Klimawandel "Erfreulich wird es nicht"

Mehr Hitzetage, Stürme, Regenfälle: Wie gut ist Deutschland auf die Folgen der Erderwärmung vorbereitet? Und wie können wir den Klimawandel noch abmildern? Ein Interview mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer, Mitherausgeber des Buches "Zwei Grad mehr in Deutschland"

GEO.de: Herr Welzer, worauf müssen wir uns einstellen in Deutschland?

Harald Welzer: Gleich vorab: Wir sprechen hier nicht über ein Katastrophenszenario. Kein Vergleich zum Afrika südlich der Sahara oder Südspanien, wo man enorme Probleme mit Dürren bekommen wird. Bei uns werden die Folgen moderat sein und regional unterschiedlich. Es wird mehr feuchte Tage im Westen geben und mehr trockene Perioden in Brandenburg. Im Wald wird es einen stärkeren Schädlingsbefall geben. Es wird mehr Hitzetage geben, mit Temperaturen über 30 und Nachttemperaturen über 20 Grad Celsius.

Es wird also immerhin mehr Hitzetote geben ...

Voraussichtlich, ja. Aber prinzipiell sind wir sehr gut vorbereitet auf die Klimaveränderungen und ihre Folgen. Etwa, weil wir einen funktionierenden Katastrophenschutz haben. Selbst ein sogenanntes Jahrhunderthochwasser stellt uns ja nicht wirklich vor grundlegende Probleme mit vielen Toten, irreparablen Zerstörungen und so weiter. Extreme Regenfälle oder Tornados sind für uns zwar neu - aber ihre Folgen sind für uns aller Voraussicht nach zu bewältigen. In Bangladesch oder anderen Regionen der Welt sieht das ganz anders aus.

In der globalen Perspektive gehören zu den Folgen des Klimawandels auch Wanderungsbewegungen und soziale Konflikte. In Afrika ist jetzt schon zu beobachten, wie der Klimawandel Krisen verschärft. Sie haben das in Ihrem Buch "Klimakriege" beschrieben ...

Wir müssen darauf gefasst sein, dass die Folgen der globalen Klimaerwärmung alle bestehenden Konfliktherde, aber auch soziale Ungleichheiten, tendenziell verschärfen. Was zum Beispiel im Sudan passiert, das ist ein Blick in die Zukunft. Wir werden auch in anderen Regionen verstärkte Migration sehen, weil die Lebensbedingungen sich noch weiter verschlechtern werden. Was man schon seit vielen Jahren im Mittelmeerraum beobachten kann, etwa die Versuche, von Nordafrika nach Lampedusa zu gelangen, das sind die Vorboten davon. Der Druck auf unsere Grenzen wird zunehmen.

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Professor Harald Welzer ist Soziologe und Sozialpsychologe. Er lehrt an der Universität Flensburg Transformationsdesign und leitet die Stiftung Futurzwei

Was erwarten Sie, wenn Sie über 2040 hinausblicken?

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung warnt mit Blick auf das Ende des Jahrhunderts vor "Risiken außerhalb der Erfahrung unserer Zivilisation". Dem kann ich nur zustimmen. Jenseits bestimmter Temperaturanstiege werden klimatische Prozesse ablaufen und Wechselwirkungen entstehen, über die wir nur spekulieren können. Etwa, weil der Golfstrom umgeleitet wird. Oder weil durch den Albedo-Effekt die Erderwärmung beschleunigt wird, oder weil extrem klimaschädliches Methan aus auftauenden Permafrostböden entweicht. Erfreulich wird es jedenfalls nicht werden.

Die Deutschen sind Weltmeister im Mülltrennen, die Energiewende ist auf einem ganz guten Weg ... Warum sind Sie eigentlich so pessimistisch?

Ich bin doch gar nicht pessimistisch! Noch einmal: Es gibt keinen Grund für apokalyptische Rhetorik. Unsere Handlungsbedingungen werden sich innerhalb der nächsten 25 Jahre infolge des Klimawandels nicht gravierend verändern. Positiv formuliert: Es gibt noch Möglichkeiten, unsere Handlungsspielräume zu nutzen und unsere Praktiken so umzugestalten, dass man vielleicht doch einen Pfad in eine zukunftsfähigere Gesellschaft einschlagen kann.

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H. Welzer, F.-W. Gerstengarbe (Hg.) Zwei Grad mehr in Deutschland Fischer Verlag 2013 Im selben Verlag erschienen: Selbst denken

Was meinen Sie mit "zukunftsfähig"?

Klimawandel ist aus meiner Sicht nur ein Symptom im Rahmen eines ganzen Syndroms von Zukunftsproblemen, mit denen wir zu tun haben werden: Verlust von Biodiversität, Überfischung, Vermüllung von Land und Meer, Landverlust, und so weiter. Alle diese bislang ungelösten Probleme haben ihre Ursache in einem extensiven Material- und Energieverbrauch. Und der ist gekoppelt an unseren Lebensstil und unser Konsumverhalten.

Dabei setzen Wirtschaftswissenschaftler, Regierungen und selbst die Grünen immer noch auf Wachstum ...

Das ist der neuralgische Punkt. Wir haben einen historisch unvergleichlich hohen zivilisatorischen Standard, mit immateriellen Errungenschaften wie Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Bildung und materiellen wie Gesundheits- und Sozialversorgung. All das verdanken wir der kapitalistischen Wachstumswirtschaft. Aber Wachstum ist nicht unendlich möglich. Obwohl das immer deutlicher wird, gibt es praktisch keine tragfähigen Konzepte für eine moderne Wirtschaft nach dem Wachstum. Die Frage ist: Wie können wir unseren Standard halten mit einem einem Fünftel oder einem Zehntel des heutigen Material- und Energieverbrauchs?

Sie haben eine Stiftung gegründet, Futurzwei ...

Ja, denn wir brauchen eine Vorstellung von einer wünschbaren Zukunft, um uns überhaupt auf den Weg machen zu können. Wenn man wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Wachstumsraten starrt oder sich im multiplen Dauerkrisenzustand befindet, dann ist die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart fixiert. Das sehen wir jetzt an der Euro-Krise. Wenn man dagegen fragt "Wie wollen wir in 20 oder 30 Jahren leben?", dann sind unsere Entscheidungen zum Beispiel nicht mehr vom Ausgang der Wahl in Italien abhängig. Stattdessen orientieren wir uns an Begriffen wie "Enkeltauglichkeit", "Generationengerechtigkeit", "Erhalt natürlicher Ressourcen". In der Stiftung entwickeln wir keine Theorien oder wissenschaftlichen Modelle, sondern suchen Projekte, die schon jetzt versuchen, aus dem Normalbusiness rauszukommen. Wir erzählen zum Beispiel Geschichten über Unternehmen, die nicht wachsen wollen.

Ohne erhobenen Zeigefinger?

Wir arbeiten überhaupt nicht mit moralischen Begründungen. So etwas führt eher dazu, dass Leute genervt sind. Wir wollen zeigen, dass eine autofreie Stadt schon ein Wert an sich ist. Dazu brauchen wir nicht das negative Argument des Klimawandels.

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