Ressourceneffizienz Die Eleganz des Minimalen

Rohstoffe sparen klingt extrem plausibel - scheitert aber in der Industrie oft an eingespielten Betriebsabläufen. Bis die EFA auftaucht

Haben Sie auch Ideen, wie sich Ressourcen effizienter nutzen lassen? Dann erzählen Sie uns davon! Bitte nutzen Sie dazu die Kommentarfunktion unten auf dieser Seite.

Weniger ist mehr. Bis zu 15 Tonnen wiegen die Walzen, die auf dem Hof der Firma Mitex in Erkrath bei Düsseldorf lagern. "Röllchen" nennt Geschäftsführer Georg Heinen die etwa 2000 stählernen Zylinder in allen erdenklichen Dicken und Breiten. Das Familienunternehmen Mitex beschichtet die Walzen mit elastischen Kunststoffen - Elastomeren -, und hat viel Geld ausgegeben, um künftig mit weniger Kunststoff mehr Walzen zu umwickeln. Das nennt man: Effizienz. Lohnt sich der Aufwand?

Unbedingt, sagt Peter Jahns, Leiter der Effizienz-Agentur des Landes Nordrhein-Westfalen, der EFA. Über 1000 mittelständische Betriebe haben EFA-Mitarbeiter schon dabei beraten, aus immer weniger immer mehr zu machen. So verbraucht die Detmolder Privatbrauerei Strate nach Umbau der Abfüllanlagen pro Fass nur noch 30 statt 90 Liter Frischwasser. Der Metallverarbeiter Tital in Bestwig fräst Flugzeugteile aus Aluminium und Titan nicht mehr aus einem Block, sondern gießt sie mithilfe eines eigens entwickelten Ofens direkt in die richtige Form. Je Fertigteil kommen nur noch zwei statt zehn Kilo Material zum Einsatz - vier Fünftel gespart. Der Energieverbrauch ist auf weniger als ein Viertel geschrumpft.

Mit Material zu knausern lohnt sich, sagt auch Peter Hennicke, bis 2008 Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Eigentlich schon im Ruhestand, hat Hennicke ein großes Forschungsprojekt des Instituts zur Effizienz geleitet. "Effizient wirtschaften heißt für die meisten Unternehmer bislang, die Personalkosten im Auge zu behalten", erklärt er. "Dabei machen die im produzierenden Gewerbe durchschnittlich nur knapp 18 Prozent der Betriebskosten aus."

3c3322e140a3a0deb153e723571a80f1

Wohlstandsmüll: In weggeworfenen Handys befinden sich wertvolle Rohstoffe - zum Beispiel Gold

Der Wettbewerb um Rohstoffe wird härter

Rund 45 Prozent aber bilden die Materialkosten. Sie zu reduzieren schont die Umwelt - und bedeutet Wettbewerbsfähigkeit und technologischen Vorsprung. Ob sauberes Wasser oder Seltene Erden, Edelmetalle oder Erdöl - die Menge an Rohstoffen, die unser Planet birgt, ist endlich. Der Verbrauch steigt jedoch weltweit. So entspinnt sich ein scharfer Wettbewerb um den Zugang zu jenen raren Materialien, die Handys erst zum Klingeln oder Windkraftwerke zum Stromerzeugen bringen. Was das Einsparen von Rohstoff vielfach zu einer hochprofitablen Investition werden lässt. Wie viel Feinarbeit aber die Umstellung spezialisierter Produktionsabläufe auf mehr Sparsamkeit erfordert, zeigt das Beispiel von Georg Heinen und seinen Röllchen.

Walzen sind ein Universalwerkzeug der Industrie. Die nackte Stahlrolle benötigt allerdings eine Beschichtung, deren Eigenschaften darauf abgestimmt sein müssen, was über sie läuft - ob Windelvlies oder Karosserieblech. Ist die Ummantelung der Walze abgenutzt, schlägt die Stunde eines Unternehmens wie Mitex: Firmen aus aller Welt schicken ihre Walzen zu dem Spezialbetrieb mit seinen rund 100 Mitarbeitern. 400 Gummisorten stehen für die Beschichtung zur Auswahl, das Material kostet zwischen sechs und 75 Euro pro Kilogramm. Auch hier steigen die Preise.

Elastomere besitzen etwa die Konsistenz eines gekühlten Mürbeteigs. Wie lässt sich dieses bockige Material nahtlos und glatt um eine zylindrische Form schmiegen? Früher walzten die Mitex-Mitarbeiter den Elastomer-Teig unter leichter Erwärmung zu Bahnen aus, die sie mit einer schützenden Trägerfolie abdeckten. Die erkalteten Gummibahnen wickelten sie dann mithilfe von Klebstoffen in Handarbeit um die Walzen, wobei sie die Folie wieder abzogen und wegwarfen - drei Millionen Quadratmeter pro Jahr.

"Das hat mich immer geschmerzt", sagt Mitex-Chef Georg Heinen. Eine Idee, Ausschuss und Abfall zu reduzieren, hatte der drahtige Biologe zwar schon vor Jahren - aber es fehlten ihm die dafür nötigen Anlagen und Gebäude. Die EFA half mit Know-how und Kontakt zu Förderprogrammen. 450 000 Euro kostete es, eine Art überdimensionierter Nudelmaschine zu bauen. Rund ein Viertel dieser Summe steuerte das Bundesumweltministerium bei.

Die neue Anlage beschichtet fast vollautomatisch: Sie rollt Elastomer-Batzen zu dünnen, blasenfreien Bahnen aus, die sich dabei erwärmen und, geschmeidig geworden, direkt um den Stahlzylinder wickeln. Automatisch gesteuert. Nahtlos, also in besserer Qualität als zuvor, wandern die Walzen nun in den Ofen, der das Gummimaterial fest zusammenbackt. Die Investitionen zahlen sich aus: Insgesamt spart Mitex durch die Umstellung bisher mehr als 50 000 Euro Produktionskosten pro Jahr; und umso mehr, je stärker die Rohstoffpreise anziehen. Trägerschutzfolie wird nicht mehr gebraucht; 1,2 Tonnen Haft- und Lösemittel und 7,6 Tonnen Verschnitt fallen weg; außerdem fast acht Tonnen Abfälle, die früher beim Versäubern und Schleifen der fertigen Beschichtung entstanden. Insgesamt ließ sich der Einsatz von Elastomeren mit der neuen Technik um ein Sechstel reduzieren.

Rohstoffe sparen lohnt sich auf dem Bau ebenso wie bei Hightech Das Forschungsprojekt des Wuppertal Instituts hat gezeigt, dass das Rohstoffsparen bei den enormen Stoffmengen in der Bauindustrie ebenso sinnvoll ist wie in Hightech-Branchen, wo manche Rohstoffe zwar nur in Kleinstmengen zum Einsatz kommen, aber selten und teuer sind. Selbst an Alltagsgegenständen wie einem Handy hängt meistens ein schwerer "ökologischer Rucksack": Ein Gramm Gold lässt sich aus 42 alten Handys zurückgewinnen. Tut man es, muss bis zu einer Tonne goldhaltiges Gestein weniger aus der Erde geholt und mit hohem Energieaufwand und mithilfe hochgiftiger Substanzen zu reinem Edelmetall verarbeitet werden.

Der Industrie bietet die neue Effizienz-Lehre viel Raum für Erfindergeist. Zuvor allerdings gilt es, Skepsis zu überwinden. Wie bei vielen Unternehmen habe es auch bei Mitex anfangs Bedenken gegeben, von Effizienz-Beratern Betriebsabläufe durchleuchten zu lassen, sagt EFA-Chef Peter Jahns. Aber längst hat sich Geschäftsführer Georg Heinen seinerseits zum Botschafter für Ressourceneffizienz gewandelt.

Heinen lacht und greift in eine Kiste mit Elastomer-Schnipseln, wie sie beim Feinschliff der fertigen Walzen noch anfallen: "Die müssen wir mit hohem Aufwand entsorgen. Dabei wäre das bei geeigneter Aufarbeitung für uns immer noch wertvolles Rohmaterial. Wir brauchten aber Partner ..." Effizienz- Berater Jahns nimmt den Ball auf: "Ich kümmere mich darum." Rohstoffe zu sparen ist nicht nur ansteckend. Es geht auch immer noch mehr.

Nützliche Adressen: Informationen über die Arbeit der Effizienz-Agentur NRW finden Sie unter: www.efanrw.de, über das Wuppertal Institut: www.ressourcen.wupperinst.org

GEO.de Newsletter