Ökologie: "Saddam Hussein der Tierwelt"

Die Wiedereinführung von Wölfen im Yellowstone-Nationalpark ist eine Erfolgsgeschichte des amerikanischen Naturschutzes. Doch seit sich die Tiere auch außerhalb des Parks vermehren, machen Lobbyisten Front gegen mühsam errungene Gesetze

Ashton, ein Dorf im US-Bundesstaat Idaho. Louisa Willcox fährt gelegentlich durch diese einsame Ortschaft am Rande der Rocky Mountains, wenn sie hinauf will zum Yellowstone- Nationalpark, der Montana, Wyoming und Idaho miteinander verknüpft. An der Hauptstraße entdeckt die Ökologin vom „Natural Resource Defense Council“ ein Plakat. Darauf liest sie in grellen Lettern „Saddam Hussein der Tierwelt“, daneben erkennt sie das Porträt eines Wolfes. In einem nahe gelegenen Kramladen wird ihr ein Sticker angeboten für drei Dollar das Stück: „Wölfe sind staatlich geförderte Terroristen“.

Tatsache ist, dass die Raubtiere seit 13 Jahren im Yellowstone- Park und im Staat Idaho wieder mühselig angesiedelt werden. Dafür hat der „U. S. Fish and Wildlife Service“ (USFWS), die für Naturschutzfragen zuständige Bundesbehörde, insgesamt 27 Millionen Dollar erhalten, vorrangig aus Steuergeldern. Künftig sollen solche Mittel nun dazu verwendet werden, die Tiere zu töten – zwei Drittel der gegenwärtigen Wolfspopulation, die heute wieder in den Rocky Mountains um den Yellowstone-Park lebt. Viele der Tiere stammen aus dem Nationalpark. Oft wandern die Wölfe von dort in die umliegenden Regionen ein. Auf Betreiben der drei Staaten Idaho, Wyoming und Montana und auf Druck von Jagdlobbyisten hat die Bush- Administration ein Ende März 2008 in Kraft getretenes Gesetz erlassen, das es erlaubt, die Wölfe von der Liste der bedrohten Tierarten zu streichen und wieder zum Abschuss freizugeben. Die Wölfe, so die offizielle Begründung, hätten sich in der Region zu stark vermehrt und würden Hirsche und Weidevieh bedrohen.

„Das ist absurd“, sagt der Biologe Douglas Smith, der das Wiederansiedlungsprojekt leitet. „Die Population ist noch längst nicht gesättigt.“ Selbst dann gäbe es für die Raub- tiere ausreichend Nahrung, ohne dass die Hirschpopulation Schaden nähme. Bei der vorgesehenen Abschussquote, so befürchten die Umweltverbände, würden je nach Bundesstaat letztlich gerade einmal 100 bis 150 Wölfe überleben. Damit wäre in der Region das erneute Aus dieser bedrohten Spezies besiegelt: Um die Wolfspopulation stabil zu halten, so die einhellige Meinung der Biologen, brauche es in einem Gebiet dieser Größe 2000 bis 3000 Tiere. Außerdem seien die Hirsche das größere Problem. Die Wölfe würden deren Anzahl in Schach halten und damit indirekt für gesunden Waldbestand sorgen.

Eine Studie der Ökologen William Ripple und Robert Beschta von der Oregon State University in Corvalis belegt: Seit es in Yellowstones Lamar Valley Wölfe gibt, sind dort ganze Landstriche wieder mit Bäumen bewachsen. Ohne natürlichen Feind hatten sich zuvor mehrere Hirscharten und Elche stark vermehrt und Pioniergehölze wie Weiden und Pappeln gestutzt und zerstört. Zudem erhalten die ortsansässigen Farmer ohnehin bereits Ausgleichszahlungen in Höhe des Marktwertes für jedes gerissene Stück Vieh. Dennoch unterstützen sie neben Agrarlobby und Jagdverbänden das Vorhaben. Während die Jagd nur im Nationalpark selbst verboten bleibt, ist künftig in Wyoming in einer fast 22 000 Quadratkilometer großen Zone südöstlich des Parks die Einrichtung einer Lizenzjagd vorgesehen.

Zum Trophäensammeln, wie der Name „Trophy Game Area“ suggeriert. Im restlichen Gebiet Wyomings dürfen die Wölfe dann ausnahmslos gejagt werden. Regeln für den weidgerechten Abschuss gäbe es dort keine, sagt die Ökologin Louisa Willcox. Jedermann, der mit Flinte oder Falle umgehen kann, dürfe einen Wolf zur Strecke brin- gen - egal, ob es sich dabei um ein trächtiges Weibchen oder ein Jungtier handelt. Laut der neuen Gesetzeslage dürfe man Wölfe auch vergiften oder, sofern sich Gelegenheit dazu biete, sie einfach mit dem Auto überfahren.

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