Biomasse Bunte Vielfalt statt Monokultur

Wildpflanzen sind nicht nur schön anzusehen - sie eignen sich auch zur Biomassegewinnung. Und damit als ökologische Ergänzung zu tristen Silomais-Monokulturen

Der Anteil der Energieerzeugung aus nachwachsenden Rohstoffen wächst hierzulande rasant. Produzierten im Jahr 2009 noch knapp 5000 Biogasanlagen Gas zur Stromgewinnung, so werden es 2011 schon 6800 sein, schätzt der Fachverband Biogas. Der Anteil des so gewonnenen Stroms am deutschen Gesamtverbrauch steigt damit von zwei auf drei Prozent.

Doch der Boom hat eine Kehrseite: Für die Biomassegewinnung wird größtenteils Mais angebaut, sogenannter Silomais. Die Monokulturen sind nicht nur unschön. Sie bieten kaum Lebensraum für wilde Tier- und Pflanzenarten, müssen intensiv gedüngt und mit Pestiziden behandelt werden. Zudem tragen sie an empfindlichen Standorten zur Boden-Erosion und -Verarmung bei. Denn der Boden muss jedes Jahr bearbeitet werden.

Dass es auch anders geht, zeigen jetzt Forscher der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim. Sie fragten sich, ob sich Biomasse nicht auch mit umweltverträglicheren Pflanzen erzeugen lässt. Ihr Lösungsvorschlag: eine bunte Blumenmischung, vor allem wilde Kräuter und Stauden, die bei uns heimisch sind. Schon nach zwei Jahren Laufzeit freut sich Birgit Vollrath, die wissenschaftliche Leiterin des Projekts "Energie aus Wildpflanzen", über "sehr positive Ergebnisse".

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Versuchsfeld bei Würzburg: Blütenpracht schon im ersten Standjahr

Das Forscherteam um die Biologin begann im Jahr 2008 damit, Wildpflanzen auszusuchen, die für die Biomasseproduktion geeignet erschienen. "Erstaunt hat mich, dass einige heimische Wildarten zwar nicht übermäßig hoch, aber dafür sehr dicht wachsen und dadurch viel Biomasse bilden - etwa Rainfarn, Wegwarte oder Flockenblumen", erklärt Birgit Vollrath.

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Auf den Wildpflanzenblüten finden viele verschiedene Falter Nahrung - hier ein Distelfalter und ein Tagpfauenauge

Es galt, die Pflanzenarten so zu kombinieren, dass der Landwirt nur einmal säen muss, aber mehrere Jahre hintereinander ernten kann. Dazu stellten Vollrath und ihre Kollegen aus insgesamt 40 Arten zwölf unterschiedliche Mischungen von einjährigen, zweijährigen und mehrjährigen Wildpflanzensamen zusammen. Im Jahr 2009 begannen sie mit der Aussaat auf vier verschiedenen Standorten in Deutschland.

Für jeden Boden und jedes Klima wollen die Forscher eine ideale, individuelle Mischung zusammenstellen - ein Vorhaben, das viel Geduld erfordert. Denn es lässt sich nur schwer voraussagen, wie sich die einzelnen Pflanzenarten über die Jahre entwickeln. Ziel ist es, nur alle fünf Jahre zu säen, ohne die Anbaufläche in der Zwischenzeit zu bearbeiten. Geerntet wird einmal im Jahr, im Spätsommer, wenn die Aufzucht von Jungvögeln und Rehkitzen beendet ist und der Maishäcksler für die Tiere keine Bedrohung mehr darstellt.

Neben dem geringeren Arbeitsaufwand hat die Anbaumethode gegenüber den Mais-Monokulturen verblüffend viele weitere Vorteile.

Die Felder sind dank der verschiedenen Blütenfarben und -formen nicht nur schön anzusehen. Sie bieten Insekten wie Bienen, Hummeln und Schmetterlingen reiche Nahrung, und damit auch deren Fressfeinden: Acht verschiedene Fledermaus-Arten haben Biologen in einem Versuchsfeld mit Wildpflanzen gezählt. Größere Wildtiere finden in den Wildpflanzen-Äckern Nahrung und Sichtschutz.

Die Pflanzenkulturen selbst benötigen keine Pestizide und nur vergleichsweise wenig Dünger. Für besonders empfindliche Anbauflächen, etwa Wasserschutzgebiete, wollen Vollrath und ihre Kollegen Mischungen zusammenstellen, die sogar ganz ohne Dünger auskommen. Technische Umstellungen sind für die Ernte oder die Biogasgewinnung nicht erforderlich. Den Rest besorgt die Natur.

Besonders ästhetisch: Jedes Jahr wird der Acker von anderen Pflanzen aus der Saatmischung dominiert. "Die Optik ändert sich am stärksten vom ersten zum zweiten Standjahr", erläutert Birgit Vollrath. Die meist großblütigen einjährigen Pflanzen verschwinden im zweiten Jahr ganz und machen den zwei- und mehrjährigen Platz.

So weit, so schön. Doch wie sieht es mit dem Ertrag aus? Mit den bisherigen Ernteergebnissen ist Birgit Vollrath zufrieden. Die Biomasse-Erträge der besten Saatmischungen beläuft sich auf rund 70 bis 80 Prozent im Vergleich zu Silomais. Birgit Vollrath ist optimistisch, dass sich dieser Anteil noch steigern lässt. "Wir stehen noch ganz am Anfang", gibt sie zu bedenken. Und fügt hinzu: "Es war nicht unser Ziel, den Silomais zu übertreffen. Uns ist die ökologische Ausrichtung wichtig. Und dass der Aufwand beim Anbau wesentlich geringer ist."

Selbst wenn die Biomasseerträge nicht an die Erträge von Silomais heranreichen sollten: Die geringeren Kosten bei Arbeitsaufwand, Düngung und Pflanzenschutz lassen die Anbaumethode schon jetzt rentabel erscheinen. Nicht zuletzt darum ist das Interesse nicht nur bei den Bürgern, sondern auch bei den Landwirten groß, wie Birgit Vollrath berichtet.

Werden wir schon in wenigen Jahren auf bunt blühende Biomasse-Landschaften blicken? Die Biologin gibt sich bescheiden: "Es ist nicht unser Ziel, den Mais zu 'verdrängen'. Wir wollen mehr Vielfalt in die Landschaft bringen. Und Lebensraum für die Tierwelt schaffen. Da wäre mittelfristig schon mit fünf oder zehn Prozent der Fläche sehr viel gewonnen."

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Spezialmaschinen sind nicht erforderlich. Mit dem Maishäcksler lassen sich auch Wildpflanzen ernten

Mehr Informationen über das Projekt auf den Seiten des Netzwerks "Lebensraum Brache"
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