Konsum Kaufrausch im Zeichen der Karotte

Die GEO-Rubrik "Werkstatt Zukunft" stellt nachahmenswerte Projekte vor. Folge 8 - nicht von PR-Experten erdacht, aber wirksam: Mit "Carrotmobs" verführen Kunden Ladenbesitzer zu ökologischem Handeln

Erst am Abend wird Jeremy Löw wissen, ob die Arbeit der vergangenen Monate sich gelohnt hat. Jetzt, an einem Samstagmorgen um acht, steht der 16-Jährige verschlafen mit Ibrahim Şeker, 39 Jahre, vor dessen Laden in Basel und wartet. Die beiden eint im normalen Leben nicht viel; Jeremy wohnt noch nicht einmal in Şekers Viertel, der Türke wiederum spricht kaum Schwyzerdütsch, geschweige denn Hochdeutsch. Kauft bei mir ein, dann rüste ich meinen Laden um, für mehr Klimaschutz! Die Botschaft des Tages haben die Jugendlichen für Şeker verbreitet. Per Mundpropaganda und Flyer. Vor allem aber über Twitter, Facebook und eine eigene Homepage: Es ist der erste Schweizer Schüler-„Carrotmob“, organisiert von zwölf Zehntklässlern des Gymnasiums Leonhard in Basel. Carrotmob, wörtlich übersetzt „Karottenmeute“, ist eine Idee des jungen Amerikaners Brent Schulkin: Die Macht der Kundschaft soll die Wirtschaft lenken - wie einen störrischen Esel, den man mit einer Möhre lockt, sich zu bewegen.

Boykott, der traditionelle Slogan für Verbrauchermacht, bedeutete Bestrafung durch Konsum-Entzug. „Nestlé tötet Babys“, hieß es in den 1970er Jahren. Der Konzern hatte in Entwicklungsländern, vor allem in Afrika, Trockenmilchpulver auf den Markt gebracht, das vielen Babys zum Verhängnis wurde, deren Mütter zur Zubereitung nur verseuchtes Wasser hatten; empörte Konsumenten riefen auf, Nestlé-Produkte zu meiden. Der Shell-Konzern erlebte 1995 an Tankstellen Umsatzverluste bis zu 50 Prozent, als er seine Ölplattform „Brent Spar“ trotz Protesten im Meer entsorgen wollte. Carrotmob ist die positiv gewendete Spielart des Boykotts: Kunden überschwemmen ausgewählte Geschäfte - wenn die Inhaber versprechen, einen Teil der Tageseinnahmen in Klimaschutz zu investieren. 2008 hatte Schulkin zu einer ersten solchen Massenkaufaktion in San Francisco aufgerufen, Hunderte Menschen kamen. Das Video dieser Premiere auf seiner Homepage sorgte für die globale Verbreitung der Idee. Bis zum vergangenen Jahr gab es etwa 115 Aktionen in über 70 verschiedenen Städten - in Helsinki und Toronto, Kuala Lumpur, Melbourne und Köln.

Die Baseler Aktion ist ein Schulprojekt: In den vergangenen Monaten haben die Schüler im Unterricht Flyer entworfen und verteilt, T-Shirts gedruckt, eine Homepage eingerichtet, über einen örtlichen Radiosender Werbung gemacht. Anja, 17, hat für heute Törtchen gebacken, die stilecht von Marzipan- Rübli gekrönt werden, einige Mitschüler basteln noch an einer papierenen Möhren-Girlande für die Obstkisten. Die Initiative kam in diesem Fall von Jeremys Lehrer Adrian Auer, 39. Er will die Facebook-Generation für Klimaschutz begeistern - mit deren eigenen Methoden. Wie bei Flashmobs, den per Klick organisierten Happenings, liegt das Geheimnis im Schneeballeffekt. Digital wird in Gang gesetzt, was Konsumforscher „virales Marketing“ nennen. Am Ende profitieren alle: Die klimafreundliche Sanierung senkt die Kosten und fördert das umweltbewusste Image. Die Kunden konsumieren mit grünem Gewissen - zumindest, wenn sie den Schülerrat der Website befolgen: „Keine Autos, nehmt das Trämli!“/„Kauf nur, was du wirklich brauchst!“/„Bring your own bag!“ Und die Initiatoren lernen mehr als im Klassenzimmer. In 20 Geschäften trugen die Schüler ihr Vorhaben vor. Wie bei einer Auktion konnte jeder Besitzer ein Angebot abgeben, wie viel des Tagesumsatzes er bereit wäre zu investieren. Die Şekers boten großzügig 70 Prozent. In ihrem Quartiersladen verkauft die Familie neben Obst und Gemüse auch Fleisch, eingelegte Oliven, Zahncreme, Barbiepuppen. Die Stromrechnung macht einen gehörigen Teil der Kosten aus: jährlich rund 14 000 Euro für etwa 73 500 Kilowattstunden.

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Toller Erfolg für Jeremy Löw: Stolze 70 Prozent seines Tagesumsatzes will der Ladenbesitzer Ibrahim Şeker in klimaschonende Technik investieren

Samstag, neun Uhr. Der erste Kunde ist eigentlich schon auf dem Weg ins Wochenende. „Ich habe übers Radio von der Idee erfahren und finde sie sensationell. Deswegen bin ich noch schnell vorbeigekommen“, sagt er. Einkauf: drei Schachteln Zigaretten. Medea, 17, schießt ein Foto, Ibrahim Şeker spannt Sonnenschirme auf, Jeremy, der Onlinebeauftragte im Schülerteam, sitzt vor seinem Laptop und twittert den Startschuss des Carrotmob über Facebook und die Homepage. Der zweite Kunde packt Avocado, Limonade, Paprika und Pfirsiche in seinen Einkaufskorb. Er ist Greenpeace-Mitglied und meint: „Die Idee ist gut, aber man müsste sie viel größer aufziehen.“ Seine Organisation hat 2006 gezeigt, dass das Internet-Zeitalter auch neue Chancen für Protest gegen Weltkonzerne eröffnet: Damals stellte Greenpeace eine Rangliste der Computerhersteller zum Thema saubere und faire Produktion ins Netz. Apple landete auf dem letzten Platz. Als der Konzern sich unbeeindruckt zeigte, organisierten die Umweltschützer die Aktion „A greener Apple“: Über eine eigene Homepage wurden alle Kunden aufgerufen, Firmenchef Steve Jobs eine E-Mail zu schreiben - 46 000 Nutzer taten es. Neun Monate später versprach Jobs in einem öffentlichen Brief eine umweltfreundlichere Produktion und eine bessere Recyclingquote. In Basel funktioniert die Strategie im Mini-Maßstab.

Am Nachmittag strömt die erwartete „Meute“ in den Laden, hauptsächlich junge Menschen wie die Organisatoren. Eine Band, die Ringdingbings, hat ihren Auftritt, die Leute tanzen und kaufen nebenher ein - jeder Carrotmob ist auch eine Party. Gegen 22 Uhr trägt Ibrahim Şeker die letzten Gemüsekisten in den Laden, schließt die Türen und zählt Geld: 4110 Schweizer Franken, 3400 Euro. Etwa 400 Menschen waren heute da - doppelt so viele wie an einem normalen Samstag. Was mit den versprochenen 70 Prozent geschieht, werden Şeker und die Schüler gemeinsam überlegen. Beim Carrotmob wird demokratisch entschieden, auch davon lebt die Idee. Ein Energieberater, der die Aktion fachlich begleitet hat, hält insgesamt eine Energieeinsparung bis zu 50 Prozent für machbar. Er schlägt vor, die Beleuchtung komplett zu sanieren, ein Kühlgerät umzustellen, das bisher der Wärme von draußen ausgesetzt ist, und ein zweites durch ein besseres Modell zu ersetzen. Und was, wenn ein Ladenbesitzer die Zusatzeinnahmen eines Carrotmob einfach für sich behielte? Auch davor schützt die digitale Welt. Genauso, wie die Schüler für Geschäfte werben, könnten sie per Facebook & Co. am Ende doch noch zum Boykott aufrufen.

Die Website zur Basler Aktion

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