Nationalparks: Auf Lothars Spuren

Nur 0,6 Prozent der deutschen Landesfläche sind Nationalpark. Zeit, den Anteil zu erhöhen. Zum Beispiel mit dem Grindenschwarzwald

Im Schwäbischen bedeutet „Grinde“ so viel wie „Kahlkopf“, und tatsächlich tragen die buckeligen Berge, die sich aus dem Fichtenmeer des Nordschwarzwaldes erheben, eine Glatze. „Grindenschwarzwald“ wird die Gegend nördlich von Freudenstadt deshalb genannt. Auf dem nahezu baumlosen Gipfelplateau der 1163 Meter hohen Hornisgrinde fühlt sich der Besucher an die kargen Weiten Skandinaviens erinnert: Wollgras und Heidekraut beherrschen das Bild, im Spätsommer reifen Preisel- und Rauschbeeren, dazwischen harren ein paar gnomenhafte Bergkiefern aus.

Auf Lothars Spuren Vermutlich älter als 6000 Jahre ist das Hochmoor, das den südlichen Teil der Hornisgrinde bedeckt, während die Kahlfläche im Norden wie die anderen Grinden des Nordschwarzwaldes Menschenwerk ist: Im Spätmittelalter rodeten Siedler die Gipfel und ließen dort im Sommer ihr Vieh weiden. Heute treiben Naturschützer Heidschnucken und die tra- ditionellen Hinterwälder Rinder auf die Grinden, um die dort entstandenen Biotope vor dem Vormarsch des Waldes zu schützen.

Der erstreckt sich ringsum noch großflächig und – gemessen an den Verhältnissen im vergleichsweise dicht besiedelten Baden-Württemberg – relativ unzerschnitten. Wie unergründliche Augen ruhen darin die Karseen, Relikte der Eiszeit, die allmählich verlanden. Doch so malerisch die Szenerie wirkt, so wenig handelt es sich um unberührte Na- tur: Auch der düstere Fichtenwald, dem die Region ihren Namen verdankt, ist von Menschenhand angelegt. Eigentlich müssten hier viel mehr Tannen und Buchen wachsen. Ein urwaldähnliches Idyll mit viel Totholz und großer Artenvielfalt birgt hingegen der seit bald 100 Jahren unangetastete Bannwald am „Wilden See“. Hier balzt noch der Auerhahn, hämmert der Dreizehenspecht, ducken sich Sperlingskäuze in ihre Höhlen.

Mehr solche Freiräume für die Natur wünschen sich Umweltschützer im Südwesten seit Langem. Anfang der 1990er Jahre schlug der Naturschutzbund (NABU) vor, zwei insgesamt 16 000 Hektar große Gebiete - den Grindenschwarzwald und die benachbarten Enzhöhen - zum Nationalpark zu erklären. Dies wäre umso dringlicher, als sich Baden- Württemberg bislang kein einziges solches Reservat leistet. Aber die Initiative stieß in der Region auf Widerstand, insbesondere aus Angst vor Borkenkäferbefall. Die Nationalparkidee sei „verbrannt“, klagte der ehemalige NABU-Landeschef Stefan Rösler Ende 2004. Auch die seit 2005 amtierende Landesregierung unter Günther Oettinger plant zwar keinen Nationalpark, zeigt sich im Gegensatz zu ihren Vorgängern jedoch grundsätzlich offen für Großschutzgebiete.

Zeit für ein Umdenken ist es im Schwarzwald allemal: Der Klimawandel bringt steigende Temperaturen und Sommertrockenheit, sodass die großflächigen Fichtenbestände ohnehin wohl keine Zukunft haben. Und dass sterbende, der natürlichen Dynamik überlassene Wälder kein Schandfleck sind, zeigt der „Lotharpfad“ an der Schwarzwaldhochstraße. Hier hatte der gleichnamige Orkan Weihnachten 1999 zehn Hektar Fichtenforst flachgelegt, die im Gegensatz zu den meisten anderen Windwurfflächen nicht geräumt und neu bepflanzt wurden.

Dennoch bahnt sich längst frischgrüner Jungwuchs seinen Weg durch das Riesen-Mikado aus silbrigen Baumleichen. Besucher klettern auf Stegen und Treppen durch die Wildnis – und sind begeistert: Der Lotharpfad gilt als beliebtester Wanderweg im Ländle.

GEO.de Newsletter