Interview Agrarpolitik: "Landwirtschaft ist ein Thema geworden"

Was eint den BUND, die Katholische Landjugend und Germanwatch? Sie streiten im AgrarBündnis mit 21 weiteren Organisationen gegen das Höfesterben und Massentierhaltung und für mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft. Ein Interview mit Geschäftsführer Frieder Thomas über das neu erwachte Interesse an Viehzucht und Ackerbau, über deutsche Agrarpolitik und die EU-Agrarreform
In diesem Artikel
Landwirtschaft ist wieder ein Thema
Und was ist mit dem Welthunger?

Landwirtschaft ist wieder ein Thema

GEO.de: Im Januar waren 25.000 Menschen in Berlin auf der Straße, um gegen die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft zu protestieren. Das hat es noch nie gegeben. Warum ist das Thema eigentlich so populär?

Frieder Thomas: Wir haben schon vor vielen Jahren vor einer Entwicklung weg von der bäuerlichen Landwirtschaft hin zur Agrarindustrie gewarnt. Nun ist das Höfesterben längst Realität. Auf der anderen Seite sind einzelne Betriebe stark gewachsen, in den Ställen drängen sich 40.000 Masthähnchen oder mehrere Tausend Schweine. Deutschland ist durch seine zunehmend industrialisierte Tierhaltung vom Netto-Importeur zum Netto-Exporteur von Schweinefleisch geworden. Eine solche Rationalisierung akzeptieren die Menschen vielleicht bei Waren wie Gummistiefeln oder Bratpfannen - aber nicht bei Nahrungsmitteln, nicht im Umgang mit Natur und Tieren. Landwirtschaft ist mehr als einfach nur ein Wirtschaftszweig unter vielen.

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Dr. Frieder Thomas ist Geschäftsführer des AgrarBündnisses

Welche Rolle spielen die Medien?

Zeitschriften wie "Landlust", "Landliebe" und wie sie alle heißen haben eine ungeheure Auflage. Es gibt offenbar eine Sehnsucht nach dem Leben auf dem Lande, so wie es früher war, nach Regionalität und Vielfalt. Es gibt ein Bedürfnis, wieder bessere Lebensmittel zu essen. Dazu passt, dass das Medieninteresse an unserer Arbeit stetig wächst. Wir stellen seit zwanzig Jahren auf der Grünen Woche unseren "Kritischen Agrarbericht" vor, eine Zusammenfassung der kritischen agrarpolitischen Diskussion. Die Anzahl der anwesenden Journalisten, auch von der freien Tagespresse, steigt kontinuierlich, auch in diesem Jahr. Und das, obwohl es keinen Antibiotika- oder Dioxin-Skandal gab. Landwirtschaft ist ein Thema geworden.

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"Eine solche Rationalisierung akzeptieren die Menschen nicht": Das AgrarBündnis will das Höfesterben stoppen und die bäuerliche Landwirtschaft stärken

Zum AgrarBündnis gehören auch Bio-Erzeugerverbände. Aber ist der Öko-Bauer in jedem Fall der bessere Bauer?

Hierauf in einem Bündnis mit sehr unterschiedlichen Verbänden eine pointierte Antwort zu geben, ist natürlich eine Herausforderung. Unsere Gemeinsamkeit ist bäuerliches Denken. Da tritt der Unterschied zwischen öko und konventionell hinter dem allgemeinen Trend zu Wachstum und Rationalisierung zurück. Es gibt im Schwarzwald konventionell wirtschaftende Bauern, die ihre Kühe auf Grünland halten. Damit sind sie viel weniger Gegner unserer Bewegung als zum Beispiel die Fleischfabriken Nord- und Ostdeutschlands.

Was heißt das konkret?

Der einzelne Bio-Bauer ist vielleicht nicht immer der bessere Bauer. Aber der ökologische Landbau zeigt den Weg zu einer besseren Landwirtschaft.

Der "Kritische Agrarbericht" ist das wichtigste Instrument Ihres Bündnisses. Liest Frau Aigner ihn?

Zumindest hat ihr Ministerium ihn abonniert. Das Abo geht aber noch auf ihre Vor-Vorgängerin, Frau Künast, zurück. Daher nehmen wir sicherheitshalber immer wieder die Gelegenheit wahr, dem jeweiligen Amtsinhaber öffentlichkeitswirksam ein Exemplar zu überreichen.

Ob sie ihn liest oder nicht: Viel davon findet sich nicht wieder in ihren Positionen. EU-Landwirtschaftskommissar Cioloş fordert von den Bauern sieben Prozent "ökologische Vorrangflächen". Frau Aigner behauptet, wir könnten uns das nicht leisten.

Wir müssen uns das leisten. Die Bundesregierung verfolgt mit ihrer Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt das Ziel, die Biodiversität zu erhalten. Die Evaluierungsberichte zum aktuellen Stand der Artenvielfalt sind katastrophal. Das Sieben-Prozent-Ziel wäre ein geeignetes Instrument, um gegenzusteuern.

Und was ist mit dem Welthunger?

Und was ist mit dem Kampf gegen den Welthunger?

Dass die deutsche oder europäische Landwirtschaft die Welt ernähren muss, ist ein Märchen. Im Gegenteil: Wir machen mit unseren Exporten die Weltlandwirtschaft kaputt. Unsere Produktion ist inzwischen so billig, dass wir Milch in Kamerun oder Weizen in Indien billiger anbieten können als einheimische Bauern. Und das ohne Exportsubventionen, die inzwischen fast vollständig abgeschafft wurden. In Indien sind 66 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft abhängig. Wir entziehen den Menschen dort ihre Lebensgrundlage.

2013 ist das Jahr der Agrarreform. Für sieben Jahre wird festgelegt, wer wieviel Geld bekommt. Kommissar Cioloş will, dass an die Subventionen weitere ökologische Vorgaben geknüpft werden. Wie stehen nach Ihrer Einschätzung die Chancen, dass er mit den Plänen für das "Greening" durchkommt?

Cioloş' Vorschläge waren für uns schon Kompromissvorschläge. Und es wird am Ende noch viel weniger werden. Denn wir haben die Erfahrung gemacht, dass in solchen Verhandlungen in den letzten Nächten noch viel verwässert wird, etwa durch den Ministerrat. Das ist allerdings in diesem Jahr nicht möglich, weil das EU-Parlament erstmals in den Verhandlungen mit am Tisch sitzt. Darauf ruhen im Moment unsere Hoffnungen. Das voraussichtliche Ergebnis kann man unterschiedlich bewerten. Einem engagierten Umweltschützer oder Biobauern wird es als empfindliche Niederlage erscheinen. Als jemand, der sich in der Agrarpolitik auskennt, sage ich: Immerhin sind bestimmte Denkweisen aufgenommen worden. Wenn wir Glück haben, geht es in dieser Richtung in sieben Jahren weiter.

Immer öfter wird öffentlich am Sinn der EU-Agrarsubventionen gezweifelt.

Ohne diese Mittel könnten die meisten europäischen Landwirte nicht überleben, bei den aktuellen Weltmarktpreisen für Nahrungsmittel. Also: Verteilt werden muss etwas.

Das fordert auch der Bauernverband.

Ja, aber wir fordern darüber hinaus eine gerechtere Verteilung. Der Bauernverband argumentiert heuchlerisch, wenn er den armen, kleinen Bauern vorschiebt als Grund für die Zahlungen. Klar ist: Wenn wir kleinbäuerliche Strukturen und Landwirtschaft in den Dörfern haben wollen, dann brauchen wir die Gelder. Aber dann sollen doch bitte auch diese Bauern das Geld bekommen und nicht die Großbauern. Die Form der Verteilung, vor allem bei den Direktzahlungen der ersten Säule, muss sehr viel gerechter werden. Knapp zwei Prozent der Betriebe in Europa erhalten rund 30 Prozent der Direktzahlungen. Natürlich haben große Betriebe auch mehr Beschäftigte. Aber nicht so viele, dass diese Verteilung gerechtfertigt wäre. In Deutschland beschäftigen beispielsweise die Betriebe ab 200 Hektar im Durchschnitt rund 1,5 Arbeitskräfte pro 100 Hektar. Bei Höfen mit 20 bis 50 Hektar sind es fast fünf. Die Direktzahlungen beziehen sich aber ausschließlich auf die Fläche. In Bezug auf die geleistete Arbeit bekommen daher die Großbetriebe doppelt bis dreifach so viel Unterstützung wie ihre kleinen Mitbewerber. Das ist eine ungeheure Wettbewerbsverzerrung. Deshalb gibt es in Cioloş' Plänen nicht nur das "Greening", sondern auch erste zaghafte Ansätze einer etwas gerechteren Verteilung.

Was ist denn Ihr Ideal einer gerechten Verteilung?

Wir wollen, dass die Gelder der ersten Säule "begrünt" werden. Und dass auch eine artgerechte Tierhaltung eine Bedingung für die Zahlungen wird. Denn nur so können wir echte Anreize schaffen, umweltverträglich und tierfreundlich zu wirtschaften. Die Agrarumweltmaßnahmen der zweiten Säule sind ja heute freiwillig. Wenn der Bauer nichts machen will, dann macht er eben nichts. So kommen wir nicht weiter. Und natürlich muss die ungeheure Wettbewerbsverzerrung innerhalb der Landwirtschaft aufhören.

Bürger gehen auf die Straße, Organisationen und Verbände schmieden Bündnisse ... Ist die politische Diskussion über Agrarpolitik demokratischer geworden?

Ja. Vor vielleicht 20 Jahren diskutierten die Vertreter der Agrarlobby noch unter sich. Aber etwa im Rahmen des Charta-Prozesses, den Frau Aigner im vergangenen Jahr angestoßen hat, sitzen wir mit dem Tierschutzbund, den Ökoverbänden, der Nahrungsmittelindustrie, dem Bauernverband an einem Tisch. Und alle dürfen nur jeweils einen Vertreter schicken. Auch die Bürger werden stärker beteiligt. EU-Kommissar Cioloş hat, bevor er im Oktober 2010 seine Vorschläge für die Agrarreform gemacht hat, einen öffentlichen, internetbasierten Diskussionsprozess angestoßen. Zwar kam vom Bauernverband sofort die Kritik, da würden Leute mitdiskutieren, die keine Ahnung haben. Aber so kann man nicht argumentieren. Über das Thema Landwirtschaft muss die gesamte Gesellschaft diskutieren.

Die Homepage des AgrarBündnisses

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