Kakteen: Festungen des Lebens

Auf eine Umwelt voll mörderischer Zumutungen haben sich Kakteen wie die Sauaros in der Wüste Sonora eingerichtet - und bieten sogar vielen Tieren Wohnung, Tränke und Speisekammer
In diesem Artikel
Dorniges Wahrzeichen
Es regnet nur zweimal im Jahr
Leitungswasser vertragen sie nicht

Dorniges Wahrzeichen

Am Nachmittag des 21. Juni 2005 verfinstert sich der Himmel über der Sonora. Dann jagt Blitz auf Blitz herab, aber kein Tropfen Wasser fällt aus den dunklen Wolken. Bald züngeln da und dort Flammen empor. Denn nach ungewöhnlich starken Regenfällen Monate zuvor haben sich Gräser und Büsche hier am nordöstlichen Rand der Sonora-Wüste, im "Tonto National Forest" - einem Naturpark nahe Phoenix, der Hauptstadt von Arizona -, mächtig ausgebreitet und sind dann wieder in der Sonnenhitze verdorrt. Inzwischen lodert das Feuer an zahlreichen Stellen. Der Biologe Todd Willard lenkt seinen Geländewagen den fast 1600 Meter hohen Humboldt Mountain hinauf, um von dort oben die Situation einzuschätzen.

Der größte Buschbrand seit Menschengedenken

2dea4f5f9cd2ee514fb13b85f040d1e3

Wie sämtliche Kakteen speichert auch der Saguaro in seinem Körper Wasser. Doch kaum eine andere Art erreicht die Kapazität dieser Kornenpflanze, die in der Sonora - im Grenzgebiet von Mexiko un den USA - heimisch ist

Er sieht, wie sich Feuersäulen die Hänge hinunterfressen, von Norden nach Süden, gegen den Wind. Willard fährt zurück zu seiner Dienststelle, ruft die Kollegen zusammen und organisiert mit ihnen den Widerstand gegen das drohende feurige Inferno. Es wurde der größte Buschbrand in der Sonora seit Menschengedenken. Fast vier Wochen lang kämpften Feuerwehrleute gegen die Flammen, schlugen mit Bulldozern Schneisen in die Vegetation, warfen aus Flugzeugen Löschpulver. Die Feuersbrunst sprang über einen Highway und verheerte mit gut 1000 Quadratkilometern eine Fläche größer als Berlin. Sie vernichtete zahllose Organismen, selbst so zähe wie die Saguaro-Kakteen.

Dorniges Wahrzeichen

Diese stacheligen Riesen mit ihrer an der Spitze gerundeten Säulenform, der mit Dornen bewehrten grünlichen, ledrigen Haut und ihren wie zum Gruß erhobenen Armen sind zu Wahrzeichen des US-Bundesstaats Arizona geworden. Ihr Abbild dekoriert Autonummernschilder, und in vielen Westernfilmen bilden sie die karge Kulisse. Carnegiea gigantea, benannt nach dem schottischen Stahlbaron und Forschungsmäzen Andrew Carnegie, wird vermutlich bis zu 300 Jahre alt, rund 15 Meter hoch und damit gewaltiger als die meisten anderen Kakteenarten. Wo Saguaros - sprich "Sa-wah-rohs" - dicht an dicht stehen, wirken sie wie ein Wald, wenn auch ohne Kronendach und Blätterrauschen, und verleihen so der Sonora etwas Dreidimensionales. Zwei Jahre nach der Katastrophe sind von ihnen im Tonto National Forest weithin nur verkohlte Stümpfe geblieben und teilweise noch die hellen, holzartigen Fasern, welche die Pflanze wie ein Innenskelett stützen. Auf dem steinigen Boden darunter liegen verbrannte Kakteenarme. Immerhin wurden nicht alle Saguaros vom Feuer versehrt. Denn es hat sich nicht in geschlossener Front über die Hänge gewälzt, sondern in separaten Herden vorangearbeitet, und so sind manche Areale verschont geblieben.

Dünen: Die Gesetze des Sandes
Dünen: Die Gesetze des Sandes
Wo es in Wüsten staubtrocken ist und immer wieder Winde wehen, da türmen sich Dünen auf. Und diese Sandhügel haben es in sich: Manche rühren sich seit Jahrtausenden nicht vom Fleck, andere wandern unablässig - und einige beginnen sogar zu singen
Der große grüne Irrtum
Der große grüne Irrtum
Es war ein Traum: Bewässert die Wüste, und sie wird sich in ein Land mit saftigen Feldern und blühenden Dörfern verwandeln. Es wurde ein Albtraum: Die Brunnen versiegen, die Böden versalzen und die Menschen verlassen die trockenen Oasen. Die zurückgekehrte Wüste holt sie ein
52cce7f07704d584dd7929078e83e9c4

Von den 100.000 Samenkörnchen, die ein Saguaro mithilfe von Vögeln oder Säugetieren pro Jahr ausbreitet, überleben nur zwei

"Ein derart großer Buschbrand ist zwar nicht normal in der Sonora", sagt Willard, als er den Jeep über eine holperige Piste steuert, die sich zwischen den Hügeln des Tonto National Forest windet. "Aber er kann immer wieder ausbrechen. Und die Saguaros sind darauf nicht vorbereitet." Willard und seine Kollegen haben daher ein Forschungsprogramm initiiert und unterschiedlich große Jungkakteen angepflanzt. Sie wollen lernen, welche von ihnen am besten gedeihen, wie also künftige Brandverluste auszugleichen sind.

Doch auch der Mensch hat einen Anteil daran, dass der Bestand der Giganten schrumpft. Mitunter, erzählt Willard, werden sie einfach mit Macheten abgehackt oder von Revolver- und Gewehrkugeln durchlöchert. Und weil die Saguaros begehrte Sammlertrophäen sind, kommen in der Nacht Kakteenräuber, graben die tonnenschweren Stachelpflanzen aus und laden sie per Kran auf einen Pick-up, um sie oft für Tausende von Dollars auf dem Schwarzmarkt zu verhökern. Noch schlimmer aber ist, dass sich die Sonora-Metropolen Phoenix und Tucson immer weiter in die Wüste ausdehnen und so den Lebensraum der Saguaros verkleinern.

Es regnet nur zweimal im Jahr

Mancherorts drohen die stacheligen Hühnen nun zur Rarität zu werden. Denn auch ohne Feuersbrünste und den Eingriff des Menschen haben sie in der Sonora unablässig zu kämpfen: mit Temperaturen um die 50 Grad Celsius, dem Bombardement aggressiver UV-Strahlen tagsüber und gelegentlichen Frösten in der Nacht. Meist regnet es nur zweimal im Jahr, doch dann spülen die Fluten häufig das lose Erdreich fort. Deshalb überlebt nur ein Bruchteil der jungen Saguaros ihr erstes Jahr - und es dauert mindestens eine ganze Menschengeneration, bis die Kakteen meterhoch gewachsen sind. Haben sie jedoch eine Höhe von zwei bis drei Metern erreicht, können starke Winde sie umstürzen oder Blitze sie enthaupten. Der Saguaro gehört zur Familie der Cactaceae, der Kakteengewächse. Deren mehr als 2000 Arten sind in Amerika heimisch, rund 100 davon in der Sonora. Von British Columbia in Kanada bis nach Patagonien im Süden des Doppelkontinents haben sie sich ausgebreitet und selbst die Galápagos-Inseln besiedelt.

b450ff7443ad5ceedf5d42e6d200ccb5

Als ovale Blätter sind die Triebe deses Feigenkaktus gestaltet. Der Formenreichtum

der Dornenpflanzen ist eine Folge ihrer Spezialisierung

Als einzige nicht amerikanische Spezies gilt Rhipsalis baccifera, ein vielarmiger Kaktus, der auf Bäumen auf dem afrikanischen Festland, Madagaskar, Sri Lanka und einigen Inseln im Indischen Ozean gedeiht. Womöglich sind seine Samen einst im Gefieder von Vögeln über den Atlantik dorthin gelangt. Vermutlich war es Christoph Kolumbus, der die ersten Kakteen nach Europa brachte, jedenfalls führte er sie um 1535 am spanischen Hof als botanisches Wunder vor. Gut 200 Jahre später fasste der Schwede Carl von Linné die meist mit Dornen besetzten Gewächse zusammen und benannte sie "Cactus".

Anpassungs- und Überlebenskünstler

Von einheitlicher Gestalt sind sie jedoch keineswegs. Sie recken sich wie Pfeiler empor, formen große Kugeln, schlängeln sich auf der Erde, leben als Aufsitzerpflanzen (Epiphyten), haben Stämme und blätterartige Auswüchse, bilden ein Gestrüpp aus Tausenden von Ärmchen oder bedecken polsterartig den Boden. Und ihr Größenspektrum reicht von ein Zentimeter kleinen bis zu 100 Meter langen Spezies, die wie Lianen an Bäumen ranken. In ihrer wahrscheinlich mehr als 65 Millionen Jahre langen Entwicklungsgeschichte sind die Kakteen in fast jede denkbare ökologische Nische auf dem amerikanischen Doppelkontinent vorgestoßen. Heute gedeihen sie an windumtosten Küsten, in eisigen Gebirgen bis in 4000 Meter Höhe oder in feuchtheißen Regenwäldern des Südens. Besonders häufig aber sind Kakteen in den Wüsten Amerikas anzutreffen.

Dort erweisen sich ihre Dornen als überaus nützlich. Im Laufe der Evolution aus Blättern entstanden, mildern sie den schädlichen Effekt der Sonneneinstrahlung: Zum einen reflektieren sie die Strahlen, zum anderen schaffen sie eine Grenzschicht um die Kakteen, in der die Luftbewegung geringer ist, und mindern dadurch die Verdunstungsrate. Dabei hilft auch eine dicke Wachsschicht, die Wüstenkakteen überzieht, und zudem haben sie die für ihre Photosynthese notwendige Gasaufnahme umgestellt: Sie öffnen die dafür eingerichteten Spalten auf ihren Blättern nur nachts, wenn es kühler ist und sie weniger Wasser verlieren. Das aufgenommene Kohlendioxid speichern sie, um es am Tage mithilfe von Sonnenlicht in den lebensnotwendigen Zucker umzuwandeln - anders als die meisten Pflanzen in feuchteren Regionen, die tagsüber zur selben Zeit Kohlendioxid aufnehmen und Zucker herstellen.

Zudem trocknen Kakteen wie die Saguaros immer zunächst innen aus, während die äußeren Zellschichten mit Flüssigkeit gefüllt und intakt bleiben, damit die Photosynthese weiterlaufen kann. Die Flachwurzeln der Wüstenkakteen sind weit verzweigt, sodass sie, wenn es einmal regnet, rasch Wasser aufnehmen können. Größere Saguaros saugen in wenigen Tagen viele tausend Liter auf - und verdoppeln so nahezu ihr Volumen. Dank ihrer Längsrippen platzen sie dabei nicht, denn die weiten sich wie die Falten einer Ziehharmonika. Aufgenommenes Wasser können Kakteen für Zeiten der Not speichern, sie gelten deshalb als Sukkulenten, als Saftpflanzen (siehe auch Seite 36). Im Gewebe zwischen dem stützenden Gerüst und der Außenhaut lagern etwa Saguaros die Flüssigkeit wie in einem Reservekanister. Prall gefüllt, besteht so ein Stachelriese zu etwa 95 Prozent aus Wasser und kann dann zwei Jahre ohne Nachtanken überdauern.

Leitungswasser vertragen sie nicht

Das macht ihn aber auch zu einer verlässlichen Ressource für die Tiere der Sonora. Nachdem die Saguaros im Frühling ihre weißen Blüten ausgetrieben und sich Bienen, Fledermäuse, Spechte oder Tauben an Nektar und Pollen bedient haben, reifen leuchtend rote Früchte heran, deren Fleisch zu drei Vierteln aus Wasser besteht. Vögel nutzen die Kakteen als Nahrung und Trinkwasserquelle; Tauben, Goldfinken oder Eulen sind in der heißesten Jahreszeit von den Saguaros abhängig. Um diesen pünktlich wiederkehrenden Reichtum zu nutzen, ziehen viele Tiere gerade in der anscheinend widrigsten Saison in die Sonora - auch Kojoten und Füchse, die herabgefallene Früchte verzehren. Ratten nagen, vermuten Forscher, auf der Suche nach Wasser große Löcher in den Stamm und bringen den Kaktus dazu, sie mit Gewebeflüssigkeit zu versiegeln. Manchen Tieren bietet der Saguaro einen speziellen Lebensraum: Spechte hacken Höhlen in den Kaktus, um in dessen Innerem zu brüten - denn dort ist es im Sommer zehn Grad kühler als draußen. Ist die Brut dann flügge geworden, ziehen meist Nachmieter ein. Und geht ein Saguaro ein, so wird er sofort von Kaktusfliegen besiedelt, die ihren gesamten Lebenszyklus in dem verrottenden Körper konzentrieren.

Ein Jahr nach dem großen Feuer haben Todd Willard und seine Kollegen rund 300 Saguaros gepflanzt. "Wir wissen noch nicht, ob der Nachwuchs durchkommt", sagt der Biologe, während er den Wagen am Fuß eines Hügels abstellt und sich zu einem Kontrollgang in eines der beiden Aufforstungsgebiete aufmacht - die Südhänge zweier Hügel, wo die Kakteen am besten gedeihen. Die Setzlinge wurden unter Sträuchern oder Büschen gepflanzt, damit sie im Schutz eines Blätterdachs heranwachsen können - zudem in der gleichen Ausrichtung, wie sie in der Gärtnerei entnommen worden waren. Denn offensichtlich können die Saguaros sich die Himmelsrichtung "merken", indem sie sich am Stand der Sonne orientieren. Und um ihnen den Start zu erleichtern, wurden die Jungpflanzen sogar gewässert.

Leitungswasser vertragen sie nicht

"Das Exemplar dort wird an der Spitze leider schon rot", erläutert Willard hoch oben am Hang und deutet auf einen noch nicht 20 Zentimeter großen Kaktus. "Das könnte ein Hinweis auf Stress sein." Andere Saguaros weisen ebenfalls diese Färbung auf, doch helfen vermag ihnen der Biologe nicht. Er könnte die Pflanzen zwar erneut bewässern, doch das Leitungswasser vertragen sie offenbar nicht besonders gut. Willard fährt zu einem anderen Patienten - dem einzigen erwachsenen Kaktus, den er und sein Team speziell behandeln: Es ist der "Grand One", einer der mächtigsten Saguaros der Sonora. Auch diesen 15 Meter hohen und mit mehr als 20 Armen versehenen Koloss haben die Flammen versengt. Und nach dem Feuer kam der Regen und schwemmte das Erdreich zu seinen Füßen davon.

Die Biologen haben rund um den Kaktus Pflanzerde aufgeschüttet, eine Vorrichtung aus Netzen und Stroh gebastelt, die zukünftige Regenfluten ableiten soll, und Samen ausgebracht, auf dass wieder Gräser und Büsche gedeihen, die das Erdreich stabilisieren. Der "Grand One", ein Symbol des Tonto National Forest, sollte überleben - unbedingt. Doch den Brandverletzungen war auch dieser Riese, geplagt von einem langen harten Wüstenleben, letzten Endes nicht gewachsen. Nur wenige Wochen nach der Hilfsaktion der Biologen brach einer seiner vier stärksten Arme ab, und dann - wenige Tage vor Redaktionsschluss dieses Heftes - sank er entkräftet vollends um.

Dünen: Die Gesetze des Sandes
Dünen: Die Gesetze des Sandes
Wo es in Wüsten staubtrocken ist und immer wieder Winde wehen, da türmen sich Dünen auf. Und diese Sandhügel haben es in sich: Manche rühren sich seit Jahrtausenden nicht vom Fleck, andere wandern unablässig - und einige beginnen sogar zu singen
Der große grüne Irrtum
Der große grüne Irrtum
Es war ein Traum: Bewässert die Wüste, und sie wird sich in ein Land mit saftigen Feldern und blühenden Dörfern verwandeln. Es wurde ein Albtraum: Die Brunnen versiegen, die Böden versalzen und die Menschen verlassen die trockenen Oasen. Die zurückgekehrte Wüste holt sie ein
GEO.de Newsletter