Die Bioenergie-Falle

Wissenschaftler haben sich in einer neuen Studie mit Bioenergie auseinandergesetzt - und warnen vor einer verstärkten Nutzung

Die Umwandlung von Zuckerrohr, Raps und Palmöl in Biosprit oder von Holz in Wärme und Energie gilt als CO2–neutral. Denn durch die Photosynthese der Pflanzen werde genauso viel CO2 gebunden, wie später bei der energetischen Nutzung frei werde, behauptet etwa der österreichische Biomasse-Verband.

Das klingt vielversprechend, vor allem in Zeiten des Klimawandels. Doch das "Bio" in Bioenergie steht nicht für "ökologisch". Die renommierte Nationale Akademie der Wissenschaften in Halle (Leopoldina) zweifelt die ökologischen Vorteile von Bioenergie an. In ihrer aktuellen Studie "Bioenergie: Möglichkeiten und Grenzen" kommt die internationale Forschergruppe aus verschiedenen Fachbereichen zu dem Ergebnis, dass "mit Ausnahme der Nutzung von biogenen Abfällen die Verwendung von Biomasse als Energiequelle in größerem Maßstab keine wirkliche Option für Länder wie Deutschland ist."

Umstrittenes Thema

Bioenergie ist sehr umstritten und wurde schon in verschiedenen Studien teils sehr unterschiedlich bewertet. Anfangs wurde sie sehr positiv gesehen, doch schon 2006 hat Greenpeace in dem Positionspapier "Biomasse - Segen oder Fluch der Energiewende" auch die Nachteile hervorgehoben. Auch die neue Studie, an der mehr als zwanzig Forscher ein Jahr gearbeitet haben, kommt zu einer sehr kritischen Schlussfolgerung.

Die CO2-Bilanz gerät den Forschern zufolge aus dem Gleichgewicht, wenn man Faktoren wie die Düngung der Pflanzen oder die chemische Umwandlung zu Bioethanol, Biodiesel oder Biogas mit einrechnet. Um zum Beispiel Raps anzupflanzen, benötigt man Pestizide, bei deren Herstellung Treibhausgase ausgestoßen werden. Auch die Maschinen, mit denen das Rapsöl im nächsten Schritt zu Biodiesel verarbeitet wird, tragen zur Erwärmung der Erdatmosphäre bei. Bei stickstoffbasierten Düngern wird Lachgas frei, das im Vergleich zu CO2 über 300mal klimaschädlicher ist. So wird insgesamt im Vergleich zur Nutzung fossiler Energieträger nur minimal oder sogar gar kein Treibhausgas eingespart, schließen die Forscher.

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Pflanzen zu Kraftstoff: Von der Leopoldina gibt es dafür keine Empfehlung

EU macht Druck

Trotzdem soll nach einem Plan der Europäischen Union immer mehr Mais, Raps oder Soja als Energiequelle angebaut werden. So hat die EU unter anderem festgelegt, dass bis zum Jahr 2020 allen Treibstoffen ein Zehntel Biodiesel oder Bioethanol beigemischt werden soll. Sie will unter anderem damit erreichen, den Treibhausgas-Ausstoß gegenüber dem Stand von 1990 um 20 Prozent zu reduzieren. Die Bundesregierung will den Anteil der Bioenergie an der deutschen Energieversorgung bis 2050 sogar verdreifachen. Die Wissenschaftler der Leopoldina drängen darauf das EU-2020-Konzept zu "überdenken".

Deutschland ist, wie die meisten europäischen Länder, darauf angewiesen, Biomasse zu importieren. Dabei kann eine Konkurrenz entstehen, ob die vorhandene Landfläche für Nahrungsmittel oder Energiepflanzen genutzt wird. Die Flächen-Frage verschärft sich noch, denn mit der wachsenden Weltbevölkerung wird immer mehr Getreide benötigt, um den Hunger zu bekämpfen.

Die Flächen-Frage

Ein weiterer Faktor kommt hinzu: Um die nötige Flächen zu bekommen, muss in den Export-Ländern häufig Wald gerodet werden. Das verschlechtert wiederum die CO2-Bilanz, da Bäume in ihrem Holz mehr CO2 binden als kurzlebige Nutzpflanzen. Auch die Umwelt würde unter dieser intensiven Landwirtschaft leiden, so die Wissenschaftler der Leopoldina: Flüsse und Seen werden durch die Dünger belastet, die Bodenqualität verschlechtert sich und der Grundwasserspiegel kann durch die Bewässerung der Felder sinken. Der Import von Raps, Soja oder Zuckerrohr würde diese "Probleme nicht beheben, sondern nur in andere Länder verlagern".

Die Wissenschaftler empfehlen, die Nahrungsmittel- und Bioenergieproduktion zu kombinieren. Mit "Mist und Gülle aus der Tierhaltung und dem Einsatz von Lebensmittelabfällen und pflanzlichen Reststoffen" könne die starke Umweltbelastung umgangen werden.

Ein deutlicher Fingerzeig geht auch in Richtung der erneuerbaren Energieressourcen. Windenergie und Photovoltaik sind nämlich laut der Studie nicht nur wesentlich flächeneffizienter, sondern auch umweltfreundlicher. "Die Einsparungen von Energie und Verbesserungen der Energieeffizienz sollten Vorrang haben", heißt es in der Studie.

Die Langfassung (englisch) der Studie und die Kurzfassung (deutsch) als PDF
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