Energietechnik Reif für alle Inseln

Wie kann Strom aus erneuerbaren Energien verlässlich fließen, wenn Wind und Sonne streiken? Die Gründer von Younicos in Berlin haben eine Lösung. Ihr Testareal: die Azoreninsel Graciosa

Sie verlassen den CO2-produzierenden Sektor dieser Welt“, ist auf Schildern zu lesen, die an die frühere Sektorengrenze erinnern. Hier in Berlin-Adlershof wurde mit einem Happening im Juli 2009 feierlich die „Energieautonome Republik Younicos“ gegründet. Eine „Staatskapelle“ spielte vor 400 Gästen die eigens komponierte Nationalhymne, eine Flagge wurde gehisst. Staatsziel sei, den erneuerbaren Energien zum Durchbruch zu verhelfen, so sagten es die Festredner einschließlich „Forschungsminister“ Clemens Triebel.

Triebel, 53 Jahre alt, Kurzhaarschnitt, Lausbubenlachen, ist einer der beiden Younicos-Gründer und -Vorständler. Seit 1985 gehörte er zum Kreuzberger Kollektiv „Wuseltronik“, das erste Wind- und Solarmodelle zusammenbastelte. 1996 entstand daraus die Solarmodulfirma Solon, die inzwischen mit mehr als 800 Mitarbeitern zu den Branchenführern Europas zählt.

2fc080f091cf363686dafc963b9b66b8

In dieser Halle wird gerade die Azoren-Insel Graciosa mit Strom versorgt - theoretisch und im Maßstab 1 : 3

Mit Younicos will Maschinenbauingenieur Triebel den Abschied vom Fossilzeitalter weiter beschleunigen. Die Firma entwickelt jenes Bindeglied, das dazu dringend nötig ist: Speichersysteme für die erneuerbaren Energien. Die machen „grünen“ Strom auch nutzbar in Zeiten, in denen keine Sonne scheint und kein Wind weht - und damit „grundlastfähig“.

Wind und Sonne haben zwar rein rechnerisch genug Energie, um den Planeten mehrfach zu versorgen. Doch das Angebot ist, anders als bei Kohle, Öl und Gas, nicht jederzeit verfügbar. Was tun, damit Licht, Heizung, Industrie und Verkehr auch bei Windstille und bedecktem Himmel funktionieren? Zu den erprobten Lösungen gehören große Pumpspeicherkraftwerke, die Energie in Zeiten eines Überangebots dazu nutzen, um Wasser auf eine höhere Ebene zu pumpen. Bei Bedarf fließt es wieder nach unten und treibt dabei Turbinen an.

Younicos setzt auf eine zweite Variante: auf schon verfügbare Akkumulatoren, die Wind- und Solarstrom dezentral in elektrochemischer Form speichern. Im Angebot ist zum Beispiel „Yill“, der kleine Lithium-Titanat-Akku fürs Büro, der Geräte mit einer Leistung bis zu 300 Watt versorgt und Sonnenstrom vom Dach bis zu drei Tage aufbewahrt. Eine Nummer größer ist „Yana“, ein Vanadium-Redox-Flow-Akku, der bis zu 100 Kilowattstunden Strom aufnimmt. In Adlershof steht der Kubus unter einem 50 Quadratmeter großen Solardach und beliefert die firmeneigene Solartankstelle für die Elektroroller und -autos der Belegschaft, pardon, des Volkes von Younicos.

Vanadium-Batterien, erklärt Triebel, seien robust, langlebig und wartungsarm. Acht „Yana“-Solartankstellen zum Preis für 99 000 Euro für die Batterie respektive 340 000 Euro für die gesamte Einrichtung sind bereits verkauft; weitere bestellt.

Die anspruchsvollsten Younicos-Systeme werden knapp 3500 Kilometer von Berlin entfernt stehen: auf Graciosa, einer Insel der Azoren. Im Auftrag der dortigen Behörden wollen die Solarpioniere das Eiland zur Jahreswende 2012/13 von Diesel- Lieferungen und Fossilstrom unabhängig machen. Geplant sind zehn Megawatt Windanlagen, ein Megawatt Photovoltaik, drei Megawatt Natrium-Schwefel-Speicherbatterien. Die Investitionskosten belaufen sich samt der Steuerung des Systems auf rund 30 Millionen Euro.

Ein Netz für 67 Quadratkilometer, knapp 5000 Bewohner und einige Industrieanlagen mit einem Gesamtverbrauch von gut 15 Gigawattstunden pro Jahr - das klingt zunächst unspektakulär. Doch Ökostrom, der störungsfrei weiterfließt, wenn weder Sonne noch Wind verfügbar sind - das ist eine Weltneuheit, die bisher nur Younicos anbietet. Denn dafür muss man den unregelmäßigen Solar- und Windstrom auf eine gleichmäßige Wechselstromfrequenz von 50 Hertz bringen. Ohne eine spezielle Steuerung würde die Frequenz im Netz bei jeder Wolke über einer Solaranlage schwanken. Normalerweise gleichen Dieselgeneratoren der Kraftwerke das aus; nun übernehmen „intelligente“ Riesenakkus die Aufgabe.

In einer unscheinbaren Halle hat Younicos die Energieversorgung von Graciosa im Maßstab 1 : 3 nachgestellt. Das Herzstück besteht aus 3,5 Millionen Euro teuren, fünf Meter hohen Schränken, die leise vor sich hin brummen. Es sind Natrium-Schwefel-Akkus einer japanischen Firma, die bei 300 Grad Betriebstemperatur Wind- und Solarstrom speichern. Die Akkus aus diesen leicht erhältlichen Materialien seien schnell aufladbar und knapp 20 Jahre haltbar, sagt Triebel, außerdem hätten sie eine hohe Speicherdichte. In jedem der gewaltigen Kästen steckten drei Megawattstunden, zwei davon könnten eine Kleinstadt mindestens sechs Stunden lang versorgen, wenn Sonne und Wind komplett ausfallen.

Triebel besteigt die Steuerungsplattform. Der Computerbildschirm zeigt neben dem Batteriestatus das aktuelle Wetter für Graciosa an, dazu die Prognose: 20 Grad, wolkig, stürmisch. „Hier wird der Solar- und Windstrom auf Graciosa simuliert“, erklärt der Forschungsminister, „mit Strom aus Berlin und echten Wetter- und Stromverbrauchsdaten von dort.“

Die Software für das intelligente Energiemanagement sorgt dafür, dass sich die Speicher auf jede Wettersituation einstellen - an einer solchen Programmierung hat sich außer den Younicos-Tüftlern bisher noch niemand versucht. Und wenn die Akkus versagen? Triebel zeigt auf ein gelbes Monstrum - einen Dieselgenerator. „Dann würde der hier anspringen.“ Auf Graciosa gibt es bisher sechs Generatoren mit einer Leistung von vier Megawatt, zwei bis drei davon laufen immer. Um sie zu versorgen, müssen Tankschiffe jährlich 3,5 Millionen Liter Diesel anlanden. Younicos will zeigen, dass das im Zeitalter der regenerativen Energien überflüssig ist - auf Zigtausenden von Inseln mit ähnlicher Energieversorgung.

Das Modell Graciosa sei „übertragbar“, sagt Triebel, man könne damit in jeder Region der Welt Netze mit bis zu 100 Prozent Wind- und Solarstrom stabil betreiben. Was Younicos demnächst auch auf einer Karibikinsel und acht griechischen Inseln beweisen will. Und vielleicht, träumt der Herr Minister, werde die Republik Younicos mit ihren technischen Truppen eines Tages ganz Europa erobern. Und die fossilen Energiequellen in Frieden ruhen lassen: „Let the fossils rest in peace“, lautet schon heute die Inschrift auf Gedenkplatten auf dem Gelände.

6f7c098ae0b751bd30454df5270d7027

Bewegliche Solarpanels und Spezial-Akkus sorgen für gute Stromausbeute und -speicherung

Mehr über das Projekt auf den Seiten von Younicos

Hier gibt es Fördergelder für gute Energiespeicher-Ideen

GEO.de Newsletter