Konzerne zur Kasse, bitte!

Der amerikanische Ökonom Robert Costanza fordert, Ölkonzerne, Banken und Stromwirtschaft völlig anders zur Verantwortung zu zwingen - mit einem Umwelt-Vorsorgefonds
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Beispiel "Deepwater Horizon"
So könnte die Lösung aussehen:

Beispiel "Deepwater Horizon"

Das Unglück auf der Bohrplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko hat sich zur größten Umweltkatastrophe der USA ausgeweitet. Wir müssen Lehren aus diesem Fiasko ziehen. Eine solche Ölpest darf sich nicht wiederholen. Verhindern lässt sich das aber nur, wenn wir den Kurs unserer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik neu festlegen. Mithin: wenn wir beginnen, die wahren Kosten ökonomischen Handelns zu erkennen. Sie sind viel höher, als wir bislang wahrhaben wollen.

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Hilflose Helfer: Bis zu eine Million Tonnen Öl sind bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ins Meer geflossen

Beispiel Ölpest: Die kommerzielle Fischerei Louisianas, die pro Jahr 2,5 Milliarden Dollar erwirtschaftet, ist fast vollständig zum Erliegen gekommen. Während sich das Öl an den Stränden ausbreitet, sinken die Einnahmen im Tourismussektor Tag für Tag. Darüber hinaus aber sind immense Verluste an ökologischen Vermögenswerten zu beklagen, die außerhalb der klassischen Marktwirtschaft liegen - und die doch eminent wichtig für unser Dasein sind.

Unberechnete Dienstleistungen der Natur

Zu diesen "Dienstleistungen der Natur", die bislang nicht in Rechnung gestellt werden, gehört zum Beispiel die Klimaregulierung - Feuchtgebiete binden Kohlenstoffdioxid und dämpfen so die Erderwärmung. Oder der Küstenschutz: Überschwemmungsgebiete bewahren das dahinterliegende Land vor der zerstörerischen Gewalt von Sturmfluten. Und nicht zuletzt hat Natur einen kulturellen, ästhetischen und psychologischen Wert, etwa als Erholungs- und Erbauungsraum. Eine kürzlich veröffentlichte Studie veranschlagt die Gesamtsumme der Ökosystem-Dienstleistungen, die allein das Mississippi-Delta erbringt, auf zwölf bis 47 Milliarden Dollar - pro Jahr. Schreibt man diese Summe etwa für zehn Jahre fort, so lässt sich der Geldwert des Deltas als natürliche Wertanlage der Menschheit mit 470 Milliarden beziffern; in einer Generationenabfolge, also 25 Jahren, sind es fast 1,2 Billionen Dollar. Der Marktwert von BP, jenes Konzerns, der das Desaster im Golf von Mexiko zu verantworten hat, betrug vor der Katastrophe 189 Milliarden Dollar.

Falsche Anreize

Das Bohrinsel-Desaster weist Parallelen zur Bankenkrise auf: In beiden Fällen kam es zur Katastrophe, weil die Risiken unternehmerischen Handelns auf die Gesellschaft abgeschoben wurden. Weil mit Risiken hantiert wurde, die ein Vielfaches des Unternehmenswertes der handelnden Akteure bemaßen. Und in beiden Fällen hätten die verantwortlichen Firmen durchaus Vorsichtsmaßnahmen treffen können. Doch Investitionen in Sicherheitstechniken unterblieben. Und das ist auch ein Versäumnis der Politik, die falsche Anreize gesetzt hat.

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Prof. Robert Costanza, 60, US-Amerikaner, leitet das Gund-Institut für Ökologische Ökonomie an der Universität Vermont. Er ist Mitbegründer der International Society for Ecological Economics und Chefredakteur der Zeitschrift "Solutions"

Denn wenn private Unternehmen in ihrem Profitstreben Gemeingüter vernichtet haben, erhält der Staat etwaige Ausgleichszahlungen in der Regel erst nach langem juristischen Tauziehen. Und am Ende sind diese bislang stets wirtschaftsfreundlich ausgefallen. So begrenzt etwa der sogenannte Oil Pollution Prevention Act in den USA die Kompensation eines Ölkonzerns für Schäden durch unfallbedingt ausgetretenes Öl auf 75 Millionen Dollar pro Fall (allerdings nur, wenn dem Unternehmen kein kriminelles Handeln unterstellt wird). Und der Price Anderson Act legt die Haftungsobergrenze für Kernkraftwerksunfälle auf zehn Milliarden Dollar fest. Solche Deckelungen machen es Konzernen leicht, allzu große Risiken im Umgang mit Gütern der Allgemeinheit einzugehen.

Umwelt-Risiken müssen in die Kalkulation einfließen

Wir müssen daher neue Investitionsanreize schaffen. Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, mit immer höherem Risiko für die Umwelt immer schwerer erreichbare Ölreserven zu erschließen - und so doch nur unsere Abhängigkeit vom Öl fortzuschreiben. Oder Geldinstitute für undurchschaubare Glücksspiele mit Geld auszustatten. Oder Kraftwerksbesitzer am Atomstrom verdienen zu lassen, ohne dass das Risiko einer Reaktorexplosion oder auch nur der Abfallentsorgung in die Rechnung eingegangen ist.

So könnte die Lösung aussehen:

1. Wir müssen all unseren Forscherehrgeiz einsetzen, um den tatsächlichen Wert unserer natürlichen Güter neu zu definieren und den ermittelten Preis künftig zur Richtschnur privaten wie öffentlichen Handelns machen.

2. Auf der Basis dieser Neubewertung sind die Kosten von denkbaren Umweltkatastrophen zu kalkulieren - noch bevor es zu einem Unglück kommt.

3. Unternehmen, deren wirtschaftliche Aktivität die Zerstörung von Gemeingut zur Folge haben kann, müssen Geld in einen Vorsorgefonds einzahlen. Dessen Umfang muss so hoch bemessen sein, dass die Summe auch die größten denkbaren Schäden deckt. Die Leistungen können teilweise (mit Zinsen) zurückerstattet werden, wenn dem Unternehmen der Nachweis gelingt, dass ein entstandener Schaden geringer ist als zuvor angenommen - die Beweislast wird damit umgekehrt. Dem Unternehmen muss das finanzielle Risiko seines Handelns von vornherein klar sein. Eine Haftpflicht wie bisher, die nur teilweise besteht und die immer verhandelbar bleibt, ist unzeitgemäß.

4. Die Politik sollte Investitionsanreize schaffen, die unsere Abhängigkeit vom Öl reduzieren und erneuerbare heimische Ressourcen fördern.

Wie hätte ein solches System funktioniert, wenn es vor dem Deepwater-Horizon-Unglück installiert gewesen wäre? Was da im Golf von Mexiko geschehen ist, kommt der größten anzunehmenden Katastrophe nahe. Die Abschätzung der Folgekosten für dieses Szenario bewegt sich zwischen 34 und 670 Milliarden Dollar - je nachdem, für wie lange die wertvollen "Dienstleistungen" der betroffenen Ökosysteme durch die Ölpest beeinträchtigt werden. Angenommen also, ein wissenschaftliches Gremium hätte vor Beginn der Bohrung von Deepwater Horizon die für den Katastrophenfall zu hinterlegende Summe auf moderate 50 Milliarden Dollar festgelegt. Dann wäre BP klar gewesen, dass sich das Unternehmen in einem außerordentlich risikoreichen Geschäftsfeld bewegt.

Ökonomische Anreize für mehr Sicherheit

Allein für diese eine Tiefseebohrung hätte BP mehr als ein Viertel seines Unternehmenswertes auf das Treuhänderkonto einzahlen müssen. Was wäre die Reaktion von BP gewesen? Entweder gar nicht zu bohren. Oder nach Wegen zu suchen, das Risiko zu reduzieren - also mehr Geld in Sicherheitstechnik zu investieren. Denn dann hätte das unabhängige Gremium seine Risikoeinschätzung revidiert und die geforderte Rückstellung wäre kleiner ausgefallen. BP hätte einen starken ökonomischen Anreiz erhalten, nicht gerade an der Sicherheit zu sparen, um seinen Profit zu maximieren. Wie ließe sich ein solches System realisieren?

Eine Agentur wäre zu gründen, die als Treuhänder unseres Naturvermögens aufträte: als Teil einer bestehenden Umweltbehörde, als neues staatliches Organ oder als Nichtregierungsorganisation. Ihre oberste Aufgabe wäre es, unser grünes Kapital zu wahren. Sie würde Rücklagen für potenziell gemeingefährliche Aktivitäten von den Firmen einfordern. Ein derartiges Risikomanagement sollte nicht auf die Ölindustrie beschränkt bleiben. Das Prinzip könnte auch auf hochriskante Spekulationsgeschäfte angewendet werden: Zu einer Bankenkrise wäre es niemals gekommen, wenn die Finanzhäuser gezwungen gewesen wären, ihre geschäftlichen Risiken selbst bereits im Vorfeld abzusichern - statt sie der Öffentlichkeit aufzubürden.

Die Deepwater-Horizon-Katastrophe hat uns eine schmerzhafte Lektion erteilt: Wir gehen zu leichtfertig mit unserem Naturvermögen um. Wenn wir die Kosten für die Ausbeutung dieser gesellschaftlichen Ressourcen den Unternehmen in die Bilanzen schreiben, schaffen wir Anreize für weniger risikoreiches Wirtschaften. Es wären zugleich Investitionen in eine ungefährdetere Zukunft.

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