Der große grüne Irrtum

Es war ein Traum: Bewässert die Wüste, und sie wird sich in ein Land mit saftigen Feldern und blühenden Dörfern verwandeln. Es wurde ein Albtraum: Die Brunnen versiegen, die Böden versalzen, die Felder verdorren, und die Menschen verlassen die trockenen Oasen. Die zurückgekehrte Wüste holt sie ein - weit schneller, als sie flüchten können
In diesem Artikel
Schuld ist der Mensch
Der Sand begräbt alles
Ein Umdenken setzt ein

Schuld ist der Mensch

Feiner Staub liegt in der Luft, und über der flachen Landschaft flimmert die Hitze des Tages. 40 Grad Celsius zeigt das Thermometer an. Schattentemperatur in Bahardok, so man hier von Schatten sprechen mag. Denn in diesem Dorf, knapp 100 Kilometer nördlich der turkmenischen Hauptstadt Aschgabat, gibt es für die rund 3000 Einwohner keine kühlenden Parks, kaum schattige Baumgruppen. Nur niedrige, hellbraune Lehmziegelbauten; dazu einige Jurten und ein paar rostige Wasserspeicher. Und es gibt den Wüstensand. Er lagert, zu goldgelben Dünen aufgetürmt, an den Rändern des Dorfes. Kommt Wind auf, weht er von dort bis vor die Häuser, lässt sich in Gärten nieder und erstickt die Pflanzen. Er nimmt die Wohnräume in Besitz und vertreibt daraus die Menschen. Mitunter versperrt er auch die Zugänge zum Krankenhaus - bis Traktoren ihn wieder dorthin transportieren, woher er gekommen ist: in die Karakum-Wüste.

Die scheinbar unerschöpflichen Grundwasservorkommen

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Künstliche Bewässerung eines Baumwollfeldes. Überall dort, wo der Mensch begonnen hat, Wüsten zu "begrünen", kämpft er heute gegen Bodenversalzung und Austrocknung.

Mehr als 12.000 Kilometer weiter westlich fließt träge der San Joaquin River durchs Central Valley, das grüne Herz Kaliforniens. Auf Tausenden von Quadratkilometern dehnen sich hier Obst- und Gemüseplantagen. Ein 24.150 Kilometer langes Netz aus Bewässerungskanälen, zumeist aus dem Untergrund aufgefüllt, liefert das nötige Wasser. Denn eigentlich ist das Tal eine regenarme Halbwüste, eine Savannenlandschaft - bis Farmer in den 1920er Jahren scheinbar unerschöpfliche Grundwasservorkommen entdeckten: Sie erstrecken sich fast unter dem gesamten mehr als 600 Kilometer langen Tal. Fortan machte künstliche Bewässerung aus dem Central Valley eine der prosperierendsten Agrarlandschaften der Erde. Doch inzwischen wird in der Gemüsekammer Amerikas das Grundwasser knapp. Über mindestens 160 Kilometer führt der San Joaquin River im Sommer kein Wasser mehr; ein Staudamm am Oberlauf leitet es in die Bewässerungskanäle. Da aber ein Großteil des kostbaren Gutes oberirdisch verdunstet, bleiben die im Wasser gelösten Mineralstoffe als Salze im Boden zurück. Allein im Südwesten des Central Valley sind bereits mehr als 45.000 Hektar ehemals bewässerter Flächen heute versalztes, vertrocknetes, ödes Land.

Schuld ist der Mensch

Wie unterschiedlich sie auch sein mögen, das arme, trockene turkmenische Bahardok und das reiche, grüne Central Valley in den USA - eines verbindet sie: Schuld an der schleichenden Misere in diesen beiden Ecken der Welt ist der Mensch. Im Central Valley führt der Raubbau an den natürlichen Wasservorräten zur Austrocknung und Versalzung ganzer Landstriche. Und in der Karakum-Wüste hat die Ansiedlung von Nomaden in Dörfern wie Bahardok und die damit verbundene stationäre Viehzucht das Vordringen der Wüste begünstigt: Seit Turkmenistan 1991 unabhängig geworden ist, hat die staatliche Privatisierungspolitik den Viehbestand des Landes auf mehr als 20 Millionen Tiere anwachsen lassen – Weideland gibt es aber nur für etwa die Hälfte. Auch in Bahardok leben die Menschen überwiegend von der Viehwirtschaft. Früher waren die heutigen Dorfbewohner mit ihren Herden herumgezogen und hatten so dem Bewuchs der beweideten Flächen die Regeneration ermöglicht. Jetzt aber treiben sie jeden Morgen ihre Schafe, Ziegen und Kamele vors Dorf auf immer dieselben Weiden.

Intensive Land- und Viehwirtschaft laugt die Böden aus

Dabei haben sie eine Lawine in Gang gesetzt: Die zu stark und zu häufig beweideten Pflanzen wachsen nicht mehr schnell genug nach und sterben ab. Ihre Wurzeln geben der Krume keinen Halt mehr, und die einst grasbewachsene Landschaft wandelt sich zu einer öden Sandfläche. Fast überall in den trockenen und halbtrockenen Gebieten der Erde bietet sich ein ähnliches Bild: Der Mensch betreibt in großem Maße Ackerbau, wo von Natur her nur widerstandsfähige Gräser und dornige Büsche gedeihen. Er holzt die spärlichen Baumbestände ab, weil er Brennholz braucht; errichtet mitten in der Wüste Industrieanlagen und Städte und leert zu deren Versorgung jahrtausendealte Grundwasserreserven. Und in den Randgebieten der Wüsten laugt intensive Land- und Viehwirtschaft die Böden aus. Die Folge ist Landverödung in großem Stil: Wüsten breiten sich weiter aus und fressen noch das letzte Stückchen Grün.

Der Sand begräbt alles

So weltumspannend ist das Problem inzwischen, dass im Juni 2007 die Vereinten Nationen zum wiederholten Male Alarm schlugen: Desertifikation sei "eine der größten ökologischen Herausforderungen unserer Zeit". Sie werde vor allem in den armen Regionen der "die Destabilisierung der Gesellschaften" zur Folge haben. Schon heute sind nach Berechnungen der UNO etwa 250 Millionen Menschen von den Auswirkungen der Landverödung direkt betroffen, eine weitere Milliarde lebt in gefährdeten Gebieten. Jedes Jahr verliert die Erde schätzungsweise rund 24 Milliarden Tonnen fruchtbaren Bodens. Am stärksten werden Afrika und China unter der "Verwüstung" der Lebensräume leiden. Es ist ein sich selbst verstärkender Prozess: Denn wo die Pflanzendecke schrumpft, wo Wälder verschwinden, nehmen auch die Regenfälle ab, weil das Wasser oberflächlich abfließt und weniger Feuchtigkeit verdunstet.

Der Sand begräbt alles

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Reisfelder nahe dem San Joaquin River in Kaliforniens Central Valley. Mehr als 24.000 Kilometer Kanäle haben aus der früheren Halbwüste die Obst- und Gemüsekammer der USA gemacht

1996 trat die "Konvention der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Desertifikation" (UNCCD) in Kraft. Die Entwicklungsländer, die diese Konvention unterzeichnet haben, verpflichten sich damit, Boden, Wasser und Vegetation schonend und nachhaltig zu nutzen, um deren weitere Zerstörung zu bremsen. Die Industrienationen sollen diesen Staaten helfen, jene Ziele zu erreichen - finanziell und mit Know-how. In Bahardok organisierte die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit zum Beispiel gemeinsam mit turkmenischen Wissenschaftlern vor zehn Jahren erste Zusammenkünfte mit der örtlichen Bevölkerung. Anfangs waren die Dörfler skeptisch, doch dann trugen sie ihre Sorgen vor: Der Sand begrabe alles; zudem fehle es an Wasser. Man beratschlagte, was zu tun sei.

Ein Mullah erinnerte sich: Unweit des Dorfes läge eine uralte Wassersammelstelle. Also beschlossen die Bewohner, den Kanal zu reinigen, der bei Regen das Wasser auffängt, und eine Senke als Wasserspeicher auszuheben. Die angereisten Experten zeigten, wie das Gelände eingefriedet und mit Saksaul-Bäumen bepflanzt werden müsse, um die Dünen aufzuhalten. Saksaul ist ein knorriger, in weiten Teilen Asiens heimischer Wüstenstrauch, der bis zu vier Meter hoch werden kann. Er verträgt Trockenheit und Hitze, und seine Wurzeln senken sich bis in tief liegende Grundwasserreservoire hinab. Bald schon war das ganze Dorf von einem Schutzring aus Saksaul umgeben. Die Menschen von Bahardok haben den Vormarsch der Wüste vorerst gestoppt.

Die Landverödung schreitet voran

Eine weitere Ursache für das Fortschreiten der Landverödung in den Trockenzonen ist ausgerechnet der Versuch, Wüste in Ackerland zu verwandeln: Die große Vision aus dem 20. Jahrhundert, dass sich die Nahrungsprobleme der Menschheit lösen ließen, wenn es nur gelänge, aus den Wüsten der Erde durch Zugabe von Wasser blühende Landschaften zu machen, hat sich als folgenschwerer Irrtum herausgestellt. Überall dort, wo der Mensch einst begonnen hat, Wüsten zu "begrünen", kämpft er heute gegen Bodenversalzung und Austrocknung.

Ein Umdenken setzt ein

In Saudi-Arabien ist schon seit Jahren abzulesen, was geschieht, wenn ein Wüstenstaat versucht, um jeden Preis zum Agrarland zu werden: Auch dort gelang es nach der Entdeckung fossiler Grundwasservorräte zu Beginn der 1980er Jahre zunächst, die Wüste zum Blühen zu bringen. "Zwischen 1980 und 1993 wuchs die bewässerte Anbaufläche in Saudi-Arabien um 262 Prozent", schreibt der Wissenschaftler Elie Elhadj in einer Untersuchung über die Wasser- und Nahrungsversorgung des Landes. Doch das Projekt erwies sich als "Vergeudung von Geld und Wasser in großem Stil". Auf den neu gewonnenen Ackerflächen ließ das saudische Königshaus vornehmlich Weizen anbauen - mit dem Ergebnis, so Elhadj, dass dieses Ölland "zum sechst­größten Weizenexporteur der Welt wurde". Allerdings beliefen sich die Produktionskosten pro Tonne auf rund 500 Dollar - während der Weltmarktpreis bei etwa 120 Dollar lag. Nach wenigen Jahren brach der Weizenboom in der Wüste zusammen.

Ein Umdenken setzt ein

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Aus mobilen Sprühmaschinen regnet mineralhaltiges Grundwasser auf ein Baumwollfeld in Kalifornien. Infolge des Intensivanbaus sind schon ganze Landstriche versalzt

Anderswo setzt indessen ein Umdenken ein. Libyen, Algerien und Tunesien etwa wollen die Wasserentnahme aus dem Nordwestsahara-Becken gemeinsam in den Griff bekommen. Umweltsatelliten der Europäischen Weltraumorganisation liefern ihnen Daten über Bodenfeuchtigkeit, Vegetationsbedeckung, Ausdehnung der Seen und Wasserqualität in der Region. Weltweit suchen Forschungsinstitute nach Wegen, den spärlichen Regen in Trockenzonen möglichst vollständig zu nutzen, um trotz harscher Bedingungen ertragreiche Landwirtschaft betreiben zu können. Dazu werden traditionelle Bewässerungssysteme, wie Wälle oder Mini-Staumauern auf den Feldern, mit modernen Techniken und neuen Erkenntnissen der Boden- und Pflanzenkunde kombiniert: beispielsweise der Aussaat von besonders für den Trockenanbau gezüchteter Getreidesorten und Anbaumethoden, die mit sparsamer Bewässerung und ohne den Einsatz von Pflügen auskommen. All diese Ideen und Forschungsergebnisse werden jedoch buchstäblich versanden, wenn es nicht gelingt, auch die räumliche Ausdehnung der Wüsten auf Dauer zu stoppen. Etwa durch die Anpflanzung widerstandsfähiger Büsche und Bäume, die als Windbrecher dienen und die Sandmassen aufzuhalten vermögen.

Tonnen aus Sand und Staub legen sich über Beijing

In der Nacht vom 16. auf den 17. April 2006 senkte sich vom Himmel über Beijing plötzlich eine fahlgraue Wolke herab. Das Licht der Straßenlaternen versank in dichtem Nebel, der Verkehr kam vielerorts zum Erliegen: Mehr als 300.000 Tonnen Sand und Staub legten sich über die chinesische Hauptstadt - der schwerste Sandsturm seit fünf Jahren. Der Sand stammt aus den mongolischen Wüsten und rückt seit einiger Zeit gegen Beijing vor. Bis auf etwa 240 Kilometer ist er bereits herangekommen. Jedes Jahr bedeckt er etwa 2500 Quadratkilometer mehr Gras- und Ackerland. Schon 1978 hat China deshalb begonnen, einen Wall gegen die anstürmenden Staubwolken zu errichten: Die "Grüne Mauer" ist das vermutlich größte Aufforstungsprojekt der Menschheitsgeschichte. Auf einer Länge von 4500 Kilometern sind am Rand der chinesischen Wüsten riesige Schutzwälder angelegt worden. Von Flugzeugen aus hat man Samen gestreut, und wo der Boden zu hart war, haben Experten Löcher für die Baumwurzelballen gesprengt. Doch die "Grüne Mauer" erwies sich gegenüber dem Sand als ebenso löchrig wie die Große Chinesische Mauer gegenüber den mongolischen Invasoren. So starben beispielsweise auf 1200 Kilometer Länge die frisch gepfl anzten Bäume wieder ab - die hochgezüchteten High-Tech-Produkte hatten zu viel Wasser aufgenommen

Inzwischen haben die Verantwortlichen aus den früheren Fehlern gelernt. Statt Monokulturen lassen sie Mischwälderpflanzen, und in der Provinz Ningxia werden seit 1994 mit deutscher Hilfe am Wüstenrand unter anderem Obstplantagen angelegt und die Bauern im Aufbau einer nachhaltigen Bewirtschaftung geschult. Erst nach Jahren wird sich erweisen, ob die Schulung auf Dauer erfolgreich war. Oder ob die deutschen Experten in China ähnliche Erfahrungen machen müssen wie einige ihrer Kollegen im Süden Marokkos. Dort hatten die Bewohner eines Oasenstädtchens auf der Suche nach Brennholz die auf umliegenden Dünen gewachsenen Bäume gerodet - bis die Sandmassen in Bewegung gerieten und die Oase bedrohten. Daraufhin pflanzten Bewohner und internationale Helfer auf den Dünen neue Bäume. Doch nach einiger Zeit begannen die Sandberge wieder zu wandern. Denn auch diesmal hatten die Oasenbewohner die Bäume, als sie groß genug waren, abgeholzt. Und verfeuert.

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