Das unheimliche Speiseöl

Druckfarben im Altpapier enthalten giftiges Mineralöl, das auf Lebensmittel übergehen kann. Jetzt streiten Verbände, Wissenschaft und Politik über die Lösung des Problems

Sie könnten uns gefährlich werden. Die Mitglieder der Bande halten sich auf, wo sie nicht hingehören. Unsere Fahnder sind ihnen schon lange auf der Spur. Und doch kriegen sie sie einfach nicht zu fassen.

Die Rede ist von Kohlenwasserstoffen, besser bekannt unter dem Sammelbegriff Mineralöl. Aus Druckfarben gelangen die flüchtigen Stoffe über den Papier-Recyclingkreislauf in unsere Nahrungsmittel. Betroffen sind Lebensmittel wie Nudeln, Reis, Müsli oder Kornflakes, die lose in Faltkartons verpackt sind.

Das Problem ist seit mindestens zwei Jahrzehnten bekannt. Damals wiesen Forscher des Kantonalen Labors in Zürich Spuren von Mineralöl in Reis und Nüssen nach. Als Quelle konnten sie Transportsäcke aus Jute identifizieren. Das Mineralöl sollte ihre Fasern geschmeidig machen. Im Jahr 2009 bestätigte dasselbe Labor, dass Mineralöl auch aus Pappkartons auf Lebensmittel übergeht. Eine groß angelegte Fahndung mit 119 Proben aus dem Jahr 2010 zeigte das ganze Ausmaß des Problems: In nahezu allen untersuchten Lebensmitteln, die direkt in Recycling-Kartons verpackt waren, fanden sich Mineralölbestandteile. Bei einigen von ihnen wurde der Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation um das 10- bis 100-Fache überschritten.

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Mineralöl-Rückstände können von Pappverpackungen auf lose Lebensmittel übergehen - je länger die Lagerung dauert, desto mehr. Die Verbraucherzentrale Hamburg rät darum, auf das Mindesthaltbarkeitsdatum zu achten und nach dem Kauf umzufüllen

Schönheitsfehler des Papier-Recyclings

Lebensmittelkartons bestehen meist aus Recyclingpapier - inklusive Druckfarben. Denn beim Recyceln lassen sich aus dem Papierbrei maximal neunzig Prozent der Druckfarben-Bestandteile entfernen. Und die basieren überwiegend auf Mineralöl. Das wäre nicht weiter tragisch, wenn das Mineralöl ungiftig wäre - oder zumindest bliebe, wo es ist. Beides ist nicht der Fall. Mit der Zeit verdampft es aus dem Karton und reichert sich im ungeschützten Lebensmittel an.

Schon 2009 wiesen Mitarbeiter des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) in Proben Werte zwischen 10 und 80 Milligramm pro Kilogramm Lebensmittel nach. "Bis zu 50 Mikrogramm eines unerwünschten Stoffes pro Kilogramm Lebensmittel kann man akzeptieren - aber nur, wenn nachgewiesen ist, dass der Stoff nicht das Erbgut schädigt und krebserregend ist", sagt Andreas Luch, der am BfR die Abteilung "Sicherheit von verbrauchernahen Produkten" leitet. Nun enthält Mineralöl neben den sogenannten gesättigten Kohlenwasserstoffen, die Leber, Herzklappen und Lymphknoten schädigen können, auch sogenannte aromatische Kohlenwasserstoffe. Und die stehen im Verdacht, krebserregend zu sein.

Was die Sache besonders kompliziert macht: Aromatische Kohlenwasserstoffe kommen im Mineralöl nur als Gemisch von Hunderten einzelner Substanzen vor. Selbst für versierte Analytiker sind sie kaum zu identifizieren. Ebenso wenig ist über ihre Giftigkeit bekannt. "Es gibt keine verlässlichen Daten zur Toxikologie der aromatischen Kohlenwasserstoffe", sagt Antje Harling vom Chemischen und Verterinäruntersuchungsamt Stuttgart. Im Auftrag des Verbraucherschutzministeriums untersucht die Lebensmittelchemikerin, welche Substanzen in welchem Ausmaß aus dem Altpapier auf Lebensmittel übergehen.

Über die krebserregende Wirkung aromatischer Kohlenwasserstoffe können sie und ihre Fachkollegen zurzeit lediglich Vermutungen anstellen. Etwa aufgrund von chemischen Ähnlichkeiten mit den gut erforschten polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, deren krebserregende Wirkung bestätigt ist.

Auch wenn die Schädlichkeit nicht zweifelsfrei bewiesen ist, hält Andreas Luch die Belastung von Lebensmitteln für "nicht akzeptabel". Doch trotz der Warnungen der Lebensmittelchemiker und aufrüttelnder Medienberichte ist bisher wenig passiert. Das liegt nicht nur daran, dass die Kohlenwasserstoffe schwer zu durchschauen sind. Es hat auch mit der komplizierten Verteilung der Kompetenz und Verantwortung von Behörden, Institutionen und Wirtschaft zu tun.

Die naheliegendste Lösung für Harling und Luch wäre, die unerwünschten Stoffe gar nicht erst in den Recyclingkreislauf einzubringen. Doch die Druckfarben auf ungiftige Alternativen umzustellen, ist der Druckindustrie und den Verlagen zu teuer. Zudem sehen die sich gar nicht in der Pflicht. Schließlich fallen Zeitungen und Magazine nicht unter das Lebensmittelrecht. "Wenn wir Teil der Lebensmittelkette wären, dann wären wir in der Verantwortung", sagte Jörg Laskowski, Geschäftsführer im Bund deutscher Zeitungsverleger in der 3SAT-Sendung "Nano". "Sie können sicherlich auch Kunststoffbenzinkanister recyceln, würden aber nie darauf kommen, Babyschnuller daraus zu machen." Thema erledigt.

Frage an die Papierindustrie: Ist eine verbesserte Sortierung des Altpapiers die Lösung? Um so unbelastetes Altpapier für Lebensmittelverpackungen zu erhalten? Leider nein, sagt Reinhardt Thiel, Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Papierfabriken. Aus Kostengründen. Oder eine restlose Entfernung der Druckfarben aus dem Papierbrei? Technisch leider unmöglich. Auch Thiel sieht vor allem die Verursacher in der Pflicht. "Altpapier ist für die deutsche Papierindustrie mengenmäßig der wichtigste Rohstoff. Also sollten Stoffe, die das Recycling behindern, aus dem Altpapier-Kreislauf ferngehalten werden."

Und nun? "Man könnte sich darauf einigen, dass Recyclingpapier als Lebensmittelverpackung nicht verwendet werden darf. Dann müsste man eben auf Frischfaserkartons umsteigen", sagt Antje Harling. Doch das stünde dem Umweltschutz, der Kreislaufwirtschaft und der Ressourceneffizienz entgegen. Politisch wäre es ein falsches Signal.

Und selbst wenn wir die mineralölbasierten Druckfarben sofort durch ungiftige Farben auf Pflanzenölbasis ersetzten, wäre das Problem noch nicht gelöst, warnt Andreas Luch. "Es würde viele Jahre dauern, bis sich der Mineralöl-Gehalt im Altpapier so weit verdünnt hat, dass er unbedenklich ist." Zudem landen im Altpapier auch Kartons und Papier aus dem Ausland. Wer garantiert, dass chinesische Fernseher-Verpackungen mit ungiftigen Farben bedruckt sind?

Als Übergangslösung scheinen Innenverpackungen aus PET-Kunststoff oder Aluminium geeignet. Sie bilden eine chemische Barriere zwischen Karton und Lebensmittel. Viele Lebensmittelhersteller hätten schon entsprechend reagiert und ihre Verpackungen umgestellt, lobt Monika Büning, Referentin für Umwelt, Produktsicherheit und Normung beim Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Eine "Lücke im System"

Doch reicht das? Für Andreas Luch wird an diesem Beispiel eine "Lücke im System" sichtbar. Dem übergeordneten Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) fehle in der aktuellen Situation die Handhabe, um Druckfarbenhersteller und Verlage zur Umstellung auf ungiftige Druckfarben zu bewegen. Das BfR hingegen kann nur darauf drängen, dass möglichst wenig der kritischen Kohlenwasserstoffe in Lebensmitteln landen - und die Voraussetzungen dafür bereitstellen: So entwickelten Forscher des BfR jüngst eine neuartige Analysemethode, die die Bestimmung eines sehr niedrigen Grenzwertes erlaubt.

Im BMELV arbeitet man unterdessen an einer Ergänzung zur Bedarfsgegenständeverordnung. Ein Entwurf liegt bereits vor. In dieser sogenannten Mineralölverordnung soll erstmals auch ein zuverlässiger Grenzwert für aromatische Kohlenwasserstoffe in Lebensmitteln angegeben werden. Doch mit der Verabschiedung des Gesetzes rechnen Experten nicht vor 2013. Ganz zu schweigen von einer europaweiten Reglementierung.

Bis dahin sollten Verbraucher sich an die Empfehlungen der Verbraucherzentrale halten: Kartonverpackungen aus Altpapier meiden, auf das Mindesthaltbarkeitsdatum achten (je länger ein Lebensmittel in einem Recyclingkarton aufbewahrt wird, desto mehr Mineralölbestandteile lagern sich in ihm ab), nach dem Kauf in unbedenkliche Behälter umfüllen.

Mit dem Pragmatismus und der Nüchternheit des Naturwissenschaftlers resümiert Andreas Luch: "Ohne die Problematik relativieren zu wollen: Ich bin Jahrgang 1962. Anfang der 1970er-Jahre wurde das Papier-Recycling eingeführt. Ich möchte gar nicht wissen, was ich schon alles zu mir genommen habe." Statistisch gesehen kommen auf einen 60 Kilogramm schweren Menschen 3,6 Gramm Kohlenwasserstoffe, haben Fachkollegen errechnet.

Was tun? - Tipps der Verbraucherzentrale Hamburg

Fragen und Antworten zum Thema beim Bundesinstitut für Risikobewertung
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