Der Bambusbauer

Bryan Benitez McClelland baut Fahrräder aus Bambus. Die sehen gut aus, sind robust und umweltfreundlich. Und sie helfen einer kleinen philippinischen Gemeinde aus der Armut

Einmal in der Woche fährt Bryan Benitez McClelland nach Tarlac, rund drei Stunden nördlich der philippinischen Hauptstadt Manila. Wenn er in seinem goldenen Isuzu- Geländewagen in "seinem" kleinen Außenbezirk der 300.000-Einwohner-Stadt ankommt, umringen die etwa 70 Kinder des Ortes seinen Wagen. "Eines Tages habe ich gesehen, wie die Kinder mit einem Stück Stacheldrahtzaun gespielt haben", sagt McClelland. "Jetzt entwerfe ich einen Spielplatz für die Kinder", erklärt er und strahlt. Einen Spielplatz mit "Wasch- und Desinfizierstation". Die Hygienezustände im Ort sind katastrophal. Fließendes Wasser gibt es in den Häusern nicht. Lediglich eine Pumpe auf dem Platz in der Dorfmitte.

McClelland ist 28 Jahre alt. Der Vater Amerikaner, die Mutter Filipina. Aufgewachsen in den USA, lebt er seit fünf Jahren auf den Philippinen. "Eigentlich wollte ich Sportarzt werden", sagt er. Als Arzt hätte er aber immer nur einer Person helfen können, das wollte er nicht. Für die Umwelt habe er etwas tun wollen. Und für viele Menschen auf einmal. McClelland studiert nicht Sportmedizin, sondern schreibt sich für Umweltstudien und Anthropologie ein. So würde er mehr beeinflussen können denn als Arzt, glaubt er. Seine Freunde machen sich über den Öko-Freak lustig, nennen ihn "Treehugger". Nach dem Bachelor-Abschluss packt er an der Wharton School der Universität von Pennsylvania noch einen Master in Organisations- und Umweltmanagement oben drauf.

Für seine Abschlussarbeit fliegt er in die Heimat seiner Mutter. Er schreibt über nachhaltige Gemeindeentwicklung für die Armen. Nach dem Abschluss will er Theorie in Praxis umsetzen und zieht nach Manila.

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Bryan McClelland in seiner Werkstatt vor den Toren Manilas

Afrikanisches Vorbild

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Bambike-Mitarbeiter mit den fertigen Produkten: pflanzlichen Fahrradrahmen

Als begeisterter Fahrradfahrer und Mountainbiker hat er von Craig Calfee, einem Amerikaner, gelesen, der in Ghana Fahrräder aus Bambus baut. Die Philippinen sind voller Bambus, denkt sich McClelland, das könnte er dort auch machen. Er setzt sich mit Calfee in Verbindung. Fast drei Jahre dauert es, bis er den Landsmann endlich auf die Philippinen geholt hat. Zuerst habe er Geld auftreiben müssen, außerdem hätte es viel Kraft und Zeit gekostet, Calfee zu überzeugen zu kommen.

Calfee teilt sein Wissen mit McClelland, bringt ein erstes "Starter Kit" mit und zeigte dem damals 25-jährigen, wie er die Räder konstruieren muss. Als Calfee wieder abgeflogen ist, fängt McClelland an zu tüfteln und setzt seinen Plan um. In einem Randbezirk der Stadt Tarlac findet er eine Gemeinde, die von vielen Entwicklungsprojekten ausgeschlossen ist. "Die leben nicht an der Hauptstraße, deshalb sind sie außerhalb des Sichtfeldes vieler Hilfsorganisationen", erklärt McClelland. Er lernt den 38-jährigen Nel Assuncion an. Bringt ihm bei, wie ein Fahrradrahmen gebaut wird. So werden die Alu-Muffen, die den Lenker, die Gabel, die Sattelstütze und das Tretlager aufnehmen, mit Epoxidharz eingeklebt und mit Pflanzenfasern fixiert.

Nach knapp drei Monaten ist der philippinische Familienvater nicht mehr Reisbauer - sondern Bambusfahrradkonstrukteur. Drei Jahre später beschäftigt McClelland alle 20 Männer des kleinen Dorfes.

250 Pesos, knapp fünf Euro, verdienen die Männer am Tag. Ein karges, aber stabiles Einkommen in einem Land, in dem rund 30 Prozent der Bevölkerung von weniger als einem Dollar am Tag leben. Ihre Arbeitsstätte liegt mitten in ihrer kleinen Siedlung. Zum Mittagessen gehen sie zu ihren Frauen nach Hause. Nachmittags spielen ihre Kinder vor der Tür. Ein Luxus, der auf den Philippinen selten ist.

McClelland will Arbeitsplätze schaffen

Doch Fahrräder sind für McClelland gewissermaßen nur ein Vehikel. Denn der Unternehmer möchte mit seiner Geschäftsidee in erster Linie der armen Bevölkerung auf den Philippinen helfen. "Ich möchte Arbeitsplätze schaffen", sagt er. Klar wolle er auch Geld damit verdienen, schließlich habe er einen Kredit aufgenommen, um das Projekt starten zu können, aber die Verbesserung der Lebensbedingungen in der rund 100 Einwohner zählenden Gemeinde stehe an erster Stelle, versichert er.

McClelland spricht von "Forschung und Entwicklung", wenn er über die zurückliegenden drei Jahre redet. Nicht in einem hoch spezialisierten High-Tech-Labor, sondern in seiner Wohngemeinschaft schraubt er die ersten Räder zusammen, unweit des Rotlicht- und Bankenviertels Makati in Manila. In jeder Ecke seiner Wohnung stehen Fahrradrahmen aus Bambus, Bambusrohre, die einmal Rahmen werden sollen, und lauter kleine Accessoires. Sein Zimmer besteht fast ausschließlich aus Bambus. Fast im Stundentakt hat McClelland eine neue Idee, was sich aus Bambus noch machen ließe. "Immer wieder lasse ich meine Arbeiter neue Ideen umsetzen. Deshalb ist die Rahmenproduktion nicht so optimal, wie sie sein könnte. Wenn ich von einer neuen Idee abgelenkt werde, lenke ich auch meine Angestellten damit ab", grinst McClelland.

Ein Zweisitzer fast ganz aus Bambus

Doch die Rahmen sind mittlerweile so, wie sie sein sollen. Hier und da braucht es noch die eine oder andere Feinjustierung, aber insgesamt läuft die Regelproduktion langsam an. Erst ein paar Wochen ist es her, dass die Räder für den amerikanischen Markt zertifiziert worden sind. Für den Export von großen Stückzahlen nach Europa, in die USA oder Länder wie Korea und Japan müssen sie bestimmte Standards erfüllen. "Wir haben von Intertek Testing die Zertifizierung", erklärt McClelland. Das Rennrad und das Mountainbike seien sozusagen ausgereift, zertifiziert und könnten nun exportiert werden. Am Beachcruiser, seinem momentanen Lieblingsprojekt, feilt McClelland noch. Weit mehr Teile als an den anderen Rädern sind hier aus Bambus hergestellt. Unter anderem auch der Lenker und der Sattel: ein Zweisitzer.

Die Räder sind allerdings nicht für den inländischen Markt bestimmt. Er könne nicht mit einem chinesischen Stahlfahrrad für umgerechnet weniger als 100 Euro mithalten. Es gehe in erster Linie darum, Jobs zu schaffen auf den Philippinen. In den USA sollen die Räder zum Kassenschlager werden. Dann will McClelland auch nach Europa und Asien exportieren. "Wir sprechen zur Zeit mit möglichen Partnern in den jeweiligen Ländern", sagt er.

40 Räder hat McClelland bisher verkauft. Rund 1000 Dollar kostet ein Mountainbike-Rahmen. Ein ganzes Rad kostet mehr. Der Beachcruiser wird voraussichtlich auch etwas teurer werden. Zehn Prozent der Gewinne aus den Verkäufen fließen zurück in die kleine philippinische Gemeinde, in der die Arbeit getan wird. Und McClelland denkt schon über die nächsten Schritte nach. Bambus habe das Potenzial, viele alltägliche Produkte aus Plastik zu ersetzen.

Doch noch ist das Thema Fahrradrahmen nicht ausgereizt. Seine jüngste Idee: Um die Bambusrohre haltbarer zu machen und ihnen eine dunklere Farbe zu geben, will er sie räuchern. In einem Ofen, der gleichzeitig Pizzas bäckt. Die fertigen Pizzen sollen dann mit dafür umgebauten Bambusfahrrädern ausgeliefert werden.

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Lässig: So sieht der Beachcruiser aus

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