Umweltaktivisten Sea-Shepherd-Chef Watson: "Es geht um eine Menge Geld"

Im Mai 2012 wurde der Chef der Walschutz-Organisation Sea Shepherd, Paul Watson, in Frankfurt festgenommen. Er soll bei einer Aktion gegen illegale Hai-Fischer Leben gefährdet haben. Wir sprachen mit dem Aktivisten über den Fall und seine Hintergründe

GEO.de: Herr Watson, wo wären Sie jetzt lieber als in Frankfurt?

Watson: Im Moment sollte ich auf einem meiner Schiffe im Südpazifik sein, um Wale zu schützen. Meinen Job hat nun ein anderer Kapitän übernommen.

Können Sie überhaupt etwas tun in diesen Tagen?

Ich sehe es als Gelegenheit, zwei Buchprojekte voranzutreiben. Ich überarbeite "Earthforce", ein Handbuch für Umweltaktivisten, und schreibe an "Whale Wars", der Geschichte unserer Aktionen im Südlichen Ozean.

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"Es gab keine Verletzten, es wurde nichts beschädigt, es ist zehn Jahre her. Warum jetzt der Auslieferungsantrag?", fragt Paul Watson

Bekommen Sie viel Unterstützung?

Ja, es ist unglaublich. Seit ich hier bin, habe ich die Unterstützung des brasilianischen Senats erhalten, der Costa Rica für sein Vorgehen verurteilt. Der französische Senat unterstützt uns ebenso wie die europäischen Grünen - nicht die deutschen Grünen, aus irgendeinem Grund - und die früheren Umweltminister von Australien und Costa Rica. Pamela Anderson war mit mir auf einer Pressekonferenz in Frankfurt. Tommy Lee lud mich zu seinem Konzert in Frankfurt ein. Und ich denke, die deutsche Justizministerin hat Tausende Unterstützerbriefe aus aller Welt bekommen. Doch sie reagiert nicht, aus welchem Grund auch immer.

Wie kam es eigentlich zu Ihrer Verhaftung?

Wir waren im April 2002 auf dem Weg nach Costa Rica, um ein Abkommen zum Schutz der Kokos-Insel zu unterzeichnen. In guatemaltekischen Gewässern trafen wir zufällig auf einen Langleinenkutter aus Costa Rica. Es war klar, dass sie mit Shark-Finning beschäftigt waren. [Beim Shark-Finning werden geangelten Haien die Rückenflossen abgetrennt. Die Haie werden ins Wasser zurückgeworfen und verenden qualvoll, die Red.] Wir filmten es und sagten ihnen, sie sollten aufhören. Das haben sie nicht getan. Also rief ich die guatemaltekische Regierung an und berichtete. Die bat uns, einzugreifen und die Fischer zu stoppen. Das taten wir. Die Wilderer beschwerten sich daraufhin bei der costa-ricanischen Regierung. Wir hätten ihr Leben in Gefahr gebracht. Wir gingen zum Gericht, zeigten das Video und wurden entlassen. Das war's - bis zum 13. Mai dieses Jahres, als ich in Frankfurt landete. Ich wurde aufgrund eines Auslieferungsantrages von Costa Rica, von dem ich nichts wusste, festgenommen. Es ist wirklich verwunderlich: Wir haben alles auf Video, wir haben 25 Zeugen. Es gab keine Verletzten, es wurde nichts beschädigt, es ist zehn Jahre her. Warum jetzt der Auslieferungsantrag?

Haben Sie eine Vermutung?

Das Interessante ist, dass die japanische Regierung im vergangenen Oktober 30 Millionen Dollar vom Tsunami Relief Fund abgezweigt hat, um seine Walfangflotte aufzurüsten und gegen Sea Shepherd vorzugehen. Sie haben offenbar alle Möglichkeiten geprüft, wie sie uns kriegen können. Und dabei entdeckten sie diesen Vorfall in Costa Rica.

Sie haben angeboten, freiwillig in Costa Rica vor Gericht zu erscheinen, ...

... unter der Bedingung, dass der Auslieferungsantrag fallengelassen wird. Das haben sie abgelehnt. Sie wollen mich in Untersuchungshaft bringen.

Sea Shepherd: Tierschutz radikal
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Paul Watson, der Gründer der Tierschutz-Organisation Sea Shepherd, im Video-Interview

Warum?

Das ist die unbeantwortete Frage. Ich frage mich auch: Warum ist Deutschland involviert? Interpol lehnte den Auslieferungsantrag als politisch motiviert ab. Wenn ich in England, Frankreich oder Spanien gelandet wäre, wäre ich nicht festgenommen worden. Aber in Deutschland, einem Land, das nicht einmal ein Auslieferungsabkommen mit Costa Rica hat. Auch von der deutschen Regierung gibt es dazu keine Erklärungen. Fakt ist, dass ich mit Erlaubnis der guatemaltekischen Regierung gehandelt habe. Es macht keinen Sinn.

Ist Ihr Kampf gegen das Shark-Finning denn erfolgreich?

Enorm erfolgreich! Darum sind sie ja hinter uns her. Unsere Aktionen haben das Shark-Finning-Gewerbe in Costa Rica Milliarden Dollar gekostet. Trotzdem hat Costa Rica im vergangenen Jahr 30 Tonnen Haiflossen ausgeführt. Das sind Hunderttausende von Haien. Es geht also um viel Geld. Die Rangers der Kokos-Insel sagten mir 2002, dass die Shark-Finner ein Kopfgeld von 25.000 Dollar auf mich ausgesetzt hätten. Falls ich in Costa Rica in Untersuchungshaft kommen sollte: Gibt es einen besseren Platz, die Belohnung einzusammeln? Wenn Deutschland mich ausliefert und mir passiert etwas in einem costa-ricanischen Gefängnis, dann wird die deutsche Regierung dafür verantwortlich sein.

Warum versagen die Behörden beim Kampf gegen das Shark-Finning?

Weil es um eine riesige Menge Geld geht. Sie werden bestochen. Ich hatte neulich mit dem costa-ricanischen Außenminister eine bizarre Konversation. Er versuchte mir weiszumachen, dass es in Costa Rica keine Korruption gibt. Und ich bräuchte mir um meine Sicherheit im Gefängnis keine Sorgen zu machen. Er sagte: "Wir werden Sie beschützen. Wir haben zwei frühere Präsidenten im Gefängnis, die beschützen wir auch." Ich habe ihn gefragt: "Warum sitzen die beiden denn im Gefängnis?" Costa Rica ist ein extrem korruptes Land.

Wann wird es eine Entscheidung über den Auslieferungsantrag geben?

Noch sind ja nicht einmal die Papiere aus Costa Rica in Deutschland. Es könnte noch bis zu drei Monate dauern. Falls dem Antrag stattgegeben wird, werden wir vor den Europäischen Gerichtshof ziehen. Das Ganze kann sich aber auch noch Jahre hinziehen. Sehen Sie sich nur den Fall von Julian Assange an.

Hat der Fall für Sie auch sein Gutes?

Ich sehe es auch als eine Gelegenheit, die Aufmerksamkeit auf das Verbrechen des Shark-Finning zu lenken. Schließlich ist das nach dem Drogen- und dem Waffenhandel die wichtigste illegale Aktivität weltweit.

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