Tierversuche Schönheit ohne Tierleid

Immer noch werden Kosmetika in Tierversuchen getestet. Es geht aber auch anders. Wir stellen Siegel für tierversuchsfreie Kosmetik vor
In diesem Artikel
Siegel mit den strengsten Kriterien
Wirklich tierversuchsfrei?
Wirklich tierversuchsfrei?

Gesunde Haare, starke Nägel, makellose Haut: Schönheit ist Menschen wichtig. Und die Kosmetikindustrie reagiert mit neuen Produkten. Shampoos versprechen mehr Glanz, Cremes sollen die Haut verjüngen. Was vielen Konsumenten nicht bewusst ist: Für fast alle dieser Produkte mussten Tiere leiden.

Seit 2009 dürfen zwar EU-weit diejenigen Rohstoffe, die ausschließlich der Herstellung von Kosmetika dienen, nicht in Tierversuchen getestet werden. Doch solche Inhaltsstoffe machen nur etwa zehn Prozent aus. 90 Prozent der in Kosmetika eingesetzten Rohstoffe werden auch für die chemische und Lebensmittelindustrie verwendet, sagt Dr. Corina Gericke vom Verein Ärzte gegen Tierversuche. Für diese schreibt das Gesetz Tierversuche vor.

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Modetrends contra Tierschutz: Obwohl es bereits viele Schönheits- und Körperpflegeprodukte gibt, forscht die kosmetische Industrie weiter an neuen chemischen Wirkstoffen - in Tierversuchen

Dass Tiere für unseren Schönheitswahn gequält werden, muss aber nicht sein. So sehen es nicht nur Tierschützer, sondern mittlerweile auch viele Kosmetikhersteller. Zahlreiche Hersteller verzichten deshalb freiwillig auf Tierversuche. Und Verbraucher, die "tierversuchsfreie Kosmetika" kaufen, können damit ihren Beitrag zum Schutz der Tiere leisten.

Siegel mit den strengsten Kriterien

Doch woran erkennt man vertrauenswürdige "tierversuchsfreie" Produkte? Die Masse an Siegeln, Positiv- und Negativlisten macht es dem Verbraucher nicht leicht. Wichtig sind in jedem Fall die Kriterien. Tierversuchsfreie Produkte, sagt Corina Gericke, müssen der regelmäßigen Kontrolle unabhängiger Unternehmen unterliegen. Zudem müsse der Hersteller einen Stichtag setzen, nach dem keine Rohstoffe mehr eingesetzt werden, die in Tierversuchen getestet wurden. Erfüllt ein Siegel diese Kriterien, könne man sich darauf verlassen.

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Für das IHTK-Label des "Hasen mit schützender Hand" müssen sich Firmen an die strengsten Tierschutzrichtlinien halten; bei Zuwiderhandlung gegen diese drohen hohe Geldstrafen

Das Siegel "Hase mit schützender Hand" hat die strengsten Vergabe-Richtlinien. Nämlich die vom Deutschen Tierschutzbund. Damit werden Produkte von Unternehmen ausgezeichnet, die selbst keine Tierversuche durchführen und keine Inhaltsstoffe verwenden, die nach dem 1.1.1979 getestet wurden. Der Internationale Herstellerverband gegen Tierversuche (IHTK) vergibt das Siegel. Im IHTK haben sich Firmen zusammengeschlossen, die in der Positivliste des Deutschen Tierschutzbundes geführt werden. Nicht alle Hersteller tragen das Siegel, aber alle halten sich an die Richtlinien. Die Unternehmen werden immer wieder vom Deutschen Tierschutzbund unabhängig überprüft - sämtliche Produkte und Inhaltsstoffe. Einziger Haken ist, dass die Kosmetika zum größten Teil nur online bestellt werden können.

Das Qualitätssiegel "springender Hase" hat ebenfalls strenge und die ersten weltweit einheitlichen Kriterien – die des HCS (Humane Cosmetic Standard). Das Label wurde von internationalen Tierschutzorganisationen erarbeitet. Die damit ausgezeichneten Produkte werden jedes Jahr kontrolliert. Das Datum für die Verwendung von tierversuchsfreien Rohstoffen kann aber von den Firmen selbst festgelegt werden. Hier ist der HCS weniger streng als der Deutsche Tierschutzbund. Den Grund dafür sieht Corina Gericke darin, dass die Firmen motiviert werden sollen, auf Tierversuche zu verzichten. Yves Rocher und The Body Shop sind zwei bekannte Unternehmen auf der Liste des HCS. Der Mutterkonzern von The Body Shop ist L'Oreal, ein großer Tierversuchsbefürworter. Dass die Produkte von The Body Shop trotzdem das Siegel tragen, sieht Gericke kritisch: "Für Verbraucher ist das problematisch, doch jeder muss selber entscheiden, wie er damit umgeht."

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Mittlerweile schmückt das "Leaping Bunny"-Siegel auch in Deutschland immer mehr Kosmetikprodukte

Wirklich tierversuchsfrei?

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Kosmetika mit dem Siegel "Kontrollierte Naturkosmetik" sind hinsichtlich des ökologischen Standards streng, bezüglich des Tierschutzes eher nachlässig

Die in vielen Naturkostläden erhältliche Kosmetik mit dem Label "Kontrollierte Naturkosmetik" vom Bundesverband Deutscher Industrie- und Handelsunternehmen (BDIH) ist hinsichtlich des Tierschutzes etwas nachlässiger. Zwar garantieren die Hersteller, selbst keine Tierversuche durchzuführen oder in Auftrag zu geben und verwenden keine Rohstoffe, die ab 1.1.1998 in Tierversuchen getestet wurden, doch betrifft das nicht diejenigen "Tierversuche, die durch Dritte durchgeführt wurden". So steht es in den BDIH-Richtlinien. Dritte dürfen dabei nicht im Auftrag oder auf Veranlassung des Auftraggebers gehandelt haben.

Trotz mehrmaliger Anfragen sei der BDIH nicht bereit gewesen, darüber Auskunft zu geben, wie die "Tierversuchsfreiheit" der verwendeten Inhaltsstoffe geprüft werde, kritisiert der Deutsche Tierschutzbund. Doch genau das ist ein wichtiges Kriterium für ein vertrauenswürdiges Siegel. Außerdem müssten nur 60 Prozent der Produkte eines Herstellers die Kriterien des BDIH erfüllen, so der Deutsche Tierschutzbund weiter. Damit könne nicht ausgeschlossen werden, dass für andere Produkte der gleichen Firma Tierversuche durchgeführt werden. Der Deutsche Tierschutzbund weist auch darauf hin, dass es nach den Richtlinien des BDIH erlaubt sei, wirbellose Tiere zur Gewinnung von Inhaltsstoffen zu töten - etwa Läuse für die Herstellung von rotem Farbstoff.

Wirklich tierversuchsfrei?

Auch die Tierschutzorganisation Peta führt eine Liste tierversuchsfreier Kosmetikhersteller. Die Liste ist sehr umfangreich. Kein Wunder, denn die aufgeführten Unternehmen garantieren den Tierschutz nur mit ihrer Unterschrift. Es gibt keine Kontrollen, nur die Selbsterklärung.

Letztendlich, sagt Corina Gericke, sei fast nichts tierversuchsfrei. "Selbst Wasser, Luft und Olivenöl wurden in Tierversuchen getestet", erklärt Gericke. Doch Verbraucher können mit ihrer Kaufentscheidung ein Signal setzen - und zeigen, dass Sie ihre Schönheit nicht mit Tierleid erkaufen wollen.

Ist ein Ende der Tierversuche für Kosmetika in Sicht?

Seit 2004 sind Tierversuche für die Prüfung fertiger Kosmetika in der EU verboten. Auch dürfen fertige Kosmetika, die in Drittländern in Tierversuchen getestet wurden, seit 2009 nicht mehr vermarktet werden; ebenso kosmetische Inhaltsstoffe, die innerhalb der EU in Tierversuchen überprüft wurden. Für drei Tiertests (Giftigkeit bei wiederholter Verabreichung, Verteilung im Körper sowie Auswirkung auf die Nachkommen) sollte ein Vermarktungsverbot 2013 folgen. Doch einem Bericht der EU-Kommission vom September 2011 zufolge stehen nicht genügend Alternativmethoden für diese drei Tiertests zur Verfügung. Die Kommission fordert nun einen Aufschub des Verbots bis 2023. "Ein Unding", findet Gericke. "Schon längst hätten Gelder investiert werden können, um neue Verfahren zu entwickeln" - zumal die Übertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen von Tierschützern und auch in Wissenschaftskreisen angezweifelt wird.

Bei allen (geplanten) Verboten bleibt aber ein Haken: Die meisten der in kosmetischen Produkten verwendeten Rohstoffe werden auch in anderen Bereichen - der chemischen und auch der Lebensmittel-Industrie - benutzt. Für sie gilt das Tierversuchsverbot nicht - es sei denn, es gibt anerkannte Ersatz-Testmethoden.

"Wir leben im 21. Jahrhundert und beim Testen von Chemikalien greifen wir auf Verfahren zurück, die über 100 Jahre alt sind", klagt Corina Gericke.

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