Namibia Leben spendender Nebel

Nebel verdeckt die Sicht und macht schlechte Laune - aber nicht so in Namibia. Die wenigen Wüstenbewohner hoffen, dass er bleibt. Denn er ist lebenswichtig
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Für Bewohner der Namib eine echte Bank: An 40 Tagen im Jahr hängt der Nebel zwischen den Dünen

Schwierig, hier von Anfang an klar zu sehen. Das liegt an diesem dicksuppigen Nebel, der sich oft morgens wie eine klamme Decke über die Dünentäler der Namib-Wüste legt. Über Städte wie Swakopmund, die Straßen und Bewohner. Über Schüler wie Mario Dos Ramos, für den der Nebel bislang genauso normal gewesen war wie das Meer und die Wellen. „Hatte ich nie drüber nachgedacht“, sagt er. „War ja immer da.“ Aber seit sich weltweit das Klima wandelt, ist nichts mehr selbstverständlich. Nicht einmal das Selbstverständliche.

Gut möglich, dass eines Tages der Nebel hier in der Wüste für immer verschwunden sein wird. Aber warum? Wohin soll er sich zurückziehen? Und vor allem: Wen würde das stören? Am besten lassen sich die Fragen beantworten, wenn man über schnurgerade Straßen tief in die Unwirtlichkeit der Namib hineinfährt. Immer weiter geradeaus in eine Welt aus Staub. Irgendwann kommen Gebäude in Sicht. Weiße Häuser und ein Wasserturm, dahinter hohe, tiefrote Dünen. Eine Siedlung wie auf dem Mars: Das ist die Forschungsstation Gobabeb, „Platz des Feigenbaums“, gelegen an einem der trockensten Orte eines trockenen Landes. 27 Millimeter Niederschlag pro Jahr und Quadratmeter fallen hier, ein Schnapsglas voll Wasser.

Der Benguelastrom als Nebelmaschine

Bereits seit 1962 erforschen Wissenschaftler in der Namib Desert Research and Training Station Gobabeb das bisschen Leben in der ältesten Wüste der Erde. Was treibt es an? Fest steht: Der wohl wichtigste Treibstofflieferant befindet sich 30 Kilometer entfernt – der Benguelastrom im Atlantik. Wie ein breites, kaltes Band zieht dieser vom Kap der Guten Hoffnung nordwärts Richtung Äquator und verhüllt die Küste an 125 Tagen pro Jahr mit Nebel. Wie ein Christo der Natur.

Für fünfmal mehr Feuchtigkeit als Regen sorgen die Schwaden, die selbst 60 Kilometer im Inland noch an rund 40 Tagen pro Jahr den Durst von Pflanzen und Tieren stillen. Danach kriegt ihn die Sonne klein. Doch unermüdlich kommt er wieder, ein Kreislauf aus Verschwinden und Comeback.

Bloß: Wie lange noch? Denn verschiedene Modelle zum Klimawandel prognostizieren, dass die Erderwärmung auch den Benguelastrom beeinflussen wird. Der Nebel, so fürchtet der Gobabeb-Forscher Theo Wassenaar, könnte abnehmen und nicht mehr so weit ins Land hineintreiben.

Oder ganz ausbleiben. Der Albtraum für ein „völlig nebelgetriebenes System“, wie es Wassenaar nennt. Allein unter den hiesigen Pflanzen hängen über 90 Prozent vom Benguelastrom ab. Auch zahlreiche Amphibien und Insekten, von denen einige den morgendlichen Schwaden Leben und Namen gleichermaßen verdanken. Wie der akrobatische Käfer, der mit hochgestrecktem Hinterteil Wassertropfen aus der Luft fischt. Doch was wird aus dem „Nebeltrinker“ ohne Nebel? Bislang gebe es keine Anzeichen, dass die düstere Vision bald Wirklichkeit werden könnte, sagt Wassenaar. Aber in Gobabeb startet jetzt ein Projekt, um ständig die Menge und Verbreitung des Nebels zu messen, dessen Verschwinden auch Auswirkungen auf das Leben der wenigen Menschen hätte, die der Wüste trotzen.

Einheimische wie die 300 Topnaar, die in Dörfern entlang des Flusses Kuiseb leben. Selbst in dürrsten Zeiten winden sich dessen Ufer als grüne Streifen durchs Land. Zwei Bänder aus Bäumen und Büschen, die den Ziegen der Topnaar als Schutz vor der Hitze dienen; Schatten ist der wahre Bodenschatz der Namib. Und kaum denkbar ohne Nebel, der die Pflanzen auch dann mit Flüssigkeit versorgt, wenn das Wasser im Fluss für Monate ausbleibt.

Folgen des Klimawandels

Weniger Nebel - das allein könnte in der Namib einen tragischen Kreislauf in Gang setzen, sagt die von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mitgetragene und am Tag der Artenvielfalt vorgestellte Studie „Indigenous Peoples and Climate Change in Africa“ voraus. Auch beschreibt sie weitere mögliche Folgen des Klimawandels für die Topnaar: Auf Dürren könnten unverhältnismäßig kräftige Regenfälle und Überschwemmungen folgen, Bäume und Vieh würden davongespült, die !nara-Melonen nicht mehr gedeihen, von denen sich die Topnaar ernähren. Obendrein würden durch fehlende Pflanzen die Dünen ihren Halt verlieren und ins Flussbett rutschen. Die Wüste würde zur Ödnis.

Und so würde es am Ende fast jeden betreffen, wenn der Nebel aus der Wüste verschwände. Die Tiere, die Topnaar, und auch den 17-jährigen Mario Dos Ramos aus Swakopmund. Eine Woche lang hat er sich zusammen mit 30 anderen Schülern in Gobabeb mit den Folgen des Klimawandels beschäftigt und die Ergebnisse am Tag der Artenvielfalt vorgestellt. Mit der Baseballkappe auf dem Kopf sitzt er jetzt im Sand oberhalb der Forschungsstation und spricht über den Nebel wie über einen alten, seit Jahren unterschätzten Bekannten. „Eine Wüste ohne Nebel?“, sagt er schließlich und blickt sich um: „Geht gar nicht!“

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