottbus ein von Vattenfall beantragtes Planfeststellungsverfahren

abgeschlossen: Die Teiche dürfen beseitigt werden. Nach acht Jahren müsste Vattenfall allerdings ohnehin auf den nahe gelegenen Tagebau im sächsischen Reichwalde ausweichen. Die Braunkohle unter der Wasserlandschaft ist nur ein Bruchteil des gesamten Vorkommens in der Lausitz. BUND, Grüne Liga, NABU und Robin Wood haben inzwischen gegen den Planfeststellungsbeschluss beim Verwaltungsgericht Cottbus geklagt. Eine Zerstörung des Teichgebiets, in dem mehr als 170 bedrohte Tier- und Pflanzenarten leben, sei mit europäischem Recht nicht vereinbar. Das Areal steht nach der Fauna- Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) der EU unter Schutz. Denn die Lakomaer Teiche zählen zu den wertvollsten Landschaftstypen der Region - die flachen Gewässer gehen über in breite Schilfgürtel, die mosaikartig mit Erlenbruchwäldern und Wiesen verzahnt sind.

Schon wenn die Teiche trocken gelegt werden, verlieren nicht nur Fischotter, sondern auch Rotbauchunken (Bombina bombina) ihren Lebensraum. Diese hoch bedrohte Amphibienart hat in den Gewässern bei Lakoma mit etwa 5000 Individuen das größte Vorkommen Deutschlands. Rohr- und Zwergdommel, Schwarzstorch und Wiedehopf existieren hier ebenso wie der "Eremit" (Osmoderma eremita), eine europaweit besonders geschützte Käferart. Und dennoch: Im Zuge des Planfeststellungsverfahrens hatte das LBGR die Europäische Kommission um Stellungnahme gebeten. Diese stimmte zu, die Teiche auszubaggern, und verwies dabei auf bestehende Ausnahmeregelungen der FFH-Richtlinie.

Der von Vattenfall vorgeschlagene Flächenausgleich sei akzeptabel, die Fortführung des Tagebaus Cottbus-Nord überwiegend von öffentlichem Interesse. In Anbetracht der aktuellen Klimadebatte eine fragwürdige Entscheidung. Dem WWF zufolge verursacht allein das von Vattenfall betriebene Kraftwerk Jänschwalde mit der Braunkohle aus dem Tagebau Cottbus-Nord derzeit rund drei Prozent der bundesweiten Kohlendioxidemissionen. Es zählt damit zu den größten Emittenten der Bundesrepublik und ist mit einem Wirkungsgrad von nur 40 Prozent obendrein eines der ineffektivsten Kohlekraftwerke Ostdeutschlands.

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