Meeresverschmutzung Plastiktüte adé?

Experten warnen, dass es 2050 in den Ozeanen mehr Plastik geben könnte als Fisch. Jetzt wollen EU und Mitgliedsstaaten gegensteuern - zumindest bei den Kunststofftüten
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Vom Winde verweht: Plastiktüten brauchen Jahrhunderte, bis sie sich im Meerwasser zersetzen

Plastik, der Wunderstoff der bunten Warenwelt, wird zum Umwelt-Problem. Schon seit längerem klagen Verbraucher- und Umweltschützer über exzessiven Verbrauch, giftige Inhaltsstoffe und gigantische Plastikmüll-Strudel in den Weltmeeren. Nun befeuert eine Studie des Weltwirtschaftsforums die Debatte. Wenn wir weitermachen wie bisher, prognostizieren die Experten, werde es um 2050 in den Ozeanen mehr Plastik als Fisch geben (nach Gewicht). Einen großen Teil dieses Kunststoffes machen Plastiktüten aus, die viele Läden und Warenhäuser kostenlos ausgeben.

Staaten sollen Plastiktüten verbieten können

Während Bangladesh die Plastiktüte im Jahr 2000 einfach verbot, tut sich die Europäische Union mit dem Gegensteuern schwer. Denn einem Verbot auf nationaler Ebene steht EU-Recht entgegen. Darum arbeitet Umweltkommissar Janez Potocnik nun an einer Gesetzesreform, die den Mitgliedsstaaten ein Verbot von Plastiktüten ermöglicht. Darüber hinaus fordert er von den EU-Mitgliedsstaaten Ziele für die Reduktion des Plastiktüten-Verbrauchs. Und er ermutigt die Staaten zu neuen Steuern oder Abgaben auf Plastiktüten.

Eine EU-Vorgabe sieht vor, dass bis 2025 im Schnitt pro Person nur 40 Tüten jährlich verbraucht werden. Spitzenreiter in der EU ist Bulgarien mit rund 420 Tüten.

Handelsketten führen Abgabe ein

Der Druck auf den Handel wächst. Nach Medienberichten haben mehrere deutsche Handelsketten für dieses Jahr Maßnahmen angekündigt. Karstadt etwa will ab März eine Gebühr auf alle Plastiktüten erheben, Media Markt, Saturn und C&A ab April. Weiter ist eine (freiwillige) Vereinbarung zwischen dem Handelsverband Deutschland (HDE) und dem Bundesumweltministerium geplant. Sie soll dafür sorgen, dass kostenlose Plastiktüten allmählich ganz aus dem Handel verschwinden.

Dass die Bezahl-Strategie funktioniert, zeigt das Vorbild Irland. Hier wird seit dem Jahr 2002 eine Abgabe von 15 Cent auf jede Kunststofftüte erhoben. 2007 wurde sie auf 22 Cent pro Tüte angehoben. Nach Angaben des irischen Umweltministeriums ist dadurch der Verbrauch von durchschnittlich 328 auf 21 Tüten pro Kopf und Jahr zurückgegangen.

Keine Alternative: kompostierbare Plastiktüte

Die anfangs bejubelte "kompostierbare" Plastiktüte ist nach neuesten Forschungen übrigens ökologisch genauso schädlich wie eine konventionelle. In einem Experiment konnten Kieler Forscher zeigen, dass auch biologisch abbaubare Kunststoffteile am Meeresgrund so gut wie gar nicht zersetzt werden.

Nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) gelangen rund 80 Prozent des Plastikmülls in den Weltmeeren aus Flüssen und Mülldeponien in Küstennähe in die Ozeane. Das Problem ist nicht nur ein ästhetisches: Laut UBA sind 136 im Meer lebende Tierarten bekannt, die sich regelmäßig in Müllteilen verstricken und sich strangulieren. Viele Tiere verwechseln Plastikteile mit Nahrung und verhungern mit vollem Magen.

Umweltbundesamt: Handel soll Bezahlpflicht einführen

Weltwirtschaftsforum: The New Plastics Economy: Rethinking the future of plastics

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