Welternährung Fischteiche im Gewächshaus

Was hilft gegen Wasserknappheit und Mangelversorgung in den Metropolen des Südens? Aquaponik - eine grüne Revolution, die Selbstversorgung möglich macht
In diesem Artikel
Aquaponik ist nicht neu

Haben Sie Anregungen oder Kommentare zum Thema? Dann nutzen Sie die Kommentarfunktion unten auf dieser Seite.

Die jordanische Hauptstadt Amman ist im Sommer trocken und heiß wie die Wüste im Umland. Jordanien ist eines der wasserärmsten Länder der Erde; 80 Prozent der Lebensmittel werden importiert. Als in Amman während des Arabischen Frühlings über 5000 Menschen auf die Straße gingen, war die eine Forderung: Mehr politische Mitbestimmung! Die andere: Günstigere Lebensmittel! Das war im Januar 2011, seither kommt es regelmäßig zu kleineren Unruhen aufgrund der steigenden Lebenshaltungskosten.

Für Bashar Humeid, den Sohn eines jordanischen Erfinders und einer Hobbygärtnerin aus Karlsruhe, liegt eine Lösung in den Abertausenden Flachdächern der Stadt. Die meisten sind bisher Freiluft-Gerümpelkammern, wie das Dach des Makan- Kulturzentrums in der Stadtmitte, auf dem alte Fernsehantennen, Backsteine und Elektrokabel herumliegen. "75 Quadratmeter ungenutztes Potenzial", sagt Humeid. Er baut dieses Dach gerade zum Nachbarschaftsgarten um – mit Tomaten, Salaten und einer kleinen Fischfarm. Das Prinzip heißt Aquaponik, ein System, das Pflanzen- mit Fischzucht verbindet.

"Wir müssen die Nahrungsmittelproduktion demokratisieren"

Humeid ist 34 Jahre alt und hat in Erlangen Politologie studiert. Danach zog es ihn zurück nach Amman, wo er beim Aufbruch in Nahost selber mitwirken wollte. "Freedom Machine" nennt er sein Gewächshaus und erklärt auf Deutsch: "Für unsere Freiheit müssen wir nicht nur die Politik demokratisieren, sondern auch die Nahrungsproduktion." Den ersten Prototyp hat Humeid auf das Dach über seinem Büro im Westen Ammans gesetzt. Ein Statiker hat die Belastbarkeit geprüft. In zwei Gemüsebeeten sprießen nun auf 20 Quadratmeter Fläche unter einer Polyethylen-Plane Tomaten, Paprika, Okra, Basilikum und Schnittsalat. Das Gemüse pflanzt Humeid nicht in Erde, sondern in Vulkangranulat oder - versuchsweise - direkt ins Wasser. Das durchfließt sowohl die Beete als auch einen benachbarten Fischtank mit 30 jungen Tilapia und Karpfen. Die Bedingungen passen: In den Sommermonaten scheint die Sonne in Amman bis zu 13 Stunden; im Dezember sind es immerhin noch sechs - viereinhalb mehr als in Berlin.

Auf teuren Dünger kann das System verzichten, denn die stickstoffreichen Fischfäkalien werden von den im Vulkangestein natürlich vorkommenden Bakterien zu Nitraten umgewandelt. Die Pflanzen nehmen diese Nährstoffe auf und dienen damit zugleich als Kläranlage: Das Wasser wird ohne Aufbereitung in den Fischtank zurückgepumpt. Dieser ausgeklügelte Kreislauf kann gegenüber konventioneller Landwirtschaft 80 bis 90 Prozent Wasser sparen. Beinahe autark: Humeid muss lediglich täglich die Fische füttern und gelegentlich die Verdampfungsverluste des Wassers ausgleichen. Und die Pumpe verbraucht etwas Strom, um Wasserkreislauf und Sauerstoffzufuhr anzutreiben. Die Vorteile des Modells aber liegen auf der Hand: frische Lebensmittel ohne Transportaufwand, produziert auf bisher ungenutztem Gelände.

Ideal für eine Stadt wie Amman. Nach Feierabend, wenn sich das Rauschen des chaotischen Verkehrs mit dem Gesang eines Muezzins mischt, wird es angenehm auf den Dächern. Vom Dach des Kulturzentrums aus geht der Blick hinüber zum Jabal Amman, eine der Anhöhen, die schon in der Jungsteinzeit besiedelt waren. Heute reihen sich dort Gebäude dicht an dicht über 19 verstreute Hügel; wo 1950 nur 90.000 Menschen lebten, sind es im Großraum inzwischen 2,5 Millionen. Grünflächen gibt es nahezu keine mehr.

b8f8ab4f9c65b573faa7f87d4a66ad2e

Patentierte Aquaponik: Das Modell des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei arbeitet mit zwei entkoppelten Wasserkreisläufen - jeweils optimiert für Fische und Gemüse

Aquaponik ist nicht neu

Schon die Azteken verbanden Hydroponik, Landwirtschaft im Wasser, mit Fischerei. In "Chinampas", schwimmenden Gärten, kultivierten sie Mais, Bohnen, Tomaten in seichten Seegebieten. Auch in Asien hat die Technik eine lange Tradition. Schon vor 1000 Jahren verbanden Chinesen Reisfelder mit Fischbecken. Die derzeitige Renaissance des Prinzips erreicht auch die Industriestaaten: Das Unternehmen "Sweetwater Organics" in Milwaukee etwa kultiviert 80 000 Barsche und Tilapia in einer alten Fabrik und produziert wöchentlich über 70 Kilogramm Gemüse. In Berlin ist für 2013 der Bau einer 1800-Quadratmeter-Anlage geplant, die pro Jahr 35 Tonnen Gemüse und elf Tonnen Fisch produzieren soll. Nach einem Patent des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei soll sie mit zwei entkoppelten Wasserkreisläufen arbeiten, die bei pH-Wert und Nährstoffen jeweils für Fisch oder Gemüse optimiert sind.

Da aber kommerzielle Aquaponik-Einheiten mit einer Jahresproduktion von 200 Kilogramm Gemüse bereits zwischen 30.000 und 35.000 Euro kosten, bieten sie Selbstversorgung in armen Ländern kein Konzept. Humeids Gewächshaus ist dafür geeigneter: weniger effizient, dafür konsequent "Low Tech". "Alles andere wäre hier in Jordanien zum Scheitern verurteilt", sagt er. Die Pilotanlage hat knapp 1000 Euro gekostet. Die saubere Plane fand Humeid im Abfall, die Stahlrohre für das Gewächshaus sind vom Schrottplatz, und die Tische für die Beete hat ein Kollege aus der Brüstung des Flachdachs geschweißt. Das einzige elektrische Gerät ist eine Pumpe, die in Amman für 55 Euro zu haben ist. Die Kosten sollen durch Lebensmittelverkauf gedeckt werden, außerdem durch Energieeinsparungen im Gebäude: Im Winter wird die Anlage genügend Warmluft produzieren, um über ein isoliertes Rohr Humeids Büro zu beheizen.

Optimierungsideen aus dem Internet

Und in den heißen Sommermonaten mit 30 Grad Celsius und mehr beschattet ein engmaschiges Stoffnetz nicht nur Pflanzen und Fische, sondern kühlt gleichzeitig das Dach. Vor einem Jahr hat Bashar Humeid die NGO "Meezan" ("Gleichgewicht") gegründet. Mittelfristig wollen die Aktivisten bis zu einer Tonne Gemüse pro 20-Quadratmeter-Anlage und Jahr ernten. Optimierungsideen gewinnen sie aus dem Internet, wo sich eine globale Aquaponik-Gemeinde über Blogs austauscht. "Innovationen sind heute jedermann zugänglich", sagt Humeid. "Das wird nicht nur unsere politischen Systeme, sondern auch unseren Umgang mit knappen Ressourcen revolutionieren." Seit er seine Vision beim größten jordanischen Fernsehsender präsentieren durfte, findet die Idee neue Anhänger. Und der Initiator wird seine grüne Revolution exportieren können: Mit Unterstützung von mehreren auf Agrarentwicklung und Jugendarbeit spezialisierten Hilfsorganisationen soll Meezan 200 Dächer in zwei palästinensischen Dörfern nahe Hebron mit "Freedom Machines" bestücken.

Auch auf Deutsch diskutieren "Aquaponiker" - auf www.aquaponik-forum.de Infos zur Forschung gibt es hier: www.igb-berlin.de/astafpro.html

GEO.de Newsletter