Kernkraft Das Gute an der "German Angst"

Kaum eine Frage wird seit Fukushima so penetrant gestellt wie diese: Wie erklärt sich die deutsche Erregung über die Reaktorkatastrophe? Gibt es wieder einmal eine German Angst, einen speziellen Hang der Deutschen zur Hysterie? Ein Kommentar

Natürlich haben solche Fragen einen Unterton von Ironie, wobei Angst, Furcht, Vorsicht, Besonnenheit und produktive Unruhe dabei oft durcheinandergeworfen werden. Die Frager geben sich gern weltmännisch überlegen; es ist ihnen aber offensichtlich unbekannt, dass außer der Bundesrepublik noch ein Dutzend andere Staaten in Europa bislang auf die Kernenergie verzichtet haben. Dass der Protest gegen die Kerntechnik aus den USA stammt. Und dass die ersten Bauplatzbesetzungen von geplanten Kernkraftwerken 1971 in Frankreich stattfanden.

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Angst als Entwicklungstreiber: Aktivisten-Plakat am AKW Niederaichbach

Fukushima stellt die Zukunft der Kernenergie keineswegs nur in Deutschland infrage. "Nuclear power under fire", lautete Anfang April die Hauptschlagzeile von "World and Press", dem zweiwöchentlichen Überblick über die angloamerikanische Presse. Und doch trifft es zu, dass die Deutschen im Protest gegen die Kerntechnik weltweit Spitzenreiter sind. Dieser Widerstand gegen eine als gefährlich empfundene Technik hat sich seit den großen Demonstrationen der 1970er Jahre nicht nur mit bemerkenswerter Zähigkeit gehalten. Er wurzelt bereits weit früher. Bereits in den 1950er Jahren, als die Medien in überschwänglicher Begeisterung für das "friedliche Atom" schwelgten, beobachtete Friedrich Münzinger, der Verfasser des damals führenden Standardwerkes über Kernreaktoren, dass viele Deutsche "nuklearen Anlagen argwöhnischer gegenüberstehen als beispielsweise die Amerikaner".

Man hätte erwarten können, dass Münzinger seine Landsleute dafür zur Räson gerufen hätte; aber das Gegenteil war der Fall: Für ihn war der Argwohn ein Zeichen deutscher Vernunft und ein Beweis, dass hierzulande erfahrene Ingenieure mehr Gehör finden als "Geschäftemacher".

Münzinger war ein alterfahrener Kraftwerksbauer - schon 1913, unter Walther Rathenau, hatte er bei der AEG begonnen - und wusste nur zu gut, dass Großkraftwerke keine Schokoladenfabriken sind: Mit Explosionen muss man dort immer rechnen. Mit Nachdruck wies er deshalb darauf hin, dass die Kerntechnik ganz neuartige Risikodimensionen mit sich bringe, und zog daraus die Quintessenz: "Das Publikum wehrt sich daher mit Recht gegen alles, was die Atmosphäre, die Erde oder die Wasserläufe radioaktiv verseuchen könnte."

Und wenn Münzinger klagte, die Welt sei von einer "Atomkraftpsychose" gepackt, meinte der Kernkraftexperte damit nicht etwa hysterische Angst, sondern die überdrehte Kernkrafteuphorie jener Zeit, als man in das "friedliche Atom" nach Herzenslust Wunschträume projizierte. Rosige nukleare Zukunftsverheißungen seien nichts anderes als "durch Sachkenntnis nicht getrübte Flunkereien", so Münzinger. Wenn viele Deutsche darauf nicht hereinfielen, zeuge das nur von Wirklichkeitssinn.

Wenn demgegenüber heutige Kernenergie-Verfechter die Sorge gegenüber der Atomkraft als typisch deutsche Angst ins Lächerliche ziehen, übernehmen sie - obwohl sonst oft erzkonservativ - kurioserweise unbesehen eine Grundannahme der antideutschen Achtundsechziger: "Was spezifisch deutsch ist, kann nur schlecht sein."

Es gibt jedoch auch vernünftige deutsche Traditionen. Wer den Deutschen pauschal Technikfeindschaft und Technikangst unterstellt, hat von der deutschen Technikgeschichte keine Ahnung. Wenn sich deutsche Ingenieure in typischen Fällen über technische Risiken sorgten, war das keine unbegründete Angst, sondern eine produktive Unruhe, die der deutschen Technik ihr zu Recht gutes Image eintrug: das der unbedingten Zuverlässigkeit.

Hundert Jahre vor Münzinger bereits bemerkte Max Maria von Weber, ein schriftstellernder Eisenbahningenieur des 19. Jahrhunderts, dass die Deutschen bei den Eisenbahnen weit mehr um Sicherheit besorgt seien als die Amerikaner. Noch im frühen 20. Jahrhundert, als in den USA gerade die Safety-First-Bewegung aufkam, standen deutschen Eisenbahnern die Haare zu Berge über die horrende Zahl der amerikanischen Opfer von Eisenbahnunfällen. Dieser Typus von Experte setzte seinen ganzen Ingenieursstolz darein, einen öffentlichen Druck zur Durchsetzung höchster Sicherheitsvorkehrungen zu erzeugen: gegen die Großaktionäre der Eisenbahngesellschaften, die diese Unternehmen im 19. Jahrhundert zu Spielbällen wildester Börsenspekulationen gemacht hatten. Den deutschen Eisenbahnexperten alten Schlages wäre es nicht in den Sinn gekommen, die hiesige Unlust an Eisenbahnunglücken als "deutsche Hysterie" zu veralbern.

Immer wieder findet man in Deutschland stattdessen die Grundeinstellung: Risikobewusstsein kennzeichnet den Fachmann, blinde Begeisterung den Dilettanten. Münzinger schrieb 1942 in seinem Buch über Ingenieure: "In der Art, wie er ein Wagnis angeht, unterscheidet sich der ernsthafte Ingenieur vom Spekulanten und Hasardeur." Die Legende von den angeblich abergläubischen deutschen Eisenbahngegnern, die behauptet haben sollen, schon der bloße Anblick einer daherschnaufenden Lokomotive mache geisteskrank (eine Story, die von Heinrich von Treitschkes "Deutscher Geschichte" bis zu Hitlers "Mein Kampf" durch die Publizistik geistert), ist längst als eine Erfindung von Technomanen entlarvt; sie ist dennoch nicht totzukriegen – und die bedauerliche Verballhornung einer wichtigen Tugend: des scharfen Blicks für die Risiken einer Technologie.

Der Engländer Arthur Shadwell, der 1906 einen großen Vergleich der industriellen Leistungsfähigkeit in England, Deutschland und den USA anstellte, kam zu dem Urteil: "Die Deutschen sind langsam, zielbewusst, sorgfältig, methodisch und gründlich in ihrer Arbeit. Sie sind kein unternehmendes und abenteuerliches Volk, sie brauchen Zeit zum Nachdenken und Handeln. Aber sie haben eine unerreichte Fähigkeit darin, den richtigen Weg herauszufinden und ihn unbeirrt zu verfolgen."

Nach der "Titanic"-Katastrophe vom April 1912 prangerte Otto N. Witt, Dozent an der Berliner Technischen Hochschule, in der populären Technikzeitschrift "Prometheus" den "ewigen Kampf um den Schnelligkeitsrekord" an, der nicht der Ratio der Ingenieure, sondern dem Geist der Rennplätze entstamme und die Hauptschuld an der Katastrophe trage. Ein halbes Jahrhundert später warnte Münzinger mit der Erinnerung an die "Titanic" vor dem sich damals abzeichnenden Wettlauf in die Kerntechnik.

Gerade Befürworter der Atomkraft müssten heute am allermeisten bedauern, dass der Einstieg in die Kernenergie zu einer Zeit, als die Energiewirtschaft noch zögerte, von der Politik stark forciert wurde. Denn als die USA 1958 ihr erstes ziviles Kernkraftwerk ans Netz nahmen, setzten sie auf die billigen Leichtwasserreaktoren, die nur mit angereichertem Uran betrieben werden können. Schnell trat diese Technologie ihren Siegeszug um die Welt an – und bremste dadurch die Entwicklung von Reaktoren mit möglicherweise erheblich höherer Sicherheit. Etwa die der Kugelhaufen-Reaktoren, die deutlich weniger Spaltmaterial enthalten.

Heute muss man auch bei einem forcierten Einstieg in die "Erneuerbaren" damit rechnen, dass man sich in manche Sackgassen verrennt. Der Unterschied ist: Der Rückbau von Kernkraftwerken und die Beseitigung des Atommülls ist eine unendliche Geschichte; dagegen lassen sich Windrotoren ohne Probleme wieder abmontieren.

Es hat also vernünftige Gründe, wenn die Mehrheit der Deutschen vor einer konsequenten Kehrtwende in der Energiewirtschaft heute keine Angst mehr hat - und auf das latente Risiko von Kernreaktoren reagiert wie ein guter Ingenieur: mit gesunder Skepsis.

Autor Joachim Radkau ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld, ist einer der bekanntesten Technik und Umwelthistoriker

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