Tunesien Das Problem an der Wurzel

Wie ein simples Bewässerungssystem ein tunesisches Oasendorf retten soll - und nicht nur Datteln gedeihen lässt, sondern auch Zitronen und Gerste

Tunesien Wer das Oasendorf Hazoua beschreibt, dem fällt schnell eine Metapher ein: Die Ansiedlung, 4000 Einwohner, ein paar Hundert Häuser, Dattelplantagen, ist wie eine Insel. Eine grüne Insel, umgeben von einem Meer aus Sand. Sogar bis ins Dorf dringt der Sand hier und da vor, sammelt sich in Verwehungen, verwischt Unterschiede. Rieselt natürlich auch über die Straßen rundherum, bedeckt Pisten und Pfade. Und reicht bis an den Horizont, in welche Richtung man auch blickt, hier im Südwesten Tunesiens, kurz vor der Grenze zu Algerien.

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Hitzewellen? Noch mehr Dürre? In der kleinen Oase Hazoua in Tunesien sind die Menschen gut vorbereitet

Ein paar Kilometer von Hazoua entfernt hat der Regisseur George Lucas einst Teile des Kinoklassikers „Star Wars“ abgedreht - genau jene Szenen, in denen Sand das maßgebliche Landschaftsmerkmal sein sollte. Um diese sandige Ödnis ein Stück weit zu begrünen und etwa Datteln anzubauen, haben Pioniere in den 1970er Jahren die Insel Hazoua gegründet, Brunnen gebohrt und ein Bewässerungssystem angelegt, das seitdem alle paar Tage in Betrieb gehen muss.

Wer für die Umgebung von Hazoua schon das Meer als Bild bemüht, der kann auch gleich die zweite Auffälligkeit dieser Region miteinbeziehen: das Salz. Aus dem nahe gelegenen Salzsee Chott el Djerid stammend, gelangen unter anderem Kalium- und Kochsalz bis in die wasserführenden Schichten in der Nähe der Oase.

Der große grüne Irrtum
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Der Kreislauf der Bodenversalzung

Dass in Hazoua das Wasser folglich gut zwei Prozent Salz enthält, stellt das Leben vor eine besondere Herausforderung. Denn beim Bewässern wird der Boden kontaminiert. Und das führt zu einem irrwitzigen Kreislauf: Zum Ausspülen des Salzes benutzen die Bauern seit Jahrzehnten mangels Alternative ebenfalls ausgiebig Wasser. Auf diese Weise verschwenden sie es und lassen den Grundwasserspiegel immer weiter sinken. Und: Der Boden versalzt auf diese Weise nach und nach immer mehr. Nun droht obendrein eine Eskalation. Im Zuge des Klimawandels werden die Durchschnittstemperaturen - so die Prognosen - in den Oasen Tunesiens bis zum Jahr 2030 um zwei Grad Celsius ansteigen, die ohnehin kargen Niederschläge um fast ein Zehntel abnehmen. Zudem sollen Hitzewellen mit Temperaturen von mehr als 50 Grad Celsius die Siedlungen in der Wüste immer wieder ausdörren.

Doch die Oase Hazoua wappnet sich. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) haben einige der Bauern bereits 2003 ein Pilotprojekt auf den Weg gebracht, bei dem ein simples, aber revolutionäres Bewässerungssystem zum Einsatz kommt - vornehmlich bei den Dattelpalmen, mit deren Früchten das Haupteinkommen der Oasenbewohner erzielt wird. Während die Mehrheit der Dattelfarmer noch auf die herkömmliche Weise vorgeht (mit großflächiger Überschwemmung), bringen rund ein Drittel ihrer Kollegen in Hazoua das Wasser inzwischen schon mit eigens angebrachten Schläuchen direkt zu dem Wurzelstock eines jeden Palmenstamms. Das stoppt zwar nicht vollends die Versalzung, reduziert aber den Wasserbedarf um gut 30 Prozent.

Darüber hinaus wird das Sickerwasser mithilfe eines Drainagesystems aufgefangen und wieder nutzbar gemacht. Gleichzeitig bauen die Landwirte ihre Datteln nach ökologischen Kriterien an, exportieren sie unter anderem im Direktvertrieb nach Deutschland. Und sie haben Abschied von der Monokultur der honigsüß schmeckenden Früchte genommen. Neuerdings gedeihen im Schatten der Palmen auch Zitronen, Trauben und Granatäpfel, Paprika, Tomaten, Fenchel und Kartoffeln sowie Salate und Kräuter.

Mit dieser Vielfalt bereichern sie die Nahrungspalette aller Oasenbewohner. Und weil die Bauern nun auch die salztolerante Gerste und Luzerne anbauen, können sie zudem das Vieh besser mit Futter versorgen. Das alles hat zudem einen Nebeneffekt, der angesichts der Klimaveränderung zunehmend an Bedeutung gewinnt: Die kleine Oase Hazoua wird mit ihrer nunmehr höchst abwechslungsreichen Vegetation zu einem Refugium für Vögel, Reptilien oder Amphibien, die andernorts in Monokultur-Oasen weit weniger Nischen zum Überleben vorfinden. So könnten die Bemühungen hier mitten im tunesischen Sandmeer vor allem eines absichern: dass das künstlich angelegte Eiland Hazoua eine artenreiche, grüne Insel in Zeiten des Wandels bleibt.

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