Bodenschutz "Wir müssen die Augen öffnen"

Auf der 2. Global Soil Week in Berlin traf sich diese Woche die internationale Avantgarde der Bodenschützer. Ein Interview mit dem Gastgeber, Prof. Klaus Töpfer, Direktor des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam

GEO.de: Herr Prof. Töpfer, Sie haben am vergangenen Montag mitten in Berlin ein Stück Gehweg aufgebrochen und Gemüse gepflanzt. Warum?

Klaus Töpfer: Wir müssen die Augen öffnen für Dinge, die wir als alltägliche Realität empfinden. Wir haben allein in Deutschland pro Tag etwa einen Flächenverbrauch von 70 Hektar, besonders in den Städten. Das entspricht rund 70 Fußballfeldern. Den Menschen muss klar werden: Mit jeder Maßnahme im Straßen- und Siedlungsbau verschwindet Boden. Und wo Boden verschwindet, wird die Grundlage unserer Zukunft schmaler. Und der zweite Punkt: Wenn wir uns über Böden unterhalten, darf nicht der Eindruck entstehen, das sei nur ein Problem der Entwicklungsländer.

Findet das Thema Boden zu wenig Beachtung?

Böden sind die am meisten übersehene natürliche Ressource. Wir diskutieren auf politischer und gesellschaftlicher Ebene zwar intensiv über den Schutz des Klimas, des Wassers und der Artenvielfalt. Aber wir vergessen immer wieder, dass all dies ohne gesunde Böden nicht zu leisten ist. Darum wollen wir auf der Global Soil Week einen Weckruf an eine Welt senden, auf der bald neun Milliarden Menschen leben. Und zeigen, wie wir mit Böden umgehen müssen, damit wir auch bei einer abnehmenden Verfügbarkeit von Böden ausreichend Nahrungsmittel erzeugen können. Wie wir ihre Speicherfähigkeit für Kohlenstoff und Wasser sicherstellen können und andere Funktionen mehr.

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Flächenentsiegelung: Prof. Klaus Töpfer (l.) hebt am Potsdamer Platz gemeinsam mit Volkert Engelsman und Vandana Shiva von der Kampagne "Rettet unsere Böden" Gehwegplatten aus und pflanzt einen symbolischen Grünkohl

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Jedes Jahr verschwinden weltweit 24 Milliarden Tonnen fruchbarer Boden. Schuld ist unter anderem der Klimawandel

Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass wir weltweit jedes Jahr 24 Milliarden Tonnen fruchtbaren Boden verlieren ...

Eine der Hauptursachen ist Erosion - verstärkt durch den Klimawandel, der uns immer stärkere, teils katastrophale Niederschläge bringt. Aus der Weltraumperspektive ist gut zu sehen, etwa an Flussmündungen in Afrika oder China, dass große Mengen Boden in die Ozeane geschwemmt werden. In den entwickelten Ländern ist das Problem, dass im Zuge von Flurbereinigungen stabilisierende Elemente wie Buschgruppen oder Bäume aus der Feldflur entfernt wurden, um sie maschinengerechter zu machen. Auch durch Überweidung werden Erosionsprozesse massiv verstärkt. Ein weiteres Problem ist Kontamination mit Chemikalien oder Mineralien, etwa durch Versalzung - eine der weitreichenden Konsequenzen künstlicher Bewässerung.

Ist der Boden denn unwiederbringlich verloren?

Selbst wenn man sehr optimistisch ist, dauert es Hunderte von Jahren, wenn nicht ein Jahrtausend, bevor wieder ein, zwei Zentimeter Boden natürlich gebildet werden.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

Wir sind sicherlich nicht das Problemland Nummer eins. Aber genauso wenig dürfen wir uns zurücklehnen und glauben, bei uns sei alles in Ordnung. Das gilt nicht nur für die Problematik der Versiegelung. Das gilt auch für den landwirtschaftlichen Bereich. Wir wissen, dass wir durch landwirtschaftliche Großstrukturen, Düngemittel und die Kultivierungsverfahren der intensiven Landwirtschaft Probleme erzeugen. Hinzu kommen die negativen Auswirkungen der Erzeugung von Biomasse für die Energiegewinnung.

Im Jahr 2006 legte die Europäische Kommission den Entwurf einer EU-Bodenrahmenrichtlinie vor. Die wird allerdings bis heute von der Bundesregierung blockiert ...

Ein koordinierter und substanzieller Bodenschutz auf EU-Ebene ist außerordentlich wichtig, denn es geht um die Frage, wie wir in Europa auf Dauer einen gesunden und produktiven Boden erhalten können. Wir sollten uns hierzulande und in den zuständigen Gremien der Bundesregierung darüber klar werden, dass Europa nicht nur aus Deutschland besteht. In den südlichen Ländern etwa sehen wir erhebliche klimawandelbedingte Wüstenbildungsprozesse.

Die internationale Umweltpolitik ist das eine. Was kann denn der Konsument zum Erhalt von fruchtbarem Boden beitragen?

Er könnte sehr viel tun - wenn er bessere Informationen hätte. Wir haben bei der ersten Global Soil Week im vergangenen Jahr beim Abendessen eine Bodenintensitätskarte der verschiedenen Gerichte dazugelegt. So, wie wir von virtuellem Wasser sprechen, also Wasser, das im Verlauf der Produktionskette bei der Herstellung eines Produkts verbraucht wird, müssen wir auch über virtuellen Boden sprechen. Wenn wir beispielsweise Kraftfutter für die Tiermast in großen Mengen aus Argentinien einführen, importieren wir auch die Flächen und Böden, die für ihre Erzeugung gebraucht werden. Wir müssen ein Gefühl dafür bekommen, wie bodenintensiv das ist, was wir verbrauchen.

Homepage der Global Soil Week 2013

Homepage der internationalen Kampagne "Rettet unserer Böden"

Homepage des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS)
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