"Wenn Kinder gärtnern, essen sie plötzlich auch Gemüse"

Die Stiftung "Save Our Future" unterstützt Kitas, die besonderen Wert auf Umweltbildung legen - und zeichnet sie mit dem Titel "KITA21" aus. Warum, das erläutert der Geschäftsführer Ralf Thielebein-Pohl im Gespräch mit GEO.de

GEO.de: "Save our Future" - an wen ist diese Aufforderung gerichtet?

Ralf Thielebein-Pohl: Im Prinzip an alle. Der Zweck der Stiftung ist die Förderung von Umweltbewusstsein und umweltorientiertem Handeln.

Dennoch setzen Sie vor allem auf frühkindliche Bildung. Warum?

Ich bin überzeugt, dass gerade in dieser frühen Lebensphase ganz wesentliche Grundlagen für Einstellungen, Werte und lebenslanges Lernen erworben werden. Wenn wir Kitas dabei unterstützen, gemeinsam mit den Kindern lebendige Bildungsprojekte zu zukunftsrelevanten Themen wie Wasser, Energie, Ernährung oder Konsum umzusetzen, dann können wir damit einen wichtigen Beitrag im Sinne einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Entwicklung leisten.

"Wenn Kinder gärtnern, essen sie plötzlich auch Gemüse"

Ralf Thielebein-Pohl ist Geschäftsführer der Hamburger Stiftung Save our Future

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, KITA21 zu initiieren?

Wir engagieren uns bereits seit rund zehn Jahren in der frühkindlichen Bildung. In Projekten wie "Energie erleben!", "Wunderwelt Wasser", "Die Henne Berta" oder "Die Reise eines T-Shirts" haben wir erlebt, wie sich die Kinder mit großer Neugier und Begeisterung auf Entdeckungstour begeben und beispielsweise erforscht haben, woher unser Strom kommt oder wie ein T-Shirt entsteht und welchen Weg es zurückgelegt hat, bevor es bei uns im Laden hängt. Spielerisch haben sie sich hierbei Zusammenhänge erschlossen und erfahren, wie sie selbst einen Beitrag zu mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit leisten können. Die Projekte haben zudem gezeigt, dass diese Art der Bildungsarbeit auch bei den pädagogischen Fachkräften gut ankommt und eine Wirkung in die Familien der Kinder und das Umfeld der Kita entfaltet. Mit diesen Erfahrungen im Gepäck haben wir uns gefragt, wie wir diese Bildungsarbeit in Kitas langfristig fördern können. Herausgekommen ist dabei die Bildungsinitiative "KITA21 - Die Zukunftsgestalter".

Was ist das Besondere an KITA21?

KITA21 ist als ein Unterstützungs- und Auszeichnungsverfahren angelegt. Wir bieten Erzieherinnen und Erziehern Fortbildungen, Beratung und Unterstützung im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung an. In den Fortbildungen setzen sich die pädagogischen Fachkräfte mit Aspekten einer nachhaltigen Entwicklung auseinander und überlegen gemeinsam, wie sie lebendige Bildungsprojekte zu zukunftsrelevanten Themen gestalten können. Danach folgt die Umsetzung in der Praxis. Mit der Dokumentation ihrer Bildungsarbeit können sich die Kitas um die Auszeichnung als KITA21 bewerben. Nach Prüfung und Zustimmung durch eine unabhängige Jury wird die Auszeichnung im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung vergeben. Eine Besonderheit von KITA21 ist sicherlich die jährliche Wiederholung des Auszeichnungsverfahrens. Hierdurch wollen wir einen Anreiz zur Verankerung und Weiterentwicklung des Bildungsansatzes in der Kita geben. Eine weitere Besonderheit ist die breite Unterstützung, die KITA21 erfährt. Die Bildungsinitiative wurde von Anfang an von den Trägern und Verbänden der Kitas und den zuständigen Behörden gefördert. Und inzwischen sind auch noch Stiftungen und Unternehmen hinzugekommen, die sich für KITA21 stark machen. Vor kurzem wurde KITA21 zudem zum zweiten Mal von der Deutschen UNESCO-Kommission als Maßnahme zur strukturellen Verankerung von Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ausgezeichnet.

Was lernen Kinder in einer solchen Kita?

Kurz gefasst: über den Tellerrand zu schauen, Zusammenhänge herzustellen und zukunftsorientiertes Handeln. Ein Beispiel: In einem Projekt haben sich die Kinder, ausgehend von der Frage, woraus ihre Lieblingsspeisen eigentlich bestehen, auf Entdeckungstour begeben. Sie gingen auf den Markt und in einen Einkaufsladen, suchten die Ausgangsprodukte ihrer Lieblingsspeisen und fragten nach, wo die Sachen wachsen und wie sie angebaut werden. Über den Besuch einer Bücherei fanden sie heraus, wie die Herkunftsländer aussehen und wie die Waren zu uns kommen. Hieraus ergaben sich fast automatisch Gespräche - zum Beispiel darüber, welcher Apfel der bessere ist: der aus Neuseeland oder der aus dem eigenen Garten. Die Entscheidung fiel den Kindern leicht. Angeregt durch die Auseinandersetzung legten die Kinder dann gemeinsam mit den Erzieherinnen und mit Unterstützung der Eltern einen eigenen Garten an und pflanzten selbst Gemüse. Übrigens essen Kinder, die gärtnern, interessanterweise oft plötzlich auch Gemüse, das sie vorher nicht mochten, wie zum Beispiel Zucchini. Wenn es in der Gruppe Eltern aus unterschiedlichen Kulturen gibt, regen wir an, dass die Kinder gemeinsam mit Erzieherinnen und Eltern das Geerntete ländertypisch verarbeiten und daraus ein Buffet machen. So lernen sie auch die kulturelle Vielfalt am Beispiel des Essens wertzuschätzen.

Machen Kinder so etwas nicht auch in "normalen" Kitas?

Nicht unbedingt in dieser Form. Ein weiteres Beispiel: Im Herbst steht bei vielen Kindergärten der Ausflug in den Wald auf dem Programm. Die Kinder sammeln Blätter, lernen die zugehörigen Bäume kennen, gehen dann zurück und machen wunderschöne Bilder mit den Blättern. Das finde ich klasse, weil die Kinder hierdurch eine Wertschätzung für die Natur entwickeln und ihre Kreativität gefördert wird. Uns geht es jedoch um mehr. Wir gehen einen Schritt weiter und fragen nach: Was hat der Baum mit uns zu tun? Wir wollen eine Verbindung herstellen zwischen dem Baum da draußen und seiner Bedeutung für die Luft, die wir atmen. Aber auch zu den Dingen, die wir aus Holz herstellen, wie beispielsweise den Kindertisch in der Kita oder dem Papier, das verwendet wird.

Findet diese Art von Bildung und Wertevermittlung zu Hause nicht statt?

Nicht in diesem Maße. Dazu noch ein Beispiel: In einem unserer Projekte ging es darum, sich mit dem Huhn als Nutztier auseinander zu setzen. Die Kinder besuchten einen Bauernhof und beobachteten Hühner, entdeckten, wie sie miteinander kommunizieren und dass sie gerne im Sand baden. Parallel haben sie sich überlegt, was wir alles vom Huhn nutzen und wie Hühner gehalten werden. Dabei wurde auch thematisiert, dass es andere Haltungsformen gibt als solche, die sie auf dem Bauernhof kennengelernt haben - und dass man die Haltungsform auch am Stempel auf dem Ei erkennen kann. Wenn die Kinder dann zu Hause im Kühlschrank Käfigeier fanden, haben sie gesagt, "diese Eier esse ich nicht mehr". Doch das war gar nicht unser primäres Ziel. Uns geht es vielmehr darum, dass die Kinder Gelegenheit bekommen, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen und zu erfahren, dass sie mit ihrem Handeln etwas bewirken können, und dass ihr Handeln von Bedeutung ist. In vielen Elternhäusern werden solche Themen wenig behandelt, oder es fehlt schlichtweg an Zeit, um den Kindern Gelegenheit für eine entsprechende Auseinandersetzung mit den Themen zu geben.

Sehen Sie Kinder auch als Multiplikatoren der Nachhaltigkeitsidee?

Ja. All diese zukunftsrelevanten Themen, mit denen wir uns beschäftigen, egal ob Energie, Wasser, Ernährung oder Konsum, erreichen über die Kinder auch immer die Eltern. Und oft erleben wir, dass dadurch auch bei den Eltern ein Nachdenken angeregt wird. In einem Kita-Projekt haben die Kinder einmal die Reise eines T-Shirts vom Anbau der Baumwolle bis in den Handel nachvollzogen. Das fanden die Eltern so interessant, dass sie eine Arbeitsgruppe zum Thema "Kinderarbeit bei der Textilherstellung" gebildet haben.

Mehr über die Stiftung: www.save-our-future.de Die Homepage des Projekts KITA21: www.kita21.de

"Wenn Kinder gärtnern, essen sie plötzlich auch Gemüse"

Interesse für die Umwelt wecken, Zusammenhänge erkennen: KITA21 fördert das Umweltbewusstsein von Vorschul-Kindern