Interview Das mediale Klima

Der Klimawandel ist in den vergangenen Jahren zu einem der ganz großen internationalen Medienthemen geworden - und hat damit auch die Aufmerksamkeit von Kommunikationswissenschaftlern geweckt. Wie wird das Thema in verschiedenen Ländern dargestellt? Wo gibt es Verkürzungen und Übertreibungen? Derlei Fragen stellen sich Forscher wie die Hamburger Journalistik-Professorin Irene Neverla. Sie hat herausgefunden, dass Katastrophenszenarien typisch deutsch sind, Schweden als Vorbild taugt - und erklärt, was die Erderwärmung mit Unschuld zu tun hat
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Irene Neverla ist Professorin für Journalistik an der Universität Hamburg

Seit wann ist der Klimawandel überhaupt ein Medienthema?

Die Klimaforschung hat in den 1960er Jahren begonnen; viel berichtet wurde aber erst in den 1980er Jahren, nachdem die Klimaforscher sich aktiv an die Politik gewandt hatten. Und danach wieder zwischen 2005 und 2007, weil es große Ereignisse gab, die auch die Boulevardmedien aufweckten: vor allem den Hurrikan Katrina in den USA. Durch diese Katastrophe ist ein Interesse entstanden, das bis heute andauert.

Die Allgegenwärtigkeit wirkt fast erdrückend ...

... und lässt einen leicht wegsehen. Klimawandel hat ja eine spezielle Raum- und Zeitdimension: Erfolge jetzigen Handelns sind erst in 70 Jahren sichtbar; das übersteigt die Vorstellungskraft. Und die Motivation, etwas zu tun. Außerdem wirkt der Klimawandel überall auf der Welt, wodurch man ihn schwer verorten kann. Zudem sind bei anderen Umweltproblemen die Schuldigen klarer auszumachen - wie BP bei der Ölkatastrophe. Das funktioniert beim Klimawandel nicht so einfach. Umso größer sind die Herausforderungen an die Medien, kreativ und anschaulich zu berichten.

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Ikone des Klimawandels: Eisbär auf Eisscholle

Da ist es einfacher, auf den Zug der Klimaskeptiker aufzuspringen?

Klimaskepsis hat Konjunktur, seit englische Forscher Erkenntnisse zurückgehalten haben und sich der Weltklimarat bei der Gletscherschmelze im Himalaya verrechnet hat. Das hat zu einer heftigen Debatte in den Medien über die Glaubwürdigkeit der Klimaforschung geführt. Vielleicht hat nicht nur der kalte Winter, sondern auch dieses "Climategate" Wirkung in der Bevölkerungsmeinung gezeigt. Die BBC hat im Februar 2010 eine große Umfrage durchgeführt. Ergebnis: Nur 26 Prozent sahen als wissenschaftlich erwiesen an, dass Klimawandel durch Menschen gemacht wird - im Gegensatz zu 41 Prozent nur drei Monate zuvor. Das Klimathema ist wieder strittig geworden.

Kann es sich erholen?

Medien vergessen schnell. Und der Klimawandel hat einen Aspekt, der ihn zum langfristigen Thema macht: Er weckt starke Assoziationen wie den Glauben an die Natur, an Reinheit und Ursprünglichkeit. Deshalb ist das Thema auf einer ganz elementaren Ebene zunächst einmal positiv besetzt. Es gilt etwas zu schützen, das einen Unschuldscharakter hat. Auch deswegen ist der Klimawandel das neue Metathema geworden, eine Thematik, an der Journalisten viele andere Themen, oft Umweltthemen, andocken können, weil sie Anschlusskommunikation zulässt. Klima, das ist ein Politik-, Wirtschafts- oder Kulturthema. Es ist global, überregional und lokal.

Inwieweit bestehen lokale Unterschiede in der Berichterstattung?

Vordergründig wird weltweit über ein gemeinsames Thema debattiert. Aber tatsächlich ist der Zuschnitt national komplett unterschiedlich. In Deutschland haben wir einen Katastrophismus, der früh stark zuspitzt und auffordert, schnell etwas zu tun. Ähnlich ist es in Schweden - mit einem Unterschied: Die Medien appellieren dort viel stärker an die Verantwortung des Einzelnen und seine Möglichkeit, etwas zu tun. In Deutschland wird vor allem die Regierung in die Verantwortung genommen. In Südeuropa wiederum steht das Thema kaum im Vordergrund.

Und über die Ozeane geblickt?

In Australien, das eine einflussreiche Kohleindustrie hat, gibt es einen Kulturkampf: Wenige Klima-Aktivisten gegen eine Mehrheit, die das Thema abwiegelt. In Indiens Zeitungen ist der 'Norden' schuld - und man selbst deshalb nicht so sehr in der Verantwortung. Die steigenden CO2-Emissionen der eigenen Mittel- und Oberschicht sind kein Thema. In den USA kommt beim "balanced reporting" immer die Gegenseite zu Wort - auch wenn sie einer radikalen Minderheit angehört. Deshalb haben Klimaskeptiker viel Beachtung gefunden. Und der US-Journalismus hat sich, wie in vielen Ländern, dem politischen Mainstream angepasst: der Klimaskepsis, die dort unter Bush lange herrschte.

Was bemängeln oder vermissen Sie in der Berichterstattung?

Es gibt noch immer Verkürzungen und Überzeichnungen. Die Erderwärmung ist zum Beispiel nicht für jeden zu warmen Sommer verantwortlich. Oder nehmen wir die Bilder des Eisbären auf der Eisscholle, die uns fast ikonenhaft präsentiert werden - aber für sich genommen nichts beweisen. Und so genau will man es oft gar nicht wissen. Warum etwa sind in Bangladesh die Folgen des Meeresanstiegs so groß? Im extrem dicht besiedelten Deltagebiet leben 40 Millionen Menschen, von denen 60 Prozent Analphabeten sind. Sie sind arm, schlecht informiert, haben keine Alternative - und leben deshalb teils vor den Hochwasserdeichen! Solche sozialen Zusammenhänge werden oft verschwiegen. Oder schlichtweg vergessen.

Das Interview führte Torsten Schäfer

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