Ökofonds Der Traum von der grünen Rendite

Ökologische Investmentfonds versprechen Wachstum ohne schlechtes Gewissen. Doch was bringen sie wirklich?

Können Kaufentscheidungen die Welt verbessern? Ja, sagen kritische Konsumenten wie die Mitglieder der Nachhaltigkeits-Community Utopia.de. Sie setzten auf Nachhaltigkeit, Ökologie und soziale Verantwortung. Und hoffen, durch die Wahl des richtigen Produkts Einfluss zu nehmen: auf einzelne Unternehmen, aber auch auf ganze Wirtschaftszweige. Weniger öffentlichkeitswirksam ist dagegen die Debatte um das Geld, das nicht direkt in Konsumgüter investiert wird: Geld, das sich auf den privaten Bankkonten und in den Wertpapierdepots der Deutschen türmt. Mehr als fünf Billionen Euro waren es 2010. Was passiert mit damit? Was bewirkt dieses Geld, außer dass es eine gewisse Rendite abwirft?

Viele Anleger wissen gar nicht, dass Banken und Fondsgesellschaften mir ihrem Geld Unternehmen finanzieren, denen sie selbst keinen Cent geben würden. Unlängst deckte die Wochenzeitung "Die Zeit" auf, dass der Versicherer Deutscher Ring Riester-Sparer zu Rüstungsfinanciers machte. In seiner fondsgebundenen Riester-Rentenversicherung "RingRiesterAktiv top3" stecken unter anderem Aktien eines Unternehmens, das Streubomben herstellt.

Weniger spektakulär, aber weiter verbreitet sind Wertpapiergeschäfte mit Konzernen, die auf klimaschädliche, fossile Energieträger setzen. Oder auf Atomkraft. Im Frühjahr wurde bekannt, dass die niederländische ING Groep, der Mutterkonzern der deutschen Direktbank ING DiBa, für 15 Millionen Euro Anleihen von Tepco gekauft hatte. Dem japanischen Atomkonzern gehören die Katastrophenreaktoren von Fukushima.

Solche Verflechtungen fallen einer steigenden Zahl von Privatanlegern unangenehm auf. "Viele Bürger wollen sich nicht tagsüber für eine Energiewende einsetzen und nachts ihr Geld gegen diese Energiewende arbeiten lassen", erläutert der Finanz- und Nachhaltigkeitsexperte Christoph Bals vom Verein Germanwatch den anhaltenden Trend. Wer also von den Kurssteigerungen der Börse profitieren und selber bestimmen möchte, welchen Unternehmen er sein Geld gibt, der investiert lieber in Aktien ausgewählter Unternehmen. Vorausgesetzt, er scheut nicht das Risiko einer Firmenpleite. Oder er investiert in Nachhaltigkeits- oder Ökofonds.

Solche Fonds richten sich an Investoren, denen hohe umwelt- und soziale Standards am Herzen liegen. Ihr Versprechen: Rendite mit gutem Gewissen. Die Nachfrage nach ihnen steigt rasant. Nach Angaben des European Sustainable and Responsible Investment Forum (Eurosif) hat sich das Volumen der nachhaltigen Investments in Europa seit 2008 von 2,7 auf heute fünf Billionen Euro fast verdoppelt. Doch was taugen die Fonds? Was bewegen sie wirklich?

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"Grün" und "Wachstum" - passt das zusammen? Ja, sagen Gärtner wie Ökonomen. Doch Vorsicht: Nicht alle grünen Geldanlagen sind wirklich grün. Und auch die Rendite kann stark schwanken

Hervorgegangen sind sie aus amerikanischen, christlich geprägten Ethikfonds. Sie mieden zunächst die sogenannten sin stocks ("Sünden-Aktien"), also Unternehmen, die mit Alkohol, Tabak, Glücksspiel, Rüstung oder Pornografie Umsatz machten. Noch heute arbeiten Ökofonds mit solchen Ausschlusskriterien. Doch es sind viele hinzugekommen: etwa Kinderarbeit, Verletzung von Menschenrechten, Gentechnik, Atomenergie, fossile Energien und Tierversuche. Für fast jedes Interesse kritischer Anleger gibt es ein Ausschlusskriterium. Welche dieser Kriterien ein Fonds kombiniert, entscheidet der Anlageausschuss oder der Manager des jeweiligen Fonds.

Zusätzlich oder alternativ arbeiten viele Fonds mit dem Best-in-Class-Ansatz. Das bedeutet, dass der Fondsmanager Unternehmen auswählt, die in ihrer Branche in Sachen Nachhaltigkeit zu den Besten gehören. Oder die sich besonders durch soziales Engagement hervortun. Da solche Recherchen sehr aufwändig sind, vertrauen viele Fondsmanager auf externe Dienstleister wie oekom research. Die Nachhaltigkeits-Ratingagentur prüft Unternehmen, aber auch Staaten unter rein ökologischen und sozialen Gesichtspunkten.

"Für die Bewertung von Unternehmen werden rund 100 branchenspezifische Einzelkriterien geprüft - etwa die Umweltbilanz seiner Produkte", erläutert Rolf Häßler, Pressesprecher bei oekom research. Bei Autoherstellern untersuchen die Prüfer die Recyclingquote der produzierten Autos und den Durchschnitts-Flottenverbrauch. "Außerdem sehen wir uns beispielsweise an, wie das Unternehmen mit seinen Mitarbeitern umgeht, welche arbeitsrechtlichen Standards es für die Auswahl der Zulieferer gibt, welche Rolle der Datenschutz spielt, wie mit Korruption umgegangen wird."

Das klingt gut. Doch der Best-in-Class-Ansatz ist umstritten. Viele Fonds wenden eine windelweiche Variante an, schließen keine Branche von vornherein aus. So landete etwa auch der Ölmulti BP in vielen Nachhaltigkeitsfonds. Der britische Konzern ist seit einigen Jahren um das Image der Nachhaltigkeit ("Beyond Petroleum") bemüht, geriet aber nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko nur nachhaltig in die Kritik. Die Zeitschrift Öko-Test fand die BP-Aktie Anfang 2010 in 13 von 73 untersuchten Ökofonds unter den zehn größten Werten. Und das, obwohl Rating-Agenturen wie oekom research das Unternehmen schon seit über zehn Jahren als "not prime" einstufen - wegen Versäumnissen bei der Anlagensicherheit und bei der Arbeitssicherheit.

Darüber hinaus fand Öko-Test in den "grünen" Portfolios Aktien der größten Waffenhersteller, der größten Luftverschmutzer und Aktien von Konzernen, die wegen schwerer Umweltkatastrophen und Menschenrechtsverletzungen umstritten sind.

Vorreiter unter den Ökofonds

Zu den "dunkelgrünen" Fonds mit harten Öko-Kriterien und hoher Transparenz zählt Öko-Test den GreenEffects NAI-Wertefonds. Er setzt sich zusammen aus den Werten des Natur-Aktien-Index (NAI), in dem 30 internationale Unternehmen vertreten sind. Aber wie "sauber" und vorbildlich sind die im NAI enthaltenen Unternehmen wirklich?

Ein Blick in den Fondsprospekt zeigt, dass die japanische Eisenbahngesellschaft East Japan Railways enthalten ist. Fahren die nicht mit Atomstrom, der auch in Fukushima produziert wurde? Dazu Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer von Germanwatch und Mitglied im Anlageausschuss des NAI: "Wir identifizieren Branchen, von denen wir glauben, dass sie für die Lösung der großen Zukunftsprobleme der Menschheit eine besondere Rolle spielen." Beim Thema Mobilität sei das nun mal die Eisenbahn. Und was macht die Japaner nun zu Öko-Vorreitern?

Das Unternehmen, so Bals, versuche auf breiter Front, die Umweltauswirkungen seiner Produkte zu minimieren. Ein Großteil der Lokomotiven sei mit energiesparenden Technologien ausgerüstet, die nur halb so viel Energie wie herkömmliche Lokomotiven verbrauchten. Die Energie stamme - weit über dem japanischen Trend - zu einem Viertel aus unternehmenseigenen Wasser- und hoch effizienten Kraft-Wärme-Kopplungs-Kraftwerken. Zudem würden 74 Prozent der Abfälle aus Bauprojekten und ausgemusterten Fahrzeugen wiederverwendet, sagt Bals. "Wichtig ist für uns, dass das Kernmodell eines Unternehmens nicht dem Nachhaltigkeitsgedanken entgegensteht. Wir ziehen harte Grenzen zwischen Greenwashing und ernsthaftem Engagement."

Tabu sind im NAI nicht nur klimaschädliche Geschäfte, sondern etwa auch Tierversuche. Zumindest solche, die "vermeidbar" sind. Im Klartext bedeutet das allerdings, dass im NAI auch Pharmaunternehmen denkbar sind, die gesetzlich vorgeschriebene Tierversuche durchführen.

Letzten Endes sind also immer der Sachverstand und das Gewissen des Privatanlegers gefordert. Er muss sich darüber klar werden, welche Ausschlusskriterien er für sinnvoll erachtet, welche Unternehmen in einem Fonds enthalten sind und wie die Auswahl durch den Fondsmanager erfolgt.

Das ist nicht immer leicht, denn nicht alle Fondsgesellschaften lassen sich so in die Karten schauen wie der NAI Wertefonds. Ein internationales Gütesiegel fehlt bislang. Einen gemeinsamen Standard gibt es bislang nur in puncto Transparenz. So führte Eurosif 2008 den Transparenz-Kodex ein, den 44 der von Öko-Test untersuchten Fonds unterzeichnet haben. Der Kodex garantiert ein hohes Maß an Offenheit gegenüber den Anlegern über den Anlageprozess und die angewandten Kriterien.

Dass Ökofonds rein ökonomisch ähnlich abschneiden wie vergleichbare konventionelle Indices und Fonds, darin sind sich die Ökonomen heute einig. "Die meisten Studien zeigen, dass sich Ökofonds ähnlich verhalten wie ihre konventionellen Benchmarks," sagt Paschen von Flotow, der Direktor des Sustainable Business Institute (SBI). "Allerdings muss man immer dabei berücksichtigen, dass die engeren Themenfonds, etwa 'Erneuerbare Energien', wesentlich größere Schwankungen aufweisen als die breit aufgestellten Best-in-Class-Fonds." Doch was ist mit der Lenkungswirkung dieser Fonds? Wie sehr können Privatanleger tatsächlich Unternehmen und ganze Branchen in Richtung mehr Verantwortung gegenüber Mensch und Natur bewegen?

Paschen von Flotow wertet schon die Aufmerksamkeitssteigerung beim Thema Nachhaltigkeit als Erfolg. "Weltweit gibt es inzwischen vielleicht 2000 Experten in Ratingagenturen oder im Fondsmanagement, die damit befasst sind, börsennotierte Unternehmen unter sozialen und ökologischen Gesichtspunkten zu analysieren. Eine solche Art der systematischen Beobachtung und Bewertung von börsennotierten Unternehmen hat es vorher nicht gegeben." Die Firmen-Reputation spiele am Kapitalmarkt eine immer größere Rolle. "Die Nachhaltigkeit ist für viele Unternehmen zu einem relevanten Faktor der Eigen- und Fremdkapitalbeschaffung geworden", sagt der Finanzexperte.

Auch Rolf Häßler von oekom research ist überzeugt, dass der Best-in-Class-Ansatz in vielen Branchen einen "Wettbewerb um die beste Nachhaltigkeitsleistung" ausgelöst hat. "Im vergangenen Jahr", so Häßler, "konnte man gut beobachten, dass erste Unternehmen anfangen, Nachhaltigkeitskriterien in ihre Vergütungssysteme einzufügen." Wenn Manager-Boni davon abhängen, wie gut ein Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit abschneidet oder von Ratingagenturen bewertet werden, dann könne sich in Unternehmen einiges ändern.

Und es gibt noch weitere Hebel: Manche Fondsmanager und Investorenvereinigungen nutzen die Möglichkeit, mit Unternehmen direkt über Nachhaltigkeit zu sprechen. In Deutschland sei das allerdings noch nicht sehr weit verbreitet, sagt Häßler.

Skeptischer ist Christoph Bals. Der Nachhaltigkeitsexperte von Germanwatch glaubt zwar, dass Ökofonds ein geeignetes Mittel seien, um öffentliche Debatten anzustoßen - doch ihre Lenkungswirkung hält er für "relativ gering". Ihr Effekt werde unter anderem dadurch verwaschen, dass viele Ökofonds in so genannte Blue Chips investierten. Das sind die Aktien großer Unternehmen, die sich auch in vielen konventionellen Fonds wiederfinden.

Wem es nicht vorrangig um Rendite gehe, sondern darum, wirklich etwas zu bewegen - der solle lieber in ökologische Startups investieren. "Die suchen oft händeringend nach Geld, um innovative Ideen in den Markt bringen zu können", sagt Bals. Der Haken an der Sache: Bei einem solchen Investment ist das Risiko eines Totalverlusts wesentlich größer als bei einem Fonds. Eine dunkelgrüne und hohe und sichere Rendite bleibt wohl eine Illusion.

Bei der Suche nach einem geeigneten Ökofonds helfen unabhängige Informationsplattformen wie Nachhaltiges-Investment.org. Hinter der Fonds-Datenbank steht das Sustainable Business Institute (SBI). "Man bekommt hier einen guten Überblick über die Positiv- und Negativkriterien der Fonds, und kommt so zu einer Einengung der Fonds, die in Frage kommen", sagt Paschen von Flotow, der Direktor des SBI. "Allerdings ersetzt das nicht die professionelle Beratung zu grundsätzlichen Anlageentscheidungen. Ein Investment in einen sozial-ökologischen Fonds ist immer nur eine Alternative zu einem anderen Fonds, aber nicht zu einer Spareinlage", gibt der Finanzexperte zu bedenken.

Umfassende Datenbank zum Thema Ökofonds

Testbericht "Ökofonds" der Zeitschrift Öko-Test

Informationen über nachhaltiges Investieren bei der unabhängigen Organisation Germanwatch ("Unternehmen und Finanzsektor" -> "Finanzsektor und Nachhaltigkeit")

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