Forstwirtschaft in Deutschland Profit oder Gemeinwohl?

Der BUND-Waldreport 2016 deckt Fälle von Raubbau im Wald auf - selbst in Schutzgebieten. Aber er benennt auch Beispiele für vorbildliche, naturnahe Forstwirtschaft. Darüber sprachen wir mit der Waldexpertin Nicola Uhde
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Forstwirtschaft brutal: Kahlschlag am Priesberg bei Bosen/Saarland

GEO.de: Vom Waldsterben redet niemand mehr. Wie geht's dem deutschen Wald eigentlich?

Nicola Uhde: In den letzten Jahrzehnten hat sich die Situation des Waldes grundsätzlich verbessert. Es wurde nach dem Krieg viel aufgeforstet, wenn auch meist in Form von Monokulturen mit Nadelholz. Und auch seit zuerst vom Waldsterben die Rede war, hat sich viel getan. Es wurden Filter und Katalysatoren eingebaut. Allerdings zeigen die jährlichen Waldzustandsberichte, dass viele Bäume immer noch stark geschädigt sind. Jetzt kommt auch noch die Belastung durch die Klimaerwärmung und Extremwetterereignisse hinzu.

Aber auch die Forstwirtschaft setzt dem Wald zu, wie Sie in Ihrem aktuellen Waldreport zeigen ...

Die Nachfrage nach Brennholz ist durch die Energiewende rasant gestiegen. 2010 wurde erstmals von dem in Deutschland geernteten Holz mehr direkt verbrannt als stofflich genutzt, zum Beispiel als Dachstuhl oder Möbel. Der wirtschaftliche Druck auf den Wald hat sich durch die gestiegenen Holzpreise stark erhöht. Der BUND befürwortet ausdrücklich die Nutzung von Holz - aber in einem naturverträglichen Maß. Und nicht in den Mengen, die wir teilweise in Deutschland bei schnelllebigen Produkten wie Papier, Brennholz oder Paletten beobachten.

Was heißt das konkret?

Es gibt in unserem Waldreport Beispiele von massiven, waldschädigenden Holzentnahmen. Oft wurden bei dem nächsten Sturm weitere Bäume, die nicht mehr von ihren Nachbarn geschützt waren, einfach umgeblasen. In Hildesheim haben sich die Niedersächsischen Landesforsten erlaubt, in einem Vogelschutzgebiet über 120 Jahre alte Buchen herauszunehmen. Darunter Bäume, die seltenen Spechtarten Nistgelegenheiten bieten. Bei Wolfenbüttel gab es Kahlschläge und Bodeneinebnungen. Da wurde praktisch der ganze Wald abgeräumt - mit der Begründung, man wolle einen schönen Eichenwald pflanzen. Und das in einem Natura-2000-Gebiet, also einem europäischen Schutzgebiet.

Wie ist das möglich?

Wir haben in einigen Bundesländern das Problem, dass die Forstwirtschaft weitgehend freie Hand hat, wie sie wirtschaftet, auch in Schutzgebieten. Zumal, wenn die Naturschutzbehörden kein wachsames Auge drauf haben können, etwa, weil es ihnen an Personal fehlt. In Rheinland-Pfalz und im Saarland gab es allerdings auch zwei Fälle, hinter denen man Seilschaften vermuten könnte.

Sie stellen im Report zehn Positivbeispiele für nachhaltige Waldbewirtschaftung vor. Was macht sie vorbildlich?

Oft sind es Kommunen, die sich klar zur Gemeinwohlfunktion des öffentlichen Waldes bekennen. Dazu gehören Erhalt und Schutz der biologischen Vielfalt, die Erholungsfunktion des Waldes, aber vor allem auch sauberes Wasser, frische Luft und die klimaregulierende Wirkung im Sommer. All das sind Ökosystem-Dienstleistungen, die langfristig Geld sparen. Diesen den Vorrang zu geben, ist also ökonomisch klug. Mit Holzverkauf Geld verdienen, das kommt erst an zweiter Stelle.

Da dürften nur wenige Waldbesitzer applaudieren, oder?

Die Vorstellung, dass ein Wald um jeden Preis Geld einbringen muss, halte ich für antiquiert. Um mal einen ungewöhnlichen Vergleich anzustellen: Ein Kindergarten muss ja auch kein Geld abwerfen. Gerade viele private Waldbesitzer wissen: Es ist mit Blick auf die Zukunft wichtiger, den Wald gesund und stabil zu erhalten, als für den kurzfristigen Profit möglichst viel Holz zu ernten - und dabei womöglich noch den Boden nachhaltig zu schädigen.

Wie sieht eine naturverträgliche Waldbewirtschaftung aus Ihrer Sicht aus?

Ökologisch verträglich ist eine Entnahme von einzelnen Stämmen und der Verzicht auf Kahlschläge. Es ist besser, auf Qualität zu setzen statt auf Quantität. Es müssen genügend Biotopbäume stehen bleiben, und es sollte bodenschonend gearbeitet werden, möglichst ohne schwere Maschinen. Auf Pestizide und Mineraldünger sollte verzichtet werden. Außerdem fordert der BUND, dass bis 2020 mindestens zehn Prozent der öffentlichen Wälder dauerhaft von der Holzgewinnung ausgenommen werden. Denn das könnten die Urwälder von morgen werden.

Also mehr Natur, weniger Entnahme ...

Unter dem Strich ja. Darum fordern wir, den Holz- und Papierverbrauch in Deutschland zu senken. Sonst geht die Rechnung nicht auf.

Hier geht's zum Der BUND-Waldreport 2016.

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BUND-Waldexpertin Nicola Uhde

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