Vom wahren Wert des Waldes

Den "Deutschen Preis für Naturjournalismus" gewann 2010 die freie Journalistin Anke Sparmann - mit einer Reportage über den GEO-Tag der Artenvielfalt im gleichen Jahr

Ein lauer Sommerabend, Grillen zirpen, Frösche quaken. An einem Teich in der Nähe von Freiburg haben Biologen ein Netz gespannt. Mit Einbruch der Dämmerung werden sich darin die ersten Tiere verfangen, Fledermäuse. Die Ex­perten wollen herausfinden, welche Arten hier unterwegs sind. Einige Dutzend Menschen sind gekommen, um dabei zuzuschauen. Darunter Talitha Müller. Sie ist strohblond, 13 Jahre alt und mit ihrer Mutter Gabriele da. Es ist ein Freitag im Juni, die beiden machen einen Frauenabend. Sie hätten auch ins Kino gehen können. Aber Talitha sagt: "Kino. Das kannst du doch hiermit nicht vergleichen!" Ein Ökonom kann das schon.

Denn Film und Fledermaus haben - zumindest an diesem Sommerabend - einen ähnlichen Nutzen. Ob die Bilder laufen oder die Fledermaus fliegt: Menschen sehen dabei zu, stillen ihre Neugier, amüsieren sich. Ökonomen interessieren sich für alles, was ein Bedürfnis des Menschen befriedigt - sofern diese Ware "knapp" ist. Und "knapp" ist nach dem Verständnis von Wirtschaftswissenschaftlern alles, was gegen ein anderes Gut eingetauscht werden muss. Zum Beispiel gegen Geld. Auf der Kinokarte steht ein Preis. Das Beobachten der Fledermäuse kostet nichts. Ist es damit wertlos? Oder lassen sich die Stunden am Teich ebenfalls in Euro ausdrücken? Was ist die Natur wert? Was ist sie uns wert?

Am Anfang lösen diese Fragen noch leises Unbehagen aus. Und am Ende wird man sich wundern, warum sie nicht viel häufiger gestellt werden. Dazwischen liegen 24 Stunden, von Freitagabend bis Samstagabend: der GEO-Tag der Artenvielfalt. In dieser Spanne geben Ökonomen und Ökologen Antworten. Bürgerinnen und Bürger Freiburgs, die Gastgeber der diesjährigen GEO-Hauptveranstaltung, kommen zu Wort. Und als Erstes ein Mann, der - zufällig - denselben Nachnamen trägt wie Talitha. Markus Müller muss schon von Berufs wegen fast täglich den Wert der Natur taxieren. Müller ist Förster. Sein Revier liegt im 2000 Hektar großen Mooswald, am westlichen Rand von Freiburg, zu einem Drittel mit Eichen bestanden. Der Pirol ruft, ein Specht hämmert, als Müller am frühen Samstagmorgen ein 200-jähriges Baumexemplar in Augenschein nimmt. Gerader Wuchs, kaum Seitentriebe, ausladende Krone. Was mag diese Eiche wert sein?

Markus Müller schätzt, dass ihr Stamm einen Meter im Durchmesser misst, neun in der Höhe. Feinstes Möbelholz gäbe er ab. Oder Fassholz. Frankreich ist nah, Weinbauern fragen Müller oft nach Eiche für ihre Barriques. 400 Euro kann er pro Festmeter verlangen. Das Holz der Krone taugt als Brennholz und würde 960 Euro einbringen. Abzüglich der Kosten für seine Arbeiter, die den Baum fällen würden, kommt Müller auf einen Betrag von 3260 Euro. Das ist der Marktwert der Eiche. Müller ist ein moderner Förster. Man sieht es an seiner Designerbrille, man hört es an seinem Reden. Die Ruhe, die gute Luft, das Vogelgezwitscher - ein "super Feeling" gebe der Wald den Spaziergängern und Joggern, sagt Müller. Die Eiche binde außerdem mehr Arten an sich als andere Bäume. Der Mittelspecht etwa findet seine Insektenmahlzeiten fast nur unter Eichenrinde. Eichen seien auch gut an ihren Standort angepasst, daher toleranter gegenüber Temperaturschwankungen als viele andere Bäume. Das ist wichtig für ein stabiles Wald-Ökosystem in Zeiten des Klimawandels. Müller weiß also längst, dass sein Wald mehr wert ist als das Holz der Bäume. Doch wie hoch ist dieser MehrWert zu veranschlagen?

Mit dieser sehr komplizierten Frage beschäftigt sich derzeit eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern. Sie arbeiten am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Im Auftrag der Bundesregierung und der EUKommission tragen sie dort alles Wissen zusammen, das zum Wert von Natur existiert. Über ihrer Studie steht: "Die Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität". Nach ihrem englischen Titel (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) kürzt sie sich TEEB ab. Einer der TEEB-Forscher ist Carsten Neßhöver. Fallen in seiner Gegenwart Wörter wie Wald, Moor oder Korallenriff, dauert es nicht lange, bis ihm Zahlen in den Sinn kommen. Meistens welche mit vielen Nullen. Zwei, fünf, sieben Millionen, Euro, Pfund oder Dollar: Beträge, die irgendwer irgendwo auf der Welt als Wert für ein ganz konkretes Ökosystem ausgerechnet hat. Die äthiopischen Bergregenwälder etwa wurden allein für ihre Funktion als Heimat von Wildkaffeepflanzen mit 1,45 Milliarden US-Dollar taxiert, gerechnet über 30 Jahre.

Gebiete, für die es solche Daten gibt, nehmen in Neßhövers Denken breiten Raum ein. Versucht man aber, sie auf einer Weltkarte einzuzeichnen, muss man schon mit einem sehr gespitzten Bleistift Pünktchen zeichnen. Die wenigen durchgerechneten Ökosysteme sind nur Beispiele. Zum Maßstab für weitere Berechnungen taugen sie kaum. Der Wert des Freiburger Mooswalds ist nicht durch eine einfache Rechnung zu ermitteln: Ein Quadratmeter Mooswald gleich ein Quadratmeter Regenwald abzüglich Tropenfaktor, minus Kaffee, plus Eichen. So simpel ist es nicht. "Es gibt diese Erwartung an uns", sagt Carsten Neßhöver: "Die TEEB-Leute sagen jetzt, was ein Hektar Wald kostet." Der Wert eines Ökosystems aber sei in jedem einzelnen Fall neu zu ermitteln - und hänge auch stets davon ab, inwieweit bestimmte Leistungen nicht nur theoretisch vorhanden sind, sondern in dem konkreten Kontext auch genutzt werden.

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Moos fühlt sich gut an, weiß doch jedes Kind. Dass der grüne Teppich auch als Nährstofffilter und Wasserspeicher dient, erklärt Botaniker Michael Lüth seinen Zuhörern. Und was ist der Preis dieser Naturleistung? Wie viel wären wir bereit, dafür zu zahlen? Um solche Fragen drehte sich der GEO-Tag der Artenvielfalt in Freiburg

Ökonomen stehen vor einem Ökosystem wie Makler vor einer Immobilie. Der Makler schaut sich die Größe eines Objekts an, die Ausstattung, die Extras. Und ihn interessiert die Lage. Ein Objekt in Freiburg Mitte besitzt einen höheren Wert als eines am Rand von Eberswalde. Denn es befriedigt das Bedürfnis nach Nähe zu Museen und Universitäten in ganz anderer Weise. Zu Verkehrsanbindungen, Arbeitsplätzen. Erst wenn er alle Nutzen eines Objekts kennt, setzt der Makler den Gesamtwert der Immobilie fest. Was ist der Gesamtwert eines Hektars im Freiburger Mooswald? GEO hat Carsten Neßhöver um eine Einschätzung gebeten. Der Forscher sieht sich zunächst die Basisausstattung des Waldes an. Zum Beispiel die Eichen. Ein Baum produziert im Jahr drei Milliarden Liter Sauerstoff und rund 4000 Kilogramm organische Stoffe. Er filtert bis zu 7000 Kilogramm Staub und 70 Kubikmeter Wasser.

Pro Hektar bindet ein Wald zehn Tonnen Kohlendioxid. Holz wirft er ab, er gibt Wild Raum, er schützt vor Wind, Lärm, Erosion. Dann beginnt Neßhöver zu recherchieren. Was kostet ein Kubikmeter Wasser in Freiburg?

Was das Versichern gegen Sturm? Wie hoch veranschlagt der Emissionsmarkt die Festlegung von einer Tonne Kohlendioxid? Was zahlt man in Süddeutschland für ein Kilogramm Wildschweinfleisch? Bis hierhin kommt der Forscher an seinem Schreibtisch in Leipzig. Aber dort erfährt er nicht, wozu die Freiburger ihren Wald außerdem noch nutzen. Gibt es Trimm-dich-Pfade? Hundeschulen? Maler, die in alten Eichen ihr Motiv finden? Um mehr über den Mooswald zu erfahren, steht Carsten Neßhöver an diesem Samstag neben Förster Müller, in der Hand Stift und Notizblock. Sechs Waldkindergärten, erzählt Müller gerade, gebe es im Mooswald. Neßhöver notiert: "Arbeitsplätze! Frühkindliche Bildung!" Jedes Jahr im Januar, fährt Müller fort, finde im Wald ein Fest statt. Direkt hier, unter der 200- jährigen Eiche. Hunderte Freiburger Bürger kämen zusammen, brieten Speck und tränken Wein.

Und ersteigerten das Recht, in einer Parzelle des Waldes überzählige Bäume zu fällen. Die Freiburger schlagen ihr Holz selbst? Carsten Neßhöver blickt von seinem Block auf. "Toll! Die legen doch später jedes Scheit mit einem ganz besonderen Gefühl in den Kamin." Er notiert: "Enge emotionale Bindung an den Wald!" Wären sich Müller und Neßhöver vor 100 Jahren unter der Eiche begegnet, sie hätten eine ganz andere Rechnung aufgemacht. Weder von Waldkindergärten noch von Emotionen wäre die Rede gewesen. Sie hätten über die Eichenmast gesprochen. Alle sieben bis zehn Jahre werfen Eichen massenhaft Eicheln ab. Früher trieben Anwohner dann ihre Schweine in den Mooswald, um sie zu mästen. Sie entrichteten dafür den "Eckerich" an den Besitzer, was damals ein wichtiger Faktor in der Wertberechnung hätte sein müssen. Wäre Neßhöver vor 50 Jahren in den Wald gekommen, er hätte die Eichenmast nicht mehr, und den Klimawandel noch nicht auf dem Zettel gehabt.

Damals redete niemand von Treibhausgasen. Wer hätte den Nutzen von Bäumen darin sehen sollen, dass sie Kohlendioxid binden? Diese Leistung haben die Bäume zwar erbracht - aber sie war noch nichts wert. Und im Jahr 2050 werden Eichen vielleicht einen Nutzen haben, den wir heute noch nicht kennen. Vielleicht wird dann jemand im Freiburger Mooswald eine noch unbekannte Art entdeckt haben. Einen Pilz etwa, der nur hier wächst und aus dem sich ein Medikament gegen Krebs oder Alzheimer entwickeln lässt. Unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Genau genommen müsste man sogar dieser kleinen Chance, die der Mooswald bereithält, im ökonomischen Modell einen Geldwert zumessen - so wie ja auch ein Lottoschein einen potenziellen Wert hat, der größer als der reine Kaufwert sein kann.

Wenn Carsten Neßhöver schließlich mit einer Zahl herausrückt, wenn er den Wert von einem Hektar Mooswald über einen Zeitraum von 100 Jahren mit 1 282 700 Euro beziffert, wird er gleich nachschieben: "plus x". Jede Schätzung von Natur, sagt er, sei "eine niedrige Schätzung von unendlich". Neßhöver hat den Wald "monetarisiert". Er gebraucht Begriffe wie "Wertschöpfung", "negative Diskontierung" oder "Ökosystemdienstleistung".

Manchen Menschen flößt es Unbehagen ein, wenn sich die Sprache des Kapitalismus so über die Natur stülpt. Sollten wir Natur nicht um ihrer selbst willen bewahren? Überhaupt: Ist Natur nicht ein Geschenk? Konfrontiert man Carsten Neßhöver mit diesen Einwänden, wählt er seine Worte sehr sorgfältig. Das In-Wert-Setzen, sagt er, sei ein zusätzliches Instrument des Naturschutzes. Und während es für die Natur zunächst gleichgültig sei, ob wir ihr einen Eigenwert zubilligen oder nicht, könne das Monetarisieren einen großen Unterschied machen, weil es die wirtschaftliche Einstellung der Menschen zur Natur verändern kann.

Gut. Der Freiburger Mooswald hat jetzt einen Wert. Doch wo ist der große Unterschied? Man sieht ihn nicht an diesem Samstagmorgen. Um ihn sichtbar zu machen, müsste ein Markt her. Ein Interessent müsste auftreten, eine Kaufentscheidung müsste anstehen. Und, wie bei einem Hauskauf, auch ein Gutachter, der allen Beteiligten den Wert des Objektes erklären kann. Luftlinie etwa sieben Kilometer von Markus Müllers 200- jähriger Eiche entfernt, steht die Filiale eines schwedischen Möbelhauses. Parkplätze und Lagerhallen dehnen sich dort aus, wo einst Mooswald war. Ende der 1990er Jahre stand die Entscheidung an, das Areal in ein Industriegebiet umzuwandeln.

Freiburgs Gemeinderat hatte die Wahl. Hier: Investitionen, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen. Dort: Naturschutz. Der Naturschutz wurde damals "weggewogen", wie es in der Sprache der Planer heißt. Der Mooswald ist dem Möbelhaus gewichen. Ähnliches ereignet sich überall auf der Welt, täglich. Die Wirtschaft wächst, die Natur schrumpft. Die Natur wird dabei meist weit unter ihrem wahren Wert gehandelt - wie ein fahrtüchtiges Auto, das nur für den Materialwert seines Blechs den Besitzer wechselt.

Wer aber kommt für die Differenz auf? Wer begleicht die vielen Posten, die auf Carsten Neßhövers Rechnung stehen? Die Steuerzahler. Wir alle. Jedes Mal. Als unser Wirtschaftssystem entstand, mit Einsetzen der Industrialisierung vor etwa 200 Jahren, lebte nur eine Milliarde Menschen auf der Erde; nun sind es 6,9 Milliarden. Natur gab es im Überfluss. Ansonsten mangelte es am Nötigsten. Das Wirtschaftssystem erzeugte Wohlstand. Nahrung, Kleidung, Häuser, Straßen, Bücher: Darum ging es zuerst. Später kamen Kühlschränke, Autos, Waschmaschinen dazu. Noch später schnellere Autos, Handys, Flachbildschirme. Klingeltöne, Tortenheber mit Musik, Kaffee in Kapseln.

Also auch Tinnef darunter, den kein Mensch braucht. Jedenfalls würden die wenigsten von selbst auf den Gedanken kommen, ihr Glück im Besitz eines singenden Tortenhebers zu sehen. Das Bedürfnis nach ihm - und die Bereitschaft, es für 9,99 Euro zu stillen - wird durch Marketing geweckt. Normal ist es nicht. Man könnte nun behaupten, dass die meisten Menschen lieber einen Vogel singen hören als einen Tortenheber. Dass intakte Natur mehr zu unserem Wohl beiträgt als Tinnef. Laut der offiziellen Statistik ist diese Behauptung aber falsch.

Der Indikator des Wohlstands ist das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP. Es erfasst alle Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr in Deutschland gehandelt werden. Es erfasst den Tortenheber. Aber die meisten Dienstleistungen der Natur erfasst es nicht. Wenn ein Hektar Wald schwindet, sackt das BIP deshalb auch nicht ab. Im Gegenteil.

Es wächst. Sogar gleich zweimal. Das erste Mal mit jedem Euro, den etwa das Möbelhaus auf dem ehemaligen Mooswaldgebiet umsetzt. Das zweite Mal, wenn die Leistungen, die früher der Wald erbracht hat, durch Technik ersetzt werden. Durch Lärmschutzwände, Klärwerke. Oder durch eine Solaranlage, die das Kohlendioxid wieder einsparen soll, das zuvor durch die Bäume festgelegt war. Jeder Cent, den das alles kostet, taucht im Bruttoinlandsprodukt wieder auf. Weil jemand eine Leistung erbringt und jemand anders sie bezahlt.

Die Wirtschaft wächst also nicht nur, während die Natur schwindet. Sie wächst auch, weil die Natur schwindet. 60 Prozent aller Ökosystemdienstleistungen sind schon stark reduziert worden. Aber die Wirtschaft funktioniert immer noch so, als gäbe es Natur im Überfluss. Jedes Jahr vernichtet die Menschheit mehr Kapital, als durch die Weltfinanzkrise verloren ging. Naturkapital. Das hat Pavan Sukhdev ausgerechnet, ein Ökonom der Deutschen Bank, freigestellt, um die TEEB-Studie zu leiten. Er ist zuständig für das große Gesamtbild. Das aber viel komplizierter wird, wenn man es näher heranzoomt: Es zeigt zum Beispiel auch jene rund 27 000 einzelnen Spezies, die pro Jahr auf der Erde aussterben.

Seltsam. Es ist GEO-Tag der Artenvielfalt - und niemand redet über Artenvielfalt. Jedenfalls kein Ökonom. Biologen werden in der Freiburger Region an diesem Tag den Wiedehopf entdecken, die Fransenfledermaus, den Mittelspecht, die Gelbbauchunke; sie werden botanische Seltenheiten wie den Menschentragenden Ohnsporn und den Kamm-Wachtelweizen bestimmen. 2300 Arten insgesamt.

Wo ist die Rechnung, in der nicht nur ihre Anzahl, sondern auch der Wert ihrer schieren Vielzahl auftaucht? Von allen Einwänden, die es gegen das Monetarisieren von Natur gibt, ist dieser vielleicht der stichhaltigste: Zwar trägt die TEEB-Studie das Wort "Biodiversität" im Titel. Doch die Forscher tun sich schwer, den speziellen Beitrag der Vielfalt zum Wert der Natur herauszuarbeiten. Worin soll der Nutzen bestehen, den die Menschheit nur daraus zieht, dass die Tiere und Pflanzen vielfältig sind?

Tatsächlich bringen viele Systeme eine höhere Leistung, wenn sie eher arm an Arten sind. Die Ernte auf einer Obstplantage fällt weit größer aus als jene auf einer Streuobstwiese. Ein Acker ohne Rain wirft mehr Ertrag ab. Der Wirt eines Teichs schöpft mehr Gewinn, wenn er die Fische in seinem Gewässer nicht mit Otter und Kormoran teilen muss.

Immerhin: Es gibt Studien, die darauf hindeuten, dass hohe Artenvielfalt einem Ökosystem Robustheit verleiht. Doch kann man zwei Faktoren - Biodiversität und Robustheit - aus der ökologischen Gemengelage isolieren und in einen allgemeingültigen Zusammenhang stellen? Etwa: Wenn ihre Artenvielfalt groß ist, passt sich eine Flussaue / ein Wald/eine Salzwiese besser an äußere Veränderungen an? So einfach geht das nicht. Leider. Sucht man nach einem Nutzen, den der Mensch aus der Artenvielfalt zieht, muss man noch einmal zu den Müllers zurückkehren. Zu Förster Markus Müller und dem "super Feeling" der Spaziergänger in seinem artenreichen Wald. Zu Talitha Müller und ihrer Freude an den Fledermäusen. Gute Gefühle. Haben sie einen Preis? Kisten klappern, Stimmen schwirren. Samstagmittag auf dem Platz des Freiburger Münsters.

Marktleute packen ihre Stände zusammen. Die Freiburger haben Äpfel gekauft, das Kilo zu 1,49 Euro. Blumenstauden zu 3,99 und aus Weide geflochtene Körbe, das Stück ab zwölf Euro. Wären sie bereit, Geld für etwas hinzulegen, das sie nicht nach Hause tragen können? Auf einige der Passanten tritt an diesem Tag eine Frau zu, blond, Pferdeschwanz, breites Lächeln. Nele Lienhoop. Sie zeigt ihnen das Bild eines Vogels. Sein Gefieder ist auffällig bunt, smaragdgrün, rostbraun, sonnengelb. Der Bienenfresser. Er galt hierzulande lange als ausgerottet. Seit den 1990er Jahren brütet er wieder am Kaiserstuhl. Hundert Brutpaare ziehen jeden Sommer in das Weinbaugebiet bei Freiburg. Dieses Vorkommen, sagt Lienhoop, gelte es zu sichern.

Die Freiburger Bürger erfahren von einem "Bienenfresser-Fonds". In ihn eingezahltes Geld soll verwendet werden, um Böschungen zu pflegen und so den Bestand des Bienenfressers in der alten Kulturlandschaft zu erhalten. Würden Sie das Projekt unterstützen? Wenn ja, mit welchem Betrag jährlich? Mit zwölf Euro? 2,50? 75? "Überlegen Sie gut", sagt Lienhoop, "wie wichtig Ihnen der Schutz des Bienenfressers ist. Und was Sie sich leisten können." Nele Lienhoop ist Umweltökonomin. Wie Carsten Neßhöver arbeitet sie am Helmholtz-Zentrum in Leipzig. Sie hat diesen Fragebogen eigens für den GEO-Tag erstellt. Der Fonds, von dem sie redet, existiert gar nicht. Nur die Methode, die Lienhoop anwendet, die gibt es. Sie heißt Zahlungsbereitschaftsmethode.

Mit ihr könnte Förster Müller auch erforschen, was Spaziergänger für eine Mooswald- Jahreseintrittskarte bezahlen würden - und er erhielte einen kleinen Baustein für seine Waldwertermittlung. Erstmals setzten Wissenschaftler die Methode 1989 in den USA ein. Vor der Küste Alaskas war der Öltanker "Exxon Valdez" havariert. Die Kosten für das Säubern von Meer und Stränden beliefen sich auf zwei Milliarden Dollar. Eine Umfrage unter den US-Einwohnern ergab jedoch: Die Rettung der Natur wäre den Menschen 2,8 Milliarden Dollar wert gewesen - in einer Region, die sie wohl selbst nie zu Gesicht bekommen würden. Natürlich ist die Methode nicht so naiv, wie sie hier erscheinen mag. Wenn Nele Lienhoop sie für ihre Forschung einsetzt, umfasst der Fragebogen mehr Seiten als dieser Artikel. Nach einer Woche ruft sie die Befragten nochmals an und erkundigt sich, ob sich an der Aussage etwas geändert hat. In Freiburg kürzt die Forscherin das Verfahren ab.

Das folgende Ergebnis ist deshalb unter Vorbehalt zu sehen: Durchschnittlich 19,40 Euro würde jeder Befragte pro Jahr geben, damit der Bienenfresser-Bestand erhalten bleibt. Rechnete man die Summe auf die 114 574 Freiburger Haushalte hoch, käme man auf 2 222 736 Euro. Fiktives Geld wohlgemerkt. Doch angenommen, es würde tatsächlich fließen. Was geschähe? Ein Kuckuck ruft, die Wolkendecke über Oberrotweil reißt ein wenig auf, als Engelbert Mayer mit dem Zeigefinger sachte über eine Abbruchkante fährt. Gesteinsstaub, fein wie Puderzucker, bleibt daran hängen: Löss. Vor Jahrtausenden hat der Wind diesen Staub meterdick auf dem Kaiserstuhl abgelagert. Fruchtbarer Grund für Weinreben. Ideales Brutgebiet für Bienenfresser. In die Terrassenhänge der Weingärten bohrt der Vogel seine Bruthöhlen; Gänge, anderthalb Meter tief und groß genug, um eine Billardkugel durchzulassen.

Engelbert Mayer, Vogelexperte des NABU, späht nach dem Bienenfresser aus. Der Vogel sitzt an sonnigen Tagen gern auf den Drähten zwischen den Reben und wartet, dass Insekten aufsteigen. Es dauert, bis Mayer das erste Exemplar sichtet. Ständig senkt er den Feldstecher, weil er aus dem Augenwinkel etwas anderes entdeckt. Marderspuren. Bruthöhlen von Wildbienen, Trichter von Ameisenlöwen. Rauke. Wildmöhren. Alles Arten, die - wie der Bienenfresser - in den Lösshängen leben. Wer in den "Bienenfresser- Fonds" einzahlte, schützte automatisch auch sie. Und würde Arbeitsplätze schaffen. Von den rund 2, 2 Millionen Euro im Fonds könnte man Menschen dafür bezahlen, dass sie die Böschungen frei von Bewuchs halten. Oder bereits zugewucherte Hänge freilegen.

Natürlich wissen Ökonomen, dass das gespendete Geld den Freiburgern an anderer Stelle fehlen würde. 19,40 Euro: Das entspricht ziemlich genau dem Betrag, den das schwedische Möbelhaus für eine Garnitur Bettwäsche nimmt. Vielleicht müsste es irgendwann einen Verkäufer entlassen, weil die Freiburger, statt Bettwäsche zu kaufen, in den Bienenfresser- Fonds einzahlen. Die Arbeit würde also umgeschichtet. Vom Bettwäscheverkauf zur Naturpflege. Irgendwann, nach zwei, drei oder fünf Jahren, gäbe es dann mehr Bienenfresser im Kaiserstuhl - und mehr geflickte Bettwäsche in Freiburg. Ein unsinniges Gedankenexperiment? Man muss an dieser Stelle kurz einen Abstecher in den Norden machen, nach Kiel. Dort, im Hörsaal 2 der Universität, sprach am Montag vor dem GEO-Tag der Artenvielfalt Robert Costanza. Das Auditorium war voll besetzt, als der US-Amerikaner ans Mikrofon trat.

Costanza gehörte zu den Ersten, die Ökonomie und Ökologie in einen Zusammenhang gestellt haben. 1997 hat er im Fachmagazin "Nature" eine Studie veröffentlicht, die den Gesamtwert der Leistungen der Natur mit 33 Billionen US-Dollar pro Jahr bezifferte - fast das Doppelte des damaligen globalen Bruttosozialprodukts. An diesem verregneten Morgen in Kiel erzählte Costanza von einer Vision: von Wohlstand ohne Wirtschaftswachstum.

Der Ökonom hatte eine Dreiviertelstunde Zeit, diese Vision auszumalen. Er sprach davon, dass wir unabhängig werden müssen von fossilen Brennstoffen. Er erklärte das In-Wert-Setzen der Natur und dass wir neue internationale Institutionen brauchen würden, um die Veränderungen zu begleiten. Als letzten Punkt nannte der Amerikaner einen Wandel der Kultur. Den Menschen, meinte er, müsse die Natur wichtiger werden als der Konsum. "Ich sehe diesen Wandel bereits", sagte Costanza. "Glauben sie mir, er vollzieht sich rascher, als wir denken."

Was für ein pathetischer Schlusssatz. Sehr amerikanisch. So meine Gedanken in Kiel. Doch der Satz fällt mir noch einmal ein. Während eines Wiedersehens mit Talitha Müller. Der GEO-Tag der Artenvielfalt in Freiburg ist zu Ende. Die 13-Jährige und ihre Mutter sitzen zufällig mit den Kollegen aus der GEORedaktion im selben Zug. Talitha redet über ihr Taschengeld. 100 Euro, sagt sie, hätte sie gespart gehabt.

Ursprünglich wollte sie von dem Geld einen Zoo gründen. Kein normaler Zoo sollte es sein, sondern einer für bedrohte Arten. Weiße Tiger. Wale. Eisbären. "Na ja", sagt Talitha. "Der Plan ist mittlerweile gestorben. War wohl nicht ganz realistisch." Und die 100 Euro? Hat sie sich davon etwas Schönes gekauft? Unsinn. Das Geld hat sie an den WWF überwiesen.

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