Geldwirtschaft Privatkredite: Die etwas andere Geldanlage

Was tun, wenn man Geld braucht? Fremde anpumpen! Wenn man ein paar Spielregeln beachtet, funktioniert das Modell erstaunlich gut. Kennen Sie andere alternative Geldanlagen oder Finanzierungsformen? Dann schreiben Sie uns einen Kommentar, auf dieser Seite unten.

Die Financiers treten unter Pseudonym auf, nennen sich "Neureich", "McMoneysack", "Sockenfee" oder "Kroesus24". Sie stückeln ihre Anlagen, investieren selten mehr als 1000 Euro auf einmal, oft nur 100 Euro. Der Clou dabei: Sie vertrauen ihre Ersparnisse keiner Bank an, die das Geld "arbeiten" lässt. Stattdessen verleihen sie es an Unbekannte, die Finanzbedarf auf Online-Kreditmarkplätzen wie "Smava" oder "Auxmoney" anmelden.

Die Idee ist simpel: Wer Geld besitzt und es momentan nicht braucht, kann es verleihen. Wer Geld braucht und nachweisen kann, dass er es höchstwahrscheinlich wird zurückzahlen können, kann leihen. Die Transaktionen sind anonym und doch persönlich; beide Seiten profitieren. Die Verleiher erhalten ordentliche Zinsen und die Gewissheit, dass ihr Geld nicht bei Konzernen landen kann, deren Geschäfte sie vielleicht moralisch ablehnen. Und die Kreditnehmer können günstigere Zinssätze als zum Beispiel für ihren Dispokredit bekommen.

Beispiel: ein "Smavianer", der sich langfristig den "Aussteigertraum" erfüllen will. Er verdient gut als Angestellter, 85 000 Euro brutto im Jahr. Aber in ein paar Jahren will er mit seiner Familie anders leben. Ein Haus in Ostdeutschland mit großem Grundstück für weitgehende Selbstversorgung ist günstig zu erwerben, einiges Eigenkapital vorhanden. Jede Bank würde ihn mit Kusshand als Kunden gewinnen. "Aber warum soll eine Bank an mir verdienen?" fragt er. Banken sind wenig flexibel und verlangen zum Beispiel "Vorfälligkeitszinsen", wenn Kreditnehmer ihr Darlehen früher zurückzahlen möchte als im Vertrag festgelegt. Deshalb hat der 31-Jährige 31 000 Euro bei Smava beantragt und sein Gesuch ins Netz gestellt: An einem August-Freitag 2012 kurz vor 19 Uhr schlug als erster Investor "Schrat" mit 250 Euro zu, sieben Tage und 78 Gebote später stand die Gesamtsumme für fünf Jahre Laufzeit bereit. Konditionen: vier Prozent Zinsen plus eine Vermittlungsgebühr von drei Prozent der Kreditsumme.

7fa02de84eacc549358d84c9c1ca066d

Kredite können auch ohne Banken funktionieren

Erfolgreich seit 2005

Peer-to-peer-Kredit heißt so ein Darlehen von Person zu Person im Fachjargon. Das erste Modell für diesen etwas anderen Umgang mit Guthaben und Schulden startete "Zopa" in Großbritannien im Jahr 2005. Heute hat die Organisation eine halbe Million Mitglieder, die sich untereinander 249 Millionen Pfund geliehen haben, rund 310 Millionen Euro. Noch erfolgreicher ist das "Prosper" in den USA, das schon 427 Millionen Dollar verliehen hat.

Zugegeben - im Vergleich zu den Großen im Finanzgeschäft sind das peanuts. In Deutschland haben die 2007 gegründeten Vermittlerfirmen Smava und Auxmoney in den ersten fünf Jahren zusammen etwa 110 Millionen Euro verliehen. Zum Vergleich: Das Volumen von Privatkrediten mit ein- bis fünfjähriger Laufzeit beträgt hierzulande insgesamt etwa 100 Milliarden Euro. Dennoch eröffnen die Marktplätze neue Optionen - besonders für Selbstständige, die bei Banken oft wegen mangelnder Sicherheiten abblitzen. Da ist der Feinkostbetrieb, der über Smava 5000 Euro leiht, um sein Sortiment zu erweitern. Oder der Anwalt, der ein 10 000-Euro-Darlehen für einen Lehrgang im Erbrecht erhält.

Unterschiedliche Konditionen

Im Detail unterscheiden sich die Modelle. Wer sich bei Smava (von smart value: schlauer Wert) um einen Kredit bewirbt, wird per Schufa-Auskunft auf Bonität geprüft. In die beste Klasse A Eingestufte wie der Mann mit den Selbstversorger-Träumen müssen wenig Zinsen zahlen. In der letzten Klasse H betragen die Zinsen wegen des höheren Ausfallrisikos über zwölf Prozent. Doch auch bei einem Ausfall oder Teilausfall gehen die Kreditgeber nicht leer aus, denn ein Verlust wird auf alle Anleger der jeweiligen Klasse umgelegt. Da vor jeder Anlage ein Risikoaufschlag kalkuliert wird, ist hohe Sicherheit garantiert. Die Stiftung Warentest lobt das System.

Auxmoney schneidet bei den Verbraucherschützern weniger gut ab. Hier erwarten Anleger höhere Zinsen. Denn die Risiken sind schwerer kalkulierbar, weil Kreditanträge auch ohne Schufa-Prüfung eine Chance haben. Nur wenn sich Financiers für die Gesamtsumme finden, wird sie ausbezahlt – und das gelingt wegen der größeren Unsicherheit längst nicht immer. 9000 Kredite fanden bisher Financiers, eine sehr viel größere Zahl dagegen nicht. Eine Falle für die Antragsteller – bei Auxmoney können dann trotzdem Kosten fällig werden.

Claus Lehmann, der zwei Blogs zum Thema betreibt und die internationale Szene im Auge hat, hält die neue Form der Privatkredite "prinzipiell für hochinteressant". Besonders in Großbritannien und den USA, wo die Gewinnmargen weit höher sind als hierzulande, entwickle sich das Geschäft jenseits der Banken rasant. Lukrativ sind dort vor allem Umschuldungen der vielen überschuldeten Haushalte. Wer sein Kreditkartenkonto überzieht, muss Zinsen von 20 Prozent und mehr bezahlen.

Dankeschön statt Zinseszins

"Wenn sich Privatanleger mit der Hälfte zufriedengeben, bringt das so viel wie keine andere Sparanlage – selbst wenn sich der Zinssatz durch Ausfälle um zwei bis drei Prozent verringert", sagt Lehmann. Die kühnsten Modelle von Crowd Financing oder Schwarmfinanzierung setzen darauf, dass Menschen ganz ohne Profitgedanken ihre Geldbörsen öffnen. Online- Plattformen wie "kickstarter.com" in den USA und "startnext.de" in Deutschland locken nicht mit Tilgung und Zinsen, sondern mit Belohnungen völlig anderer Art. Das deutsche Startnext hat bisher 462 Kunst- und Kultur-Projekte für insgesamt knapp zwei Millionen Euro finanziert. Die "Dankeschöns" richten sich nach Höhe des Einsatzes: Bei Filmen gibt es die Erwähnung im Abspann, VIP-Karten, Plakate und sogar Statistenrollen. Musiker bieten CDs, Konzerttickets oder ein privilegiertes "Küchenkonzert", bei dem der Sänger nicht nur Stimm-, sondern auch Kochkunst beweist.

Auch bei diesem etwas anderen Umgang mit Geld und Dividende sind die USA Vorreiter. Mehr als 350 Millionen Dollar hat Kickstarter seit der Gründung 2009 für 30.000 Projekte eingesammelt. Bisher spektakulärstes Beispiel ist das Computerspiel mit dem Arbeitstitel "Double Fine Adventure" des legendären Spieleentwicklers Tim Schafer aus San Francisco. Gönnern versprach er im März 2012: Wer 15 Dollar spendet, erhält das Spiel später gratis. Für 15.000 Dollar gibt es ein Abendessen mit dem Team. Wer 50.000 Dollar und mehr übrig hat, wird als Figur im Spiel verewigt. Innerhalb von acht Stunden waren die ersten 400.000 Dollar eingesammelt. Am Ende, nach gut einem Monat, belief sich der Geldregen auf 3,3 Millionen, finanziert von 87.000 Beteiligten.

Interessante Links

Claus Lehmanns Blogs

Interview: Was bringen grüne Geldanlagen?
Interview
Was bringen grüne Geldanlagen?
Ökologie und Nachhaltigkeit spielen für Geldanleger eine immer größere Rolle. Aber wie grün sind grüne Investments wirklich? GEO.de sprach mit dem Finanzexperten Stephan Rotthaus
Fruchtbare Kapitalanlage
Ökolandbau
Fruchtbare Kapitalanlage
Wer Geld in die ökologische Landwirtschaft investiert statt in riskante Hedgefonds, erwartet keine große Rendite. Aber zur Dividende gehören glückliche Kühe und eine lebenswerte Umwelt
GEO.de Newsletter