Massentierhaltung Herzinfarkt auf dem Bauernhof

Weshalb 20 Hühner auf einem Quadratmeter leben müssen, Schweine zu Kannibalen werden. Und wie Großbetriebe es schaffen, 2,5 Millionen Vögel pro Woche zu schlachten
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Antibiotikaeinsatz lässt resistente Bakterien entstehen

Einem Stück Fleisch im Kühlregal sieht man nicht an, wie das Tier, von dem es stammt, gewachsen ist. Unter welchen Bedingungen ein Huhn oder ein Schwein gehalten wurde, ob es frei herumlaufen konnte, ob es Schmerzen hatte, wie es getötet wurde: All das verraten ein abgepackter Schenkel oder eine tiefgekühlte Lende nicht.

Und doch lassen die Preise erahnen, dass es für einige Mäster extrem billig sein muss, ein Tier von der Geburt zur Schlachtreife zu bringen. Bei vielen Discountern etwa kostet ein Pfund Schweinehack weniger als ein Salatkopf aus der Region. Das ist nur möglich, weil unter den Produzenten ein äußerst harter Konkurrenzkampf tobt, den die Discounter für sich zu nutzen wissen (etliche Schweinemäster müssen ihre Tiere zurzeit sogar zu geringeren Preisen verkaufen - 1,55 Euro je Kilo Lebendgewicht -, als die Aufzucht an Kosten verursacht - 1,75 Euro je Kilo - nur um im Markt zu bleiben). Diese niedrigen Preise sind es, die etwas über das Leben der Tiere erzählen. Hinter ihnen verbirgt sich eine Hightech-Industrie, die einzig darauf ausgerichtet ist, möglichst viel Fleisch auf möglichst kleiner Fläche in möglichst kurzer Zeit zu produzieren.

Fast alles Fleisch stammt aus Massentierhaltung

98 Prozent des heute in Deutschland verzehrten Fleisches stammt aus der Massentierhaltung. Dementsprechend führen fast alle zwölf Millionen Rinder, 27 Millionen Schweine und 114 Millionen Hühner, die bei uns Jahr für Jahr gehalten werden, ein kurzes, wenig artgerechtes Dasein.

So stehen in riesigen Ställen oft bis zu 5000 Schweine, dicht an dicht auf Betonspaltenboden ohne Einstreu, die Leiber von Kratz- und Beißspuren gezeichnet. Jedes Tier hat nur 0,75 Quadratmeter Platz - also kaum Möglichkeit, seine Neugier und seinen Spieltrieb zu befriedigen. Dabei kommt die Intelligenz von Schweinen der von Hunden gleich, und der Mangel an Auslauf und Beschäftigung frustriert sie, macht sie aggressiv.

Damit sich die Mastschweine vor Langeweile nicht gegenseitig in die Schwänze beißen und so Infektionen bekommen, wird ihnen kurz nach der Geburt der Schwanz (meist ohne Betäubung) bis auf einen Stummel abgeschnitten. Den Ferkeln werden auch die Zähne abgekniffen, damit die Muttersauen sie bereitwilliger saugen lassen. Junge Mastschweine neigen gar zu Kannibalismus: Hat sich ein Tier verletzt, kommt es vor, dass Artgenossen den Verwundeten auffressen.

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Bis zu drei von hundert Hähnchen sterben in der Mast an plötzlichem Herzversagen

20 Tiere auf einem Quadratmeter

Für die Sauen ist es noch schlimmer: Ein enger Gitterkäfig macht es ihnen unmöglich, sich umzudrehen. So wird verhindert, dass sie die Ferkel durch ihr Gewicht erdrücken. Auch in modernen Geflügelfarmen geht es eng zu: In manchen Hallen leben 40.000 Hühner, auf einem Quadratmeter drängen sich mehr als 20 Tiere. Die Vögel kennen weder frische Luft noch die Sonne, nur künstliches Licht, das in die fensterlosen Räume strahlt. Der echte Tag würde die Hühner vermutlich nur noch mehr unter Stress setzen: Versuche haben gezeigt, dass die hochgezüchteten Tiere auf einem Bauernhof schon nach wenigen Wochen an Herzinfarkt sterben.

Von fetten Hennen und armen Schweinen

Wie stark die Masthühner auf immer höhere Effizienz der Massenproduktion optimiert worden sind, zeigt auch ihr Wachstum. Vor 50 Jahren wurde ein Huhn nach zwei Monaten mit einem Gewicht von einem Kilogramm geschlachtet. Heute nimmt es fast dreimal so schnell an Masse zu: Ein Küken wiegt beim Schlüpfen etwa 42 Gramm, nach drei Tagen das Doppelte, nach einer Woche das Fünffache, im schlachtreifen Alter von 35 Tagen bereits rund 1,6 Kilogramm.

Schnelligkeit und Effizienz haben ihren Preis. Das Muskel- und Fettgewebe der Vögel wächst weitaus rascher als ihr Skelett. Die Knochen vieler Hühner deformieren unter der Last. Die derart gemästeten Tiere sind permanent gestresst, verwirrt, aggressiv. Damit sie sich nicht gegenseitig blutig picken, wird den Küken bereits kurz nach dem Schlüpfen mit heißem Infrarotlicht die Schnabelspitze abgeflämmt, ohne Betäubung.

Antibiotikaeinsatz lässt resistente Bakterien entstehen

Da die Tiere - eine Folge der Zucht - kein Sättigungsgefühl empfinden, fressen und fressen sie. Nach wenigen Wochen können viele von ihnen ihr üppiges Fleisch kaum noch auf den Beinen halten und liegen auf dem Boden. Weil sich dort im Laufe der Mast die Exkremente sammeln, es immer feuchter wird, leiden etliche Tiere unter Entzündungen und Verätzungen, etwa schmerzhaften Blasen auf der Brust. Krankheitserreger können sich in dieser Enge besonders schnell verbreiten. Züchter mischen daher oft Antibiotika ins Trinkwasser, sobald auch nur einige Hühner erkrankt sind.

Damit aber steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich auf den Hühnern widerstandsfähige Keime entwickeln. Beim Schlachten gelangen die auf das Fleisch der Tiere und können nun jedem gefährlich werden, der mit der rohen Ware in Berührung kommt. Für Menschen mit schwachem Immunsystem, etwa Kranke, Schwangere oder Kleinkinder, können solche resistenten Erreger sogar den Tod bedeuten, da sie sich nicht mit gebräuchlichen Antibiotika behandeln lassen.

Blutarmut, Knocheninfektionen, Sehnenschäden, Blindheit, Atembeschwerden

Noch vor Ende der Mast sind bis zu drei Prozent aller Vögel unter krampfhaften Zuckungen an plötzlichem Herzversagen gestorben, das nur bei Massentierhaltung auftritt. Auch viele andere Hühner zeigen Symptome, die typisch sind für die industrielle Fleischproduktion: Blutarmut, Knocheninfektionen, Sehnenschäden, Blindheit, Atembeschwerden. In der Nacht vor der Schlachtung geht alles sehr schnell: Mitarbeiter greifen die Tiere an den Beinen und verstauen sie im Akkord in Transportboxen - ein Arbeiter fängt bis zu 1500 Hühner in der Stunde, viele Tiere verletzen sich dabei. Etwa ein Drittel der Vögel kommt mit frischen Knochenbrüchen ins Schlachthaus.

Moderne Betriebe töten bis zu 2,5 Millionen Tiere pro Woche. Das Fließbandtempo der Schlachthöfe hat sich in den vergangenen 40 Jahren vervierfacht. Die Vögel werden mit Kohlendioxid oder elektrischem Strom betäubt und fahren dann - an den Füßen aufgehängt - an einem Messer vorbei, das ihnen einseitig eine Halsschlagader durchtrennt. Immer wieder kommt es vor, dass die Arterie nicht getroffen wird, die Hühner überleben. Und so werden etliche Vögel lebendig und bei Bewusstsein zur Reinigung des Gefieders per Fließband ins heiße Brühbad geschleust.

Unzuverlässige Betäubung

Dieses Schicksal teilt auch manches Mastschwein. In Großschlachthöfen, in denen täglich bis zu 20.000 Schweine verarbeitet werden, bleiben dem Schlachter nur wenige Sekunden, um der betäubten Sau die Schlagader zu durchtrennen. Nicht immer trifft er in der Eile. Schätzungen zufolge wachen Jahr für Jahr 50.000 Schweine auf der Rohrbahn auf, bevor ihnen im Dampfbrühtunnel Haut und Borsten verbrüht werden.

Am dramatischsten aber sind die Zahlen bei den Rindern. Fast 100 Prozent der Rinder werden in Deutschland vor dem Schlachten mit dem Bolzenschussgerät betäubt. Bei mindestens drei von 100 Tieren aber wirkt der erste Schuss nicht, und es muss beim Wiederaufwachen - zum Teil mehrfach - nachgeschossen werden, bis das Tier durch Öffnen der Halsschlagader oder durch Bruststich getötet werden kann. Die deutschen Verbraucher können Fleisch aus der Massenproduktion zu extrem günstigen Preisen einkaufen - doch die meisten wissen nicht, welchen Preis die Tiere dafür zahlen mussten.

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