Todesfalle Plastikmüll Klettereinsatz am Helgoländer Vogelfelsen

Am Lummenfelsen auf Helgoland verenden immer wieder Seevögel qualvoll in Plastikfäden. Ein Forschungsprojekt von Greenpeace und GEO untersucht nun, wie das Plastik zum Nestbau genutzt wird und woher es stammt
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GEO-Reporter Lars Abromeit (vorne) seilt sich gemeinsam mit Umweltaktivisten von Greenpeace am Helgoländer Lummenfelsen ab

In einem gemeinsamen Pilotprojekt seilen sich am heutigen Mittwoch erstmalig Umweltaktivisten und Journalisten am Helgoländer Lummenfelsen ab, um unter wissenschaftlicher Aufsicht plastikverseuchte Vogelnester zu bergen. Mit der Kletteraktion startet in Deutschlands kleinstem Naturschutzgebiet ein Forschungsprojekt zu den Folgen des Plastikmülls im Meer. Am Lummenfelsen verenden immer wieder Basstölpel und Trottellummen qualvoll in Plastikfäden, die die Seevögel über lange Distanzen aus dem Meer fischen und zum Nestbau verwenden. Jungvögel sind besonders stark betroffen. Der Bestand beider Arten ist durch die Verstrickungen nicht gefährdet, die Vögel sterben jedoch einen langsamen und qualvollen Tod und bleiben mitunter jahrelang hängen.

"Der Ozean ist die größte Müllkippe des Planeten"

Auf Initiative von Greenpeace und GEO soll untersucht werden, wie viel und welche Art von Plastik zum Nestbau genutzt wird, woher es stammt – und ob durch menschlichen Eingriff das Vogelsterben verringert werden kann. Dazu fehlen bislang grundlegende Daten. Die Ergebnisse sollen zudem genutzt werden, um Ursachen des Plastikproblems am Lummenfelsen zu bestimmen (zu den Forschungsfragen). "Der Ozean ist die größte Müllkippe des Planeten", sagt Lars Abromeit, Redakteur für Meeresthemen und Expeditionen bei GEO. "Die Folgen verlieren wir schnell aus den Augen, aber sie kommen zu uns zurück. Mit unserem Pilotprojekt wollen wir darauf aufmerksam machen und die Erforschung von Lösungsansätzen voranbringen."

Bereits aus der Distanz fallen am Lummenfelsen bunte Plastikfäden auf. Viele davon sind Rückstände sogenannter "Dolly Ropes". Die industrielle Fischerei verwendet diese Scheuerschutzfransen weltweit, um schwere Grundschleppnetze vor Abnutzung zu schützen. Sie sind Verschleißartikel und so konstruiert, dass bei Bodenkontakt einzelne Fäden abreißen. "Mit dieser einkalkulierten, permanenten Plastikverschmutzung verstößt die Fischereiindustrie gegen geltendes internationales Recht", sagt Sandra Schöttner, Meeresexpertin von Greenpeace. "Die deutsche Politik muss dieser Praxis einen Riegel vorschieben und Dolly Ropes verbieten. Wir brauchen einen Umstieg auf umweltschonende, biologisch abbaubare Alternativen. Die Fischerei mit tonnenschwerem Grundschleppgeschirr ist ohnehin zerstörerisch wie keine andere."

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Permanenten Plastikverschmutzung: Bei Bodenkontakt verlieren sogenannte "Dolly Ropes" einzelne Plastikfäden

Umweltschützer und Forscher nutzen heute die Zeit außerhalb der Brutsaison, um in einem definierten Bereich am nördlichen Teil des Felsens an die Nester zu gelangen. Dabei sollen in einem Teilabschnitt einige Nester geborgen, in einem weiteren sollen sie von herausstehenden Plastikschlingen befreit werden. Ein dritter Felsabschnitt bleibt als Referenzbereich unberührt. Die wissenschaftliche Auswertung übernimmt eine Kooperation bestehend aus dem Verein Jordsand, Biologische Anstalt Helgoland, Institut für Vogelforschung "Vogelwarte Helgoland" und Forschungs- und Technologiezentrum Westküste (FTZ) der Universität Kiel und wird von Greenpeace begleitet. Der Seevogelschutz liegt dem Verein Jordsand besonders am Herzen. Auch um auf die zunehmende Vermüllung der Meere aufmerksam zu machen, hat der Verein den Basstölpel zum Seevogel des Jahres 2016 gekürt. "Wir hoffen durch diese Aktion auch auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse, um den besorgten Beobachtern am Seevogelfelsen korrekt Auskunft geben zu können", sagt Rebecca Störmer, die Schutzgebietsbetreuerin des Vereins auf Helgoland.

Reporter der Henri-Nannen-Journalistenschule und der Fotograf Ralf Gantzhorn dokumentieren die heutige Aktion. Ihr Bericht wird Anfang 2016 auf GEO.de parallel zu einem Magazinbeitrag in GEO erscheinen.

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