Rekommunalisierung Obsoleszenz: Die Würde der Dinge

Geschaffen, um kaputtzugehen: Viele Hersteller verkürzen ohne Not die Lebensdauer ihrer Waren. Tüftler wehren sich - und machen Reparatur zum rebellischen Akt Haben Sie Anregungen und Kommentare? Dann nutzen Sie bitte die Kommentarfunktion unten auf dieser Seite

Als Kyle Wiens und Luke Soules in San Luis Obispo, Kalifornien, ihr Ingenieurstudium starten, landen sie in einem gemeinsamen Wohnheimzimmer. Beide sind Technikfans. Um nebenbei Geld zu verdienen, ersteigern sie alte Computer bei eBay, nehmen sie auseinander und verkaufen die noch intakten Teile. Das Geschäft läuft gut - wie ließe es sich weiter ankurbeln? Einfach, indem man mehr Menschen Mut macht, defekte Geräte zu reparieren statt sie wegzuwerfen. Die Idee von „Ifixit“ ist geboren. Heute, neun Jahre später, ist die Firma eine Online-Plattform, auf der sich Bastler kostenlos Hilfe holen und geben. Der kommerzielle Teil ist ein Ersatzteilhandel mit 40 Mitarbeitern und vier Millionen Dollar Jahresumsatz.

Bis hierher handelt die Geschichte von Zufall, Männerleidenschaften und den Chancen des Internet. Doch es gibt noch eine tiefere, subversive Dimension. In ihr geht es um die Würde der Dinge und ihrer Benutzer. Und um den Kampf gegen Unternehmen, die in ihre Produkte Sollbruchstellen einbauen, damit sie möglichst rasch den Geist aufgeben. „Geplante Obsoleszenz“ heißt das Fachwort dafür. Eines der ältesten bekanntesten Beispiele sind Glühbirnen: Im Prinzip könnten sie länger leben als ihre Käufer, wie ein seit 1901 ununterbrochen brennendes Exemplar in Livermore, USA, belegt. Doch 1924 verabredeten die Hersteller, die Lebensdauer auf 1000 Stunden zu begrenzen - wer bessere Birnen auf den Markt brachte, musste an das Kartell, das bis 1942 bestand, Strafe zahlen.

In modernen Varianten tritt eingebauter Verschleiß gern kurz nach Ablauf der Garantiezeit auf, meist ausgelöst durch einzelne Billigkomponenten, die dem Dauergebrauch nicht gewachsen sind: zu klein dimensionierte Kondensatoren, die durchbrennen, oder fest verklebte Akkus, die sich nicht austauschen lassen. Selbst Hand anzulegen, wird den Verbrauchern künstlich erschwert - durch Schrauben etwa, vor denen normale Schraubenzieher kapitulieren. Durch Bauteile ohne Modellbezeichnung. Oder durch dubiose Fehlermeldungen: Bei manchen älteren Tintenstrahldruckern entscheidet ein interner Zähler, wann das Gerät sich selbst aus dem Verkehr zieht. Das soll vor dem Überlaufen des Resttintentanks schützen, doch der Chip zählt unabhängig vom Füllungsgrad. Findige haben ausgetüftelt, wie er sich zurückstellen lässt. Wie von Zauberhand erwacht der Drucker dann wieder zum Leben.

Wer sich gegen eingebauten Verschleiß wehrt, stellt eine Wirtschaftsordnung infrage, die Wegwerfen zur Tugend erhoben hat und in der Konzerne ihren Kunden beibringen, alle Jahre wieder nach dem neuesten Modell zu greifen. Das macht Ifixit zu einem David-und-Goliath-Thema. Im Manifest der Reparatur-Revolutionäre heißt es: „Reparieren ist grün. Reparieren bedeutet Unabhängigkeit. Reparieren verleiht Seele und macht Dinge einzigartig.“ Und: „Wir haben das Recht ... auf Geräte, die man öffnen kann; auf Fehlercodes und Schaltpläne ...“ Kennzeichen: eine Faust mit Schraubenschlüssel.

Mehr als 27 000 Technikprobleme und mögliche Lösungen hat die internationale Schrauber-Gemeinschaft inzwischen zusammengetragen. Die meisten Tipps betreffen Computer, Spielekonsolen, Kameras und Mobiltelefone. Die Ifixit-Fans setzen dabei neue Standards für Reparaturanleitungen. Sie zeigen Schritt für Schritt in Wort und Bild, wie man die Abdeckung einer Nikon-Kamera erneuert oder den Touchscreen eines Blackberry austauscht.

Weil Hersteller selbst das Innenleben ihrer Geräte wie streng gehütete Betriebsgeheimnisse behandeln, gehört es zu den lustvollsten Coups, Kultprodukte der Szene in „Teardowns“ zu sezieren: Meist noch am Tag der Präsentation eines neuen iPhone wird auf der Ifixit-Website zelebriert, wie man es Stück für Stück auseinandernimmt. Juristische Auseinandersetzungen fürchtet keiner. „Wir machen ja alles selbst, mit Geräten, die wir selbst gekauft haben“, sagt Wiens.

Virtueller Rat ist gut, doch Amateure, die mit zwei linken Händen an Mini-Elektronik fummeln, überfordert er leicht. Aus den Niederlanden kommt deshalb die Idee der Repair-Cafés, in denen Freiwillige seit 2010 gratis für andere schrauben, stopfen, nähen oder Fahrradschläuche flicken. Drei Dutzend solcher Initiativen existieren inzwischen, allein fünf in Amsterdam. Dachorganisation ist eine staatlich unterstützte Stiftung. Einen Schritt weiter gehen „Offene Werkstätten“ mit Namen wie „Bike-Kitchen“, „Kreativgarage“ oder „Dingfabrik“, die in vielen deutschen Städten existieren. Dort gibt es gutes Werkzeug, und die Anleitung von Profis weckt schlummernde Kreativität und Reparaturtalente.

Doch wie kann man Hersteller unter Druck setzen, Obsoleszenz zu stoppen und Geräte reparaturfreundlich zu gestalten? Auf der deutschen Website Murks-nein-danke.de kann neuerdings jeder Ärger über vorzeitiges technisches Versagen öffentlich machen. „Die Schwierigkeit ist, dass man Fehler ja erst nach zwei, drei Jahren bemerkt“, sagt Initiator Stefan Schridde. „Und dann nicht weiß: Ist ein Gerät wirklich kaputt, oder geht es nur darum, einen Kondensator anzulöten?“ Wenn Kunden entdecken, dass ein Problem gehäuft auftritt, wächst die Chance, sich zu wehren. Der Betriebswirt aus Berlin hat die Seite Anfang 2012 ins Netz gestellt. Der Zulauf ist groß. Beiträge kommen von unzufriedenen Kunden, aber auch von Insidern. Die langjährige Mitarbeiterin einer Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt klagt, dass mechanische Teile zunehmend „auf Verschleiß optimiert“ werden.

Schalteinheiten der Gangschaltung, die früher aus Metall oder robustem Kunststoff gefertigt wurden, bestünden heute oft aus empfindlichem Plas-tik. Betroffen seien sogar Gewinde, was die präzise Einstellung der Schaltung erschwert und langfristig zu Getriebeschäden führen kann. Der Mitarbeiter einer Wartungsfirma für elektronische Geräte berichtet von einem Ladenkassendrucker-Modell, das ständig ausfällt. Ein Schuhmacher erzählt, dass Sohlen oft einen so weichen Polyurethankern haben, dass sie nach kurzer Zeit „regelrecht zerfallen“.

Solche Praxis zu ächten, ist ein erster Schritt auf dem Weg zum „Reparieren des Planeten“, wie die Ifixit-Fans es nennen. Fachliche Hilfe dafür sucht bei ihnen inzwischen auch die hohe Politik. Kyle Wiens war im Mai dieses Jahres eingeladen, in Washington D. C. bei einer Anhörung der amerikanischen Handelskommission zum Thema Elektronikschrott zu sprechen.

Nützliche Links: www.ifixit.com, www.murks-nein-danke.de, www.offene-werkstaetten.org, http://repaircafe.nl

GEO.de Newsletter