Geo-Engineering Wie dieser Harvard-Professor unseren Planeten kühlen will

Die Erde erwärmt sich, allen Klimakonferenzen zum Trotz. David Keith will den Planeten daher künstlich kühlen – und Schwefel in die Atmosphäre pumpen. Der Harvard-Professor sieht sich selbst als Klimaschützer. Kritiker werfen ihm vor, er bediene die Interessen der Kohle- und Öllobby. Ein Interview

GEO: Herr Keith, Sie plädieren dafür, die Erde künstlich zu kühlen, um der globalen Erwärmung entgegenzuwirken. Dazu wollen Sie von Flugzeugen aus Schwefelgase in die oberen Schichten der Atmosphäre einbringen. Wenn Sie einen roten Knopf hätten, um das Vorhaben zu starten: Würden Sie ihn drücken?

DAVID KEITH: Nein, nicht jetzt und nicht in der nahen Zukunft. Bevor irgendein Land so etwas startet, braucht die Welt ein ernsthaftes Forschungsprogramm, bei dem wir ermitteln, was die Risiken und Konsequenzen wären.

Wenn nicht einmal Sie die Konsequenzen abschätzen können – warum befürworten Sie dann dieses „Geo-Engineering“?

Ich trete für Forschung ein, nicht für überstürztes Handeln. Ein moderates Kühlprogramm könnte erhebliche Vorteile für uns Menschen bringen, vor allem für die Ärmsten, die einem ungebremsten Klimawandel und den Veränderungen in der Natur, die er mit sich brächte, schutzlos ausgeliefert wären.

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David Keith, 52, ist Professor für Angewandte Physik und Public Policy an der Harvard-Universität. Neben seiner Forschungsarbeit zum Thema Geo-Engineering verbringt er ein Drittel seiner Zeit im kanadischen Calgary, wo er bei einem Start-up ein anderes Verfahren zum Klimaschutz vorantreibt: CO2 aus der Luft herauszuwaschen

Aber Ihre Verschwefelung der Atmosphäre würde die Effekte eines riesigen Vulkanausbruchs nachahmen! Wie wollen Sie da je die Risiken überblicken?

Der Grad an Unsicherheit ist groß, aber nicht überwältigend groß. Wir müssten erkunden, wie sich Schwefelpartikel in der Stratosphäre verhalten, was sie mit der Ozonschicht tun, wie sie die Temperaturen beeinflussen. Und wir müssten untersuchen, ob der zusätzliche Schwefel zu Gesundheitsproblemen auf der Erdoberfläche führt. Binnen weniger Jahre wüssten wir ganz gut Bescheid.

Es wird Effekte geben, die auch das beste Forschungsprogramm nicht vorhersagen kann.

Wir werden immer Risiken abwägen müssen: das Risiko ungebremster Klimaveränderung durch Treibhausgase gegen das Risiko der Kühlgase. Deshalb ist es wichtig, dass das Programm umkehrbar ist. Man müsste langsam anfangen, die Schwefelmengen stetig steigern und dann 2060 bei einer Million Tonnen pro Jahr ankommen. Das ist immer noch bloß ein Achtel des Schwefels, den der Vulkan Pinatubo 1991 ausgestoßen hat. Und trotzdem würde man mit dieser Menge die Erwärmungsrate bereits halbieren. Bei Problemen könnten wir das Programm schrittweise wieder beenden.

Andere Forscher wollen über dem Meer künstliche Wolken schaffen oder im Weltall Spiegel installieren, die das Sonnenlicht reflektieren. Das klingt weniger riskant.

Das Geo-Engineering mit Schwefel erscheint mir als beste Lösung. Denn so lässt sich ein global gleichmäßiger Effekt erzeugen und die Sonneneinstrahlung um etwa ein Watt pro Quadratmeter reduzieren. Wer Wolken schafft, bekommt Regionen, die um 20 Watt reduziert werden und deutlich abkühlen, und andere mit geringerer Reduktion, die heiß blieben. Wie sollen sich die Menschen da jemals einigen?

Viele Menschen haben Vorbehalte dagegen, die natürliche Erdatmosphäre überhaupt technisch zu manipulieren. Können Sie diese Angst denn verstehen?

Es gibt eine andere Sorge, die ich gut verstehe: nämlich die, dass wir Menschen die Natur nur als Mittel zum Zweck benutzen, wenn wir beispielsweise die Atmosphäre als kostenlose Deponie für unsere Abgase nutzen. Wir müssen der Natur einen viel höheren Eigenwert zusprechen.

Was wissen Sie über Geo-Engineering?

Sie reden vom Eigenwert der Natur. Aber das, was Sie vorhaben, bedeutet doch das Ende der Natur – wenn sogar das Klima von uns kontrolliert wird …

Das klingt ja, als ob ich das alles persönlich machen würde. Ich bin nur ein Wissenschaftler. Und wenn diese Technologie zum Einsatz kommen sollte, dann nur, wenn eine erhebliche Zahl von Regierungen zustimmt. Aber ja, Sie haben recht, es ist ein Paradox: Geo-Engineering kann dazu beitragen, unsere Ökosysteme vor dem Klimawandel zu schützen, aber gleichzeitig macht es die Welt weniger natürlich. Dahinter steckt eine harte Wahrheit: Wirklich unberührte Natur gibt es kaum noch.

Bedeutet Ihnen unberührte Natur etwas?

Sehr viel. Ich war als Jugendlicher mit meinen Eltern, beide Biologen, viel in der Wildnis und habe dabei mitgeholfen, die Auswirkungen des Pestizids DDT auf die Schalen von Vogeleiern zu dokumentieren. Aber wir kommen an der Erkenntnis nicht vorbei: Wir haben die Welt längst verändert, überall. Die Frage lautet jetzt, wie wir mit unserer Verantwortung umgehen und wie wir von der Welt, so wie sie ist, zu der Welt kommen, wie wir sie uns wünschen.

Aus Ihrem Ansatz spricht ein gewaltiger Glaube an Technologie als Lösung.

Ja. Aber meine Pläne werden zugleich von einer tief empfundenen Fürsorge für die Umwelt angetrieben.

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Der Professor und der "Dino": Keith erklärt das Gerät, mit dem Wissenschaftler Anfang der 1980er Jahre die chemischen Prozesse in der hohen Atmosphäre zu studieren begannen

Bezeichnen Sie sich als Umweltschützer?

Das sagen so viele Menschen von sich. Und umgekehrt werden Wissenschaftler wie ich gern als „Anti-Umweltschützer“ bezeichnet, nur weil wir uns weigern, den harten Fragen aus dem Weg zu gehen.

Aber sehen Sie sich als Umweltschützer?

Ja, und wer etwas anderes behauptet, redet Bullshit. Bevor ich an die Harvard-Universität kam, habe ich an der Universität von Calgary in Alberta gearbeitet, im Zentrum der kanadischen Teersandregion. Dort habe ich meinen Job riskiert, weil ich mich gegen den Einfluss der Ölindustrie auf die Universitätspolitik gewehrt habe. Seit 25 Jahren stecke ich Zeit und Geld in die Arbeit von Gruppen, die sich für eine Senkung der CO2-Emissionen einsetzen. Ich unterstütze in Harvard die Divestment-Bewegung, deren Ziel es ist, dass Anleger ihr Geld aus den Geschäften mit fossiler Energie abziehen.

Aber mit dem Geo-Engineering können alle, die kein Interesse an einem niedrigeren CO2-Ausstoß haben, sagen: Wird’s zu warm, sprühen wir eben Schwefel!

Einspruch! Geo-Engineering kann uns nur die Zeit verschaffen, um dringend nötige Maßnahmen überhaupt noch zu ergreifen, bevor uns der Klimawandel um die Ohren fliegt. Wer die Erderwärmung nachhaltig bremsen will, kann nicht allein auf eine CO2-Minderung setzen. Das geht nur mit einer Kombination von entschlossener CO2-Minderung, Geo-Engineering und biologischen und technischen Methoden, die der Atmosphäre Kohlendioxid entziehen.

Wann wollen Sie mit Ihrer Forschung in freier Natur beginnen?

Die Versuche mit einem kleinen Ballon und kleinen Mengen Aerosolen, die ich vor zwei Jahren vorgeschlagen habe, hätten schon längst beginnen sollen.

Ihre Gegner haben das bisher verhindert?

Es ist komplett rückschrittlich, derartige Versuche abzulehnen! Wir planen, ungefähr so viel Schwefel in die Luft auszubringen, wie ein Passagierflugzeug in einer einzigen Minute ausstößt. Der Erkenntnisgewinn aber wäre groß. Ich bin nicht der Ansicht, dass Forscher alles dürfen. Aber wenn Regierungen aus Angst vor dem möglichen Unwohlsein ihrer Wähler unsere Versuche blockieren, dann ist das grundlegend anti-intellektuell. Es wird uns sicher nicht besser gehen, wenn wir weniger wissen.

Aber wenn man mit so einem Feldversuch beginnt, führt rasch eines zum anderen. Dann kommt der nächstgrößere Versuch, und noch einer – eine abschüssige Bahn?

Das wäre nur der Fall, wenn eine Art Geo-Engineering-Industrie entsteht, die aus kommerziellen Interessen die Sache immer weiter vorantreibt und dabei Regierungen überrollt. Ich trete daher dafür ein, privatwirtschaftliche Akteure gar nicht erst zuzulassen und solche Projekte nur durch staatliche Stellen zu betreiben.

Sehen Sie eine Chance für Freilandversuche?

In den USA kommt gerade wieder Bewegung in die Sache. Ich glaube, wir können eher früher als später doch noch starten.

Was macht Sie optimistisch?

Bisher hatten Politiker Angst davor, dass die Umweltbewegung aufbegehren könnte, wenn sie unsere Praxisversuche erlauben. Deshalb war es wichtig, dass sich Anfang 2015 eine der führenden Umweltgruppen der USA, das Natural Resources Defense Council, dafür ausgesprochen hat, die Risiken von Geo-Engineering zu erforschen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass andere Organisationen nachziehen.

Angenommen, der Kühleffekt funktioniert. Was dann?

Dann müssen die Emissionen weiter sinken: Selbst wenn Geo-Engineering die Erde kühlt, versauert das viele CO2 die Ozeane, was große Probleme verursacht.

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Die Chemie der Atmosphäre ist komplex. Um sie zu verstehen, schicken Wissenschaftler solche Messgeräte an Ballons nach oben

Und wenn Politiker kühlen – und gleichzeitig fröhlich weiter Öl und Kohle verheizen?

Es müsste einen Club von Ländern geben, die Geo-Engineering ernsthaft erkunden und anwenden. Das wären die Entscheider. Reiche wie arme Länder.

Oha, ein Club der selbst ernannten Entscheider! Es geht um das Weltklima – wäre da nicht ein Konsens der UN-Vollversammlung nötig?

Nein, so ein Projekt ist nicht nur dann legitim, wenn alle Länder der Welt zustimmen. Eine gut ausgewählte Koalition von Geo-Engineering-Ländern könnte sich verantwortungsvoller verhalten als die UN oder die Supermächte. Persönlich vertraue ich den Deutschen sehr. Deutschland, Indonesien, die Philippinen, Australien – eine solche Koalition der Mittelmächte hätte eine hohe Glaubwürdigkeit.

Und wenn Indien es kühler, Russland aber wärmer haben will?

Da entsteht großes Potenzial für internationale Konflikte. Denken Sie an kleine Inselstaaten, die durch den Klimawandel in ihrer Existenz bedroht sind. Geo-Engineering kostet zwar einige Milliarden Dollar, gemeinsam aber können diese Länder ein Kühlprogramm in Gang bringen. Die politische Regulierung des Geo-Engineering ist eindeutig schwieriger als die Technologie.

Oder unmöglich?

Es gibt ja Beispiele gelungener Regulierung, bei Zentralbanken etwa. Geo-Engineering wird uns zwingen, neuartige Formen der internationalen Zusammenarbeit zu entwickeln.

Was würde Sie zu einem Gegner des Geo-Engineering machen?

Wenn wir erkennen, dass wir die positive Wirkung über- und die Risiken unterschätzt haben.

Haben Sie Sorge, dass man Sie und Ihre Kollegen persönlich verantwortlich für schlechtes Wetter und Klimaextreme machen wird?

Ich mache mir, ehrlich gesagt, mehr Sorgen über die Welt von heute. In der die Erderwärmung beginnt, jene Ökosysteme zu zerstören, die ich liebe, und dabei die ärmsten und verletzlichsten Menschen auf der Erde gefährdet. Die Schuld an Wetterextremen der Zukunft sollte man eher bei der Öl- und Kohleindustrie suchen, die planvoll die Risiken des Klimawandels kleinredet und CO2-Reduktionen blockiert.

Interviewer Christian Schwägerl ist mit der Problematik des Geo-Engineering sehr vertraut. In dem Buch "11 drohende Kriege" (mit Andreas Rinke, erschienen 2012) hat er das Szenario eines "Kühlkonflikts" entworfen: Indien und China gemeinsam gegen den Westen.

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